Bewertung: 8

Review: #3.03 Im Rausch

Foto: Christina Hendricks, Mad Men - Copyright: Carin Baer/AMC
Christina Hendricks, Mad Men
© Carin Baer/AMC

Gäbe es bei "Mad Men" eine Musical-Episode, dann sähe diese wohl ähnlich wie #3.03 My Old Kentucky Home aus. Es scheint generell in der aktuellen dritten Staffel viel um Musik zu gehen, und bisher gab es doch auch mindestens eine musikalische Darbietung, ich erinnere nur an das prägende "Bye, Bye, Birdie". Aber hier gibt es in fast jeder der Handlungsstränge eine Gesangs- oder Tanzeinlage. Zumindest aber haben wir hier eine Partyepisode, die aus der großen Handlung etwas das Tempo herausnimmt, und mehr dafür da ist, die aktuelle Gefühlslage der Protagonisten zu präsentieren.

Hello My Baby

Die jungen Kreativen müssen ein Wochenende in der Agentur verbringen, weil sie neue Ideen für eine Bacardi-Rum-Kampagne benötigen. In diesem Falle betrifft das Peggy, Paul und Smittey. Speziell Paul ist frustriert darüber, dass er seine Zeit hier verbringen muss, und nicht wie Pete und Ken zur Party im Country Club eingeladen wurde, die Roger Sterling und seine frisch angetraute Jane dort geben. Es wird offensichtlich, dass er von den jüngeren Mitarbeitern der einzige ist, der noch nicht die Karriereleiter weiter hoch geklettert ist. Pete und Ken sind mittlerweile beide Vorstand der Buchhaltung und Harry hat seinen Posten als Leiter der TV-Abteilung. Nur Paul ist noch genau da, wo er am Anfang stand. Im Gegensatz zu Paul ist diese Position für Peggy ein Erfolg, denn sie hat sich diesen Posten durch Talent, Kreativität und Cleverness erarbeitet. Ihr Weg begann nicht wie Pauls in Princeton, sondern auf der Sekretärinnenschule, und sie hat es seither weit gebracht und ich glaube, sie ist auch noch nicht am Ende ihres Weges angekommen.

Der Teil der Geschichte, der sich mit Peggy und Paul befasst, ist leider vom Aufbau her der schwächste der Episode, denn man wählt hier das bereits in sämtlichen Serien, von den harmlosen Familiendramen bis zu den Standard-Sitcoms, immer wieder vorkommende Thema des Experimentierens mit Marihuana. Und man geht dabei den vorhersehbaren Weg, dass die eigentlich brave Peggy einmal rebellisch wird und ebenfalls die Droge ausprobiert.

Aber von Anfang an, als bei den Überstunden im Büro nicht viel herauskommt, beschließen Paul und der noch anwesende Smittey (schön übrigens zu wissen, dass der noch bei Sterling Cooper arbeitet) die Stimmung aufzulockern und einen alten Freund von Paul anzurufen, der immer etwas zum Rauchen hat. Das eigentliche Ziel der Aktion, die Atmosphäre aufzulockern, um mit neuen Ideen für Bacardi-Szenarien aufzuwarten gerät schnell aus dem Auge. Als Peggy dazu stößt, ist sie entgegen Pauls Erwartungen weder entsetzt noch überrascht, im Gegenteil. Ihre selbstbewussten Worte dazu sind: "I'm Peggy Olson, and I want to smoke some marihuana!". Danach kommt es zu den fernsehüblichen "alle sind high, haben Appetit und reden wirres Zeug"-Szenen, die mich an dieser Storyline so stören. Nicht, dass diese schlecht oder konstruiert sind, und vielleicht ist das heimliche Rauchen von Marihuana für die Zeit auch durchaus provokativ, aber für den heutigen Zuschauer doch leider ein alter Hut und bringt auch bis kurz vor dem Ende keine Überraschungen. Erst als Peggy im Rausch beginnt neue Ideen für die Werbekampagne zu entwerfen, wird es interessant. Im Gegensatz zu den anderen beflügelt sie das Drogenerlebnis und sorgt für eine Eingebung, nicht nur für die Kampagne, auch über ihren Standpunkt im Leben. Ihrer neuen Sekretärin Olive gegenüber, die sich auf mütterliche Art um Peggy sorgt, präsentiert sie sich selbstbewusst wie nie. Peggy erkennt für sich, was sie bisher erreicht hat, dass sie einen Stellenwert in ihrem Leben hat, auf den sie stolz sein kann, und das sie glücklich darüber ist: "I'm going to be fine, I really am."

