Bewertung: 8

Review: #14.10 Seelenqualen

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Es ist selten, dass "Grey's Anatomy" richtig düstere Episoden zeigt. Meistens hält man sich noch an gewisse Regeln, wie zum Beispiel, dass eigentlich nicht mehr als ein Patient stirbt. Doch in #14.10 Personal Jesus hat man diesen Grundsatz über Bord geworfen. Dieses Mal gibt es keine Happy Ends und die lustigen Momente werden auch immer seltener. Stattdessen wird man von April an die Hand genommen und erlebt mit ihr zusammen einen Tag, der anfangs wie normaler Trauma-Alltag erscheint, sich bis zum Ende der Episode aber in einen Alptraum entwickelt.

"Where was God? Where is he now?"

Heute stand April im Zentrum der Geschehnisse und wurde dabei so lange mit schlechten Nachrichten bombardiert, bis sogar sie langsam an ihrem Glauben zweifelt. Nachdem ihre Religiosität ein so wichtiger Teil in Aprils Leben ist, bin ich mir sicher, dass der religiöse Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch die Folge gezogen hat, mehr war, als nur ein bloßer Erzählstil. Das war nicht nur das übliche, leicht poetische Voice-Over. Das war April, die bei dem Versuch, Religion und die aktuellen Schicksalsschläge unter einen Hut zu bekommen, langsam verzweifelt. Und das will schon etwas heißen, wenn man an das denkt, was April im Laufe der Jahre schon durchmachen musste.

Der erste Schlag war Matthew. Ich muss sagen, dass ich von seinem plötzlichen Auftauchen genauso überrascht war. Das reißt natürlich sofort alte Wunden auf, immerhin hat ihn April damals vorm Traualtar stehen lassen und ist mit Jackson durchgebrannt. In dem Gespräch, das die beiden führen, kam es mir fast so vor, als würde man April aufzeigen, dass es Karma war: Matthew hat inzwischen die Liebe seines Lebens gefunden und ist glücklich, während das mit ihr und Jackson nichts geworden ist. So zumindest scheint April zu denken. Nur dass es am Ende mit Karens unerwartetem Tod eben doch nicht so einfach ist. Das Ganze tut mir einfach schrecklich leid für Matthew, der so ein netter Kerl ist und nichts von alldem verdient hat. Die nächste Sache war der Patient mit der verletzten Hand. Eigentlich war das eher der lustige Fall der Folge, doch auch er endet tragisch, mit einem jungen Mann, der nicht mehr weiß, was er noch glauben soll. Und auch April kann ihm dabei nicht helfen, denn sie selbst fängt an zu zweifeln.

Insgesamt also ein mehr als ernüchternder Tag für April und eine tolle schauspielerische Leistung von Sarah Drew, die Aprils Verzweiflung, ihre Unsicherheit und ihre Suche nach dem Glauben überzeugend dargestellt hat. Kein Wunder, dass April erst mal Ablenkung sucht. Trotzdem könnte ich mir gut vorstellen, dass man hier den Beginn für einen neuen Handlungsstrang gelegt hat. April könnte so einen eh mal wieder gebrauchen und dann ist da ja auch noch ihre Rolle als Jury bei dem Krankenhauswettbewerb.

"Kids are dying. This kid is dead. For what? So many people who look just like him are dying? For what?"

In dieser Folge gab es mehrere wichtige Handlungsstränge, aber am meisten ist wohl der von Eric herausgestochen. Nachdem "Grey's Anatomy" in der letzten Folge das Thema häusliche Gewalt angesprochen hat, ist es dieses Mal die Polizeigewalt gegen Schwarze, die ins Zentrum gestellt wird – eigentlich ein fast noch heikleres Thema. In den USA vergeht kaum eine Woche, in der man nicht von irgendwelchen derartigen Vorkommnissen lesen muss. Viel zu oft sind es genau solche Geschichten wie die von Eric. Junge Menschen oder Kinder, die einfach auf einen unbegründeten Verdacht hin angeschossen werden. Es ist ein Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Das hat man bei Jackson gesehen, der trotz seiner reichen und mächtigen Familie damals in seiner Nachbarschaft auch nur auf seine Hautfarbe reduziert wurde. Nur da zu sein ist schon verdächtig. Die Serie ist diese Thematik gewohnt schonungslos angegangen. Man muss nicht lange nach den Schuldigen oder Unschuldigen suchen, die Rollen sind klar verteilt. Es gibt keinen Raum für die üblichen Ausflüchte, keine fadenscheinigen Entschuldigungen. Nur die Tatsache eines angeschossenen Jungen und der Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann.

"They took his childhood today."

