Bewertung: 7

Review: #6.01 Kapitel 1

Foto: American Horror Story - Copyright: 2016 Fox and its related entities. All rights reserved.
American Horror Story
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Im Vorfeld der sechsten Staffel von "American Horror Story" lief die Promotion-Maschinerie wie gewohnt ordentlich an. Zahlreiche Promo-Teaser sollten die Stimmung anheizen und die Vorfreude auf eine weitere gruselige Staffel aus der Feder von Ryan Murphy und Brad Falchuk schüren. Doch so richtig ging diese Rechnung nicht auf: Die Teaser gestalteten sich als so derart kryptisch, dass man inhaltlich kaum etwas ableiten konnte. Krabbelnde Spinnen, Rauch über einer Farm, düstere Figuren mit leuchtenden Augen, unheimliche Kinder in Maisfeldern – noch nie ließen die Teaser zu einer AHS-Staffel die Story so offen und die wartenden AHS-Zuschauer so in der Luft.

Mit #6.01 Chapter One (die Episodentitel gestalten sich dieses Jahr anscheinend auch kryptisch) bekommen wir nun endlich eine Ahnung: Roanoke. Die verlorene Kolonie. Ein verlassenes Haus auf dem Land. Und damit herzlich willkommen bei "American Horror Story", Staffel 6.

"From the very first moment, I felt danger there."

Tiefe Wälder, weites Land, North Carolina. Der US-Süden. Ein altes, verlassenes Haus irgendwo im Nirgendwo. Das perfekte Setting für Horrorgeschichten. Wie bereits in den Jahren zuvor etabliert die Serie mit dem alten Landhaus wieder eine großartige Location, die zu Beginn auch gebührend vorgestellt wird: die majestätischen Wendeltreppen, die langen Korridore, die großzügigen Zimmer, die alten Holzdielen, die hohen Fenster, die geräumige Veranda. So altbekannt diese Art von Location im Horrorgenre auch ist, sie bietet jede Menge Möglichkeiten für die Inszenierung gruseliger Schockmomente.

Und dies gelingt in diesem Staffelauftakt auch sehr gut, dank vielen interessanten und kreativen Regieentscheidungen von Bradley Buecker und dem Potential besagter Location. Die Gefahr, die auf das Protagonistenpaar Shelby und Matt lauert, ist zu jedem Zeitpunkt spürbar, scheint in jeder Ecke zu lauern. Schattige Keller und Gänge, der freistehende Jacuzzi am Waldrand, all die verwinkelten Ecken und alten Gemäuer. Doch wie man es von "American Horror Story" kennt, lauert der Horror nicht unbedingt nur außen, er steckt vor allem auch in den Menschen selbst.

"I mean, I love the country life – the fresh air, waking up to the sound of the birds singing."

Oberflächlich betrachtet präsentieren sich Shelby und Matt Miller als das perfekte Paar. Wie die echte Shelby (Lily Rabe) doch so schön sagt: "Our friends used to tease us that they didn't like socializing with Matt and I because we were too perfect." Sie eine hübsche Yogalehrerin mit Glutenallergie, er ein smarter Pharmavertreter. Welch Sympathieträger. Ein Akt sinnloser Gewalt bringt das Paar jedoch dazu, von Los Angeles an die Ostküste zu ziehen und dort ein altes Landhaus zu ersteigern. Und hier wird die angebliche Perfektion bald konterkariert, bald als eine Farce entlarvt.

Auf der (angeblich) realen Erzählebene schleichen sich Geständnisse in die Geschichten des voneinander getrennt erzählenden Paares ein: Shelby gesteht, dass sie es durchaus als erholsam empfand, als Matt (André Holland) mal ein paar Tage auf Dienstreise ging. Sie gesteht, dass sie mit ihrem neuen Zuhause nie wirklich warm wurde, dort eigentlich nicht wohnen wollte. Matt gesteht, dass er Shelby nichts von dem toten Schwein erzählte, das eines Tages vor der Haustür lag. Auch auf der (angeblich) fiktionalen Erzählebene bröckelt diese so perfekte Ehe schnell: Shelbys (Sarah Paulson) Hang zum Weingenuss ist auffällig, genauso wie Matts (Cuba Gooding Jr.) Griff zum Wodka auf Dienstreise – beide trinken nur dann, wenn der andere Partner nicht da ist.

An sich bedienen Shelby und Matt das Klischee des angeblich perfekten Paares, das in ein altes Landhaus zieht und dort im Angesicht des Horrors an seine Grenzen gerät – eine Horrortrope, die man schon zig-fach gesehen hat. Was den Auftakt aber dennoch interessant macht, ist zweierlei: Einmal überzeugen die Darsteller ganz hervorragend in ihren Rollen und die Doppelbesetzungen Paulson/Rabe und Gooding Jr./Holland (sowie Angela Bassett/Adina Porter als Lee) sind reizvoll. Zum anderen bietet der Mockumentary-Stil die Möglichkeit, mit zwei Erzählebenen zu spielen, die schon jetzt leicht divergieren. Wenn Rabes Shelby etwa behauptet "We ran away once, and... we weren't gonna be victims again", Paulsons Shelby später aber ohne Warnung ins Auto steigt und die Flucht ergreift, passt das nicht ganz. Oder auch die teilweise arg konstruiert wirkenden Elemente der Vorgeschichte des Paares, wie etwa, dass Shelby am gleichen Tag von ihrer Schwangerschaft erfuhr an dem Matt befördert wurde, oder dass Matt just in Anwesenheit seiner Frau aus dem Koma aufwachte. Weitere kleine Details wie der geheime Alkoholkonsum oder die separaten Horrorerlebnisse (Shelby und Matt werden nie gleichzeitig Zeuge eines komischen Vorfalls), schüren den Verdacht eines unzuverlässigen Narrativs nur weiter – und das macht diese im Grunde relativ banalen Charaktere dann doch recht interessant.

Und was passiert da eigentlich in und um dieses Landhaus? Der Fluch der verlorenen Roanoke-Kolonie? Das Mysterium des Croatoan? Geister? Monster? Aliens? Werwölfe? Hat Wes Bentley jetzt einen Vollbart, weil er Anführer eines Kults geworden ist?

"Humans respond to fear in two simple ways – fight or flight."

Nach all den Spekulationen und nichtssagenden Teasern, haben wir nun einen ersten Anhaltspunkt: "American Horror Story: Roanoke" fühlt sich ein bisschen so an, als würde die Serie zu ihren Wurzeln zurückkehren (Staffel 1 lässt grüßen). In der Tat überzeugt die Serie hier mit einem soliden Staffelauftakt, der zum einen von seiner erwartungsgemäß tollen Inszenierung profitiert (manche Schocker reißen einen dann doch förmlich aus dem Sessel), vor allem aber von der extremen Fokussierung auf zwei bzw. drei Hauptcharaktere. Wohltuend ist zudem, nach dem exzentrisch-lauten "Hotel", die Bodenständigkeit der Storyline. Auch wenn sich die Geschichte dadurch erstmal doch sehr bekannt anfühlt (unter anderem kamen mir beim Ansehen "Conjuring - Die Heimsuchung", "Blair Witch Project" und "Der verbotene Schlüssel" in den Sinn), so macht vor allem der Mockumentary-Stil neugierig auf mehr. Wollen wir also sehen, was Ryan Murphys neuer Albtraum uns noch so bieten wird.

Maria Gruber - myFanbase

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