"Hamlet"-Interview mit Alexander Vlahos & Scott Handcock

Big Finish produziert Hörspiele für Erwachsene in englischer Sprache. Auf CD oder per Download gibt es Serien wie "Doctor Who" mit den Stimmen der Originalschauspieler, die aus den Serien bekannt sind. Darüber hinaus gibt es Big Finish Originale wie "The Confessions of Dorian Gray", klassischen Horror wie "Dracula" und nun mit "Hamlet" zum ersten Mal ein Werk von Shakespeare.


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Alexander Vlahos, Hamlet
© Big Finish

3. August 2017 von Nicole Oebel @philomina_

Read the interview with Alex Vlahos & Scott Handcock in English.

Ein Interview in drei Akten über Shakespeares "Hamlet" von Big Finish. Zunächst spricht Hauptdarsteller Alex Vlahos über seine Vorbereitung auf die Rolle, anschließend erzählen Alex und Regisseur Scott Handcock von ihrer Herangehensweise und ihren Zielen, und zuletzt gibt Scott Einblicke in die Produktion des Hörspiels.

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Alex, zunächst mal herzlichen Glückwunsch zur Verwirklichung eines deiner Träume! Deine bisherige Karriere zeigt einen spannenden Weg von fünf Jahren Dorian Gray, die sehr gut das Formen deines Handwerks widerspiegeln, bis hin zur Rolle des Philippe d'Orléans in "Versailles", der größten in Europa gedrehten Serie. All diese Herausforderungen konnten dich eigentlich nur hierher führen, zur Darstellung des Hamlet, der alle Charakterfacetten, die du zuvor ausprobieren konntest, in sich vereint. Wann wusstest du, jetzt ist es soweit?

Das ist sehr nett, dass du das sagst. Ich denke, du hast recht insofern, als dass gewisse Rollen, die man als Schauspieler annimmt, zu etwas oder jemandem führen. Ich habe solches Glück, diese Gelegenheit bekommen zu haben - Hamlet als Charakter besitzt eine solche Vielfalt an unterschiedlichen Facetten, jede einzelne davon komplex und tief verwurzelt in der menschlichen Psyche. Wenn man sich in ihn hineinversetzt, fühlt man sich wirklich, als entdecke man eine sehr tief-psychologischen Blick auf die Welt und dich selbst als Mensch. Ich habe ja zuvor schonmal gesagt, dass ich mich immer zu komplexen Charakteren hingezogen fühle - jenen, die nicht nur zu spielen eine Herausforderung sind, sondern mir auch erlauben, etwas über mich selbst herauszufinden. Um also auf deine Frage zurückzukommen, Hamlet fühlte sich an diesem Punkt meiner Karriere richtig an, weil ich wohl den nächsten Schritt gesucht habe, den nächsten Sprung ins Ungewisse, diese Angst zu versagen, und das ist Hamlet für mich. Man könnte also sagen, Mordred, Dorian und Philippe waren alle Teil eines größeren Plans - das Schicksal oder etwas in der Art hat mich hierher geführt. Das ist ein sehr optimistischer Gedanke, vor allem für mich als stolzen Pessimisten - aber dieses eine Mal stimme ich zu.

Es gibt viele Interpretationen von "Hamlet" sowohl auf im Film als auch auf der Bühne. Du hast selbst schon mit einem großartigem Hamlet, Kenneth Branagh, in "Macbeth" auf der Bühne gestanden. Wie löst man sich davon und findet seinen eigenen Ansatz? Ein bisschen wie eine neue Melodie zu finden?

Ich denke, der erste Fehler für jeden Schauspieler wäre zu VERSUCHEN, anders zu sein, nur um etwas zu beweisen. Ich bin tatsächllich in jede Darstellung, die ich finden konnte, eingetaucht. Hab Filme gesehen, Audios angehört und selbst in Bühnenproduktionen mitgespielt - die beste Erfahrung aus erster Hand, die man sich wünschen könnte - um meinen Kopf zu füllen. Du suchst nach Dingen, die funktionieren, Dingen, die nicht funktionieren, Aspekten, die du großartig findest, und Aspekten, die du nicht richtig findest... Und dann versuchst du, alles zu vergessen. Das war zumindest mein Herangehen. Außerdem ist es auch eine Kombination von dir und den anderen Castmitgliedern, dazu noch die Regie und die Version des Skripts, für die man sich entschieden hat - und hoffentlich ergibt das Ganze dann die Welt, die du erschaffen wolltest. Und schon allein durch diese Kombination wird diese Version von Hamlet anders als alle anderen.

