Bewertung

Review: #5.01 Willkommen im Cortez

Foto: Lady Gaga, American Horror Story: Hotel - Copyright: Frank Ockenfels/FX
Lady Gaga, American Horror Story: Hotel
© Frank Ockenfels/FX

Als Kathy Bates aka Iris zu Beginn dieses Auftakts behauptet "Trust me, this place'll grow on you", war ich skeptisch. Nach vier Jahren Berg- und Talfahrt mit "American Horror Story" ist man doch einiges gewohnt und weiß mittlerweile, gegen was man sich bei dieser Serie zu wappnen hat: Tabubrüche bis zum Gehtnichtmehr, forcierte Schockmomente, inkonsequente Storylogik. Und dennoch besitzt die Serie einfach diesen Reiz des Unerwarteten und die Fähigkeit, den Zuschauer Jahr für Jahr aufs Neue neugierig darauf zu machen, was man sich nun wieder für einen Wahnsinn ausdenken wird.

Somit begrüße ich zu einer neuen Runde des Wahnsinns. Willkommen zu "American Horror Story", Runde 5.

Und natürlich hechtet die Serie gleich wieder kopfüber in den totalen Wahnsinn: Lady Gaga als vampirische Killerin! Zombies in Matratzen! Schwedische Models, denen Eingeweideshake eingeflößt wird! Junkies, die von Monstern massakriert werden! Platinblonde Jungs, die Tetris spielen! Herausgeschnittene Zungen! Raum 64! 2:25 Uhr! Das Tohuwabohu hat wieder begonnen!

Welcome to the Hotel California / Such a lovely place / Such a lovely face / Plenty of room at the Hotel California / Any time of year / You can find it here

Selbstverständlich geht es "American Horror Story" bei diesem Tohuwabohu mehr um den Tabubruch als um alles andere. Die Serie legte noch nie viel Wert auf Charaktere und Erzählung, sondern vielmehr auf den Schock, den Horror und den Skandal. Alles ist überladen bei "American Horror Story". Das beginnt beim Hotel Cortez, das mit seinen dunklen Holzpaneelen und alten Teppichen ("The Shining" lässt grüßen), den spinnenwebenartigen Mustern, den labyrinthischen Gängen und den schweren Möbeln ein wirklich großartiges Setting bietet. In Sachen Set und Dekor passt hier alles und auch wenn Ryan Murphy es mit der Fisheye-Kamera manchmal etwas übertreibt, so passt diese übertriebene Inszenierung letztlich zu den völlig abgehobenen Stories und Charakteren im Cortez.

Denn das Hotel Cortez wimmelt nur so von verrückten und gruseligen Figuren. An oberster Stelle steht mit Elizabeth, der "Countess", eine Protagonistin mit (im wahrsten Sinne des Wortes) viel Biss und Charme. Lady Gaga verleiht der Figur eine besondere Präsenz, stellt sie einerseits als elegante, dieser Welt gänzlich entrückte Diva dar, lustvoll und brutal, und schafft es andererseits doch, ihr auch eine menschliche Seite zu geben. Ihr Umgang mit dem kleinen Lachlan Drake zum Beispiel zeigt, dass Elizabeth trotz ihres Blutdursts auch nett sein kann – wenn sie will. Elizabeth scheint die unangefochtene Herrscherin über das Cortez zu sein, die nicht nur wegen ihrer Schonungslosigkeit gefürchtet ist, sondern auch emotionale Kontrolle über die verschiedensten Leute hat. Iris scheint klar in Elizabeths Schuld zu stehen (wahrscheinlich wegen Donovan) und Donovan ist Elizabeths loyaler Bett- und Mordgefährte. Wie die zwei sich zu "Tear You Apart" von She Wants Revenge schick machen, bei einem Kinodate ein anderes Paar verführen und dieses nach einer – selbstverständlich super-duper skandalös-provokanten – Sexszene aufschlitzen, ist sowas von heillos übertrieben, dass es irgendwo schon wieder herrlich ist. Megastar Gaga und der geradezu unwirklich schöne Matt Bomer stolzieren da in Zeitlupe wie in einem Musikvideo durchs Bild, dazu die Musik, die nackte Haut, die schnellen Schnitte – es ist alles völlig abstrus, aber gerade deswegen ist man gebannt.

