Bewertung: 8
Greta Gerwig

Lady Bird

"People go by the names their parents give them, but they don't believe in God."

Foto: Copyright: 2017 Universal Pictures International Germany
© 2017 Universal Pictures International Germany

Inhalt

Sacramento, California in den frühen 2000er Jahren: die 17-jährige Christine 'Lady Bird' McPherson (Saoirse Ronan) ist in ihrem letzten High-School-Jahr und fühlt sich eingeengt. Sie möchte sich persönlich wie künstlerisch entfalten und findet dafür weder an ihrer katholischen Schule noch innerhalb ihrer äußerst bodenständigen und sparsamen Familie Unterstützung. Als sich Lady Bird immer weiter emanzipiert, erste Erfahrungen in der Liebe und am Schultheater macht und sich vor allem Gedanken darüber macht, wo sie aufs College gehen möchte, kommt das bei ihrer Mutter Marion (Laurie Metcalf) alles andere als gut an.

Kritik

Reviews sind manchmal gar nicht so leicht: Was bewertet man letzten Endes denn? Klar, die Story, die darstellerischen Leistungen, die Dialoge, natürlich auch die Optik (v. a. die Kameraeinstellungen) und soweit vorhanden Score oder Soundtrack. Und das Wichtigste am Ende: inwieweit macht die Regie daraus ein stimmiges Werk? Aber das beantwortet mitnichten die Frage, was man mit einem Film macht, der einen am Ende wirklich nachhaltig beeindruckt, in der ersten Hälfte aber durchaus (in sehr begrenztem Maße) Anlass zur Kritik gibt. Sollte die Bewertung sich also insbesondere auf das Gefühl fokussieren, das sich nach den gut eineinhalb Stunden einstellte (= absolute Begeisterung), oder berücksichtigen, dass es nicht die gesamte Spieldauer so war?

Unabhängig von dieser im vorliegenden Fall wirklich feinen Nuancierung, ist "Lady Bird" ein großer Triumph. Zum einen ist das nach einer Zusammenarbeit mit Mumblecore-Veteran Joe Swanberg aus dem Jahre 2008 der gerade zweite Film, bei dem die aktuell gerade mal 34-jährige Greta Gerwig ("Frances Ha") sich für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet und der erste, bei dem sie dies gänzlich alleine macht. Zum anderen aber wird man Zeuge der weiteren Emanzipation von Saoirse Ronan, die leider auch nach zwei Oscarnominierungen die dritte wird in wenigen Wochen folgen immer noch bei Presseterminen öfter die Aussprache ihres Vornamens erklären darf als sich als unfassbar talentierte und bodenständige Schauspielerin zu präsentieren.

Gerade Gerwig und Ronan sind diejenigen, die den Film zu dem machen, das er ist ein Machwerk, das wochenlang eine Fabel-Bewertung von 100 % bei Rotten Tomatoes aufweisen konnte. Gerwig gelingt es wie kaum einer anderen, realitätsnah, einfühlsam und dennoch auch immer mit einem sehr charmanten Humor, ihrer selbst geschriebenen Geschichte Leben einzuhauchen. Man merkt, dass sie sich hier inspirieren ließ von ihren eigenen Erfahrungen als Jugendliche in Sacramento, aber auch ihren Berührungspunkten als Schauspielerin mit Regisseuren, die ähnlich ticken wie sie. Denn gerade auch der Aspekt der Selbstfindung ist ein beliebtes Motiv im bisherigen Wirken Gerwigs, nur diesmal eben für eine jüngere Generation anstatt der Endzwanziger/Mittdreißiger. Die Story selbst ist schnell erzählt, was aber keineswegs ein Nachteil ist. Der Film ist eben reduziert auf die wesentlichen Elemente, die Gerwig ausdrücken wollte. Und während es in der ersten Hälfte trotz alledem noch sehr vereinzelt Längen gibt, ist die zweite Hälfte mit das Beste, was man 2018 erleben kann.

Gerade Geschichten über Teenies, die in diesem Alter sich selbst und die eigenen Grenzen zwingend austesten müssen, gestalten sich oft als ungemein schwierig, weil man als Zuschauer auch bis zu einem gewissen Maße Sympathie für die Hauptfigur aufbringen oder zumindest an ihrem Schicksal interessiert sein sollte. Und das dann alles während der Rebellionsphase, die ohnehin das gesamte Umfeld ziemlich in den Wahnsinn treiben kann. Aber "Lady Bird" ist so wunderbar bodenständig und einfach real, dass man komplett mitfühlen kann nicht nur für Lady Bird, sondern auch für ihre Mutter, die diversen Beschränkungen in ihrem Leben ausgesetzt war und gar nicht aus ihrer Haut kann, und die in anderen Filmen schnell zu einem allzu offensichtlichen und damit langweiligen Antagonisten geworden wäre.

Saoirse Ronan beweist mit dieser Leistung einmal mehr, dass sie eine der aktuell besten Jungschauspielerinnen ist. Lady Bird kann zum Leidwesen ihrer Freunde und ihrer Familie extrem dickköpfig sein, aber sie ist auch in dieser prägenden Lebensphase immer menschlich und in der Lage, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren auch wenn das manchmal mit etwas Zeitversatz geschieht. Lady Bird ist witzig und liebevoll, kann aber auch zur Furie werden, die nun einfach aufbegehren muss. Sie will selbständig sein und sucht dennoch immerzu nach Verständnis, einem offenen Ohr und einer Schulter, um sich einfach nur anzulehnen. Diesen Kontrast darzustellen ohne dass es unglaubwürdig wirkt, ist ein Balanceakt sondergleichen, der hier Ronan gelingt, zumal sie auch noch sechs Jahre älter ist als ihre Figur.

Laurie Metcalf ("The Big Bang Theory"), die insbesondere mit "Roseanne" und später "Getting On" ihre Fähigkeiten im Fernsehen zeigen konnte, darf einmal wieder auch auf der großen Leinwand zeigen, dass sie eben dort leider viel zu selten zu sehen ist. Mürrische und bisweilen kauzige Charaktere stehen ihr einfach gut, aber in "Lady Bird" kommen noch einige weitere Facetten hinzu, die am Ende ein stimmiges Bild ergeben. Marion ist eine Mutter, die sich mit dem engen eigenen Lebensentwurf früh abgefunden hat und sich mittlerweile damit so stark identifiziert, dass es für sie schwer ist, etwas anderes zu akzeptieren. Das ist nicht die innovativste Charakterzeichnung, die man gesehen hat, aber eine der glaubwürdigsten aus diesem Bereich ein Verdienst von Metcalf.

Fazit

"Lady Bird" ist der fulminante Beweis dafür, dass Greta Gerwig nicht nur eine sehr gute Mimin ist, sondern als Regisseurin und Autorin auch wohl eine der vielversprechendsten Stimmen Hollywoods. Mit einer herzerwärmenden und manchmal geradezu tragischen Geschichte, die immer ihre komischen Momente findet, spielt sich auch Saoirse Ronan einmal wieder in den Vordergrund. Wirklich verwunderlich ist es daher nicht, dass "Lady Bird" einer der großen Favoriten der diesjährigen Film-Awards ist. Man kann ihnen nur wünschen, dass sie zumindest weiterhin so viel Aufmerksamkeit erhalten, dass sie weiter solche Filme machen bzw. in ihnen mitspielen.

Andreas K. - myFanbase
02.01.2018

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