Da ich davon ausgehe, dass diese Erleuchtung, die Peggy unter dem Einfluss der Drogen hatte, nicht bedeutet, dass sie jetzt weiterhin Pott raucht, genau so wenig wie sie nach ihrem Abenteuer mit dem Studenten in nächster Zeit ein zügelloses Sexleben führen wird, kann ich über den klischeehaften Aufbau dieser Geschichte hinwegsehen, denn die erleuchtete Peggy zu sehen, war es definitiv wert.

My Old Kentucky Home

Auf der Party der Sterlings treffen währenddessen die höhergestellten Mitarbeiter aufeinander. Die Drapers sind anwesend, genau wie die Campbells und die Cranes. Im Gegensatz zu den erstgenannten merkt man Harry und seiner Frau Jennifer deutlich an, dass sie es nicht gewohnt sind, sich in diesen Kreisen zu bewegen. Im Gegensatz dazu überraschen Trudy und Pete mit einer Tanzeinlage, die seinesgleichen sucht. Ein sehr denkwürdiger Moment, der wesentlich weniger befremdlich ist, als das Ständchen, welches Roger mit schwarz angemaltem Gesicht seiner jungen Ehefrau darbietet. Hierbei fühlt sich Don sichtlich unwohl, und am liebsten möchte er diese Feierlichkeit direkt da verlassen, aber Betty amüsiert sich gut. Es wird wieder einmal deutlich, dass Don, so gut er nach Außen in die so genannte "Bessere Gesellschaft" passt, mit seiner Rolle darin nicht glücklich ist. Als er sich von den anderen Gästen zurückzieht, kommt es zu einem Gespräch mit einem Fremden, in dem Don für seine Verhältnisse sehr offen über seine Kindheit und Jugend spricht, und einen bezeichnenden Ausspruch anbringt: "It's different inside". Genau das gilt für all seine Lebensbereiche, in denen er eigentlich genau das erreicht hat, was er sich früher erträumte. Beruflicher Erfolg, gesellschaftliche Relevanz, Frau und Kinder. Aber es fühlt sich eben nicht so an, wie er es sich vorstellte.

Betty wird hingegen in ihrem Verhalten immer provokanter, und entfernt sich immer mehr von Don. Mittlerweile ist sie nicht mehr nur noch emotional völlig verschlossen ihm gegenüber, sie lässt sich auf einen offensichtlichen Flirt mit einem Fremden ein, und geht dabei völlig ohne Skrupel das Risiko ein, dass es nicht nur Don, sondern alle anwesenden Gäste mitbekommen. Die Situation erinnert mich an eine Szene aus dem Stanley Kubrick Film "Eyes Wide Shut", in der Nicole Kidman in einem atemberaubend gespielten Monolog ihrem Ehemann, der von ihrem damaligen Partner Tom Cruise gespielt wurde, beichtet, wie sie einen Fremden kennen lernte, und wie sie zwar nur in Gedanken, aber eben da vollkommen, sich diesem Mann hingab. "Eyes Wide Shut" ist die Studie einer Ehe, die aus dem Inneren heraus zerbricht, und oftmals weist "Mad Men" mit der Draper-Ehe viele Parallelitäten zu dieser Grundkonstellation auf. Und hier haben Betty und der Fremde mir stark zu denken gegeben, ich befürchte, wir haben bisher nur die Spitze des Eisberges gesehen, von Bettys innerer Distanz zu ihrem Mann. Und auch als Don, der sich, nachdem er Roger und Jane glücklich zusammen gesehen hat, zu Betty geht, sie leidenschaftlich küsst und sie diesen Kuss erwidert, ist dies wohl nur der Ausdruck der Sehnsucht beider nach wahrer, echter Leidenschaft, die zwischen ihnen offensichtlich nicht mehr vorhanden ist.

