Bewertung: 6
Curtis Hanson

Too Big to Fail – Die große Krise

"It all comes down." - "The whole financial system? And what do I say when they ask me why it wasn't regulated?" - "No one wanted it. They were making too much money."

Inhalt

USA, im Jahr 2008: Der US-Finanzminister Henry Paulson (William Hurt) versucht gemeinsam mit Ben Bernanke (Paul Giamatti), Präsident des Federal Reserve Boards, und Tim Geithner (Billy Crudup), Präsident der Federal Reserve Bank of New York, händeringend, die drohende Pleite der Lehman Brothers und dessen CEO Richard Fuld (James Woods) abzuwenden. Das Finanzministerium lehnt finanzielle Hilfen für die Lehman Brothers in Form eines Bail-outs strikt ab. Nachdem auch die anderen Wege scheitern, muss das Unternehmen Insolvenz anmelden. Wie sich jedoch herausstellt, ist die Finanzkrise deutlich weiter vorangeschritten als befürchtet, und so steht auch der Versicherungskonzern AIG, der die Finanzindustrie versicherte, kurz vor dem Kollaps. Zudem bekommen selbst gesunde Unternehmen wie General Electric Probleme damit, ihr tägliches Geschäft zu finanzieren. AIG und Co. Insolvenz anmelden zu lassen ist keine Option und so müssen Paulson und sein Team schnellstmöglich einen Plan entwickeln, um das Finanzsystem zu retten, denn die Zeit drängt.

Kritik

Als Andrew Ross Sorkins Buch "Too Big to Fail: The Inside Story of How Wall Street and Washington Fought to Save the Financial System – and Themselves", das die Finanzkrise 2008 aus Sicht der Wall Street CEOs und der Regulatoren der US-amerikanischen Regierung näher beleuchtet, 2009 veröffentlicht wurde, erhielt es zahlreiche Auszeichnungen und von Brancheninsidern großes Lob. Obwohl es sich größtenteils wie ein Thriller las, gab es jedoch lange Zeit Bedenken, das Buch zu adaptieren für einen Film. HBO hat sich schließlich doch der Mammutaufgabe angenommen, und so wurde am 23. Mai 2011 auf dem Pay-TV-Sender "Too Big to Fail" ausgestrahlt.

Die größte Herausforderung bei der Transformation von Buch zu Film war, die Vielzahl an Informationen und Charakteren, die im Sachbuch enthalten sind, in gerade einmal 98 Minuten Laufzeit zu quetschen und trotzdem die Geschichte so zu erzählen, dass sie für jeden verständlich ist und darüber hinaus auch nicht den Eindruck einer faden Dokumentation macht. Dazu hat Regisseur Curtis Hanson (u.a. "8 Mile" und "In den Schuhen meiner Schwester), der 1998 für sein Drehbuch von "L.A. Confidential" einen Oscar gewann, einen absoluten All-Star-Cast um sich geschart. Dass dabei die meisten natürlich nicht einmal ansatzweise genug Screentime erhalten können, weil sie nur ein Teil des großen Ganzen sind, liegt in der Natur der Sache. So trifft man zwar auf ein bekanntes Gesicht nach dem anderen, eine wirkliche Möglichkeit, die Charaktere besser kennenzulernen, ergibt sich aber nicht.