Mirrors on the ceiling / Pink champagne on ice / And she said / We are all just prisoners here of our own device

Kommen wir zu den anderen Dauergästen des Cortez: Sarah Paulsons Sally ist eine unglaublich zerstörte und zerstörerische Person, die abgesehen von diesen Attributen bislang aber noch relativ wenig Substanz bietet. Erst das Flashback ins Jahr 1994 gibt ein wenig Aufschluss über versteckte Dynamiken, die noch interessant werden könnten: Sally, ein notorischer Junkie, war damals verantwortlich für die Überdosis, an der Iris' Sohn Donovan verstarb. Iris rächte sich in ihrer Trauer und Wut damit, dass sie Sally aus dem Fenster in die tödliche Tiefe stieß. Nun aber sehen wir Sally und Donovan beide putzmunter herumspazieren. Hat die Countess sie zu Vampiren gemacht und so ihr Überleben gesichert? Und was ist eigentlich mit Transvestit Liz Taylor, der opportunistischen Empfangsdame und rechten Hand von Iris?

Eine weitere potentiell reizvolle Storyline ist die rund um Modedesigner Will Drake, den neuen Besitzer des Hotel Cortez. Einerseits ist eine sexuelle Anspannung zwischen ihm und der Countess deutlich zu merken, andererseits dürfte sein Eingreifen in die mysteriösen Routinen des Hotels für Aufregung sorgen. Zudem zeigt die Countess Interesse an seinem Sohn Lachlan, sodass demnächst vielleicht bald ein weiterer platinblonder Junge in Anzughosen und Krawatte durch die Hotelgänge rennen wird.

Womit wir zu Familie Lowe kommen. Als erzählerisch mehr oder weniger bodenständige Komponente fernab von all dem rauschenden Glitz, Glamour und Gore des Hotel Cortez, haben wir mit John Lowe den Mann des Gesetzes, der als neuer Gast im Cortez nun den Zuschauer dort repräsentiert. Ich will mich schon gar nicht mehr darüber beschweren, wie unglaublich konstruiert es ist, dass Lowe überhaupt dort einzieht. Stattdessen wollen wir hoffen, dass die Serienmacher alte Fehler nicht wieder begehen und was Gutes draus machen: Das erste Zusammentreffen Lowes mit der Countess, die Suche nach seinem Sohn Holden, die Aufklärung der horrenden Mordserie (hat hier noch jemand unwillkürlich an "Hannibal" denken müssen?!), all das könnte etwas werden, wenn diese Storylines nicht wieder wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen werden.

'Relax,' said the night man, 'We are programmed to receive / You can check out any time you like, but you can never leave.'

Sollen wir Ryan Murphy also vertrauen? Sollen wir es ein erneutes Mal versuchen, in diese Serie zu investieren? #5.01 Checking In gibt, trotz zahlreicher Schwächen, durchaus Anlass dafür. Natürlich ist das meiste wieder völlig übertrieben, teilweise an den Haaren herbeigezogen, überladen und absurd. An jeder Ecke im Cortez scheint eine Horrortrope nur darauf zu warten, hervorzuspringen (gruselige Kinder, Monster im Bett, flackerndes Licht, geheime Räume, blutgetränkte Laken, schreiende, halbnackte, junge Frauen, und und und...). Alles ist pompös und laut. Doch das meiste ist tatsächlich auch einfach unterhaltsam. Es gibt zahlreiche Ich-will-eigentlich-weggucken-kann-aber-nicht-Momente und zahlreiche Das-kann-nicht-euer-Ernst-sein-aber-was-soll's-Momente. Man kann nicht bestreiten: "American Horror Story" ist in seiner surreal-absurden Verrücktheit doch einzigartig. Wie heißt es doch so treffend in "Hotel California" von den Eagles? "We are programmed to receive / You can check out any time you like, but you can never leave." Irgendwie haben sie uns dazu programmiert, dass wir wieder bei "American Horror Story" einschalten. Vertrauen wir also mal auf Ryan Murphy und glauben Iris' Worten.

Maria Gruber - myFanbase

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