Aber trotz der Erfahrung seiner eigenen Einsamkeit in einer gesellschaftlich anerkannten Ehe, kann Don Rogers Glück mit Jane nicht akzeptieren. Er hält ihn für einen Narren, und der macht es einem auch nicht besonders schwer mit seiner albernen Gesangseinlage, und seiner bisher doch nur zickigen und oberflächlichen Ehefrau. Aber anscheinend macht sie ihn glücklich, auch wenn Don das nicht wahrhaben will. Schön in diesem Zusammenhang auch mal wieder, wie "Mad Men" in einem kleinen Nebensatz den Bezug zur Zeitgeschichte herstellt. Diesmal in Form eines Gastes (übrigens Bettys besagter Fremder), der beim berühmten New Yorker Gouverneur Rockefeller arbeitet. Der sorgte damals für den Skandal schlechthin, als er nur einen Monat nach seiner Scheidung Margaretta Murphy heiratete. Sie war eine ehemalige Mitarbeiterin von ihm und 18 Jahre jünger. Rockefeller verließ für diese Ehe seine Frau, mit der er 31 Jahre verheiratet war. Wen erinnert das nicht an unseren Roger? Aber genau wie die Sterlings, gaben die Rockefellers an, einfach nur glücklich zu sein.

C'est Magnifique

Joan und ihr mittlerweile Ehemann Greg sind ebenfalls die Gastgeber einer kleinen Feier. Sie haben Gregs Vorgesetze zu Besuch, und Joan versucht als gute Gastgeberin zu glänzen. Dies gelingt ihr wie immer mit Stil und Würde, auch wenn immer mehr klar wird, dass ihr Ehemann nicht die gute Partie ist, die sie sich von ihm erhofft. Zu seinem privatem fragwürdigen Verhalten ihr gegenüber kommt noch der offensichtliche berufliche Misserfolg dazu. Greg ist nicht der gute Arzt, den er nach außen vorgibt. Und als das Gespräch für ihn einen peinlichen Verlauf nimmt, schickt er seine Frau vor, für die Gäste einen musikalischen Vortrag zu geben. Eine Bitte an die Ehefrau, sich vor den Freunden des Mannes zu präsentieren kann eine Geste des Stolzes sein, aber hier ist es ganz klar eine Demütigung für Joan, denn Greg will mit Joans Charme und ihrem Können von seinen eigenen Unzulänglichkeiten ablenken.

Anhand von Joans noch junger Ehe kann man als Zuschauer gut beobachten, wie es kommen kann, dass eine so schöne und kluge Frau wie Joan, die sich ihren Mann aber nur nach den äußeren passenden Merkmalen aussucht, plötzlich in einer Beziehung steckt, die nur auf den Vorteil des Ehemannes ausgerichtet ist, und ihre Bedürfnisse nicht mehr vorhanden sind.

"You people, you think money is the answer to every problem." - "No, just this particular problem."

Die einzige Geschichte in dieser Folge ohne Musikeinlage dreht sich um Großvater Gene und Sally. Gene, der nun zum Draper'schen Haushalt gehört, verbringt viel seiner Zeit mit Sally, er lässt sich von ihr aus "Aufstieg und Fall des römischen Imperiums" vorlesen und widmet sich ihr. Aber Sally, die schon lange Anzeichen von rebellischem Verhalten zeigt, wahrscheinlich weil sie sich nach der Aufmerksamkeit ihrer Eltern, speziell ihrer Mutter sehnt, dankt es ihm, in dem sie Gene bestiehlt. Betty, die wie immer in letzter Zeit weder Interesse für ihren Vater noch für ihre Tochter zeigt, tut den Vorfall als Zeichen von Genes Vergesslichkeit ab, und Don versucht lediglich das Geld zu ersetzen, und so bleibt das Problem ungelöst, als Don und Betty zu ihrer Feier fahren. Da Sally ein schlechtes Gewissen bekommt, lässt sie wie zufällig das Geld wieder auftauchen. Gene hat sie zwar durchschaut, lässt sie aber mit diesem Verhalten davon kommen.

Auch wenn am Ende dieser Folge nicht ganz klar ist, was man dem Zuschauer damit sagen will, finde ich die Dynamik zwischen Sally und ihrem Großvater doch sehr spannend. Vielleicht wird über ihn endlich einmal die Problematik angesprochen, die schon lange in Sally brodelt. Vielleicht bringt die Anwesenheit Genes im Hause Draper eine Veränderung in die eingefahrene Familiensituation, die zwar nach außen recht idyllisch scheint, bei der aber doch vieles im Argen liegt.

Fazit

Obwohl in dieser Folge fast noch weniger passiert ist, als man es sonst von "Mad Men" gewohnt ist, wurde ich doch sehr gut unterhalten. Und da mir bis auf die klischeehafte Drogengeschichte alle einzelnen Handlungsstränge sehr gut gefallen haben, gebe ich dieser Episode diesmal optimistische 8 Punkte.

Cindy Scholz - myFanbase

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