Die Staffelgeheimnisse (2)

Schon in den ersten vier Staffeln von "Desperate Housewives" war die Wisteria Lane ein idyllisches Plätzchen für all jene, die ein dunkles Geheimnis zu hüten versuchten. So fanden bereits die Familien Young, Applewhite und Mayfair sowie Orson Hodge ihren Weg in die Nachbarschaft. Am Ende der vierten Staffel gab es dann einen Zeitsprung von fünf Jahren und man sollte davon ausgehen, dass die Wisteria Lane während dieser Zeit Schauplatz weiterer geheimnisbedingten Dramen wurde. Jedoch schien es während dieser Zeit relativ ruhig zugegangen zu sein, jedenfalls bis zu #5.01 Die Zeit vergeht.


Staffel 5: Das Geheimnis von Dave Williams


Das Staffelgeheimnis der fünften Staffel drehte sich um Edie Britts neuen Ehemann Dave Williams. Am Ende der ersten Folge der fünften Staffel wurde dem Zuschauer offenbart, dass Dave früher in psychiatrischer Behandlung war und nur in die Wisteria Lane wollte, um sich dort an einen der Bewohner aus zunächst unbekannten Gründen zu rächen. Unbekannte Gründe? Nicht wirklich, denn so manche Zuschauer hatten sofort die Verbindung zu Dave und den Todesopfern eines schrecklichen Autounfalls, in die eine Mutter mit ihrer Tochter sowie Mike und Susan involviert waren, durchschaut.

Foto: Kathryn Joosten, Desperate Housewives - Copyright: ABC Studios
Kathryn Joosten, Desperate Housewives
© ABC Studios

Mutter und Tochter waren tot und manche wussten von Beginn an, dass Dave es nun offenbar auf Mike abgesehen hat. Und tatsächlich war das Ganze relativ offensichtlich, weshalb eine wirkliche Spannung allerhöchstens dann zustande kam, als Karen zusammen mit ihrer Schwester Roberta gegen Dave ermittelt haben und auch Daves ehemaliger Psychiater Dr. Samuel Heller plötzlich in der Wisteria Lane auftauchte. Ansonsten blieb das Staffelgeheimnis allerdings relativ fad und spätestens in #5.10 Visionen wurde dann offenbart, dass es sich bei den zwei Getöteten tatsächlich um die Frau und die Tochter von Dave gehandelt hat und dass Mike, der vermeintliche Fahrer und Unfallverursacher, dafür zu büßen hat. Ein wenig spannender wurde das Ganze erst wieder, als Edie anfing, ihrem Mann auf die Schliche zu kommen, was letztendlich sogar zum Tod des bei den Fans beliebten und langjährigen Hauptcharakters führte.

Dann gab es gegen Ende der Staffel eine kleine Wendung, als Dave erfuhr, dass nicht Mike, sondern Susan am Steuer saß – nun hatte es Dave also auf Susan abgesehen. Das Staffelgeheimnis gipfelte dann in einem kleinen Möchtegernthriller, als Susan und ihr Sohn M.J. mit Dave einen harmlosen Ausflug machten, Susan jedoch dann Daves wahre Intentionen durchschaute. Natürlich gab es aber ein Happy End für Susan: Dave landete in der Psychiatrie, allen anderen ging es gut und letztlich führte das Ganze sogar dazu, dass Susan und Mike wieder zusammenfanden. Zugegeben, spannend war das Ganze am Ende natürlich schon, aber als Handlung, die über die ganze Staffel gestreckt wurde, funktionierte das leider überhaupt nicht – zumal man sie einfach nicht als Staffelgeheimnis bezeichnen konnte, da man schon nach der ersten Folge alles durchschauen hätte können. Und besonders unter Berücksichtigung der Tatsache, wie viel Potential für ein Staffelgeheimnis durch den Fünf-Jahres-Zeitsprung vorhanden gewesen wäre, fiel das Endresultat umso ernüchternder aus.