Über Philippe d'Orléans sagtest du, du bewunderst seine Charaktereigenschaften und teilst auch einige davon. Philippe und Hamlet stammen beide aus Königsfamilien, deren familiäre Streitigkeiten im ganze Land spürbar sind, aber in vielerlei Hinsicht unterscheidet sich Hamlet sehr von Philippe. Wie hast du dich in ihn heineinversetzt und hat auch er Eigenschaften, die du bewunderst?

Ich habe über seine Trauer in ihn hineinfinden können. Seine Melancholie am Anfang des Stücks hat mich angezogen, dadurch war ich am Haken. Es hat mich fasziniert - ich musste diesen Kummer anzapfen, den er beschreibt und mich dann durch den Rest des Stücks fühlen und meine Entscheidungen treffen. Am Anfang haben wir einen isolierten jungen Mann, von seiner Mutter entfernt, vom Hof isoliert, sogar von Helsingör isoliert... In dieser Hinsicht sind Philippe und Hamlet sehr ähnlich. Spüren, dass man nicht von dieser Welt ist. Ich denke, Philippe glaubt, dass er seiner Zeit voraus ist, bei Hamlet ist es so, dass sich die Welt zu schnell bewegt und er nicht nachkommt. Er will einfach nur trauern und kann nicht fassen, dass der Rest der Welt nicht dasselbe tut.

Was die Eigenschaften angeht, ich bewundere seinen Antrieb, seine Entschlossenheit. In der Minute, als der Geist erscheint und ihm von dem Verrat erzählt, hat er plötzlich eine Aufgabe: Rache. Es war so interessant, mir selbst diesen Gedanken zu erlauben und mir beinahe sogar die Erlaubnis zu geben, dem nachzugehen. Er muss während des Stücks erwachsen werden... ein Mann zu werden. In meinem eigenen Leben muss ich mich auch gerade damit auseinandersetzen, was das mit sich bringt, was es bedeutet ein Mann zu sein. Verantwortung. Konsequenzen. Reife.

Ein Hörspiel erfordert eine sehr direkte Form des Schauspielens, denn das Visuelle ist komplett der Vorstellungskraft des Zuhörers überlassen. Das im Hinterkopf - wie hast du dich Hamlets großen Monologen genähert, speziell solchen mit einer Berühmtheit wie "Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage"?

Nun, ohne zuviel zu verraten, Scott und ich beschlossen, das audielle Medium voll auszukosten. Das Mikrofon zu nutzen, um den Zuhörer herein zu locken. Wenn dies eine Bühnenproduktion wäre, könnte ich niemals einen der Monologe flüstern - da das Publikum auf dem zweiten Rang das gar nicht hören würde, zumindest keine Nuancen. Was wir hoffentlich mit dieser Version erreicht haben, ist, indem wir diesen verfügbaren Raum zwischen Schauspieler und Zuhörer nutzen, können wir euch heranziehen oder wegstoßen. Der Effekt ist am Ende sehr direkt, aber auch höchst spannend.

Am ersten Tag der Aufnahmen schriebst du auf Twitter, du seist nervös. Gab es dann einen Moment, als im Tonstudio aufblicktest und merktest, du warst gerade in Helsingör und das Lampenfieber war weg?

Haha! Niemals! Lampenfieber hatte ich an allen Tagen der Aufnahme durchgehend... es wurde nie leichter. Am ersten Aufnahmetag gab es einen ganz bestimmten Moment, da blickte ich auf, um Scott am Regiepult zu sehen, und mich packte eiskalt die Panik. Ich fühlte mich, als sei ich der Sache überhaupt nicht gewachsen, war wie im Schock - soweit dass ich mich fragte, ob ich noch bei Verstand sei. Und wie du dir vorstellen kannst, ist das weder gut noch produktiv. Ich hab mich zusammengerissen und kam am nächsten Tag mit noch besserer Vorbereitung zurück. Das war der einzige Weg, mit der Angst umzugehen. Deine eigenen Unsicherheiten siehst natürlich nur du selbst, es war also mehr eine seelische Panik. Ich habe die Rolle nie unterschätzt, ich wusste, auf was ich mich da einlasse - aber es wurde mir erst so richtig bewusst, dass es genau das ist, was Shakespeare so großartig macht - Schauspielern wird die Möglichkeit gegeben, der Herausforderung ohne Umschweife entgegen zu treten.

