"Der Herr der Ringe" - Ein Vergleich von Buch und Film

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Wenn es ein Thema gibt, das einen Film auf jeden Fall immer begleiten wird, dann ist es die ständige Frage, inwiefern der Film die Romanvorlage (wenn es eine gibt) wiedergibt und ob die Änderungen zwischen Roman und Drehbuch gelungen und/oder sinnvoll sind. Gerade bei einem so populären Buch wie J. R. R. Tolkiens "Der Herr der Ringe" ist das eine wahre Gratwanderung gewesen. Drei dicke Bücher voller Phantasiewesen, einer unglaublich schwierigen Reise und zahlreichen Details galt es umzusetzen. Weit über zehn Stunden Film sind dabei herum gekommen. Die Kinoversion wurde noch um eine Extended Version ergänzt. Und trotzdem blieb es nicht aus, Passagen zu streichen oder wesentlich zu ändern. Es lohnt sich eben doch immer, auch das Buch zu kennen. Wir haben einen Blick auf ausgewählte große und kleinere Änderungen geworfen und zeigen euch, wo die Unterschiede liegen.

Die Hobbits und das Auenland

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Es ist eine kleine und doch entscheidende Änderung: Die Charaktere der Hobbits wirken im Film eher naiv und dümmlich. Vor allem Merry und Pippin sind eher die Clowns, auch wenn sie im Laufe der Filme wachsen (und das nicht nur durch den Enttrunk). In den Büchern ist diese Naivität nicht vorhanden. Sam hat im Geheimen seinen Chef ausgehorcht und es Merry und Pippin erzählt, die zwar in der Öffentlichkeit und vor Frodo den offiziellen Plan, insgeheim jedoch Frodos Verschwinden vorbereiten. Im Film zünden Merry und Pippin eines von Gandalfs Feuerwerken an und rennen durch einen dummen Jungenstreich wortwörtlich in Sam und Frodo, als diese das Auenland verlassen wollen.

Die größte Entwicklung der Hobbits, Frodos Weisheit, Sams Selbstbewusstsein und Merry und Pippins Führungskraft, wird jedoch nur ansatzweise gezeigt, da die Befreiung des Auenlandes nicht stattfindet. Die Hobbits konnten weiterhin in ihrem idyllischen Land leben und haben nichts von dem mitbekommen, was in der weiten Welt von Mittelerde passiert ist. Dafür bekommen die Wiederankömmlinge dann auch noch argwöhnische Blicke zugeworfen, als sie auf Ponys und in Rüstung nach Hause kommen. Die Charakterentwicklung findet einfach nur später statt, sodass diese Änderung nicht groß auffällt.

Was jedoch sehr enttäuschend war, sind die Änderungen bei Frodo und Sam. Im Buch konnte Frodo dem Ring bis zum Ende widerstehen. Er war kraftlos und musste schlussendlich getragen werden, aber er hat in der gesamten Geschichte nicht gelogen. Der Film-Frodo lügt Faramir an und erzählt ihm, dass er Gollum nicht kennt. Zudem schickt er seinen getreuen Diener Sam weg und dieser geht! Sam Gamschie ist der eigentliche Held der Geschichte und verlässt seinen Herrn in der größten Gefahr, als Gollum Frodo zu Kankra locken will. Im Buch werden die beiden erst nach dem Kampf gegen Kankra getrennt und Sam macht sich gleich auf die Suche, um seinen Herrn zu retten.

Tom Bombadil

Für viele Fans der Trilogie ist Tom Bombadil eine Art Liebling. Er stellt das erste fremde Wesen auf der Reise von Frodo und Sam dar. Mit seinem Witz und seiner Leichtigkeit symbolisiert er ein Stück weit die naive Herangehensweise der Reisenden, die gar nicht wissen, auf was sie sich eigentlich einlassen, in bester Hobbit-Manier aber eben erstmal loslegen. Zudem ist die kurzweilige Begegnung auch noch eine Art Ausdruck von Sicherheit, die Sam und Frodo durch ihre Heimatnähe spüren. Im Film ist die Figur vollkommen gestrichen worden. Das stimmte viele Fans traurig, aber eine kurze Szene wäre wohl noch viel unglücklicher gewesen, weil man die Facetten der Figur damit auch nicht hinreichend hätte betrachten können. In gewisser Hinsicht erscheint es also sehr logisch und nachvollziehbar, hier den Rotstift anzusetzen. Schade bleibt es trotzdem, da dadurch auch die Hügelgräber nicht gezeigt werden. Im Buch werden die Hobbits von den Toten angelockt und eingesperrt und nur mit Toms Hilfe können sie entfliehen. Aus den Gräbern kommen dann auch ihre Schwerter, die besondere, uralte Kräfte besitzen.