Staffel 6: Das Geheimnis der Familie Bolen


Foto: Copyright: 2010 ABC Studios
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In bester Staffel 2- und Staffel 4-Manier zog pünktlich zu Beginn der sechsten Staffel dann gleich eine neue Familie in die Wisteria Lane: die Bolens. Und so hatten Ehefrau Angie, Ehemann Nick und Sohn Danny die Aufgabe, wirklich mal wieder ein wenig Mystery in die Wisteria Lane zu bringen und diese Aufgabe meisterten sie in der ersten Staffelhälfte mit Bravour. So gab es doch zu Beginn an einige Fragen: Weshalb sind die Bolens in die Wisteria Lane gezogen? Weshalb hat Angie eine riesige Brandnarbe auf dem Rücken? Und was hat ihr Sohn Danny mit dem Anschlag auf Julie zu tun, bei dem sie fast zu Tode gewürgt wurde? Als dann auch noch offenbart wurde, dass Julie eine Affäre mit Nick hatte, schien dieses Staffelgeheimnis wirklich sehr komplex und undurchsichtig zu werden und konnte während der ersten elf Episoden, besonders als Nachbarin Mona Clark langsam aber sicher dahinter kam, immer größere Spannung aufbauen.

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Danach nahm das Interesse jedoch ein wenig ab, was auch daran lag, dass man nicht mehr die komplexe Atmosphäre aus der ersten Staffelhälfte halten konnte: Danny entpuppte sich nicht als Angreifer Julies und auch Nicks Affäre mit ihr schien im Nachhinein keinen wirklich storytechnischen Zweck gehabt zu haben. Nach und nach wurde dann Licht in die noch offenen Fragen gebracht und es kam heraus, dass Angie vor einem Terroristen namens Patrick Logan zu flüchten versuchte, mit dem sie früher zusammenarbeitete, sich jedoch, als sie schwanger von ihm wurde, von ihm trennte und seitdem auf der Flucht vor ihm ist. Das Ganze hatte man spätestens nach #6.17 Das Souvenir komplett durchschaut, von Geheimnis war also keine Rede mehr. Die Storyline war aber natürlich immer noch präsent und wurde auch brisanter, als Patrick Logan plötzlich in der Wisteria Lane auftauchte und mit Angie sein teuflisches Spielchen spielte. Von Geheimnis zwar keine Spur, aber dennoch waren die Szenen mit den beiden recht spannend und die Szene, in der Angie sich auf die fieseste Art und Weise Patrick endlich entledigte, war definitiv eine der coolsten Szenen der Serie. Durch die rundum gelungene erste Staffelhälfte konnte das große Staffelgeheimnis der sechsten Staffel also durchaus überzeugen und reiht sich qualitativ insgesamt irgendwo in der Mitte aller Staffelhandlungen ein. Ein großer Mitgrund war im Übrigen auch der Charakter Angie Bolen an sich, die mit ihrer temperamentvollen Art toll von Drea de Matteo dargestellt wurde und es fast ein Jammer war, dass sie die Serie nach der sechsten Staffel wieder verließ.

Foto: Nicholas Sarullo, Desperate Housewives - Copyright: ABC Studios
Nicholas Sarullo, Desperate Housewives
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Die sechste Staffel hatte noch ein weiteres kleines Geheimnis parat, nämlich die Frage, wer der mysteriöse "Fairview-Würger" ist, dem seit geraumer Zeit immer mehr junge Frauen in Fairview zum Opfer fielen. Da man sich zu Beginn eine tolle Verbindung zu dem eigentlichen Staffelgeheimnis um die Bolens erhoffte, war es vielleicht ein wenig enttäuschend, als diese Handlung immer unabhängiger davon und uns letztlich der Teenager Eddie Orlofsky (Bild rechts: Eddie als kleiner Junge) als Täter präsentiert wurde. Besonders wegen der Episode #6.20 Entstehung eines Monsters, in der Eddies Motive auf die klischeehafteste Weise dargestellt wurden, war diese Handlung abschließend vielleicht nicht ganz so überzeugend, wie man es sich zu Beginn der Staffel noch erhofft hatte.