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Alexander Vlahos, Hamlet
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Beim Fernsehen ist Alex daran gewöhnt, sich für fast jede Episode an einen neuen Regisseur zu gewöhnen. Ihr beide dagegen arbeitet seit Jahren zusammen, entwickelt Ideen, bringt zusammen neue Dinge heraus. Wie war es nun bei "Hamlet"? Sowohl altes als auch neues Territorium?

Alex: Ich hoffe, ich liege nicht zu falsch, wenn ich sage, dass ich glaube, ich kannte den Stoff besser als Scott. Scott ist ein phänomenaler Regisseur, dem ich bedingungslos vertraue, und ich könnte mir nie vorstellen, es mit jemand anderem am Steuer durchzuziehen - aber sonst, z.B. mit Confessions, ist Scott immer derjenige, der am besten vorbereitet und mit dem Stoff vertraut ist... Dieses eine Mal war es etwas anders. Aber das bedeutet nur, dass wir einander viel mehr ausgeholfen haben. Ich glaube, wir haben uns hier in unserem Handwerk gegenseitig ergänzt, mehr noch als bei Dorian. Es war sowohl ein Sprung ins Ungewisse als auch das übliche Vertrauen bei der Arbeit. Eine etwas merkwürdige, aber lohnenswerte Kombination.

Scott: Ich war weit davon entfernt, mich wohl zu fühlen. Mich hat diese Idee wirklich, wirklich nervös gemacht. Natürlich war ich auch aufgeregt - eine Herausforderung zu haben ist super - aber es ist nunmal mehr oder weniger der wichtigste Text in der Literatur. Ich wäre verrückt, wenn mir das Gewicht dieser Verantwortung nicht bewusst wäre!

Zum Glück hat Alex das gespürt und war in der Lage, mich zu überreden. Er empfahl mir einige Bücher und Quellen, damit ich Nachforschungen anstellen konnte, er erzählte von Ideen aus Theaterstücken, in denen er mitgewirkt hatte, und wir haben uns im Vorfeld der Produktion ausgiebig unterhalten, Ideen ausdiskutiert und klargestellt, dass wir das gleiche Ziel im Auge haben. Ich erinnere mich, an dem Abend vor dem ersten Aufnahmetag haben wir uns in meinem Hotel getroffen und sind das gesamte Stück durchgegangen, Seite für Seite, und haben jeden Aspekt des Stücks diskutiert. Wir haben ca. vier Stunden dafür gebraucht!

Aber ja, während es auf der einen Seite komplett neues Territorium war, war die Dynamik doch vertraut. Ich bin nicht sicher, ob ich mit einem anderen Hauptdarsteller so zuversichtlich gewesen wäre. Nach all den Jahren haben Alex und ich unsere eigene Sprache entwickelt. Seine Agentin sagte mir, wir vervollständigten die Sätze des anderen. Das ist in gewisser Weise großartig. Es fühlt sich ehrlich wie unsere Version von "Hamlet" an, nicht wie seine oder meine...

Bislang wissen wir nur von Alex' Ansicht, dass Hamlet jung gespielt werden sollte, und dann ist da noch das Promobild, das sehr dunkel und intim wirkt, beinahe beunruhigend intim, als wäre Hamlets Seele vor uns entblößt. Ist das ein Hinweis auf euer Herangehen?

Alex: Man könnte es als Hinweis betrachten. Als ich mich damals, vor fast zwei Jahren, mit der Idee, dieses Ungeheuer von einem Stück anzugehen, mit Scott hingesetzt habe, wusste ich, dass unsere gemeinsame Version sich mehr dem menschlichen Aspekt des Stückes nähern würde. Diese Version ist eine sehr zurückgenommene Produktion, die nach Instinkt geht. Es ist fraglos intim und der Rest der Besetzung fügt eine sehr echte, tief mit der Erde verwurzelte Note hinzu, was Absicht war. Es ist kein glamouröser Ansatz, sondern es ist ein Helsingör mit Spinnweben und Grusel. Die Promobilder, hoffe ich, spiegeln dies wider.

Scott: Ich denke, Audio ist womöglich das intimste Medium überhaupt. Leute hören sich ein Hörspiel meist allein an, und im Gegensatz zum Lesen hat man hier noch eine gewisse Kontrolle über Ton und Sound-Design, wodurch die Produktion Einfluss auf die Vorstellungskraft des Zuhörers nehmen kann. Das ist es, weshalb man sagt, Shakespeare sollte besser gehört als gelesen werden. Die Ausgestaltung einer Audio-Produktion bietet so viel mehr als man anderswo bekommen könnte.