Erst kam mir Maggies Experimentierstunde mit Tuck und seinem Freund unglaublich überflüssig vor. Doch nach Tucks Gespräch mit Bailey und Ben erscheint die Szene plötzlich in einem ganz anderen Licht. Man sieht den Gegensatz zwischen den beiden Kindern, die über eine Schaumsäule lachen und dem Jungen, dem von seinen Eltern kurz darauf eingebläut wird, der Polizei keinen Grund zu geben, ihn zu erschießen. Obwohl es nur eine ruhige Unterhaltung war, war es für mich einer der prägenden Momente der Folge. Mit "die Unterhaltung führen" versteht man in dem Zusammenhang meistens die Aufklärung. Hier ist aber eine andere Art gemeint, wie man einem Kind etwas von seiner Unschuld nimmt. Nämlich durch die Erkenntnis, dass sie eben nicht so wie alle anderen sind. Dass Tuck eben nicht das Gleiche machen darf, wie seine weißen Freunde. Hände hoch, langsame Bewegungen, keine Provokation und bloß nicht wegrennen. Wie ein Verbrecher. Es ist kein Wunder, dass Bailey diese Unterhaltung bis jetzt aufgeschoben hat, denn wer möchte seinem 12-jährigen Sohn so etwas erklären müssen?

"The good outweighed the bad until it didn't."

Moment, das war's jetzt schon? Nach dem dramatischen Cliffhanger in der letzten Folge war ich mir sicher, dass Paul für den Rest der Staffel eine entscheidende Rolle spielen würde. Stattdessen kommt er nach der Hälfte der Folge um. Irgendwie schon etwas enttäuschend. Einerseits, weil Matthew Morrison Paul eine unglaubliche Bedrohlichkeit verliehen hat, wie ich sie bis jetzt bei kaum einem anderen Charakter gesehen habe. Gerade auch in dieser Folge hat man beobachten können, wie Paul ohne Probleme zwischen Opferrolle und Täter hin und her springt. Erst spielt er den hilflosen Verletzten, dann stürzt er sich auf Jenny und Jo. Wobei ich seine Worte davor eigentlich noch viel furchteinflößender fand als den Angriff selbst. Wie Paul Jenny zu verstehen gibt, dass ihr Wort bei der Polizei nicht viel bewirken wird. Dass sie ihm viel eher glauben werden, einfach nur, weil er einflussreicher und mächtiger ist. Dass danach nie wieder jemand mit ihr zu tun haben will, weil man ihr nicht mehr vertrauen kann. Da taucht man wieder bewusst in die große Problematik ein, mit der viele Opfer zu kämpfen haben: Wird man mir glauben? Bewirke ich etwas? Wie wird es danach weitergehen?

Klar tut mir Pauls Ableben herzlich wenig Leid und trotzdem finde ich, dass er damit eigentlich zu einfach davon gekommen ist. Nach all dem, was er Jo, Jenny und sicher noch weiteren Frauen angetan hat, hätte er einen Prozess verdient. Genau, wie Jenny eben auch meint. Es hätte mich gefreut zu sehen, wie die beiden gemeinsam gegen Paul vorgehen und er letztlich im Gefängnis landet. Denn die beiden haben mir sehr gut zusammen gefallen. Die automatische Verbundenheit durch die gemeinsamen Erfahrungen. Jo, die schon länger über diesen Teil ihres Lebens reflektieren konnte und deswegen Jenny beistehen kann. Und jetzt ist die Geschichte plötzlich zu Ende? Das ging mir dann doch etwas zu schnell und vor allem hätte man die Storyline ins Zentrum der Folge stellen müssen und nicht nur als eine von vielen ablaufen lassen. So freut es mich zwar für alle Beteiligten, dass der Spuk vorbei ist und man mit der Organspende sogar einen friedlichen Schluss gefunden hat, aber so ganz tröstet mich das nicht über das ganze unausgeschöpfte Potential hinweg.

Fazit

Erneut überzeugt "Grey's Anatomy" mit einer Folge, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Dabei schafft man es sogar, mit Religion, Polizeigewalt und häuslicher Gewalt gleich drei wichtige Themen in einer Folge unterzubringen. Überraschenderweise scheint die Paul-Storyline bereits hier ihr Ende gefunden zu haben, was ich ziemlich schade finde, da man so nicht nur einen interessanten Charakter, sondern auch eine bedeutende und vielversprechende Thematik verloren hat. Jetzt bleibt abzuwarten, ob die Geschichte recht schnell vergessen wird, oder ob man sich weiterhin mit den Geschehnissen beschäftigt. Dafür scheint es ganz so, als würde ein neuer Fokus auf April gerichtet werden.

Denise D. - myFanbase

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