Bewertung: 6

The Water Man

Foto: The Water Man - Copyright: 2021 Netflix, Inc.
The Water Man
© 2021 Netflix, Inc.

Inhalt

Gunner (Lonnie Chavis) ist ein Junge mit einer blühenden Phantasie, dem nach und nach bewusst wird, dass seine Mutter Mary (Rosario Dawson) schwer krank ist. Während in der angespannten Situation das Verhältnis zu seinem Vater Amos (David Oyelowo) immer schlechter wird, hört er von einer sagenhaften Gestalt, die helfen könnte, den Tod zu überlisten. Dafür schließt er sich mit der rebellischen Jo (Amiah Miller) zusammen, die den besagten Water Man schon einmal gesehen haben will.

Kritik

"The Water Man" ist eigentlich ein Film, der mit deutlich größerer Aufmerksamkeit bei Netflix an den Start hätte gehen müssen. Immerhin ist das von Emma Needell verfasste Drehbuch bereits 2015 auf der Black List der besten unverfilmten Ideen Hollywoods aufgenommen worden. In jüngster Vergangenheit standen dort beispielsweise später verfilmten Hits wie "I, Tonya" oder "Die Verlegerin" drauf. Letztlich wollte auch Disney bei der internationalen Vermarktung teilhaben, doch das hat sich zerschlagen. Nachdem auch noch der ursprünglich angedachte Regisseur abgesprungen ist, ist der bereits als Hauptdarsteller verpflichtete David Oyelowo überzeugt worden, die Regie zu übernehmen. Auch das ist sicherlich eine ungewöhnliche Situation gewesen, schließlich hat der Darsteller bislang in diese Richtung der Filmproduktion keine Ambitionen gezeigt. Nun stellt "The Water Man" als das Regiedebüt von Oyelowo dar, doch von der anfänglichen Euphorie angesichts des heiß gehandelten Drehbuchs ist nichts mehr zu spüren gewesen.

Wenn man sich im Vorfeld ein wenig mit "The Water Man" beschäftigt hat, so hat bereits das Plakat etwas sehr Mystisches ausgestrahlt. Stellenweise ist sogar von dem Genre Fantasy die Rede gewesen und genau das stellt ein wenig das Problem des Films dar. Denn "The Water Man" bietet in die Richtung der ominösen Sagengestalt wenig an. Stattdessen trifft es deutlich besser, den Film als ein Familiendrama zu bezeichnen, denn dort liegen auch tatsächlich die Stärken. Der aus "This Is Us" bekannte Lonnie Chavis ist als der sensible Gunner Boone zu sehen, der mit seiner Familie, bestehend aus Mutter Mary und Vater Amos, gerade in die texanische Kleinstadt Pine Mill gezogen ist. Gunner verbringt seine Zeit dort vor allem intensiv damit, einen eigenen Comic fertig zu stellen, der einer Detektivgeschichte entspricht, weswegen er auch immer nach Recherchemöglichkeiten sucht. Hier wird bereits deutlich gemacht, dass sich Gunner vor allem in den fiktiven Welten zuhause fühlt. Während er von seiner Mutter darin intensiv unterstützt wird, ist sein Vater charakterlich ein ganz anderer Kerl, weswegen Gemeinsamkeiten rar sind. Gunner muss sich schließlich aber der Realität stellen, als die Krebserkrankung seiner Mutter nicht mehr zu leugnen ist. Gunner versucht, sich über die Krankheit zu informieren, doch das Ergebnis ist zu ernüchternd, weswegen er nur zu gerne wieder in die fiktiven Welten flüchtet, die eine Antwort in Form des Water Man bieten.