Staffel 7: Die Geheimnisse der "neuen" Familie Young


Foto: Copyright: 2011 American Broadcasting Companies, Inc. All rights reserved.
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Zurück zu den Wurzeln sollte es dann in Staffel 7 gehen, als urplötzlich wieder Paul Young auftauchte und der Träger des Staffelgeheimnisses werden sollte. Oder besser gesagt der Staffelgeheimnise? Denn allein in der ersten Staffelhälfte wurden drei Handlungen samt Fragen aufgeworfen, die zu Beginn definitiv noch geheimnisvoll waren. So wurde schnell klar, dass Paul Young offenbar einen teuflischen Plan hat, um sich an den Bewohnern der Wisteria Lane zu rächen, aber es dauerte bis #7.09 Schöne heile Welt, bis die Bewohner in Erfahrung bringen konnten, dass Paul plant, ein Resozialisierungscenter für ehemalige Sträflinge mitten in der friedlichen Nachbarschaft zu errichten. Das führte dann zu Pauls eigentlichen Intentionen, nämlich einen riesigen Aufstand zu provozieren, der in #7.10 Der Aufstand dann eskalierte und einen sehr sehenswerten Abschluss fand. Kurz danach wurde eine weitere Frage aufgeworfen, als Paul in selbiger Episode plötzlich niedergeschossen wird und man in bester "Dallas"-Manier fragte: Wer erschoss Paul Young? Die Auflösung, dass es Sohn Zach war, war leider im Nachhinein doch sehr enttäuschend, da man diese Story nicht wirklich interessant ausbauen konnte.

Ein weiteres zentrales Element innerhalb der Handlung um Paul spielte dessen neue Ehefrau Beth, die in #7.02 Mehr als nur Sex in die Nachbarschaft zog und auch ein Geheimnis zu haben schien. Aufgrund ihres mysteriösen Verhaltens gegenüber Paul, konnte Beth wirklich für einiges Rätselraten sorgen, bis in #7.07 Eine demütigende Geschichte der Verdacht einiger Zuschauer bestätigt wurde, dass Beth in Wirklichkeit die Tochter von Pauls Erzfeindin Felicia Tilmann ist. Nachdem also aufgelöst wurde, was Pauls Plan war, was es mit Beth auf sich hat und wer auf Paul geschossen hatte, konnte man den Begriff "Staffelgeheimnis" somit spätestens nach #7.12 Einsamkeit nicht mehr als solchen für die Handlung rund um Paul verwenden. Viel mehr entwickelte sich das Ganze nämlich zur Fortsetzung des Krieges zwischen Paul und Felicia, der ja schon in den ersten beiden Staffeln omnipräsent war – für Felicia endete dies tödlich, für Paul hinter Gittern. Für Fans von Felicia war also besonders die zweite Staffelhälfte ein wirklicher Genuss, aber irgendwie war alles meist relativ vorhersehbar. Außerdem hatte man die Chance verpasst, mit Pauls Wiederauftauchen eine Brücke zu den Anfängen der Serie zu schlagen und vielleicht das erste Staffelgeheimnis um seine Frau Mary Alice noch einmal auf irgendeine Art und Weise in einem neuen Licht darzustellen. Dafür hatte man der Handlung um Paul einen liebenswerten Nebencharakter zu verdanken, nämlich Beth, die mit ihrer etwas verschrobenen Art definitiv ein Pluspunkt für diese Staffel war und deren dramatisches Ende in #7.16 Der Sinn des Lebens die siebte Staffel ein wenig aus ihrem damaligen Trott holte.