Also ja, mein Plan war es immer, das Medium in vollstem Maße auszunutzen. Wir haben die Freiheit, die Stimmen ganz leise werden zu lassen, bis gelegentlich sogar zu einem Flüstern. Auf der Bühne wäre es äußert schwierig, das zu tun. Man könnte es im Film machen, aber einer Stimme über Kopfhörer zu lauschen ist ein einzigartiges Erlebnis, und wir haben definitiv versucht, die Stimmen so zu gestalten, dass sie die Zuhörer hineinziehen und das ganze Stück über auf Trab halten.

Big Finish beschreitet neue Wege mit euren Projekten wie "Confessions" und jetzt Shakespeare, und ich sehe sehr viel Vertrauen beim potenziellen Publikum; Big Finish Fans, Versailles Fans, Dorian Fans. Worauf freut ihr euch am meisten, was die Zuhörer entdecken werden?

Alex: Dass unser Hamlet den Leuten eine neue Welt eröffnet, die vorher vielleicht noch gar nicht vor hatten, in diese Welt mal einzutauchen. Neue Zuhörer, alte Zuhörer - ich hoffe, sie erkennen an, was wir zu erreichen versuchen. Die Besetzung nähert sich dem Stoff mit so viel Tapferkeit, ich freue mich drauf, dass alle das werden hören können.

Scott: Ganz ehrlich? Ich finde den Gedanken wunderbar, dass jeder für sich etwas anderes entdecken wird. "Hamlet" umzusetzen, war eine immens große Lernkurve für mich, sowohl beruflich, als auch persönlich. Ich hatte auch vorher schon ungeheuer großen Respekt vor Shakespeare, fühlte mich aber auch weit entfernt von ihm. Durch dieses Projekt ist in mir eine kolossale Bewunderung für seine Worte und sein Handwerk erwacht, ich scheue mich jetzt sehr viel weniger vor seinem Werk und wie man da herangeht.

Außerdem hat auch nicht jeder so viel Glück, ins Theater gehen und eine Aufführung live auf der Bühne sehen zu können, insofern wird unsere Audio-Version hoffentlich dazu beitragen, dass mehr Leute Shakespeare erleben können, die sonst keine Gelegenheit dazu hätten.

Foto: Scott Handcock, Alexander Vlahos, Hamlet - Copyright: Big Finish
Scott Handcock, Alexander Vlahos, Hamlet
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Scott, heutzutage würde man sagen, "Hamlet" ist ein Thriller, meinst du nicht, sogar ein Mystery-Thriller. Es gibt einen Geist, Rache, unglückliche Liebe, Mord, Wahnsinn und politische Konflikte. Zudem lässt es sich nicht eindeutig interpretieren. Wolltest du den Fokus auf bestimmte Handlungsstränge legen, und scheint deine eigene Interpretation durch?

Es ist ohne Zweifel eigentümlich. Auf jeden Fall in vielerlei Hinsicht ein psychologischer Thriller, der sich aber, wie du sagst, in keine Genre-Schublade stecken lässt. Es gibt den Besuch des Geists im ersten Akt, der beinahe wie eine Szene aus einer Horrorgeschichte wirkt; Hamlets Abstieg in den Wahnsinn ist möglicherweise komplett eingebildet je nachdem, ob du glauben möchtest, dass er wirklich den Verstand verliert (wir entschieden uns dafür, stattdessen den Fokus auf die Trauer zu legen, die ihn antreibt); und das gesamte Stück schwelgt in einer Welt von Duplizität, in beiderlei Bedeutung dieses Wortes, einschließlich Parallelen und Betrug an jeder Ecke. Kein Wunder also, dass es so viele Produktionen von "Hamlet" gibt - es muss hunderte über hunderte von verschiedenen Interpretationen geben! Für Alex und mich ist es eine Geschichte von Zweifel und Trauer. Nichts in Hamlets Welt ist wirklich gewiss...

Euer "Hamlet" umfasst drei Stunden, das bedeutet, ihr habt ein wenig geschnitten. Hat dies einen Effekt auf Hamlets Charakterentwicklung? Er trauert, er liebt, er tötet, er ist ein "verbaler Wolf im Schafspelz". Magst du ihr als Figur eigentlich?

