Bewertung: 4

Review: #2.10 Das Blatt wendet sich

Foto: James Cromwell, American Horror Story - Copyright: Frank Ockenfels/FX
James Cromwell, American Horror Story
© Frank Ockenfels/FX

Müsste ich mit einem Wort beschreiben, welches Gefühl die zweite Staffel von "American Horror Story" bisher bei mir hinterlässt, dann wäre es wohl folgendes: Frustration. Es ist frustrierend zu sehen, wie gute Ideen und vielversprechende Elemente Woche für Woche letztlich doch wieder zunichte gemacht werden und wie das Potential, das diese Staffel gehabt hätte, mittlerweile nur noch zu einem Bruchteil ausgenutzt wird. Es ist frustrierend zu sehen, wie sich die Dinge immer wieder im Kreis drehen und am Ende doch nichts vorwärts geht. Und es ist frustrierend, dass man bei jeder Episode darauf hofft, dass nun die große Wende kommt, diese aber dann doch nicht kommt.

Auch #2.10 The Name Game ist im Endeffekt nichts anderes als frustrierend. Obwohl einige Szenen wirklich zu überzeugen wissen – ganz besonders natürlich der Schluss –, so unterstreicht die Folge, dass diese Staffel weiterhin nicht mit der ersten mithalten kann und im Vergleich gewaltig hinterher hinkt. Das größte Problem ist und bleibt die nicht existente Bindung des Zuschauers an die Protagonisten, die meinetwegen noch so oft einer Elektroschocktherapie unterzogen oder in Zwangsjacken gesteckt werden können – die einzige Reaktion, die das mittlerweile bei mir auslöst, ist gelangweiltes Schulterzucken.

"I'm not yours, I never will be."

Beginnen wir mit Trantüte Nummer 1: Monsignore Timothy. Nachdem seine unfassbare Naivität ihm fast das Leben gekostet hat, hat er nun endlich begriffen, was Sache ist. Der Teufel treibt in Briarcliff in Form von Mary Eunice sein Unwesen und er ist aufgerufen, etwas dagegen zu tun. Doch natürlich ist Mary Eunice ihm immer einen Schritt voraus und sie versucht, wie es eben in der Natur des Teufels liegt, ihn mit allen Mitteln der Kunst zu verführen. So herrscht zwischen Timothy und Mary Eunice immer eine gewisse sexuelle Spannung, die einem als Zuschauer aber genauso unangenehm ist wie Timothy selbst – und die dann in einer wirklich schrecklichen Szene endet, bei der man fast nicht hinsehen kann. Wie diesem Mann die Unschuld geraubt wird, ist einfach bedrückend und man fragt sich schon, warum Ryan Murphy und Brad Falchuk dem Publikum bereits zum zweiten Mal in dieser Staffel eine Vergewaltigungsszene aufdrücken. Will man denn so dringend Tabus brechen?

Zumindest bietet die Storyline Joseph Fiennes endlich einmal die Gelegenheit, seine schauspielerischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Er schafft es überzeugend, den gebrochenen Mann zu geben, dem jede Würde und jede Hoffnung genommen wurde, und der sich nur noch seiner alten Freundin Jude zuwenden kann, um sie um Hilfe zu bitten. Diese bietet ihm auch die simple Lösung für das diabolische Problem: Er muss Mary Eunice umbringen. Und obwohl Mary Eunice nochmal alle Register zieht und Timothy mit Sex und Macht zu verführen versucht, bleibt er letztlich standhaft und stößt Mary Eunice in die Tiefe. Damit findet man einen würdigen Abgang für einen gelungenen und wirklich durchtriebenen Antagonisten, den Lily Rabe absolut großartig darzustellen wusste.

"You have no idea what it means to have lost you."

Doch der Teufel zerstört noch so manch andere Existenz in Briarcliff. Es hätte wohl niemand gedacht, dass neben Mary Eunice gleich noch in derselben Episode der zweite große Widersacher der Staffel ins Gras beißt, nämlich Dr. Arden. Dieser Schocker ist den Autoren definitiv gelungen, vor allem, da Ardens Beweggründe für den Freitod nachvollziehbar sind. Schon zuvor war er immer entsetzt gewesen über Mary Eunice' boshaftes und hinterlistiges Verhalten – doch als er sie mit Timothy sieht, zerstört ihn das komplett. Denn Mary Eunice war für ihn der Inbegriff der Unschuld, etwas, das er nie hatte. Nun ist für ihn die Unschuld gestorben und damit jegliche Sinnhaftigkeit. Mit dem Tod von Mary Eunice war für Arden nur noch der eigene Tod eine Option.