Staffel 8: Das Geheimnis der Hausfrauen


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Die achte und finale Staffel der Serie hatte dann noch einmal etwas Besonderes zu bieten. Diesmal stand im Fokus der Staffel nämlich kein Geheimnis, das später von einer der Hausfrauen gelüftet wurde, sondern ein Geheimnis, das von den vier großen Protagonistinnen der Serie gehütet werden musste. In dem sehr ansehnlichen Staffelfinale der siebten Staffel (#7.23 Partytime) wurde Gaby beinahe Opfer ihres gewalttätigen Stiefvaters Alejandro, den Carlos bei seinem Versuch, Gaby zu beschützen, mit einem Kerzenständer erschlug und wenige Minuten später alle Hausfrauen versammelt vor der Leiche standen. Dass niemand dem Tod von Alejandro Perez auf die Schliche kommt, war von nun an die Aufgabe der vier Damen, die die Leiche im Wand begruben und Gras über die Sache wachsen lassen wollten. Natürlich leichter gesagt als getan, womit eine wirkliche spannende Ausgangssituation vorhanden war, die in der ersten Hälfte der Staffel auch relativ gut genutzt wurde. So waren die Auswirkungen der Geschehnisse auf die einzelnen Charaktere teils gut dargestellt, auch wenn man stellenweise ein wenig mehr in die Tiefe hätte gehen können und so manches Verhalten, besonders das von Gaby, diskussionswürdig blieb. Ebenso die Tatsache, dass Bree von den anderen Damen mehr und mehr ausgegrenzt und gar für das Dilemma verantwortlich gemacht wurde, blieb nicht selten absolut unverständlich.

Foto: Marcia Cross, Desperate Housewives - Copyright: ABC Studios
Marcia Cross, Desperate Housewives
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Dafür war Bree für so einige Höhepunkte verantwortlich. Besonders ihre Beziehung und spätere Feindschaft mit dem Detective Chuck Vance, der nach und nach dabei war, dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, waren eine sehr spannende Angelegenheit. Und dann gab es da ja noch die mysteriöse Person, die Bree einen Erpresserbrief mit exakt jenem Inhalt zukommen ließ, der bereits Mary Alice in den Selbstmord trieb. Die erste Staffelhälfte war also wirklich fast durchweg von der Handlung um den ermordeten Alejandro geprägt und daher sorgte das Geheimnis auch für eine sehr spannende und teils auch recht düstere Atmosphäre. In der zweiten Staffelhälfte versandete das Ganze leider ein wenig, obwohl die Handlung um Alejandro dank den Auswirkungen auf Bree und ihre Freundschaft zu den Damen sowie den ein oder anderen brisanten Elementen, wie etwa das Auftauchen von Alejandros Ehefrau oder dem von Orson, weiterhin recht präsent war. Doch so wirkliche Spannung wollte nicht wieder aufkommen.

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Zunächst auch nicht, als die Polizei Alejandros Leiche entdeckte und Bree ins Visier der Ermittlungen geriet. Zu harmlos wurde das Ganze dargestellt und man bekam selten das Gefühl vermittelt, dass Bree wirklich in Gefahr war. Das änderte sich dann jedoch, sodass eine Gerichtsverhandlung auf Bree wartete, deren Ausgang immer unklarer erschien. In den letzten Episoden der Serie wurde das Staffelgeheimnis, bzw. die Staffelhandlung, somit wieder brisanter und sorgte für einige sehr gute Momente. Leider brachte man die Handlung ein wenig unspektakulär und auf eine nicht ganz logische Weise zu Ende, aber das war man von den meisten Auflösungen der großen Rahmenhandlungen der Staffeln ja schon gewohnt. Letztendlich setzte "Desperate Housewives" mit ihrem letzten großen Staffelgeheimnis aber besonders während der ersten Hälfte der Staffel und wegen einer grandiosen Bree noch einmal einen kleinen Akzent.

Und obwohl die Serie nun vorbei ist, müssen wir uns keine Sorgen machen, dass die Wisteria Lane zukünftig zu einer langweiligen Straße verkommt. Am Ende der finalen Episode der Serie, #8.23 Finishing the Hat, bekam man schließlich zu sehen, wie die neue Nachbarin namens Jennifer mit sorgevoller Miene eine ominöse Schmuckschatulle in ihrem Schrank verstaut hat. Und wie Mary Alice in ihrem letzten Voice-over noch einmal deutlich machte, wird es in der Wisteria Lane auch weiterhin immer wieder Menschen geben, die verzweifelt versuchen, ein Geheimnis zu bewahren, das früher oder später sowieso ans Licht kommen wird. Beruhigend zu wissen, für uns Zuschauer.

Manuel H. - myFanbase

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