Atypical - Review, Staffel 4

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Beinahe zwei Jahre hat die Wartezeit auf die vierte und finale Staffel der Comedyserie "Atypical" angedauert, was ganz schön lange ist, um die Vorfreude in der Zwischenzeit dauerhaft hoch zu halten. Tatsächlich war es bei dieser Netflix-Serie aber kein Problem, denn bei mir hatte sich Hoffnung (oder gar Gewissheit?) festgesetzt, dass so genug Zeit ist, um einen furiosen Abschied vorzubereiten. Ob das eingehalten wurde?

Foto: Michael Rapaport & Jennifer Jason Leigh, Atypical - Copyright: 2021 Netflix, Inc.; Tyler Golden/Netflix
Michael Rapaport & Jennifer Jason Leigh, Atypical
© 2021 Netflix, Inc.; Tyler Golden/Netflix

Die Gardners waren immer schon als Familie das Herzstück der Serie. Auch wenn der Ausgangspunkt vieler Handlungen sicherlich Sam (Keir Gilchrist) und sein Autismus sind, ist es dennoch gelungen, dass man als Zuschauer*in nicht immer nur diese Diagnose vor Augen hatte, sondern dass man die Gardners wie eine Familie wie jede andere auch wahrgenommen hat, die ihre ganz eigenen Dynamiken hat. Das ist in der finalen Staffel noch einmal deutlich unterstrichen worden. Zwar hat die Familie wegen Sams Auszug nicht mehr viele vollständige Szenen, aber die paar wenigen haben trotzdem gesessen, natürlich vor allem in der allerletzten Episode. Aber auch unabhängig von allen vier zusammen sind alle möglichen Zweierkombinationen noch einmal unter die Lupe genommen worden. Entweder um sie zu testen oder noch einmal die Entwicklung aufzuzeigen. Staffel 4 hat mir vor allem eine Wohltat beschert, dass die Eheproblematik von Elsa (Jennifer Jason Leigh) und Doug (Michael Rapaport) quasi ad acta gelegt worden ist. Es war sicherlich noch nicht alles wieder im Reinen, dafür ist gegenseitiger Betrug nicht mal eben zu überwinden, aber ihre Streitereien haben die Staffeln zuvor sehr bestimmt, so dass es diesmal schön war, sie größtenteils in Einigkeit zu erleben. Weiterhin waren Doug und Casey (Brigette Lundy-Paine) immer ein nicht zu trennendes Vater-Tochter-Duo, aber ihre Beziehung zu Izzie (Fivel Stewart) hat für einige Spannungen gesorgt und es war mal spannend, die beiden nicht als Einheit zu erleben. Eine weitere wichtige Beobachtung ist sicherlich auch der fortwährende Abnabelungsprozess zwischen Mutter und Sohn, denn wer hätte gedacht, dass Elsa Sam mal richtig loslassen kann? Zudem ist es nach vier Staffeln auch einfach schön, wenn man sich vor allem die Geschwister ansieht, aber auch Elsa und Casey. Das waren stets belastende Beziehungen, die unheimlich weit gekommen sind. Casey und Sam zusammen haben sich tatsächlich zu meinem liebsten Duo entwickelt, denn hier ist die Zuneigung eigentlich nur in Codes verpackt, aber dabei entstehen wirklich richtig herzerwärmende Bilder, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben werden.

Wenn man die Hauptfiguren jetzt noch einmal einzeln betrachtet, so hat sicherlich vor allem die Entwicklung von Sam das Zentrum von "Atypical" dargestellt. Da ist es auch erleichternd, dass wirklich auch jedes Mal der nächste Schritt gemacht wurde. Während mit Ende von Staffel 3 der Zusammenzug mit Zahid (Nik Dodani) angekündigt worden ist, erleben wir nun die Nachwirkungen, denn der Schritt ist für Sam wahrlich nicht einfach. Aber er entwickelt auch den nächsten Traum, nämlich eine Reise in die Antarktis. Auch wenn ich natürlich gleich als Kennerin von Sam dachte, wie soll das nur gut gehen, habe ich doch auch mit ihm gefiebert, dass er auf seine Weise einen Weg finden kann, dieses Vorhaben auch wirklich zu erfüllen, denn es ist wohl wirklich der nächste Schritt, den er noch gehen muss und der wegen des Sehnsuchtsortes so perfekt auf ihn und seine Faszination für Pinguine passt. Wie er sich dann in so vielen Punkten überwindet, um sich bestmöglich vorzubereiten, das war schon ein Sam, der mit dem aus Staffel 1 nicht mehr viel gemeinsam hatte. Dass er die Reise schließlich mit seinem Vater Doug antritt, bestätigt auch noch einmal die Familiendynamiken und die dabei abgebildeten Entwicklungen, denn Vater und Sohn waren sich stets auch fremd. Im Grunde sind sie sich auch noch fremd, als sie aufbrechen, aber man ahnt, dass dem mit ihrer Rückkehr wohl nicht mehr so sein wird. Dieser Schritt belegt aber auch, dass neben Sam auch die anderen Figuren immer noch ihre Geschichten bekommen haben, denn Doug war immer das Arbeitstier, der mit Chuck (Karl T. Wright) seinen Arbeitskollegen unvermittelt verliert und in eine kleine Sinneskrise gestürzt wird. Da ist der Männertrip mit Sam auch für ihn die ideale Lösung, sich wieder richtig selbst zu finden.

