Panic - Review Staffel 1

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Die von Amazon produzierte Jugendserie "Panic" beruht auf einem Roman von Lauren Oliver, die auch selbst an der Serienadaption entscheidend beteiligt war. Die US-amerikanische Autorin hat sich gerade in ihrer Heimat, aber auch in Deutschland als Autorin für erfolgreiche Jugendromane einen Namen gemacht. 2017 wurde bereits ihr Buch "Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie" (Original: "Before I Fall") verfilmt. Auch ich habe schon einige Bücher von ihr gelesen, wie beispielsweise das erst in diesem Jahr veröffentlichte Buch "Broken Things Alles nur (k)ein Spiel". Ausgerechnet "Panic" habe ich nun nicht gelesen, aber es ist klar, dass Oliver einen sehr eindeutigen Stil hat, der oft sehr gebrochene Figuren und leichte Thriller- oder Krimi-Elemente enthält. Dementsprechend fügt sich "Panic" alleine vom Papier her wunderbar ein. Nachfolgend könnt ihr nun aber nachlesen, wie mir die erste Serienadaption eines ihrer Romane gefallen hat.

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Foto: Panic - Copyright: 2021 Matt Lankes/Amazon Studios
Panic
© 2021 Matt Lankes/Amazon Studios

Der Serie gelingt es auf jeden Fall auf Anhieb eine sehr mystische Atmosphäre zu kreieren, denn das erste Voice-Over von Hauptfigur Heather Nill (Olivia Welch) verrät bereits, dass wir in einer kleinen Stadt in Texas nicht den Sommer des Lebens erleben werden. Stattdessen herrscht dort überall Hoffnungslosigkeit. Armut, Kriminalität und Abhängigkeiten, hier hat jeder sein Päckchen zu tragen, mal deutlich nach außen sichtbar, mal ganz tief in sich drin verborgen. Das ist sicherlich keine einladende Atmosphäre, sorgt aber umgekehrt dafür, dass die Sinne hellwach sind, denn es ist klar, hier kann immer etwas passieren und das sicherlich nicht im positiven Sinne gemeint. Zentraler Handlungsaspekt ist nun ein Spiel, an dem jeweils die Jugendlichen teilnehmen dürfen, die gerade die High School abgeschlossen haben. Doch bei "Panic" handelt es sich nicht um ein lustiges Gesellschaftsspiel, stattdessen ist hier der Name Programm, denn es geht darum, die Teilnehmenden an ihre Grenzen zu treiben. Zudem sind im vergangenen Jahr gleich zwei Teenager gestorben, was auch nochmal unterstrichen hat, wie gefährlich die Teilnahme werden kann. Dennoch ist die Teilnehmerzahl groß, denn der Gewinn von 50 000 USD ist für Kleinstädter wahrlich keine Kleinigkeit.

Foto: Jessica Sula, Mike Faist & Olivia Welch, Panic - Copyright: 2021 Amazon Studios; Courtesy of Amazon Studios
Jessica Sula, Mike Faist & Olivia Welch, Panic
© 2021 Amazon Studios; Courtesy of Amazon Studios

Es ist klar, dass "Panic" den zentralen Antrieb darstellt, diese Serie zu schauen, denn abseits davon sind die Handlungsaspekte wahrlich kein Alleinstellungsmerkmal. Deswegen war ich wirklich gespannt, wie die einzelnen Spielabschnitte umgesetzt werden würden, denn alleine schon die ausführlichen Triggerwarnungen vorweg haben schon angedeutet, dass es nicht zimperlich vonstatten gehen würde. ABER war die Darstellung nicht letztlich doch viel zu harmlos? Vielleicht lese ich zu gerne Thriller, aber ich fand die einzelnen Herausforderungen nicht sonderlich fesselnd oder nervenaufreibend dargestellt. Das liegt auch nicht mal an den einzelnen Prüfungen selbst, sondern tatsächlich an der szenischen Darstellung. Nicht viele der Herausforderungen von "Panic" werden 'live' dargestellt, stattdessen erfahren wir eher rückblickend etwas dazu oder sehen dann kleinere Sequenzen, die inhaltliche Lücken schließen soll. Das ist besonders deutlich an der Challenge zu sehen, als die Teilnehmenden blind zu einem Van zurückfinden sollen, aber die Chance auf eine Hilfestellung bekommen, indem sie dafür peinliche bis intime Fragen beantworten. Das klingt vom Papier her nun nicht zäh oder langweilig, aber genau so bleibt es hängen, denn für das Produktionsteam der Serie waren scheinbar nur die Fragen an sich von Wert, weswegen sie anschließend immer mal wieder eingestreut wurden. Mir ist bewusst, dass hiermit ein weiterer erzählerischer Kniff genutzt werden sollte, aber ich finde nicht, dass damit ein guter Deal eingegangen wurde, denn so wird der Spannungsbogen abrupt ausgebremst und stattdessen geht es nur um einen Überraschungseffekt, der aber qualitativ auch nicht sitzt, weil einige Wendungen leider zu offensichtlich waren. Denn wenn es manchmal zu sehr vor sich hin plätschert, hält man eben mehr die Augen nach den Details offen.

