Bewertung: 7

Review: #1.01 Kalter Entzug

Foto: Lena Dunham, Girls - Copyright: 2012 Home Box Office, Inc. All Rights Reserved.
Lena Dunham, Girls
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Die neue HBO-Comedy-Produktion "Girls" ist ganz eng mit den Namen Lena Dunham verbunden. Sie fungiert als Serienmacherin, Produzentin, Drehbuchautorin, Regisseurin und übernimmt zudem auch noch die Hauptrolle der Hannah Horvath. An Bord ist auch Komödienguru Judd Apatow, der als Produzent und auch Drehbuchautor das ambitionierte Projekt von Lena Dunham unterstützt und damit teilweise zu seinen Fernsehwurzeln zurückkehrt. Doch was ist "Girls" nun genau für eine Serie? Ein neues "Sex and the City", oder doch eher eine Art "Brautalarm" in Serie oder geht das Ganze aufgrund des New Yorker Schauplatzes doch eher in die Richtung einer mehr erwachsenen und reiferen Variante von "Gossip Girl"? Betrachtet man sich die Pilotfolge genauer, so trifft kein Vergleich wirklich zu, denn "Girls" ist in seiner Tonart und seiner Erzählweise ein Produkt des gegenwärtigen Zeitgeistes und damit mit nichts Vergangenem wirklich vergleichbar. Wie sagt Hannah im Pilot so schön: "I'm a voice of a generation". Hier wird erst gar nicht der Anspruch gestellt, die ganze Generation der Mittzwanziger wirklichkeitsgetreu darzustellen, es geht eher um die Nachempfindung eines bestimmten Lebensgefühls von jungen, mittelständischen, sich künstlerisch selbstverwirklichenden, orientierungslosen jungen Frauen, die auf einem Pfad der Selbstverwirklichung wandern und damit spiegelbildlich für viele moderne Großstädter stehen, gleichzeitig aber sicherlich nicht die Lebensvorstellungen einer ganzen Generation abbilden.

"No more money."

Es wirkt häufig so, als ob Lena Dunham in ihrer Serienkreation sehr viel von sich selbst und ihren eigenen lebensweltlichen Erfahrungen hineinsteckt, was dem Piloten schließlich auch einen natürlich-authentischen Charme verleiht, und die mit viel Ironie durchsetzten Dialoge so lebendig und wirklichkeitsnah wirken lässt. Grundsätzlich ist eine Pilotfolge erstmal dazu da, den Zuschauer mit dem Serienkosmos und den darin interagierenden Figuren vertraut zu machen. Dies gelingt Lena Dunham hier außerordentlich gut, beginnt sie doch mit einem grundsätzlichen Konflikt der Hauptfigur Hannah, die dann den Überbau der Folge bildet und nebenbei auch die weiteren Figuren kurz vorstellt. Die Folge dreht sich größtenteils um den Umstand, dass der 24-jährigen Hannah die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern entzogen wird und sie plötzlich ganz allein für ihr Leben aufkommen muss. Hier haben wir es mit einer leicht verwöhnten, aber nicht unsympathischen Person zu tun, die sich eher um ihre kreative Selbstverwirklichung, als um das Verdienen von Geld gekümmert hat. Gearbeitet hat sie als unbezahlte Praktikantin bei einem New Yorker Literaturmagazin und nebenher hat sie noch an ihren Memoiren gearbeitet. Hannah ist im Grunde ein klassischer großstädtischer Hipster mit großen Träumen und Ambitionen, die nicht immer ganz deckungsgleich mit der Realität sind. Einen solchen Charakter muss man nicht mögen, Dunham stattet ihre Figur der Hannah aber mit viel Power und starken Dialogen aus, so dass man im Piloten ihr doch recht schnell wohlgesinnt ist, obwohl gleichzeitig auch klar wird, dass man es hier mit einer nicht ganz einfachen, wohl auch nicht immer ganz liebenswerten Persönlichkeit zu tun hat, was das Ganze aber gerade so interessant macht.

Die ganze Tonart der Serie und auch die gezeigten Charaktere können ganz gut mit dem Wort weird umschrieben werden. So ist Hannah in einer merkwürdigen Beziehung mit dem immer leicht desinteressiert an allem wirkenden Adam, der als Schauspieler, Autor und Holzkünstler arbeitet und nebenher noch von seiner Großmutter unterstützt wird. Wir befinden uns hier in der Welt des oft etwas abgehobenen und eigenartig wirkenden New Yorker Künstlermilieus, bei dem es immer irgendwie um persönliche Freiheit, Selbstentfaltung und Unabhängigkeit geht, man sich aber trotzdem häufig immernoch in irgendwelchen finanziellen Abhängigkeiten involviert sieht. Adam bleibt bisher nur aufgrund seiner schrägen sexuellen Vorlieben im Gedächtnis, die Hannah auch irgendwie mitmacht, damit aber auch nicht wirklich glücklich wirkt. Eine "weirde" Beziehung, die gut in diesen "weirden" Serienkosmos passt.