Obwohl der Originaltext für unsere Audio-Version ein wenig editiert wurde, konnten wir dafür glücklicherweise die Dienste von Justin Richards in Anspruch nehmen. Justin ist nicht nur ein brillanter Schriftsteller an sich, er ist auch ein echter Shakespeare-Experte. Er hat also einen sehr guten Sinn dafür, wo Schnitte die Story vorantreiben können, ohne signifikante Charakterentwicklungen zu verlieren, sowie Wiederholung in Beschreibungen und andere Ungereimtheiten zu umgehen.

Eines der interessantesten Dinge über Shakespeare ist die Tatsache, dass es mit höchster Wahrscheinlichkeit zu Shakespeares Lebzeiten niemals vollständig aufgeführt wurde. Theater war zu der Zeit sehr viel mehr publikumnstaugliche Hudelei, und so hat Shakespeare zwar alles, was wir als Hamlet kennen, geschrieben, aber verschiedene Theatergruppen werden eine Vielzahl von Szenen gestrichen haben. Je nachdem, vor welchem Publikum sie gespielt haben, wie viel Zeit sie hatten, da spielten vielerlei Faktoren hinein. Erst nach Shakespeares Tod wurde der Text von seinen Schauspielern endgültig zusammengefügt. In gewisser Weise wurde "Hamlet" also schon immer editiert!

Also ja, die Geschichten der Figuren sind noch immer in Takt, sowie auch das Rückgrat, um das herum alles andere aufgebaut ist. Was den Charakter des Hamlet angeht, es gibt einen Grund, warum es Tragödie genannt wird. Er trifft nichtmals die falschen Entscheidungen - nicht direkt - vielmehr sind es seine Unentschlossenheit und Selbstzweifel, die ihn Fehler machen lassen, die einen Dominoeffekt von Zerstörung auslösen. Ereignisse laufen sehr schnell aus dem Ruder. Man empfindet also sicherlich Mitleid mit ihm, aber ob man ihn wirklich mag? Ich bin nicht ganz sicher... Er ist wie diese Freunde, die nie eine Entscheidung darüber treffen können, wo man sich trifft oder welchen Film man sich anschaut. Nach einer Weile verliert man einfach die Geduld und will eine Entscheidung! Hamlet treibt einen in den Wahnsinn, weil man auf seiner Seite ist, er aber nicht das Vertrauen in sich selbst hat, das andere vielleicht haben.

Für die Besetzung habt ihr viele ausgewählt, die mit euch schon an "Confessions" gearbeitet haben - Dan Brocklebank als Horatio, James und Dorian hatten eine ergreifend intime Dynamik, und Deirdre Mullins als Ophelia, die von Hamlet ausgenutzt wird wie Scarlett von Dorian - nur als zwei Beispiele. Wie hat dies eure "Hamlet"-Produktion geformt?

Ich habe die Parallelen zwischen den Charakteren in "Hamelt" und ihren früheren Rollen in "Confessions" gar nicht wirklich bedacht! Es gibt vermutlich einige Ähnlichkeiten - aber gibt immer einige Charaktere, die typisch für Dramen sind. Was das Casting zu "Hamlet" angeht, da wollte ich einfach verdammt gute Leute. Schauspieler, von denen ich wusste, dass ich ihnen vertrauen kann, und mit denen ich gerne zusammen arbeite, da man es hier eben mit einem sehr fordernden Stück Arbeit zu tun hat, und ein Drehplan bei Big Finish schon im besten Fall hart genug ist! Da möchte man Leute um sich herum haben, mit denen man weiß, dass man Spaß hat, während man es gleichzeitig ernst nimmt, und mit denen man einfach unheimlich gern Zeit verbringt!

Da gibt's nichts zu leugnen: Shakespeare ist in jedem Fall eine einschüchternde Angelegenheit - besonders Hamlet - aber alle haben sich der Herausforderung gestellt und waren begeistert, dabei zu sein. Sie sind zudem natürlich auch alles erfahrene Shakespeare-Darsteller. Es klingt selbstverständlich, aber wenn du etwas wie "Hamlet" angehst, willst du Leute haben, die sich von der Sprache nicht einschüchtern lassen, und das war hier auch nicht der Fall. Daniel Brocklebank war beispielsweise jahrelang bei der Royal Shakespeare Company und "Shakespeare in Love"; Miles Richardson wurde quasi in das alles hineingeboren und folgte dem Beispiel seines Vaters; Samuel Barnett hat sogar schon einige der weiblichen Shakespeare-Rollen auf der Bühne gespielt... so hatten wir also eine Besetzung von a) starken Sprechern, b) starken Shakespeare-Darstellern und c) liebenswerten Persönlichkeiten. Wir hatten sehr, sehr viel Glück!

