Bewertung: 7

Review: #6.04 Lust und Frust

Foto: Christina Hendricks, Mad Men - Copyright: Frank Ockenfels/AMC
Christina Hendricks, Mad Men
© Frank Ockenfels/AMC

Die aktuelle Staffel von "Mad Men" beschäftigt sich weiterhin mit den verschiedenen Aspekten von Untreue und dem Hintergehen im allgemeinen Sinne. Während man mit #6.03 The Collaborators eher auf die Perspektive der Männer blickte, stehen in #6.04 To Have and To Hold die Frauen im Fokus des Geschehens. Dabei setzt sich Megan mit ihrer ersten On-Air-Liebesszene auseinander, und besonders Dons Reaktion darauf. Der muss zudem noch mit Peggys erstem direktem Angriff auf seinem ureigensten Berufsfeld als Konkurrentin ausstehen. Dazu kommt Joan, die einer guten Freundin zu etwas außerehelichem Spaß verhilft und immer noch die Auswirkungen ihrer eigenen Entscheidungen zu spüren bekommt, die ihr die Partnerschaft eingebracht hat. Durchwoben werden diese Geschichten von dem Betrug SCDPs an Raymond Geiger, dem Bohnen-Kunden von Heinz, der von Ketchup ausgebootet werden soll.

"It's right in front of you for the taking."

Da die reine Untreue in einer Zweierbeziehung zu den Kernmotiven von "Mad Men" gehört und dabei auch schon mehrfach durchleuchtet wurde, sind es hier für mich wieder einmal die beruflich-professionellen Dynamiken, die die größte Faszination ausüben. Besonders Joans Stellung innerhalb der Agentur, in der sie ja nun mittlerweile Partnerin ist, wird hier wunderbar vielschichtig dargestellt. In ihrem Konflikt mit Harry Crane kommt dabei das zu Tage, was nach den Ereignissen in #5.11 The Other Women zu befürchten war. Ihre Beförderung wird nicht auf ihre zahlreichen Verdienste für die Agentur zurückgeführt, sondern auf die degradierende Tat, die nötig war, um für diese überhaupt in Betracht zu kommen. Dabei hat Harry, trotz all seiner arroganten Sprüche und seiner ganzen herablassenden Art aus seiner Perspektive durchaus auch Recht mit seinen Vorwürfen. Ihm würde eine derartige Beförderung sicher auch zustehen. Das heißt ja aber nicht, dass Joan sich ihre Stellung nicht hart erarbeitet hat. Es ist so traurig zu wissen, dass sie es ohne sich selbst zu prostituieren dennoch nie geschafft hätte. Und noch viel schlimmer ist, dass die Männer um sie herum, die das ganze Ausmaß der Nachteile Joans, die die nur hat, weil sie eine Frau ist, nie sehen werden. Sie werden sie weiterhin wie eine Sekretärin behandeln, wenn auch eine, die sie respektieren. Am Ende deutet Joans Entschluss, Dawn einige ihrer Sekretärinnenverpflichtungen anzuvertrauen, an, dass sie an dieser Wahrnehmung ihrer Position in der Firma etwas ändern möchte. Dabei freut es mich besonders, dass sie eben Dawn als ihre Nachfolgerin ausersehen hat.

"Everyone's scared. Women crying in the ladies' room. Men crying in the elevator."

So rückt nicht nur endlich die erste wichtige afroamerikanische Figur seit Carla (wobei die als Hausmädchen ja noch viel mehr in traditionellen Rollenklischees verwoben war und somit inhaltlich nichts mit der Emanzipation der Afroamerikaner zu tun hatte) in den Fokus, auch Dawn als Charakter erhält mehr Facetten und Tiefe. Mich hat dabei besonders beeindruckt, dass man ihre Situation hier, über die kurzen Treffen mit ihrer guten Freundin, nicht nur als Alibi benutzte, um endlich die seit Jahren im Raum stehende Frage der Gegensätze der verschiedenen Kulturen in Amerika auf den Tisch zu bringen, sondern auch einen ganz neuen Einblick in die täglichen Abläufe innerhalb von Sterling Cooper Draper Pryce zu erzeugen. Dawn fungiert als Charakter, der zwar immer präsent ist und die meisten Ereignisse mitbekommen hat, der diese aber aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet. Ihre kurze, prägnante Zusammenfassung der Zustände in der Agentur hat dies wunderbar deutlich gemacht. Dass Dawn dann die Entscheidung trifft, sich an Joan zu orientieren, macht sie mir zudem gleich noch viel sympathischer. Natürlich hat auch Joan ihre Fehler, und die Lösung des Scarlett-Problems war sicher nicht die eleganteste. Dennoch ist Joan eine Frau mit Prinzipien, zu denen sie steht. Ganz besonders wenn es um ihren Führungsstil geht. In meinen Augen geht es gerade für sie als Frau in einer solchen Mittlerinposition zwischen den mächtigen Männern und den Angestellten darum, eine klare Linie zu finden. Vielleicht könnte eine andere Person dies auf einem netteren Weg regeln, Joan hat sich für ihre Art der Diktatur entschieden, wie Harry ihr zynisch vorwirft (der gut Reden hat, schließlich muss er auch nicht den gesamten Stab am Laufen halten), und sie ist gut darin.

