Roundtable-Interview mit Harry Collett und Tom Glynn-Carney aus "House of the Dragon"

Zum Auftakt der dritten Staffel von "House of the Dragon" sprachen wir mit Tom Glynn-Carney und Harry Collett über Aegon Targaryen und Jacaerys Velaryon. Auf dem Papier könnten die beiden Figuren kaum unterschiedlicher sein. Hier der junge König auf der Seite der Grünen, der verzweifelt versucht, seinem Platz in der Welt gerecht zu werden. Dort der pflichtbewusste Erbe der Schwarzen, besonnen, loyal und bereit, die Verantwortung zu übernehmen, die ihm zugedacht wurde. Der eine wirkt rastlos und unberechenbar, der andere kontrolliert und vernünftig. Als Gegner stehen sie auf unterschiedlichen Seiten eines Krieges, der Westeros gespalten hat. Und doch entsteht im Gespräch mit Tom Glynn-Carney und Harry Collett ein überraschend anderes Bild.

Achtung: Die folgenden Abschnitte enthalten Spoiler zur Handlung der ersten Episoden der dritten Staffel von "House of the Dragon".

Foto: Harry Collett und Tom Glynn-Carney bei der Staffel 3-Weltpremiere von "House of the Dragon in London (8. Juni 2026) - Copyright: Mike Marsland/Getty Images for HBO Max UK
Harry Collett und Tom Glynn-Carney bei der Staffel 3-Weltpremiere von "House of the Dragon in London (8. Juni 2026)
© Mike Marsland/Getty Images for HBO Max UK

"You give a kid a crown in this show and they start messing around and doing things that […] they would never dream of doing."

Schon früh im Roundtable kommt die Frage auf, wie gefährlich Macht in jungen Jahren sein kann. Schließlich tragen Figuren wie Aegon oder Jacaerys eine Verantwortung, die weit über ihr eigenes Leben hinausgeht. Harry Collett muss nicht lange überlegen: "They are just kids, aren't they?". Kinder mit zu viel Macht seien wie Kinder mit zu vielen Süßigkeiten, erklärt Collett. Sie würden Dinge tun, deren Konsequenzen sie noch gar nicht vollständig begreifen könnten. Macht, so die unausgesprochene Botschaft, macht nicht automatisch reif. Sie verstärkt lediglich die Eigenschaften, die bereits vorhanden sind. Glynn-Carney knüpft daran an und erklärt, Aegon sei in einer abgeschlossenen Welt aufgewachsen. In einer Art Echokammer, die ihm kaum andere Bezugspunkte geliefert habe. Entscheidungen zu treffen, deren Auswirkungen ein ganzes Königreich betreffen, werde schwierig, wenn man nie gelernt habe, die Welt außerhalb der eigenen Erfahrungen zu betrachten. Damit zeichnet Glynn-Carney ein deutlich komplexeres Bild der Figur, als viele Zuschauer zunächst wahrnehmen.

Foto: Harry Collett bei der Staffel 3-Weltpremiere von "House of the Dragon in London (8. Juni 2026) - Copyright: HBO Max UK
Harry Collett bei der Staffel 3-Weltpremiere von "House of the Dragon in London (8. Juni 2026)
© HBO Max UK

"Desperate in his attempts to feel purposeful."

Überhaupt wirkt Glynn-Carneys Verhältnis zu Aegon erstaunlich empathisch. Nicht entschuldigend, aber verstehend. Besonders deutlich wird das, als er über die Entwicklung Aegons nach den Ereignissen der zweiten Staffel spricht. Für ihn gebe es inzwischen zwei Versionen Aegons, den König "before burning and after burning", sagt er, als wäre es für ihn eine neue Zeitrechnung. Die körperlichen Verletzungen hätten Aegon nicht grundlegend verändert, erklärt er. Vielmehr hätten sie etwas verstärkt, das schon immer vorhanden gewesen sei: Verzweiflung. Aegon versuche seit jeher, sich gebraucht zu fühlen, Bedeutung zu finden und einen Platz in einer Welt zu behaupten, die ihn gleichzeitig auf einen Thron setzt und ihm vermittelt, niemals zu genügen. Nach seiner Verletzung komme zu diesem Bedürfnis eine neue Ebene hinzu: Wut. Das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein und der Wunsch nach Vergeltung. "He never gets a break.", sagt Glynn-Carney fast beiläufig. Es ist ein Satz, der hängen bleibt. Dadurch rückt ein Aspekt der Figur in den Vordergrund, die im politischen Konflikt der Serie oft untergeht.

Foto: Tom Glynn-Carney bei der Staffel 3-Weltpremiere von "House of the Dragon in London (8. Juni 2026) - Copyright: Mike Marsland/Getty Images for HBO Max UK
Tom Glynn-Carney bei der Staffel 3-Weltpremiere von "House of the Dragon in London (8. Juni 2026)
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"The blacks seem way more kind of cohesive as a team."