"What does it even feel like to be loved that much?"

Neben Hannah scheint auch Marnie eine der wichtigsten Figuren der Serie zu sein. Sie ist ein guter Kontrast zur eher ziellos dahintreibenden Hannah, hat sie doch in einer Galerie einen festen Job, ist damit finanziell recht gut abgesichert und steckt schon seit längerer Zeit in einer festen Beziehung mit dem herzensgut wirkenden Charlie, der sie aber zunehmend langweilt. Die Interaktionen zwischen Marnie und Hannah, die beste Freundinnen und Mitbewohnerinnen sind, sind sehr direkt, ehrlich, aber auch liebevoll. Die Problematik ihrer eingefahrenen Beziehung wird eher gestreift, als wirklich vertieft, wird im Laufe der ersten Staffel wohl aber immer weiter an Relevanz gewinnen. Zu Charlie ist zu sagen, dass er im Vergleich zum schrägen Adam eher bodenständig, treu, emotional, aber auch ziemlich langweilig wirkt. Dass Marnie lieber zusammen mit Hannah in einem Bett schläft, als mit ihrem Freund war auch eine nette Randnotiz und sagt viel über das innige freundschaftliche Verhältnis zwischen Hannah und Marnie aus. Auch wird Marnie im Piloten stark als Stimme der Vernunft installiert, die Hannah in ein mehr bodenständigeres und abgesichertes Leben geleiten will. Es ist schön, in Marnie eine interessante Kontrastfigur zu Hannah zu haben, die schlussendlich aber auch keine komplett andere Persönlichkeitsstruktur aufweist.

"I love your jumper."

Die letzten beiden Hauptfiguren sind die kürzlich aus dem Ausland zurückkehrte, britische Kosmopolitin Jessa, die als lebenslustiger, unbeschwerter, etwas überheblich und sehr von sich selbst überzeugter Charakter vorgestellt wird und auch eine sehr enge Beziehung zu Hannah zu haben scheint. Hier war der Pilot schlussendlich einfach zu kurz, als dass man noch viel mehr über diesen Charakter hätte erfahren können. Die Schwangerschaftsenthüllung am Schluss läutet dann schlussendlich wohl ihren persönlichen Haupthandlungsstrang der Staffel ein. Diese unverhoffte Schwangerschaftsthematik wirkt zunächst nicht sonderlich innovativ oder vielversprechend, im Konzept dieser Serie könnte der Umgang damit aber trotzdem ganz interessant sein. Von Jessas Cousine Shoshanna hingegen hat man noch fast gar nichts gesehen. Ihr kurzer Auftritt war aufgrund der "Sex and the City"-Anspielungen aber trotzdem überaus gelungen, gerade auch deshalb, weil "Girls" im Vorfeld gerne mit eben jener Serie verglichen wurde. Ihre überdrehte und unkonventionelle Art bringt aber sicher noch weiteren Schwung in diese Serienwelt.

"When I look at both of you, a Coldplay song plays in my heart."

Abschließend soll noch kurz auf die humoristische Herangehensweise von "Girls" eingegangen werden, die vor allem durch die griffigen und pointierten Dialogpassagen im Piloten vollständig überzeugt. Die authentische und natürliche Zeichnung dieser verschiedenen Charaktere spiegelt sich auch in den oft wirklich witzigen Dialogen wieder, die mit viel Ironie und genauen Alltagsbeobachtungen gespickt sind und so eine ganz eigene Stimmung erzeugen, die aus dieser Serie etwas ganz eigenes und neuartiges macht. Wenn dann plötzlich über die Vor- und Nachteile von McDonald's oder die eigene Nacktheit philosophiert wird, macht der Pilot einfach sehr viel Spaß und wird seiner Genreeinordnung vollends gerecht.

Fazit

Sehr viel wurde im Vorfeld über dieses Serienprojekt der New Yorkerin Lena Dunham geschrieben und betrachtet man sich den Piloten eingehender, wird auch klar, warum dieser Serie so viel Aufmerksamkeit zu Teil wurde, hat man es hier doch mit etwas extrem zeitgenössischen, modernen und einzigartigen zu tun, das für den Kabelsender HBO sicherlich eine große Bereicherung darstellt. Der Pilot ist zwar insgesamt noch kein Meisterwerk, führt aber gekonnt in den Serienkosmos ein und weckt großes Interesse an den darin lebenden Charakteren.

Moritz Stock - myFanbase

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