Arwen

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Was wäre heutzutage ein Film ohne eine Liebesgeschichte? Der Stoff von "Herr der Ringe" ist dafür nicht gerade gemacht, denn im Buch kommt Arwen eigentlich nur kurz am Anfang und ganz am Ende vor. Die Liebesgeschichte mit Aragorn ist also nur eine Fußnote im Roman. Im Film erhält die Figur dagegen eine ganz andere Präsenz, weil Arwen diejenige ist, die Frodo, Sam, Merry, Pippin und eben Aragorn findet und sicher nach Bruchtal bringt. Dass diese Aufgabe eigentlich einem anderen Elben obliegt, wissen nur die Bücherwürmer. Zudem wurde dadurch Frodos Charakter eingeschränkt. Im Buch reitet er allein auf Asfaloth und seine Freunde folgen ihm zu Fuß. Er stellt sich allein den Reitern entgegen, wohingegen er im Film sehr geschwächt und kurz vor dem Tod hinter Arwen sitzt. Arwen ist auch immer, vor allem durch Aragorns Träume, in "Die zwei Türme" anwesend und man hatte sogar überlegt, sie in der Schlacht um Helms Klamm mitwirken zu lassen. Diese Änderung sind für Fans der Bücher sehr auffällig, allerdings sind sie filmtechnisch gesehen sinnvoll.

Saruman

Saruman ist einer der mächtigsten Zauberer seiner Zeit und schlägt sich auf die Seite von Sauron, weil er nicht an die Menschen und die Widerstandskraft gegen den Ring glaubt. Sein rücksichtsloses Vorgehen gegen die Ents wird ihm allerdings zum Verhängnis, denn diese wehren sich und schlagen den Zauberer in die Flucht. Das zumindest passiert im Buch. Im Film bleibt sein Verbleib zunächst offen. Die erweiterte Version klärt hier auf. Der Sturkopf will sich nicht geschlagen geben und rennt quasi ins offene Messer. Ein recht skurriler Tod ereilt ihn. Die Fans der Buchreihe konnten es nicht fassen: Wenn es einen Grund gibt, die Extended Version nicht anzufassen, dann ist es diese Szene um Saruman. Sein Tod ist nämlich nur deshalb inszeniert, um einem noch ganz wesentlichen Teil der Geschichte aus dem Weg zu gehen. Im Buch flieht Saruman nämlich ins Auenland und setzt dort seine Terrorherrschaft fort. Alle Hobbitts werden versklavt (so wie Frodo es im Wald von Alandril im Wasser von Galadriel sieht) und das Auenland ist nicht mehr das, was es mal war. Als Frodo, Sam, Merry und Pippin von ihrer Reise zurück kommen, müssen sie also noch einen letzten Kampf führen, um das Auenland wieder für sich zu gewinnen. Eigentlich sind es also die kleinen, gereiften Hobbits, die ihre neue Bedeutung in Mittelerde deutlich machen und sich gegen den weißen Zauberer erwehren. Dass man diesen sehr schönen Schluss im Film nicht mehr ausgearbeitet hat, lässt sich nach über zehn Stunden Geschichte gut erklären. Auch beim Lesen war man etwas verwirrt, dass der Ring zerstört ist, das Buch aber noch zahlreiche Seiten enthält. Trotzdem hätte man Saruman ein würdigeres Ende schreiben können und müssen. Sogar Saruman-Darsteller Christopher Lee, selbst ein großer Fan der Bücher, war enorm verärgert über das Ende seiner eigentlich komplexeren Figur.

Faramir

Der kleine Bruder von Boromir hat es nicht besonders leicht, weil sein Vater Dinge von ihm erwartet, die er eigentlich nicht erfüllen kann. Im Film versucht man seinen Zwiespalt zwischen der Erfüllung der Wünsche von Denethor und der Treue zu seinem eigenen Ich zwar darzustellen, gerade die Kinoversion scheitert aber ziemlich kläglich. Sein robuster Umgang mit Gollum und sein langes Hadern mit der Freigabe von Frodo und Sam machen ihn eher unsympathisch. Die erweiterte Version kann da ein paar bessere Momente einpflegen, doch auch das reicht noch lange nicht, um die Figur aus dem Buch umzusetzen. Faramir ist eigentlich viel ehrenhafter und gerechter. Für mich war er eine der sympathischsten Figuren im Buch. Verständnisvoll, weitsichtig und alles andere als selbstsüchtig. All seine Taten sind nachvollziehbar und menschlich gut. Im Film werden falsche Zusammenhänge aufgebaut, die der Figur nicht gerecht werden. Ein größeres Manko, kommen doch sonst viele Figuren sehr nah an die Darstellung in der Buchvorlage heran.