Eine weitere spannende Erkenntnis des Gesprächs entsteht aus unserer Frage: Gibt es etwas, das Aegon und Jacaerys am jeweils anderen beneiden? Glynn-Carneys Antwort kommt ohne Zögern: Aegon beneide Jacaerys darum, dass seine Mutter ihn liebe. Collett reagiert sofort: "Oh, that's sad.". Mit diesem Satz lenkt Glynn-Carney den Blick auf eine Seite der Figur, die in der öffentlichen Wahrnehmung Aegons häufig übersehen wird. Hinter dem König, der nach Macht greift, wird ein Sohn sichtbar, der nie die Nähe und Sicherheit erfahren hat, nach der er sich sehnt. Glynn-Carney beschreibt die Schwarzen als familiäre Einheit, die trotz aller Konflikte zusammenhalte. Die Grünen hingegen seien geprägt von Individualismus, voneinander getrennten Interessen und dem Gefühl, letztlich auf sich allein gestellt zu sein. Aegon habe diesen Unterschied schon früh wahrgenommen. Und Jacaerys? Hier fällt Collett die Antwort merklich schwerer "What do I want from the Greens?", dann richtet er seinen Blick auf einen anderen Aspekt des Konfliktes und meint, Jacaerys beneide die Grünen um ihre Entschlossenheit. Während die Schwarzen diskutieren, planen und zögern, hätten die Grünen längst gehandelt. Jacaerys empfinde Frustration darüber, dass seine eigene Seite immer wieder in die Defensive gerate, während andere bereit seien, Entscheidungen zu treffen, selbst um einen hohen Preis.

Harry Collett und Tom Glynn-Carney zu der Frage, ob es etwas gibt, was ihre Figur an der jeweils anderen beneidet:

Auf die Frage, was die beiden tun würden, wenn sie im echten Leben einen eigenen Drachen hätten, muss Collett nicht lange überlegen "I'd make money off it." Glynn-Carney hingegen denkt die Frage sofort weiter und sagt, einen Drachen würde er nutzen, um für Weltfrieden zu sorgen. Wie ihre Figuren nähern sich auch die beiden Schauspieler der Frage auf völlig unterschiedliche Weise.

"It was never an agreement to do a carbon copy of the book."

Auch die Frage nach der Zusammenarbeit mit Showrunner Ryan Condal und dem Umgang mit George R. R. Martins Vorlage kommt im Gespräch zur Sprache. Für Glynn-Carney ist klar, dass "House of the Dragon" nie als exakte Verfilmung von "Feuer und Blut" gedacht war. Die Romanvorlage liefere die großen Wegmarken der Geschichte, die Serie füge jedoch eigene Nuancen und zusätzliche Ebenen hinzu. Gleichzeitig betonen beide Schauspieler, dass die Produktion die Vorlage keineswegs hinter sich lasse. Im Gegenteil: Sowohl Collett als auch Glynn-Carney sehen die wichtigsten Entwicklungen der Geschichte weiterhin fest im Buch verankert. Die Herausforderung bestehe vielmehr darin, die Ereignisse für das Fernsehen mit Leben zu füllen. Eine wichtige Rolle spielt dabei Ryan Condal. Collett beschreibt ihn als wandelndes Nachschlagewerk, an das man sich jederzeit mit Fragen wenden könne. Glynn-Carney erinnert sich daran, dass Condal ihm bereits vor Beginn der Dreharbeiten gemeinsam mit dem damaligen Co-Showrunner Miguel Sapochnik die langfristige Entwicklung Aegons erläuterte. Dieses Vertrauen habe ihm früh das Gefühl gegeben, die Figur und ihren Weg besser zu verstehen. Beide Schauspieler betonen, wie eng die Zusammenarbeit mit Autoren, Regisseuren und Showrunnern sei und wie sehr ihnen diese Gespräche helfen, ihre Figuren durch die komplexen Ereignisse der Serie zu begleiten.

"I actually get to go to battle."

Dann fällt das Gespräch auf die Schlacht in der Gurgel, die gleich zu Beginn der dritten Staffel eine zentrale Rolle spielt und jenen Kampf zeigt, der für Jacaerys zu seinem großen Moment und zugleich zu seinem Ende wird. Als er zum ersten Mal die Zusammenfassung von "Feuer und Blut" gelesen habe, sei Collett zwar bewusst geworden, welches Schicksal Jacaerys bevorsteht, wirklich beschäftigt habe ihn das damals jedoch nicht "I'm never sad.", denn wer gerade erst Teil einer Serie geworden sei, denke nicht sofort daran, wie er sie wieder verlassen werde. Selbst wenn Jacaerys' Geschichte bereits in der ersten Staffel geendet hätte, wäre er vor allem dankbar gewesen, Teil dieses Universums geworden zu sein. Außerdem, fügt er hinzu, sei es "Such a sick way to go". Statt Wehmut überwiegt bei ihm der Stolz. Die fertige Episode habe ihm beim Anschauen Gänsehaut bereitet "I'm just very, very chuffed.". Britisch zurückhaltend und doch sichtlich begeistert von dem Ergebnis.