Dies kann aber ohnehin nicht das Ziel sein, denn dann wäre der Film um ein Vielfaches länger geraten und hätte deswegen auch nicht wesentlich mehr Plot bieten können. Was "Too Big to Fail" in der Hinsicht absolut richtig macht, ist, dass es sich auf einzelne Charaktere konzentriert und die Finanzkrise vor allem aus deren Blickpunkt erzählt. Damit ist der damalige Finanzminister Henry Paulson, dargestellt von William Hurt, der eigentliche Hauptcharakter. Mit Abstrichen ist dann noch sein Team zu nennen, bestehend aus Ayad Akhtar als Neel Kashkari, Topher Grace als Jim Wilkinson und Cynthia Nixon als Michele Davis, sowie Billy Crudup als Timothy Geithner (übrigens der aktuelle US-Finanzminister) und Paul Giamatti als Ben Bernanke. Diese Personen dürfen während des Filmverlaufs mehr als nur ein paar wenige Sätze sagen, wie es bei den anderen der Fall ist, und bekommen damit auch ein entsprechendes Profil. Vor allem William Hurt, der hauptsächlich dafür verantwortlich ist, dass schnell eine zufriedenstellende Lösung gefunden wird, damit der Kollaps abgewendet werden kann, weiß zu überzeugen. Man merkt ihm später in jeder Szene an, wie sehr ihm die aktuelle Situation zusetzt und er auch gesundheitlich langsam aber sicher darunter leidet. Dennoch schafft er es immer wieder, die Entwicklungen entscheidend voranzutreiben. Wer sich mit der Rolle Paulsons während der Finanzkrise beschäftigt hat, weiß aber auch, dass er alles andere als ein Held ist, und dies wird auch in "Too Big to Fail" nicht ausgeklammert.

Ohnehin empfiehlt es sich natürlich, ein gewisses Grundwissen zur Finanzkrise mitzubringen. Und selbst dann sollte man eine höhere Aufmerksamkeit an den Tag legen, als dies vielleicht bei anderen Filmen der Fall ist. In den ersten Minuten wird man mit einem neuen Charakter nach dem anderen konfrontiert und sollte diese alle soweit möglich parat haben, damit die späteren Entwicklungen auch entsprechend einleuchtend sind. Zudem ist klar, dass so manche Begriffe sitzen sollten. Der Film nimmt einen zwar nicht bei der Hand und erläutert alles haarklein, aber alle Beteiligten waren sich darüber einig, kein VWL-Monstrum erschaffen zu wollen. Daher reicht es völlig aus, mit einem gewissen Interesse die Krise verfolgt zu haben. Aber diejenigen, die sich "Too Big to Fail" ansehen, erfüllen schließlich ohnehin die Kriterien.

Alles in allem gibt der Film einen guten Überblick über das, was zwischen der Pleite der Lehman Brothers und dem TARP (Troubled Asset Relief Program) im Jahr 2008 geschehen ist. Dabei gelingt es Regisseur Curtis Hanson und Drehbuchautor Peter Gould ("Breaking Bad") gut, die geradezu thrillerähnlichen Elemente aus der Buchvorlage von Andrew Ross Sorkin zu übertragen. Zudem tun sie gut daran, auch tatsächlich nur den besagten Zeitraum abzubilden und nicht zu versuchen, die Entwicklungen, die dazu geführt haben, oder die weiteren Auswirkungen auch noch darzustellen. Denn dann wäre es extrem schwer gewesen, daraus nur einen und nicht mindestens drei Filme zu machen. Dass "Too Big to Fail" am Ende trotzdem sehr überfrachtet und gehetzt wirkt, ist sowohl der geringen Laufzeit geschuldet, vor allem aber dem Umstand, dass aus einem Sachbuch ein TV-Drama gemacht wurde – mit all seinen Nachteilen, wie einem hoffnungslos großem Cast, unheimlich vielen Schnitten und andauerndem Wechseln des Settings.

Fazit

Dennoch ist "Too Big to Fail" für all diejenigen, die sich für die Finanzkrise interessieren, durchaus empfehlenswert. Man hat nicht selten den Eindruck als würde man gerade eine spannende Dokumentation ansehen, was durch die Verknüpfung mit damaligen Videosequenzen noch verstärkt wird. Naturgemäß muss so ein Film bei all dem, was er versucht, in gut eineinhalb Stunden abzubilden, überfrachtet wirken. Das liegt aber eher an der Vorlage, die es Regisseur Hanson und Drehbuchautor Gould alles andere als leicht gemacht hat, daraus einen abendfüllenden Film zu machen, als an einer fehlerhaften Adaptierung. Im Gegenteil: Vielleicht wäre es sogar zielführend gewesen, mitunter aus dramatischer Sicht Charaktere zu streichen und die Handlung zu kürzen.

Andreas K. - myFanbase
02.01.2012

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