Bewertung: 8

Review: #6.07 Verraten und verkauft

Foto: Claire Danes, Homeland - Copyright: 2017 Twentieth Century Fox Home Entertainment
Claire Danes, Homeland
© 2017 Twentieth Century Fox Home Entertainment

Wer bisher noch nicht genau wusste, welche Strippenzieherqualitäten Dar Adal hat, der bekommt in dieser Episode eine wunderbare Kostprobe seiner ganzen Vielfalt, denn er hat wirklich überall seine Finger im Spiel.

"She is winning the argument."

Fangen wir mit den offensichtlichen Eingriffen an, die von Beginn an klar waren. Dar Adal muss mit General Jamie McClendon ansehen, wie die angehende Präsidentin Elizabeth Keane durch ihre Offenbarung, ihren Sohn im Krieg verloren zu haben, bei den Menschen durchaus punkten kann, und sie es dadurch wieder einfacher haben könnte, ihr Rückzugsprogramm umzusetzen. Die Stimmung kippt also eventuell, doch Dar Adal macht sich deswegen keine großen Sorgen. Der Auftritt von Robert Knepper ist dabei mal wieder lächerlich. Man hat ihn in sieben Episoden jetzt zwei Mal kurz gesehen, er hat wahrscheinlich etwa 15 Wörter gesprochen. Ich finde schon, dass man ein bekanntes Gesicht, welches man auch irgendwie im Vorfeld angepriesen hat, mehr einsetzen sollte. Ich gehe erst mal davon aus, dass da in den nächsten Episoden noch mehr kommen wird, aber bis hierhin ist es absolut blass.

"Is this a debrief or an interrogation?"

Derweil versucht sich Saul Berenson wieder mit Majid Javadi zu treffen, doch dies plant Dar zu verhindern. Saul wird erst mal aufgehalten und muss sich an offizieller Stelle zu seiner Reise äußern, so dass Dar Javadi ein paar unangenehme Leute auf den Hals hetzen kann, weil er Javadi als Verräter angeklagt hat. Ich bin ja durch "24 - Twenty Four" schon viel gewohnt, aber ich kann Folterszenen einfach nicht ertragen. Mir hat der Finger jedenfalls auch direkt wehgetan, als ich das mit einem halben Auge mitansehen musste, wie man Javadi zum Reden bringen wollte. Doch Adals Plan geht schief, weil ein mit Javadi sympathisierender Anhänger sich an die Vergangenheit erinnerte und selbst denken wollte. Im Prinzip ist das super, nur das er hier die falsche Entscheidung trifft. Das hilft der Geschichte aber erst mal weiter, denn Saul und Javadi können sich doch treffen und Saul kommt der Wahrheit und Adals Komplott dadurch immer weiter auf die Spur. Gut, er weiß jetzt sicher, was der Zuschauer auch bereits weiß, aber jetzt kann er in die aktivere Rolle übergehen. Zunächst muss er noch Javadis Bedingungen erfüllen, wobei ich hier gespannt bin, ob es schwierig oder einfach wird, mit Keane zu verhandeln. Am spannendsten bleibt aber die Konstellation Adal vs. Berenson. Ich wünsche mir sehr, dass Dar sich auch mal wieder richtig strecken muss

"The deal Dar Adal made."

Mit freudiger Überraschung tauchte am Ende der letzten Episode Astrid auf und ich hatte mir natürlich einige Gedanken gemacht, warum gerade sie wieder auftaucht. Ich dachte, dass Carrie Mathison sie angerufen hatte, weil Astrid die einzige Person wäre, der Peter Quinn noch vertrauen könne und sie so wieder zu ihm zurück finden könnte. Doch zu meiner erneuten Überraschung stellt sich heraus, dass auch dieser Teil von Dar Adal gelenkt wurde. Er hat Astrid hinzugezogen, um Quinn zu kontrollieren und vor allem um Carrie zu kontrollieren. Peter ist nicht wirklich in der Lage, sich dagegen zu wehren. Er versucht es zwar, indem er flüchtet, aber der Versuch ist auch eher kläglich. Nun sitzt er da also in einem Haus am See und muss einsehen, dass es eigentlich die beste Alternative für ihn ist, weil er nur so endlich Ruhe bekommt. Dass Dar Adal ihm auch noch erzählt, dass Carrie ihn nicht liebe, sondern sich nur schuldig fühle, weil sie verantwortlich für seinen Zustand sei, ist sicherlich noch etwas in Peter gebrochen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass es für Peter trotzdem eine Art Motivation bedeutet, um wieder nach New York zu kommen, weil er die neuen Fakten von Carrie mit Sicherheit erklärt bekommen will. Man wird sehen, was hier noch kommen wird. Unterm Strich zeigt auch dieser Teil der Episode, wie durchtrieben und kalkulierend Dar Adal ist, damit er auch alle Strippen in der Hand hält.

"Do you think that she felt save?"

Am intensivsten war natürlich die Storyline um Carrie und ihre Tochter Franny, die vor allem deshalb so genial ist, weil man irgendwie alle Positionen verstehen kann. Wenn man nur die Fakten nimmt, dann sieht es natürlich nicht so aus, als wenn Carrie für das Wohl ihrer Tochter sorgen könne. Allerdings sind diese Fakten auch etwas einseitig und als dann am Ende der Schocker kommt, dass auch hier Dar Adal seine Finger im Spiel hat und womöglich das entscheidende Argument gegen Carrie geliefert hat, muss man alles noch mal unter einem neuen Blickwinkel betrachten. Hat Dar Adal von Anfang an das Verfahren befeuert oder nur am Ende entscheidenden Einfluss genommen? Wie skrupellos kann ein Mann eigentlich sein, wenn er einer sich alle Mühe gebenden Mutter das Kind wegnimmt.