Ich will aber nicht alle Challenges verteufeln, gerade die beiden Herausforderungen, wo einmal bei einem schießwütigen Hausbesitzer etwas gestohlen werden musste oder wo alle in einem leeren Haus eingesperrt wurden, das hat deutlich besser geklappt. Und was war hier der Schlüssel? Die Kamera ist drauf geblieben, man hat also hautnah alles mitbekommen und das hat direkt eine ganz andere Atmosphäre kreiert. Dennoch bleibe ich insgesamt bei meiner Kritik, dass "Panic" zu brav bleibt. Wäre die Produktion von einem der Broadcastsender, hätte ich das Endergebnis wahrscheinlich abgenickt, aber es ist von einem Streamingdienst und die haben sich doch in den letzten Jahren als die Plattformen erwiesen, wo der Handlungsspielraum größer ist. Wenn die erste Challenge ist, dass die Teilnehmenden von unterschiedlich hohen Klippen springen müssen und der angeblich größte Angsthase namens Heather die größte Höhe wählt und dann abgeblendet wird, wenn sie abgesprungen ist, dann wurde Potenzial verschenkt; zumal dann eben in der nächsten Episode überhaupt keine Rede mehr davon war. Da wir gerade noch bei stilistischen Elementen sind, so finde ich auch, dass auf Dauer das Voice-Over nicht mehr geschickt genutzt wurde. Hat Heather mit ihrer philosophischen Art zunächst noch entscheidend dazu beigetragen, dass die entsprechende Atmosphäre entstehen konnte, ist es irgendwann zu gezwungen erschienen und hat die Handlung nicht mehr entscheidend beeinflusst.

Foto: Olivia Welch, Panic - Copyright: 2021 Matt Lankes/Amazon Studios
Olivia Welch, Panic
© 2021 Matt Lankes/Amazon Studios

So mit diesem ersten größeren Teil haben wir die Thrill-Elemente in "Panic" abgehakt; nun schauen wir auf die Figuren und hier zeigt sich definitiv eine große Bandbreite an kaputten Figuren. Heather habe ich bereits mehrfach angesprochen und sie ist mir über die erste Staffel hinweg wirklich sehr ans Herz gewachsen. Rein optisch erinnert sie ein wenig an die schöne Prinzessin, aber ihr Leben ist weit weg von Schloss und Reichtum. Mit ihrer Mutter Sherri (Rachel Bay Jones) hat sie definitiv nicht den Jackpot abgesahnt, denn diese hat einen fragwürdigen Männergeschmack und frönt gleich mehrere Süchte, weswegen auch nie Geld für die wirklich existentiellen Dinge des Lebens vorhanden sind. Heather musste deswegen schon früh erwachsen werden, denn da ist noch ihre kleine Schwester Lily (Kariana Karhu), die es besser haben soll. Trotz dieses Schicksals ist Heather keine knallharte Braut aus dem Ghetto, denn sie will Schriftstellerin werden, hat also eine sehr sensible künstlerische Seele und das macht sie auch oft nachsichtig. Für die Härte ist derweil ihre beste Freundin Natalie (Jessica Sula) zuständig, wodurch die beiden sich eigentlich perfekt ergänzen. Bei Natalie sind wir dann auch bei einem zweiten Knackpunkt der Serie angekommen, denn die Figurendarstellung hat mir nur zur Hälfte gefallen. Während ich für Heather und vor allem auch Dodge Mason (Mike Faist) die Hände ins Feuer gelegt hätte, ist es bei den anderen schon deutlich schwieriger. Zwar heiße ich ambivalente Figuren immer willkommen, denn niemand ist perfekt, aber das Bild ist oft zu undeutlich oder inkonsequent geblieben, als dass es einen bleibenden Eindruck hätte hinterlassen können.

