Bewertung: 4

Review: #8.05 Die Glocken

Da ist sie nun also. Die Gewissheit darüber, dass Blut am Ende dicker ist als Wasser, dass man sich dem Vermächtnis seiner Familie nicht verwehren kann, dass "Game of Thrones" wieder einmal eine Wendung eingebaut hat, die nicht zufriedenstellend ist, für den Verlauf der Geschichte aber genau die richtige Würze mit sich bringt.

Queen of the Ashes

Nie war "Game of Thrones" eine Serie, in der die Charaktere stets das bekommen, was sie verdient haben. Das gilt ganz besonders für Publikumslieblinge und Sympathieträger wie die Starks. Dieser Funke springt nun auf Daenerys über, deren Werdegang ein Kernstück der Serie ist, über das man sich bis aufs Messer streiten kann. Mit dem irren König als Vater und einem Bruder, der nicht weniger dieser Charakterzüge aufwies, fragte man sich vom ersten Tag an, wie die Götter im Fall von Daenerys entschieden haben. Wie ist die Münze für sie gefallen? Ich habe den Eindruck, als hätte man sich die Entscheidung darüber bis zur letzten Minute aufgehoben, als wäre Daenerys' Münze auf der Kante gelandet und erst jetzt hat man darüber entschieden, zu welcher Seite sie fallen wird. Man kann nicht leugnen, dass es seit Beginn der Serie Momente gab, in denen der Wahnsinn der Targaryens in ihren Zügen sichtbar wurde. Sei es der starre Blick, mit dem sie den Tod von Viserys hinnahm, der Untergang von Qarth, ihr Feldzug gegen Astapor, Yunkai und Meereen oder die Hinrichtung Einzelner durch Feuer, die immer mehr zur Regel wurde. In der Vergangenheit konnte man Daenerys' Handeln immer abmildern, schließlich rebellierte sie gegen ein ungerechtes System und bestrafte stets die "Bösen", weshalb sich ihre brutalen Taten gut rechtfertigen ließen. Jetzt ist das Fass jedoch übergelaufen und es fehlt Daenerys wie bereits nach der letzten Episode angemerkt an Freunden, die beschwichtigend auf sie einwirken können. Mit zwei verlorenen Drachen und dem Ableben von Jorah und Missandei fühlt sie sich ganz allein in der Welt, von ihren Beratern fühlt sie sich hintergangen und auch die Liebe zu und von Jon bröselt. Ihre Münze ist nun gefallen und Daenerys entscheidet sich ganz bewusst für den feurigen Weg, der vielen Unschuldigen das Leben kostet. Einerseits gefällt es mir gut, dass man am Vermächtnis der Targaryens festhält und damit Daenerys' Taten aus der Vergangenheit reflektiert. Andererseits wurde sie uns auch immer als DIE Erbin des eisernen Thrones präsentiert und man wollte sie – geistig normal und als gerechte Königin – am Ende unbedingt auf dem eisernen Thron sitzen sehen. Dass wir uns emotional nun weit von Daenerys entfernt haben, wird dadurch unterstrichen, dass man sie nach ihrer Entscheidung, die Stand brennen zu lassen, nicht noch einmal zu Gesicht bekommt. Für die letzte Episode ergibt sich daraus ein wunderbarer Nervenkitzel, da man nicht weiß, ob Daenerys nun, wie von Beginn an vorgesehen, über die sieben Königslande regieren wird, oder ob sich ihr einer der Starks oder Jon in den Weg stellt.