Foto: Brigette Lundy-Paine, Nik Dodani & Keir Gilchrist, Atypical - Copyright: 2021 Netflix, Inc.; Greg Gayne/Netflix
Brigette Lundy-Paine, Nik Dodani & Keir Gilchrist, Atypical
© 2021 Netflix, Inc.; Greg Gayne/Netflix

Schauspielerisch hat natürlich Gilrichst in der Darstellung von Sam wirklich vier Staffeln lang einen überragenden Job abgeliefert und doch habe ich Lundy-Paine immer noch ein Stückchen mehr bewundert, denn ihre Casey konnte nur Kult-Status gewinnen. Alleine ihre ewigen Fehden mit ihrer Mutter, die doch gleichzeitig immer von tiefer Liebe erzählten und ihr Umgang mit Sam, der oft hart wirkte, aber letztlich genau richtig war, bei all dem war sie aber stets ein sehr sensibles Mädchen, das auch keinen einfachen Weg hatte. In Staffel 4 wird bei ihr nun das Thema Angststörung behandelt, denn zunehmend zerbricht Casey an den ihr entgegengebrachten Erwartungen. Während sie sich für ihre Freundin Izzie, für Sam und auch für den zwischendurch erkrankten Zahid aufrecht hielt, ist sie doch innerlich immer mehr zerbrochen und das gipfelt in einer tollen Episode über sie kurz vor dem Serienfinale, wo Casey wieder den Weg zu ihrem wahren Inneren finden darf. Dabei hat sie auch stets ihre Mutter Elsa an ihrer Seite, die ihrerseits eben damit leben muss, dass bald beide Kinder aus dem Haus sein werden und die dabei ihre eigene Mutter-Tochter-Beziehung reflektiert. Denn sie hatte unter ihrer Mutter Lillian (Jenny O'Hara) immer sehr zu leiden und muss nun feststellen, dass diese an Alzheimer erkrankt ist und wie ausgewechselt ist. Es wird für Elsa nur ein halber Trost sein, dass sie nun auf eine liebevolle Frau trifft und dennoch hat man deutlich gemerkt, dass sie die Momente doch dankbar mitnehmen kann.

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Foto: Keir Gilchrist, Atypical - Copyright: 2021 Netflix, Inc.
Keir Gilchrist, Atypical
© 2021 Netflix, Inc.

Während ich es verstehe, dass Zahid und vor allem Evan (Graham Rogers) diesmal eher zu kurz kamen, denn es war schon wichtig, dass so viel Erzählzeit für die Gardners vorhanden war, möchte ich noch ein paar Worte zu Paige (Jenna Boyd) und Izzie verlieren. Letztere hatte es bei mir nicht gerade einfach, denn Evan war schon einfach goldig inszeniert wurde und es war doch irgendwie schade, seine Beziehung zu Casey zerbrechen zu sehen und doch ist diesmal sehr, sehr viel an der Charakterarbeit von Izzie getan hat, was mir doch sehr geholfen hat, um endlich mit ihr warm zu werden. Bei Paige wiederum ist es einfach so, dass sie wohl für immer mit ihrer Art eine der nervigsten TV-Figuren der Geschichte sein wird, aber gleichzeitig beweist Staffel 4 auch noch einmal eindrucksvoll, dass man sie aber doch irgendwie ins Herz schließen muss. Paige ist eine Figur der Extremen, wo es kein Dazwischen gibt und das sieht man besonders in ihrer Liebe für Sam. Denn ihn zu lieben, ist sicherlich keine Selbstverständlichkeit, weil er die Liebe nicht ebenso wiedergeben kann und obwohl Paige eine Enttäuschung nach der anderen einstecken muss, bleibt sie stets treu an seiner Seite und lebt damit, dass sie doppelt geben muss, um das aufzufangen, was Sam nicht geben kann. Deswegen möchte ich noch die grandiose Szene im Restaurant ansprechen, als sie eine sehr erwachsene Entscheidung bezüglich ihrer Beziehung treffen. Denn dort hat Paige etwas von Sam bekommen, was erstmal keinem Happy End gleichkommt, was aber die größte Anerkennung für sie ist, die sie wohl von ihm kriegen konnte. In dem Sinne ist es auch für mich als Zuschauerin bitter nötig anzuerkennen, dass "Atypical" ohne Paige nicht dasselbe gewesen wäre; trotz vieler gekosteten Nerven.

Fazit

Eigentlich wage ich das Wort 'perfekt' gar nicht gerne in den Mund zu nehmen, aber für diese finale Staffel von "Atypical" muss ich es aufgreifen. Im Vorfeld kann man sich noch so vieles ausmalen, aber dann sieht man als Fan die Umsetzung des Kreativteams und begreift, dass es noch viel besser ging. Alle Hauptfiguren haben in dieser Abschiedsstaffel noch einmal die besonderen Momente bekommen und die ganze liebevolle Art und Weise, die der Produktion von Staffel 1 an anzumerken war, ist hier noch einmal bestätigt worden. Netflix kann sich mit "Atypical" wirklich zu einer durchweg tollen und damit empfehlenswerten Serie gratulieren!

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Lena Donth - myFanbase

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