Review: #3.19 Gestohlene Küsse

Entscheidungen müssen getroffen werden. Während Pacey seine Entscheidung getroffen hat, ist Joey angesichts des aus seinem Selbstfindungstrips erwachenden Dawson hin- und hergerissen. Am Ende fällt sie eine Entscheidung...

Dawson erwacht, wie schon eben angesprochen, aus seinem Selbstfindungstrip. Und er hat nun auch eine Antwort auf die Frage, was er will. Wenngleich er sie gegenüber seiner Tante nicht äußert, wird doch eindeutig klar, dass er wieder mit Joey zusammenkommen möchte. Das Wühlen in Kindheitserinnerungen und die eindeutige Frage gegenüber Joey, warum sie denn nicht mehr zusammenseien, zeigen, dass Vergangenes verjährt ist. Doch unter dem Verjährten ist nicht nur der Grund für das Abweisen eines neuen Versuchs, sondern seitens Joey vermutlich auch die Liebe selber.

Für Joey stellt sich nämlich die Frage, was sie will, gänzlich neu. Während für Dawson gerade der Bezug zu seiner und Joeys gemeinsamer Freundschaft in der Kindheit zählt, war es ja gerade das, was sie in der zweiten Staffel zeitweise so abschreckte und zur ersten Trennung führte. Mit Pacey hätte sie jemanden, mit dem sie zwar verbunden ist, den sie aber immer als Gegensatz betrachtete und so völlig neu kennenlernen kann. Auch verbindet die beiden keine unendlich lange Freundschaft, so dass die Definition ihres Verhältnisses freizügiger, vor allen Dingen aber auch vielfältiger wäre.

Das Problem ist ein altbekanntes: Joey muss sich entscheiden. Sie ist der "springende Punkt", wie Pacey es nennt. Und da sie nie eine Freundin von großen Entscheidungen war, fällt es ihr umso schwerer, da es sich hierbei um eine möglicherweise langfristige, vielleicht das ganze Leben bestimmende Entscheidung handelt.

Am Ende stimmt sie für Pacey - vermeintlich! Da sie noch nicht mit Dawson gesprochen hat und auch nur zögerlich Pacey küsst, liegt eher nahe, dass sie dadurch versucht, die Entscheidung vor sich herzuschieben. Sie will Pacey nicht vergraulen, aber auch nicht Dawson den Laufpass geben. Man kann also sagen, dass die Entscheidung ein weiteres Mal vertagt wurde, nun aber auch eindeutig und öffentlich ist, dass sie dasselbe für Pacey empfindet.

Doch für Pacey ist die Situation deswegen nicht einfacher. Wie er schon sagt, lastet der Konflikt auch auf ihm. Doch andererseits kann er sich auch nicht seiner Gefühle entledigen und die Sache ausstehen, da sie, wie man am Anfang der Episode sieht, unsichtbar zwischen ihm und Joey in der Luft steht. Dass Pacey nach Joeys Absage in "Neverland" nicht aufgeben würde, ja nicht aufgeben könnte, war eigentlich klar. Als er sich dazu entschloß, ihr seine Gefühle zu offenbaren, tat er einen ersten Schritt, den er auch logisch zuende führen musste. Hätte er ihre Entscheidung bejahend akzeptiert und fortan über einen weiteren Versuch hinweggesehen, so wäre dadurch der Eindruck entstanden, es wäre wirklich eine spontane Idee gewesen, Joey zu küssen.

Auf der anderen Seite will er sich aber auch nicht damit zufriedengeben, dass er alleine die aktive Rolle spielt und Joey durch ihre Passivität ihm zwar gewißermaßen entgegenkommt, sich aber immer noch darauf berufen könnte, sie habe ihm nie wirklich signalisiert, dass sie ähnliche Gefühle habe.

Nebenbei tritt auch noch Andie mit auf, die uns in erster Linie daran erinnern soll, dass Pacey in zweierlei Hinsicht Freundschaften riskiert. Sie weiß wie Dawson noch gar nichts über das, was sich im Hintergrund entwickelt und wird vermutlich ebenfalls eine tragende Rolle spielen, wenn sich Pacey und Joey zueinander bekennen.

Ansonsten wären da in dieser Episode noch Dawsons Eltern sowie Jen und Henry. Letztere haben mit einer vermeintlichen Rivalin zu kämpfen, die Henry zu verführen versucht. Jen schämt sich ihrer Eifersucht, womit man offensichtlich aufzeigen wollte, dass das ein Charakterzug ist - die Verletztlichkeit -, die sie nur ungerne offen zeigt. Henry weiß die Situation wie immer zu meistern und so schmückt dieser Teil der Episode eigentlich mehr oder weniger nur den Hintergrund.

Eine längst überfällige Entscheidung stellt das Vertragen von Dawsons Eltern dar. Nachdem beide ihren eigenen Weg gegangen sind und letztlich nicht glücklich wurden, stellt die Wiederherstellung der Normalität, so wie wir sie ansatzweise in der ersten Staffel - abgesehen von der Affäre - mitbekamen, die optimale Lösung dar, zumal man damit Dawson nicht doppelt belasten möchte und somit eine seiner Belastungen entschärft.

Auf die gesamte Episode bezogen ist der Konflikt, den wir bereits in der Rückschau auf "Neverland" betrachtet haben, also vollends entbrannt und die Situation wird mit dieser Episode ein weiteres Stück brenzliger. Dabei weiß diese Episode aber weit geschickter mit den Emotionen zu spielen, als das in "Neverland" der Fall war. Das Zeigen von Bildern aus der Kindheit, das eingeschnitzte "Dawson + Joey - Forever friends" und die Tatsache, dass man weiß, dass wenn Joey und Pacey sich gerade küssen, nur einige Meter weiter Dawson sitzt, der vermutlich auch an Joey denkt, lassen den Konflikt auch auf den Zuschauer abfärben, der sich selber zerrissen sieht. Auf der einen Seite gönnt man Pacey und Joey das Glück, auf der anderen Seite denkt man an die erste und zweite Staffel zurück, die auch beim Zuschauer den Eindruck eingebrannt haben, die beiden seien füreinander bestimmt (Soulmates). Ein weiteres Mal stehen wir vor einer Unlösbarkeit, die die Autoren offenbar mit Genuß ausrollen, um die Staffel des langen Wartens mit einem explosiven Finale enden zu lassen. "Stolen Kisses" ist auf alle Fälle eine sehr gute Episode.

Patrick

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