Der Werdegang Daenerys' stimmt mich traurig, dennoch waren die Szenen, die zu ihrem Entschluss geführt haben, vollkommen überzeugend. Wie sie nach Missandeis Tod mit wildem Haar auf das Meer starrt, wie sie sich von Jon abwendet und für die Angst entscheidet, wie sie das Läuten der Glocken hört, ihren Rachedurst aber nicht herunterschlucken kann und Königsmund in Brand setzt. All das hat mich auf erschreckende und authentische Weise von dem Wahnsinn – oder der Trauer – Daenerys' überzeugt. Die Gewissheit darüber hat nun auch Jon, der wacker versucht zu Daenerys zu halten, aber mit jeder Faser seines Körpers eine Abneigung gegen sie ausstrahlt. Die anfängliche Zuneigung, die dem Publikum schon nur schwer verkauft werden konnte, ist für mich nun völlig gewichen, es scheint Jon sogar zu quälen, von Daenerys geküsst zu werden. Dennoch steht er sowohl bei der Verbrennung von Varys, als auch beim Marsch gegen Königsmund hinter ihr. Es ist eine fabelhafte Szene, in der die Nordmänner auf die Lannisters treffen und beide Seiten hoffen, dass sie nicht in den sicheren Tod rennen müssen. Die Luft sirrt förmlich vor Anspannung und es ist eine Erleichterung, als die Glocken zu läuten beginnen und die Kapitulation der Stadt verkünden. Doch mit jedem weiteren Atemzug, dem Zögern Daenerys' und ihrem erneuten Angriff wird klar, dass noch nicht an ein Ende der Schlacht zu denken ist. Für Jon wird dies hoffentlich ausschlaggebend sein, um sich trotz allen Ehrgefühls und trotz seines Eides gegen Daenerys zu erheben.

Leider waren dies die einzigen Momente, die ich der Episode positiv anrechnen kann. Kritik ist wie bereits bei #8.03 Die lange Nacht an der Schlachtstrategie zu äußern. Dieses Mal ist es nicht so, dass man Krieger sinnlos in den Tod rennen lässt, dafür demontiert man Cerseis anfängliche Überlegenheit auf geradezu lächerliche Art und Weise. Während Rhaegal in #8.04 Die letzten der Starks einfach so vom Himmel geschossen werden konnte, kann Drogon nun sowohl die eiserne Flotte mit ihren Geschützen, als auch die Mauern von Königsmund mit den gigantischen Armbrüsten flambieren, ohne dass es für Daenerys auch nur eine Sekunde lang brenzlich wird. Auch das die hochgepriesene goldene Kompanie innerhalb von drei Feuerstößen ausgelöscht wird, ist ziemlich ernüchternd. Ebenfalls wenig beeindruckend waren die Szenen des Chaos, die sich innerhalb der Mauern von Königsmund abgespielt haben. Die Flucht durch die Gassen mit den vielen unbekannten und unbedeutenden Gesichtern war sehr anonym, da konnten auch die kleinen Blicke auf Arya als "Führer" durch das Gemetzel das Ruder nicht mehr herumreißen. Dass sie zum Schluss im Ascheregen dann auch noch zufällig ein Pferd entdeckt und den Rückweg antreten kann, war höchst unglaubwürdig. Etwas besser hat mir da ihr Abschied von Sandor gefallen, der die Freundschaft der beiden noch einmal schön aufgegriffen hat. Was den Cleganebowl angeht, war ich ebenfalls etwas enttäuscht. Zwar war es gut gelungen, dass Sandor sich schlussendlich opfert, um seinem Bruder Einhalt zu gebieten und dass er sogar in die Flammen springt, die der Beginn des Hasses zwischen den beiden sind, doch die Zombie-Art, auf die Gregor jeden Hieb wegsteckt, war einfach nur absurd. Dass er einen Stich in die Eingeweide wortlos hinnimmt, weil er keine Schmerzen mehr empfindet, mag ich ja noch einsehen, doch beim Messer im Kopf, das Gregor einfach wieder heraus sieht, konnte ich nur noch ungläubig die Augen verdrehen.