Foto: Ray Nicholson & Olivia Welch , Panic - Copyright: 2021 Matt Lankes/Amazon Studios
Ray Nicholson & Olivia Welch , Panic
© 2021 Matt Lankes/Amazon Studios

Am besten kann man das sicherlich an Ray Hall (Ray Nicholson) darstellen, denn dieser ist in den ersten Folgen so eklig machohaft und mobbend, dass ich nicht hätte glauben können, dass er am Ende doch ganz okay ist. Hier wird natürlich mit dem Bild eines klassischen Bad Boys gespielt, der gerade im Jugendbereich immer Tradition hat, siehe ein Damon Salvatore in "Vampire Diaries" oder ein Ryan Atwood aus "O.C., California". Doch das Entscheidende ist dabei, dass man gleich erahnen muss, dass hinter der kühlen und abschottenden Art eine sensible Seite steckt. Ray hat sich aber wirklich völlig daneben benommen, auch gegenüber Heather. Und selbst wenn man aus großer Entfernung riechen konnte, dass er eigentlich auf Heather steht, habe ich mich lange schwer getan, das Flirten der beiden tatsächlich als romantisch zu empfinden, denn dafür hat es zu Beginn zu toxisch gewirkt. Erst am Ende sind ganz andere Seite zu erblicken, aber da ist es unter Umständen bereits zu spät. Natalie und Bishop Moore (Camron Jones) sind nun die engsten Vertrauten von Heather, aber gerade die beiden wurden wenn auch den Umständen geschuldet sehr wenig greifbar dargestellt. Es durfte mal was durchblitzen, aber vor allem hat man nur ihr mieses Spiel gesehen. Wenn am Ende dann die Wahrheit auf dem Tisch liegt, hätte ich mir gewünscht, dass hier noch ein wenig mehr gekommen wäre. Gerade Bishop habe ich am Ende, obwohl er sich mit der größtmöglichen noblen Geste verabschiedet, immer noch nicht ganz verstanden.

Foto: David Thompson & Leslie Ann Leal, Panic - Copyright: 2021 Matt Lankes/Amazon Studios
David Thompson & Leslie Ann Leal, Panic
© 2021 Matt Lankes/Amazon Studios

Man sieht wohl deutlich, dass bislang meine Kritikpunkte deutlich hervorstechen, aber trotzdem würde ich lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte die Serie nicht gerne gesehen. Ich glaube zwar auch, dass die Balance aus Spannung und zwischenmenschlichem Drama nicht immer gelungen ist, denn zwischendurch gab es schon sehr langatmige Passagen, aber die ganzen Geheimnisse, die sich hinter "Panic" verbergen, sind es eigentlich, die mich überzeugt haben. Denn es geht eben nicht nur um das aktuelle "Panic", sondern auch die Ereignisse von vielen Jahren davor spielen rein. So können sehr viele Geheimnisse aufgedeckt werden, es entstehen ungewöhnliche Allianzen und nicht zu vermutende Wendungen. Nicht alles klappt einwandfrei, da gewisse Hinweise einfach zu offensichtlich gestreut wurden. Dazu bleiben auch Logiklöcher offen, nicht alle Fragen werden beantwortet und doch ergibt sich am Ende ein Bild, mit dem ich sehr gut leben konnte. Es gibt zwar einen Cliffhanger, der locker den Aufgalopp für eine zweite Staffel hätte bilden können, aber inzwischen ist auch schon klar, dass Amazon auf eine Staffel 2 verzichtet. Und das ist okay, denn trotz weiteren Potenzials ist eine recht runde Geschichte geliefert worden, die vielleicht sogar besser in Erinnerung bleiben wird, also wäre sie künstlich verlängert worden.

Fazit

"Panic" ist an sich erstmal eine sehr solide Serienadaption, denn ich finde, dass der Stil von Lauren Oliver deutlich abzulesen war. Zudem ist eine wirklich runde Geschichte entstanden, nicht alles war dazu perfekt, aber die Handlung selbst hat mich nicht frustriert zurückgelassen. Etwas schwieriger sieht es nun im stilistischen Bereich aus, denn bei den Figuren und der Generierung von Spannung ist viel Potenzial vergeudet worden. Das ist dann doch etwas frustrierend, denn ich glaube die benötigten Veränderungen hätte keine Wendung um 180° bedeutet. Stattdessen reden wir hier über Nuancen, weil offenbar andere Prioritäten gesetzt wurden. Demnach kommt es hier wohl auf den Geschmack an, wie stark die Kritikpunkte tatsächlich wiegen.

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Lena Donth - myFanbase

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