Privat wirkt Joan dagegen manchmal viel verlorener, zumindest erscheint sie auf ihrem Ausflug in die Hippie-Diskothekenszene wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Und sicher ist Joan auch ein wenig einsam, allein mit dem Baby und ihrer Mutter. Aber mich beschleicht nach der Episode doch auch das Gefühl, dass sie so mehr Freiheiten besitzt, das zu tun, was sie will, niemandem Rechenschaft ablegen muss und sogar ihre Mutter gibt zu, dass sie stolz auf sie ist. Dieser Zustand ist allemal besser, als all die verschiedenen Depressionen, die die Männer der Serie in ihren nach außen so glücklich zelebrierten Ehen entwickelt haben.

"It's a hell of a lot better than letting my imagination run wild."

Besonders Don legt hier mal wieder einiges an unentschuldbarem Verhalten an den Tag, in diesem Falle seiner jungen Frau gegenüber. Der Prostituiertenvergleich vom Ende der Episode ist wirklich unverzeihlich, zumal uns ja nun gerade wieder vorgeführt wurde, wie tief Dons Verbindung zu Huren in einer Beziehung zu Frauen verwurzelt ist. Auf mich wirkt es momentan so, als torpediere Don aus seinem Unterbewusstsein heraus die Ehe zu Megan. Mit der Affäre direkt vor deren Nase und eben mit solchem schrecklich herablassenden Verhalten ihr gegenüber. Dies ist eine ziemlich perfide Strategie, denn er weist jegliche Verantwortung für sein Unglücklichsein von sich und überlässt mehr oder weniger Megan die Entscheidung, die Beziehung zumindest in Frage zu stellen. Dabei ist es er aber selbst, der sich in der Beziehung nicht mehr wohl fühlt. Dieses Verhalten ist sicher konform mit Dons Charakter, schön anzusehen ist es dennoch nicht. Mir tut Megan einfach unheimlich leid, da Don bei der ganzen Sache auch immer diese passive-aggressive Methode anwendet, die irgendwie suggeriert, alle Probleme wären Megans Schuld. Mittlerweile hoffe ich wirklich sehr, dass in dieser Beziehung bald die volle Wahrheit auf den Tisch kommt, auch wenn dies natürlich zunächst unheimlich schmerzvoll für alle Beteiligten wird.

"Change the conversation."

In beruflicher Hinsicht ist Don dagegen weiterhin faszinierend wie eh und je. Hier bemüht er sich gemeinsam mit Pete und Stan um den Heinz-Ketchup-Etat, in aller Heimlichkeit und hinter dem Rücken des eigentlichen Stammkunden der Agentur Raymond Geiger. Dabei kommt es dann zum Showdown mit Peggy und Ted Chaugh. Wir sehen die beiden doch sehr gegensätzlichen Entwürfe für die Ketchup-Werbung des ehemaligen Meisters und seiner Schülerin. Wobei in meinen Augen beide zwar sehr unterschiedliche, aber dennoch gute Strategien darstellen. Die Ironie der Sache ist dann, dass beide verlieren, wobei SCDP natürlich den höheren Preis bezahlt, denn auch Raymond hat Wind von der Sache bekommen und feuert wütend die Agentur.

Viele kleine Details erfahren wir zudem aus den unzähligen Dialogen: Da ist die Tatsache, dass Bert Cooper in seiner aktiven Zeit einen ähnlichen Job inne hatte wie Harry Crane, wobei er damit wohl eher nicht das Fernsehgeschäft gemeint hat. Dazu kommen wieder viele Bezüge zum andauernden Vietnamkrieg, am deutlichsten bei Kens Bemerkung über Dow Chemicals Einsatz von Napalm und natürlich beim Dinner zwischen den Drapers und dem swingerliebenden Ehepaar, bei dem Don die Bedenken der Werbegeldgeber in Bezug auf kritische Politikthemen erläutert. Dazu kommt die dahingeworfene Erwähnung, dass die Werbeindustrie mittlerweile Rechenschaft ablegen muss, ob und wie viele afroamerikanische Mitarbeiter sie beschäftigt und der spitzfindigste Seitenhieb überhaupt ist die Getränkebestellung von Ted Chaugh, denn dieser ist ein erfundener Drink aus der Serie "30 Rock".

#6.04 To Have and To Hold (was übrigens der Titel von Megans Seifenoper ist) überzeugt besonders durch die beiden akzentuierten, ineinander verwobenen Handlungsstränge rund um Joan und Dawn, die wieder einmal die Dynamik von Frauen am Arbeitsplatz gekonnt darstellen. In Bezug auf Dons Untreue wiederholt man zwar weiterhin nur altbekannte Wege, aber dies machen die Damen in der Serie mit interessanten Geschichten dann locker wieder wett.

Cindy Scholz - myFanbase

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