Was noch recht vielversprechend begann, war der Entschluss, den Tyrion fasste. Der Bruder-Moment mit Jaime hat mir gut gefallen und spiegelt die Verbundenheit wider, die von Beginn der Serie zwischen ihnen spürbar ist. Auch dass Tyrion sich zu opfern bereit ist, falls Daenerys von seinem Verrat erfährt, passt gut zu ihm, fragwürdig ist dabei allerdings, ob Daenerys ihn tatsächlich einfach unbeaufsichtigt umherspazieren lässt, nachdem Tyrion sie bereits mehrmals enttäuscht hat. Während ich mit Tyrion also gut mitgehen kann, fand die Handlung rund um Jaime deutlich weniger Anklang. Ich hatte ja gehofft, dass er Brienne nur deshalb abserviert hat, um Cersei zu stoppen, doch indem er nach Königsmund zurückkehrt, um sich seiner Schwester wieder an den Hals zu werfen, tritt man die gesamte Geschichte, in der er sich von einem Antihelden zum Sympathieträger entwickelt hat, mit Füßen. Seinen Kampf mit Euron empfand ich als verschwendete Zeit, in der ich Jaime lieber mit Cersei gesehen hätte, denn seien wir ganz ehrlich, es gibt niemanden, dem Euron etwas bedeutet. Wie er zum Schluss süffisant in die Kamera schaut und sich darüber freut, den Königsmörder getötet zu haben, war für mich ein ähnlich blödsinniger Moment, wie Gregors Dolch-im-Kopf-Szene. Das Ende von Cersei und Jaime – der sich für seine Verletzungen noch erstaunlich lange auf den Beinen halten kann – erscheint mir ähnlich antiklimaktisch wie das des Nachtkönigs. Mit dem Gefühl, dass hier noch etwas kommen muss, sieht man, wie die beiden von Trümmern begraben werden. Ich hoffe sehr, dass wir im Staffelfinale damit "überrascht" werden, dass sie doch noch aus der Stadt entkommen konnten, wenn nicht, wäre es was Cersei angeht ein vollkommen unzufriedenstellender Tod, bedenkt man all die Gräueltaten, die ihr zu verdanken sind.

Randnotizen

  • Dass Gregor Sandor den Schädel zerquetschen wollte, indem er die Augen hineindrückt, war eine wunderbar blutrünstige Hommage an #4.08 Der Berg und die Viper und Oberyn Martell.
  • Zwar heiße ich die Schlacht nach der Kapitulation nicht gut, doch ich kann Grauer Wurm gut verstehen, der es Daenerys gleichtut und Missandei rächen will, weshalb er der erste ist, der einen Speer Richtung Gegner schleudert.
  • Ich fände es episch, wenn man uns in der nächsten Episode Cersei und Jaime in Pentos zeigt, wo wir zu Beginn der Serie Daenerys und Viserys gesehen haben. Damals schmiedeten die Targaryens Pläne über die Eroberung von Westeros, nun könnten es die Lannisters sein.
  • Wer sitzt zum Schluss auf den eisernen Thron? Gibt es nach der massiven Zerstörung der Stadt überhaupt noch einen eisernen Thron? Ich könnte mir gut vorstellen, dass man sich am Ende darauf einigt, dass der Kreislauf dadurch gebrochen wird, dass es keinen König über Westeros mehr gibt. Vielleicht eher einen Rat aus Mitgliedern jedes Königreiches?
  • Königsmund dürfte nun an die Ruinen von Harrenhall erinnern.
  • Hat Cersei tatsächlich überall in der Stadt Seefeuer platzieren lassen, um sicher zu gehen, dass die Stadt komplett abfackelt, falls Daenerys angreift?
  • Auflistung der Toten: Varys, Euron Graufreud, Qyburn, Gregor Clegane & Sandor Clegan, Cersei & Jaime Lannister…?


Fazit

Die finale Staffel von "Game of Thrones" macht es dem Zuschauer schwer, mit dem Verlauf der Geschichte mitzugehen. Das liegt zum einen daran, dass man sich für manche Figuren ein anderes Ende gewünscht hat und dadurch vorbelastet ist, zum anderen sind es die vielen kleinen Logiklücken, die sich immer mehr ansammeln und dadurch ein ernüchterndes Gefühl zurücklassen. Die vorletzte Episode konnte durchaus in einigen Punkten überzeugen, doch wirklich zufrieden lässt sie mich nicht zurück. Eine Bewertung ist dadurch schwer. Für den mutigen Entschluss, Daenerys zur irren Königin zu machen, könnte man durchaus die volle Punktzahl geben. Für die Schlacht an sich und die Entscheidungen bezüglich Jaime, Zombie-Gregor und die alles überlebende Arya wäre andererseits auch die niedrigste Wertung denkbar.

Marie Florschütz - myFanbase

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