Hier muss man aber erst mal der Reihe nach alles aufarbeiten. Ich finde es absolut krass, dass man Franny ohne Information an Carrie in der Kita aufsucht und befragt, diese dann sogar in Gewahrsam nimmt und ihrer Mutter vollkommen wegnimmt. Und das auf der Grundlage, dass das Kind sagt, dass sie sich fürchte. Das ist wirklich heftig. Irgendwie ist es unglaubwürdig, dass sich das Jugendamt so derart intensiv kümmert, obwohl Franny ja nun nicht auffällig gewesen ist. Man hat zumindest nicht gezeigt, dass sie Albträume hätte, dass sie in der Kita vielleicht aggressiv sei oder in irgendeiner anderen Form verhaltensauffällig wäre. Aufgrund einer solchen Aussage dann gleich das Schlimmste in die Wege zu leiten, was man einer Familie antun kann, ist mehr als grenzwertig.

Hier gibt es auch noch ein paar andere aus meiner Sicht unglaubliche Dinge. Da wäre zunächst das erste Gespräch zwischen Carrie und Christine Lonas, welches damit beendet wird, in Lonas' Büro zu gehen, damit sie ihre Ruhe haben. Und dann ist das ein Großraumbüro fern ab jeder Privatsphäre, in welchem aber zufällig gerade kaum jemand vor Ort ist. Naja, ich wäre trotzdem fast von der Couch gefallen. Wäre ich Carrie gewesen, ich hätte der Frau wohl gleich mal die Leviten gelesen.

Des Weiteren finde ich schon, dass Lonas ihre Arbeit nur bedingt gut macht. Sie befragt zwar alle Leute und sammelt Argumente, aber offenbar versucht sie ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, weil sie meiner Meinung nach nicht die richtigen Fragen stellt. Sie hätte Franny auch mal fragen können, wie sie zu Peter steht, ob sie ihn vorher gemocht hatte und ob sie glauben könnte, irgendwann wieder keine Angst vor ihm zu haben. Immerhin hatte sich Franny an Peter wirklich gewöhnt und ihn liebgewonnen. Darüber hinaus kann man Carrie nur bedingt den Vorwurf machen, dass sie Franny mit Peter allein ließ, weil genau in diesem Moment Franny und Peter sich wunderbar unterhielten. Dass sie Lage dann eskalierte, ist vor allem Schuld der Presse und der Polizei. Insofern müsste sich der Staat New York eher dafür entschuldigen, dass diese Leute Franny in solch eine traumatische Situation gebracht haben. Peter ist da nur ein Teil der Wahrheit. Es ist also schon irgendwie absurd, wie hier vor Gericht gegen Carrie argumentiert wird. Zumal alles ja erst ein paar Tage her ist. Ich finde, dass man hier einer Familie auch mehr Zeit geben muss, immerhin müssen alle mit der Situation umgehen. Insofern wäre es angemessen, Carrie und Franny psychologische Betreuung zu stellen, ihnen ein Hotelzimmer zu geben und ihnen so die Chance zu geben, gemeinsam alles zu verarbeiten. Auf diese Art dann in das Gefüge einzudringen, ist doch nicht hilfreich? Selbst die Geschichte mit der Waffe, die man ja auch so auslegen könnte, dass Carrie Franny ein Gefühl der Sicherheit bieten wollte (auch wenn es eher Carries Angst war), finde ich erst recht für amerikanische Verhältnisse, wo in jedem zweiten Schlafzimmer eine Waffe unter dem Bett liegt (ok, das ist ein Klischee), etwas überzogen.

Nun wollte man aber offenbar, dass Carrie Franny nicht mehr sieht. Irgendwie finde ich es bemerkenswert, wie gut Carrie ihre Fassung behalten kann. Ich wäre wohl nicht so ruhig geblieben, wenn man mir meine Tochter ziemlich hinterlistig wegnehmen würde. Ihr Hilferuf bei Keane ist absolut verständlich, ebenso wie Keanes Absage.

Summa summarum ist diese Geschichte absolut unerwartet gekommen. Sie war entsprechend intensiv und lässt einen riesigen Zwiespalt zurück. Die Methode ist absolut grenzwertig, die Argumentation letztlich aber schlüssig, auch wenn man als Zuschauer weiß, dass die Fakten nicht immer alles sagen. Mir fehlt aber leider das Gespräch zwischen Franny und Lonas, um das wirklich bewerten zu können. Diese Ohnmacht, von Lonas nur zu hören, wie es sei, ist es dann wahrscheinlich auch, die einen so mit Carrie mitfühlen lässt. Und dass Dar Adal seinen Anteil daran hat, ist die Spitze des Eisberges.

Fazit

Es ist eine aufwühlende Episode, gerade was die Situation um Carrie angeht. Alle anderen Elemente machen mal wieder deutlich, welche Strippenzieherposition Dar Adal in allem einnimmt. Dem Mann ist einfach alles zuzutrauen. Das war lange nicht mehr so offenkundig wie in dieser Episode.

Emil Groth - myFanbase

Diese Serie ansehen:


Vorherige ReviewÜbersichtNächste Review

Diskussion zu dieser Episode

Du kannst hier mit anderen Fans von "Homeland" über die Folge #6.07 Verraten und verkauft diskutieren.