Foto: Harry Collett bei der Staffel 3-Weltpremiere von "House of the Dragon in London (8. Juni 2026) - Copyright: Mike Marsland/Getty Images for HBO Max UK
Harry Collett bei der Staffel 3-Weltpremiere von "House of the Dragon in London (8. Juni 2026)
© Mike Marsland/Getty Images for HBO Max UK

Die Schlacht in der Gurgel bedeutete für Collett nicht nur den emotionalen Höhepunkt von Jacaerys' Geschichte, sondern auch die größte physische Herausforderung seiner Zeit bei "House of the Dragon". Nach einer zweiten Staffel, in der Jacaerys vor allem politische Gespräche am Kartentisch auf Drachenstein führte, durfte er nun endlich selbst ins Zentrum des Geschehens rücken und fragte sich vorab "How are they gonna put this on a script and then make it into an episode?". Stundenlang verbrachte er auf dem Dragon Buck, einer mechanischen Konstruktion, die die Bewegungen eines Drachen simuliert, umgeben von gewaltigen LED-Wänden und ohrenbetäubenden Windmaschinen. Regisseur Loni Peristere dirigierte ihn dabei über ein Megafon durch die Szenen, um trotz der technischen Umgebung die notwendige Intensität aufrechtzuerhalten. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm die Dreharbeiten im Wassertank. Tot im Wasser zu treiben, erzählt Collett lachend, sei überraschend schwierig gewesen. Während Wellen über ihn zusammenschlugen, Wasser in Augen und Nase lief und Taucher ihn durch das Becken zogen, habe er gleichzeitig versuchen müssen, regungslos zu wirken.

Fast beiläufig verrät Collett noch ein Detail, das Fans der Serie freuen dürfte. Das berühmte "Dracarys", das Jacaerys während der Schlacht ruft, stand ursprünglich gar nicht im Drehbuch "I was like there's no way it would be such a waste like I have to say it.". Also improvisierte er, ganz zur Freude von Glynn-Carney, der darauf lachend mit einem begeisterten "You legend!" reagiert.

"It sort of forces me to kind of move as a full unit, which is nice and just makes him feel helpless and broken."

Foto: Tom Glynn-Carney bei der Staffel 3-Weltpremiere von "House of the Dragon in London (8. Juni 2026) - Copyright: Mike Marsland/Getty Images for HBO Max UK
Tom Glynn-Carney bei der Staffel 3-Weltpremiere von "House of the Dragon in London (8. Juni 2026)
© Mike Marsland/Getty Images for HBO Max UK

Aegons äußerliche Veränderung nach seiner Verletzung wurde in enger Zusammenarbeit zwischen Glynn-Carney und dem Prothesen-Team entwickelt. Er habe mitentschieden, welche Bereiche des Gesichts betroffen sein sollten und wie sich dies auf Sprache und Körperhaltung auswirken würde. Die Einschränkungen seien dabei keineswegs hinderlich gewesen, im Gegenteil. Die Enge der Prothesen habe ihn ständig daran erinnert, wie gefangen Aegon inzwischen sei. Sie beeinflussten jede Bewegung und verstärkten das Gefühl von Hilflosigkeit, gegen das die Figur verzweifelt ankämpft. Aegon wolle seine Schwäche nicht akzeptieren. Er befinde sich in einer Art Verleugnung und doch zwinge ihn genau dieser Zustand dazu, mit noch größerer Entschlossenheit aufzutreten. Je verletzlicher Aegon wird, desto stärker versucht er, Unverletzlichkeit auszustrahlen. Glynn-Carney meint "He's in denial I think.".

Am Ende zeichnet das Gespräch ein differenzierteres Bild zweier Charaktere, die oft als Gegensätze betrachtet werden. Jacaerys ist mehr als der pflichtbewusste Erbe, Aegon mehr als der König auf der falschen Seite des Krieges. Beide versuchen, Erwartungen gerecht zu werden, die weit größer sind als sie selbst, und in einer Welt, die ihnen kaum Raum für Fehler lässt, herauszufinden, wer sie eigentlich sein wollen. Aegon beneidet Jacaerys um etwas, das er selbst nie hatte. Jacaerys blickt auf die Gegenseite und sieht dort eine Entschlossenheit, die seiner eigenen Fraktion oft fehlt. Vielleicht erklärt gerade das, warum der Konflikt zwischen Aegon und Jacaerys so gut funktioniert. Hinter dem Kampf um den Eisernen Thron stehen zwei Figuren, die sich ähnlicher sind, als sie es selbst jemals zugeben würden.

"House of the Dragon" feiert am 22. Juni 2026 bei HBO Max, Sky und WOW Deutschlandpremiere, keine 24 Stunden nach dem US-Start auf HBO.

Die Serie "House of the Dragon" ansehen:

Im offiziellen Trailer zur dritten Staffel von "House of the Dragon" gibt es weitere kurze Einblicke zu den Geschehnissen im Drachentanz:

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Marie Müller - myFanbase

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