Ein bitterer Beigeschmack bleibt allerdings die Tatsache, dass man nun erst recht das Gefühl hat, dass die unheimlichen Zombies, die Arden im Hinterwald züchtete, letztlich nur Mittel zum Zweck waren, um möglichst noch irgendein schauderhaftes Geheimnis in die Serie zu quetschen und einen Grund dafür zu haben, damit Lana, Kit und Grace in Episode #2.03 nicht aus der Anstalt fliehen konnten. Letztlich waren die Waldzombies also völlig belanglos und gehen damit unter in der Flut von Monstern, mit denen das Publikum diese Staffel überschwemmt wird.

Mary Eunice sorgt aber nicht nur für Ardens Tod, sondern auch dafür, dass Jude zum Gemüse elektrogeschockt wird. Nachdem man als Zuschauer mittlerweile schon völlig abgestumpft ist, juckt einen das fast gar nicht mehr – die Serie kann da wirklich von Glück reden, dass sie mit Jessica Lange eine derart fabelhafte Schauspielerin hat, die Judes Orientierungslosigkeit und Desolation so gut darzustellen weiß, dass man letztlich doch noch Interesse für sie aufbringt. Jude ist nach der Schocktherapie nur noch ein Schatten ihrer selbst, die geistig völlig weggetreten ist... und von Musicaleinlagen träumt! Wer hätte das gedacht: "American Horror Story" meets "Glee"! Und das Unglaublichste daran? Diese Szene hat voll funktioniert. Vielleicht lag es an den erfrischenden Farben, an der Freude, an der Tatsache, dass man die Darsteller zur Abwechslung einmal lächeln sieht – doch das titelgebende "Name Game" ist, zusammen mit der schockierenden Endszene, das Highlight dieser sonst so lustlos wirkenden Folge.

"There is an impulse in you that runs even deeper than your martyr complex and that's your savior complex."

Alles andere als ein Highlight ist hingegen das Sich-im-Kreise-Drehen, das in der Storyline rund um Lana, Kit und Thredson geschieht. Es ist einerseits schön zu sehen, dass Lana und Kit tatsächlich eine aufrichtige Freundschaft entwickelt haben und endlich einmal ein paar Emotionen gezeigt werden. Andererseits ist es recht unspektakulär zu sehen, wie sich diesmal prinzipiell nur die Machtverhältnisse verschieben. Thredson kann Lana jetzt nichts mehr antun, weil sie sein ungeborenes Kind in sich trägt und zudem als Einzige weiß, wo sich die Beweisaufnahme mit Thredsons Mordgeständnis befindet – gleichzeitig weiß man aber jetzt schon, dass sich dies in der nächsten Folge wohl wieder umkehren wird. Ach ja, und Kit weiß jetzt, dass Grace lebt und ein Alien-Baby von ihm hat. Wie spannend.

Das Potential bleibt also auch in dieser Episode wieder weitestgehend ungenutzt. Zwar muss man definitiv loben, dass die Serie den Mut hatte, gleich zwei der großen Antagonisten ins Jenseits zu schicken, doch das Problem ist, dass es einem im Endeffekt doch relativ egal ist. Mary Eunice ist tot, Arden ist tot – na und? Was jetzt? Was will diese Staffel noch in den letzten drei Episoden bringen? Wie will sie uns noch so richtig gut unterhalten? Da man es bisher nicht geschafft hat, beim Zuschauer wirkliches Interesse für die Figuren zu evozieren, muss man leider die frustrierende Feststellung machen, dass der Zug wohl abgefahren ist. Und so fügt sich #2.10 The Name Game ein in die seit Beginn der Staffel andauernde Reihe von (unter)durchschnittlichen Episoden auf dem Weg zu einem wahrscheinlich genauso (unter)durchschnittlichen Finale.

Maria Gruber - myFanbase

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