Bei der Vorbereitung der tatsächlichen Sprachaufnahme, wie bist du da an die Wörter innerhalb der Shakespeare-Sprache herangegangen, die den Zuhörern nicht vertraut sind, diese Moment, wo ein Schauspieler sich auf der Bühne mit Mimik und Gestik ausdrücken kann?

Ganz ehrlich? Ich hatte immer Angst vor Shakespeare. Als Alex mich zum ersten Mal darauf angesprochen hat, das zusammen zu machen, musste ich erst überzeugt werden. Es war weit außerhalb meiner Komfortzone, und so habe ich mich wochenlang damit beschäftigt, tagein, tagaus, den Text so gründlich wie möglich zu studieren. Wie bei jedem Skript, muss man als Regisseur jederzeit bereit sein, alle Fragen der Schauspieler beantworten zu können, insofern wusste ich, dass ich mich mit all den verschachtelten Details des Textes ultra-gut auskennen musste. Ich konnte mich nicht darauf verlassen, einfach nur den übergeordneten Sinn einer Szene zu kennen...

Was mir sehr geholfen hat, mehr als alles andere, war ein großartiges Buch namens "Shakespeare on Toast" von Ben Crystal. Wir hatten ihn bei der letzten Staffel von "Dorian" dabei, und er erwähnte, dass er dieses Buch geschrieben hat, so hab ich es mir natürlich gleich gekauft. Und es ist eine Freude! Es hilft wirklich dabei, sozusagen den Code zu entschlüsseln, Shakespeare zu verstehen, das eingebildete Hindernis, das einen von Shakespeare ferngehalten hat, zu überwinden.

Im Grunde bietet es den Kontext zu der Welt, in der Shakespeare geschrieben hat und in der seine Stücke aufgeführt wurden. Denkt dran, eine Bühne war wirklich einfach nur das. Sie hatten eine großen Budgets, Requisiten oder CGI - die Ereignisse und die Geschichte wurden also ausschließlich über die Sprache kommuniziert. In diesem ganz ursprünglichen Sinne ist es ein Audio-Drama, somit war es also nicht übermäßig kompliziert, es in dieses Medium zu übertragen. Ich musste nur sichergehen, dass ich jede Zeile verstehe!

Das Versmaß war auch kein größeres Problem, da es der Form vieler griechischer Tragödien folgt, welche mein Wahlfach an der Uni waren. Diese Regeln auf Shakespeare zu übertragen, war überraschend einfach! Bens Buch beinhaltet auch eine besonders schöne Aussage darüber, sich dem Text mit Respekt zu nähern, ohne museumsreif zu klingen. Shakespeares Stücke waren dazu gedacht, gehört zu werden und zu unterhalten. Also ja, während wir das Projekt extrem ernst genommen haben, galt meine Sorge in allererster Linie, dass es für den Zuhörer funktioniert. In der Hinsicht ist es eine typische Big Finish Produktion. Wir halten Dramen in Bewegung...

Du hast nun "Doctor Who" und klassischen Horror gemacht, deine eigene Serie "The Confessions of Dorian Gray" erschaffen und jetzt noch Shakespeare. Was ist dein nächstes Traumprojekt?

Mit Big Finish würde ich unheimlich gerne die griechischen Tragödien machen, umgesetzt im Stile der Originalvorstellung: drei männliche Schauspieler spielen alle Rollen und an den richtigen Stellen setzt ein gemischter Chor ein. Stilistisch gesehen, denke ich, könnte das faszinierend sein! Darüber hinaus, wer weiß? Ich habe das Glück, an Projekten arbeiten zu können, die unheimlich verschieden sind. In der einen Minute bin ich einem Big Finish Studio, in der nächsten schreibe ich einige Geschichten für den Penguin Verlag, dann bin ich im "Sherlock" Produktionsbüro, bevor ich anschließend Radio-Drama am RWCMD (Royal Welsh College of Music & Drama) unterrichte... Ich liebe das. Ich würde mich äußerst ungern auf einen Bereich festlegen. Wahrscheinlich wäre das also mein Traum: weiterhin Dinge aller Art zu machen!

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