Hier kommt schließlich die zweite Jugendliche ins Spiel, nämlich Jo, die behauptet, es schon einmal mit dem Water Man zu tun bekommen zu haben. Als Zeugnis präsentiert sie eine deutlich sichtbare Narbe am Hals. Bereits dort erahnt man als Zuschauer*in aber, dass Jo wohl kaum einen Kampf mit dem Water Man ausgefochten hat. Erschwerend kommt hinzu, dass die Jugendliche sich an den dunkelsten Ecken der Stadt besonders wohl fühlt und scheinbar sich auch niemand um sie zu kümmern scheint. Die Wahrheit über Jo kommt erst sehr spät heraus und doch waren die Anzeichen für die letztliche Auflösung schon deutlich in die Geschichte verarbeitet. Hiermit wird auch noch einmal unterstrichen, dass es in dem Film nicht vorrangig um geheimnisvolle Sagengestalten geht, stattdessen ist es eben ein Familienfilm, der einfühlsam und behutsam die Geschichte zweier Heranwachsenden erzählt, die charakterlich unterschiedlicher nicht sein könnten und doch die Gemeinsamkeit haben, dass ein Aspekt ihres Lebens emotional kaum zu ertragen ist, weswegen sie sich eine fiktive Welt bauen, um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Selbst wenn "The Water Man" kein Fantasyfilm per se ist, so bin ich schon eher mit der Genreeinteilung Abenteuerfilm einverstanden, denn Jo und Gunner bilden ein Team, das gemeinsam der Sagengestalt hinterherjagt, wobei vor allem Letzterer auch die Motivation hat, seine Mutter mit den vermeintlichen Kräften des Water Man zu retten. Was Gunner und Jo dabei erleben, ist aber nur mit einem Augenzwinkern wirklich als spannend zu bezeichnen. Während die Kulisse des Waldes eine wirklich mystische Atmosphäre schafft und damit perfekt auf den Water Man passt, schlagen die anderen Bemühungen, der vermeintlichen Sagengestalt immer näherzukommen, doch eher fehl. Da tauchen auf einmal Insekten auf, die die Jugendlichen in die Flucht schlagen, da schneit es an einer Stelle mitten im Sommer und da droht Gunner in die Tiefe zu rutschen. Aber bei all diesen kleinen Szenen will einfach keine Spannung entstehen, kein Mitfiebern, denn man ahnt einfach, das sind alles nur die typischen Gefahren des Waldes, aber das ist keinesfalls das Wirken des Water Mans, denn diesen gibt es einfach nicht. Dementsprechend legt sich der Fokus automatisch darauf, wie Jo und Gunner miteinander umgehen, denn während er ihr zeigt, was es bedeutet, sich an Regeln zu halten und Mitgefühl zu zeigen, fordert sie ihn mit ihrem Mut positiv heraus. Was anfangs eine Zweckgemeinschaft war und zwischendurch einige Nerven gekostet hat, ist letztlich der Beginn einer innigen Freundschaft.

Abschließend haben wir noch die Vater-Sohn-Beziehung, die ich bereits angedeutet habe, die aber definitiv den zweiten wichtigen inhaltlichen Fokus des Films ausmacht. Da es Mary zunehmend schlechter geht, ist es Amos, der als Erster begreift, dass Gunner auf eigene Faust aufgebrochen ist. Auch wenn der Junge einen Hinweis hinterlassen hat, dass er etwas für seine Mutter zu gedenken tut, sind da bei Amos gleichzeitig die Zweifel, was das genau bedeuten soll. Stattdessen bezieht er die Flucht von Gunner auf sich selbst, weil sie in dieser emotional belastenden Situation einfach nicht zueinanderfinden. Das ist für Amos Motivation genug, um seine Vaterliebe unter Beweis stellen zu wollen, denn er lässt keinen Stein umgedreht. Dass er sich dabei regelrecht überschlägt, ist auch bitter nötig, denn ein durch die Dürre herbeigeführte Waldbrand droht zur ersten echten Gefahr für die beiden Jugendlichen zu werden. Hier kommt tatsächlich noch ein Showdown zusammen, der diese Bezeichnung auch wirklich verdient hat. Prompt funktioniert auch alles besser, vermutlich weil hier das Mysterium Water Man schon längst ad acta gelegt ist. Gunner und Amos wachsen dadurch unweigerlich zusammen und es ist klar, dass die beiden endlich eine gemeinsame Basis gefunden haben, die möglicherweise in der Zukunft noch viel bedeutender wird.

Fazit

"The Water Man" überzeugt in den Aspekten, wo er einfach ein Familiendrama sein darf, denn sowohl die Geschichte von Gunner als auch die von Jo können sehr überzeugen, weil das Innenleben zweier sensibler Jugendlicher einfühlsam transportiert wird. Schwieriger wird es jedoch in Bezug auf die Sagengestalt, nach der der Film benannt ist, denn hier wird eine Portion Fantasy, eine Portion Mystik angedeutet, die aber nie auf den Punkt aufgegriffen werden können. Dadurch ist das Bemühen, auch ein Abenteuerfilm sein zu wollen, etwas stümperhaft gelungen. "The Water Man" hat die Highlights also in den ruhigen Momenten, aber gewiss nicht dort, wo es eigentlich spannend hätte werden sollen.

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Lena Donth - myFanbase
24.07.2021

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