Erzählstruktur in "Die zwei Türme" und "Die Rückkehr des Königs"

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Es gibt manchmal auch Umsetzungen, die man als richtige Verbesserung auffassen kann. Man muss Änderungen also nicht nur negativ sehen. Im zweiten und dritten Buch laufen zwei Geschichten ab. Die Gefährten sind getrennt und Frodo und Sam versuchen alleine den Weg nach Mordor zu finden, während sie von Gollum verfolgt werden. Gleichzeitig sind Legolas, Gimli und Aragorn bestrebt, Merry und Pippin aus den Fängen der Orks zu befreien und stoßen auf die Reiter von Rohan, die dringend Hilfe gebrauchen können. Im Buch werden diese Geschichten nacheinander erzählt. Auch wenn es sicherlich Sinn macht, die zermürbende Reise von Frodo und Sam mit all seinen Unwegbarkeiten und der Aussichtlosigkeit auf zahlreichen Seiten ausführlich darzustellen und auch dem Leser viel Geduld und Durchhaltevermögen abzuverlangen, so war dieser Part doch enorm zäh. Der Film bietet hier viel Abwechslung, weil zwischen den beiden Geschichten hin- und hergewechselt wird. Eine sehr sinnvolle Umsetzung, damit man im Kinosessel nicht jeden einzelnen Knochen spürt.

Die Schlacht um Helms Klamm

Es gab einige Veränderungen bei der monumentalen Schlacht, um den Rückzugsort der Rohirrim. Zum einen war es eigentlich nicht ein Rückzugsort, denn Frauen, Alte und Kinder hatte Theoden mit seiner Nichte Eowyn nicht mit nach Helms Klamm geschickt, sondern in Durnharg zurückgelassen, um den Feind nach Helms Klamm zu locken und dort zu bekämpfen. Zum anderen sind die Elben nie zu der Schlacht um Rohan gekommen. Sie hatten im Buch selbst mit Armeen von Orks zu tun und haben sich weniger um die Angelegenheiten der Menschen gekümmert. Die Änderungen bringen mehr Emotionen in den Film, sie waren nicht notwendig, aber eine schlechte Entscheidung war es definitiv nicht.

Das Heer der Toten

Aragorn geht mit Legolas und Gimli den Pfad der Toten, um den Eid der Verbannten einzulösen. Dies geschieht in der Filmversion. Aragorn scheint insgesamt eine einsame Person zu sein, ohne Famile und Freunde. Doch dies ist eigentlich nicht richtig. Er ist Führer der Dunedain, mit denen er im Kontakt steht und die ihm zur Hilfe eilen. Zudem hat er einige enge Freunde in Bruchtal, wie Elronds Söhne, die nicht im Film erwähnt werden. Dadurch betreten die drei im Buch die Pfade der Toten nicht allein, sondern mit 30 Männern. Die Toten werden dann dazu gebracht, die Heere der Korsaren zu zerstören, um danach von ihrem Versprechen erlöst zu sein. Lediglich die 30 Mann kommen mit der Flotte zu den Pelennorfeldern. Im Film werden die Dunedain nicht erwähnt und die Welle der Toten überrennt das Feld von Orks und Menschen, und gewinnt so die Schlacht. Erst danach dürfen sie zu ihrer ewigen Ruhe. Diese Änderung ist gut, da es mehr Spannung und Action in die Szene bringt und doch ist es schade, dass es geändert wurde, weil die Toten über das Böse gesiegt haben und nicht der Verbund der Lebenden.

Eowyn und der Hexenkönig von Angmar

Tolkien war ein Meister der Worte. Nicht nur seine Lieder und Gedichte waren in den Büchern wunderschön, es gab auch einige wichtige und wertvolle Dialoge. Einer dieser war das Gespräch zwischen Eowyn und dem Hexenkönig in der Schlacht. Leider wurde dieser Dialog nicht übernommen. Nur Fetzen davon sind in den Film gekommen und viele Tolkien-Fans sind enttäuscht, da Eowyn mit Verzweiflung für ihren Onkel kämpft. Dies kommt nur teilweise im Film rüber und hätte nur ein paar Sekunden mehr gebraucht.

Anna Sörries und Emil Groth - myFanbase

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