Bewertung: 6

Review: #10.13 Umbrüche

Für mich ist die Serie "Grey's Anatomy" inzwischen immer weniger eine emotionale Achterbahn, als leider vielmehr ein emotionales Kinderkarussell. Die Beziehungsgeschichten drehen sich ständig im Kreis und dudeln die immer gleiche Leier, während Witz und Schwung früherer Jahren fehlen. Bestes Beispiel dafür sind April und Jackson. Seit dem Ende der achten Staffel herrschte zwischen diesen beiden Charakteren ein zähes und völlig unnötiges Hin und Her, angetrieben von Aprils unreifen Sex-Komplexen. Durch ihre neuen Partner Matthew und Stephanie bekamen April und Jackson dann die Chance, sich aus der Sackgasse zu befreien, in die sie sich gebracht haben, und schienen diese Chance auch zu nutzen. Jackson hat der weiterhin unsicheren April bei mehreren Gelegenheiten klar gemacht, dass die neuen Beziehungen besser für sie beide sind, nur um schließlich ausgesprochen klischeehaft Aprils und Matthews Hochzeit zu sprengen.

Damit hat Jackson den spektakulärsten und für Matthew und Stephanie höchst demütigendsten Moment gewählt, um April zurückzugewinnen. Die zahllosen anderen Gelegenheiten, die Jackson gehabt hätte, April seine Liebe zu gestehen, waren ihm wohl nicht traumatisch genug. Für manche Zuschauer mag dieses Hochzeits-Crashing der Inbegriff von Romantik sein, aber ich empfinde Jacksons Liebesgeständnis mitten in der Trauung von April und Matthew eigentlich nur als überfrachteten Höhepunkt einer seit langem frustrierenden Storyline.

Natürlich entscheidet sich April danach für Jackson und verlässt mit ihm ihre eigene Hochzeit. Hätte sie den unbedeutenderen Nebencharakter Matthew gewählt, mit dem sie eine viel unkompliziertere Beziehung führen könnte, wäre das ein beinahe schon schockierender Ausbruch aus dem Schema der Serie gewesen und davon ist "Grey's Anatomy" weit entfernt.

Man kann es zwar als kleine Überraschung bezeichnen, dass April und Jackson sofort unter Ausschluss der Öffentlichkeit geheiratet haben, weit mehr Aufsehen erregt allerdings die "Rache der Verschmähten", die man so nicht unbedingt vorhersehen konnte. Stephanie wird von Leah dazu angestachelt, Beschwerde bei der Human Recources (HR) einzureichen. Ob es dann tatsächlich Stephanie, oder doch Leah selber war, die Nägel mit Köpfen gemacht hat, ist noch nicht ganz klar, doch als Ergebnis dieser Beschwerde sind sexuelle Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen im Grey + Sloan Memorial Hospital zukünftig verboten, bereits verheiratete Paare ausgeschlossen.

In dieser neuen Entwicklung steckt endlich wieder Spannung und Diskussionspotential, sowie natürlich eine gehörige Portion Ironie. Wäre eine solche Regel früher in Kraft getreten, hätte es "Grey's Anatomy" nie bis in die zehnte Staffel geschafft. Folgende Paarungen wären dann unter anderem nicht erlaubt gewesen und hätten zu Suspendierungen/Entlassungen geführt: Meredith und Derek (heute verheiratet, zwei Kinder), Cristina und Burke (getrennt), Cristina und Owen (geschieden), George und Callie (geschieden) sowie Lexie und Mark, die verunglückten Liebenden, nach denen das Krankenhaus inzwischen benannt ist. Aktuell betrifft es Alex und Jo, die sich gerade ohnehin etwas uneinig sind, wo ihre Beziehung steht. Alex hört bereits die Hochzeitsglocken läuten, während Jo auf diesem Ohr noch taub ist. Die jetzt beschlossene Anti-Beziehungs-Politik stellt eine ganz neue Herausforderung für das Paar dar.

Über den Vorstoß von Stephanie und/oder Leah kann man geteilter Meinung sein. Ganz unbegründet ist die Beschwerde nicht, wie auch Owen eingestehen muss. Die vielen Romanzen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen haben in diesem Krankenhaus schon zu manchen Konflikten geführt, von denen die meisten Patienten Gott sei Dank nichts mitbekommen haben, sonst hätten sie wehenden Krankenhaus-Hemdchens das Weite gesucht. Wirft man einen genauen Blick in die mehr als 200 Episoden von "Grey's Anatomy", findet man viele Momente, in denen Beziehungsstress zwischen Assistenzärzten und Oberärzten dazu geführt hat, dass Assistenzärzte von Operationen ausgeschlossen wurden, ihr Fachgebiet vorübergehend oder permanent wechseln mussten, oder allgemein einen erschwerten Arbeitsalltag hatten. Zudem ist Stephanies Frust verständlich, denn wie bereits erwähnt, hat Jackson sie extrem vor den Kopf gestoßen und gedemütigt. Statt sich unter vier Augen von ihr zu trennen, hat er sie vor ausverkauftem Haus zur tragischen Nebenfigur in einem Theaterstück gemacht.

Andererseits sprechen wir hier von erwachsenen Menschen, die sich völlig freiwillig aufeinander eingelassen haben. Stephanie, Leah und allen anderen Assistenzärzten war zu jeder Zeit bewusst, welche Auswirkungen eine Affäre mit einem Vorgesetzten haben kann. Genötigt wurde niemand. Mit der Entscheidung, in die Offensive zu gehen, haben Stephanie und/oder Leah nun viele ihrer Kollegen in die Pfanne gehauen, einschließlich ihrer Freundin Jo, die gar nichts dafür kann. Die Motive von Stephanie bzw. Leah sind verletzte Gefühle und Wut, nicht etwa eine physische oder psychische Bedrohung durch sexuelle Nötigung. Bei allem Verständnis für gebrochene Herzen, ist diese Beschwerde für echte Opfer von Belästigung am Arbeitsplatz absoluter Hohn. Von Leah wissen wir längst, dass sie ein ziemlich gestörtes Verhältnis zu Beziehungen hat und sich die Oberärzte eher vor ihrer Aufdringlichkeit fürchten müssen, als umgekehrt. Es sieht mir schon danach aus, dass Leah Stephanies Lage ausnutzt, was Stephanie womöglich ebenfalls bald klar wird. Der unheilvolle Stein ist ins Rollen gebracht und jeder wird glauben, dass es Stephanie war, egal ob es nun stimmt oder nicht.

Ein paar Sätze noch zu Meredith und Cristina. Ich bin froh, dass zwischen den beiden endlich wieder Normalität einkehrt, auch wenn sie noch etwas unsicher im Umgang miteinander sind. Das wird sich aber sicherlich schnell legen und wir bekommen wieder das Duo zurück, das wir kennen und lieben. Ja, es hat sich vieles verändert und beide Ärztinnen nehmen unterschiedliche Wege, aber die können sie trotzdem nebeneinander gehen.

Maret Hosemann - myFanbase

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