You - Du wirst mich lieben - Review Staffel 3

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Foto: Penn Badgley & Victoria Pedretti, You - Du wirst mich lieben - Copyright: 2021 Netflix, Inc.
Penn Badgley & Victoria Pedretti, You - Du wirst mich lieben
© 2021 Netflix, Inc.

"Bei einer angedeuteten dritten Staffel ist nun aber wirklich die Frage, ob man nicht besser einen Schlussstrich ziehen sollte." Mich hier selbst aus meiner Review zu Staffel 2 zu zitieren, hat wenig mit Selbstbeweihräucherung zu tun, sondern vielmehr mit einem Mea-Culpa-Gedanken, denn zum Glück ist es für Netflix-Hit "You - Du wirst mich lieben" mit einer dritten Staffel weitergegangen, die meiner Meinung nach mit Abstand die beste ist. Das liegt vor allem daran, dass ich jetzt wirklich kapiert habe, was die Serie sein will. Es ist definitiv weit weg von der verklärten Romantisierung von Stalking, die zurecht der Serie gerade mit Staffel 1 noch vorgeworfen wurde, inzwischen ist es einfach nur noch eine bitterböse Betrachtung von menschlichen Abgründen. Und wenn man sich darauf wirklich einlassen kann, dann ist "You" eine echte Unterhaltung!

Foto: You - Du wirst mich lieben - Copyright: 2020 Netflix, Inc.; John P. Fleenor/Netflix
You - Du wirst mich lieben
© 2020 Netflix, Inc.; John P. Fleenor/Netflix

Staffel 3 macht genau da weiter, wo Staffel 2 aufgehört hat: in der Vorstadthölle Madre Linda, in der Joe (Penn Badgley) nun an der Seite von Ehefrau Love (Victoria Pedretti) und Baby Henry gefangen ist. Aber Mitleid habe ich definitiv keines mit ihm, denn er hat das bekommen, was er verdient hat und Love umgekehrt natürlich genauso. Ich finde es wirklich bei dieser Serie entscheidend, dass es nicht darum geht, Charaktere sympathisch zu finden und sich in sie hineinversetzen zu wollen, denn Joe und Love haben schon längst fleißig jenseits von einer Grenze agiert, von der es keine Erlösung mehr gibt. Natürlich müht sich die Serie auch weiterhin, einige Wesenszüge der beiden mit traurigen Geschichten aus der Vergangenheit zu erklären, gerade bei Joe wird immer wieder auf Rückblenden gesetzt und Jack Fisher als seine jüngere Version ist so genial besetzt und dazu ist er auch noch so süß (schon bei "Navy CIS" bewiesen), dass man Joe natürlich gerne mal in den Arm nehmen würde. Aber die erwachsenen Versionen von Joe und Love machen sich ja gar nicht vor, gute Menschen zu sein. Die Frage ist immer eher, wie stabil sind wir gerade?

Natürlich ist es auch genial gemacht, dass in Madre Linda kaum eine Figur herumläuft, wo man spontan direkt Sympathien empfindet. Wir befinden uns wirklich in einer Vorstadthölle, die von Influencerin Sherry (Shalita Grant) regiert wird. Diese heißt jede*n vermeintlich herzlich willkommen, aber hast du dich weggedreht, dann kennt das Lästern kein Halten mehr. Jeder will in ihrer Aufmerksamkeit baden, so dass sich Oberflächlichkeiten an Oberflächlichkeiten reihen. Auch die Männerreige ist echt zum Brüllen. Sie sind im Grunde alle nur treue Hunde, die an ihren Männerwochenenden all das ausleben, was sonst unterdrückt werden muss, aber richtig ernstnehmen kann man sie keinesfalls. Sie kommen sich so hart vor, dabei ist es der unschuldige Joe, bei dem sich die Leichen stapeln. Selbst seine erste neue Obsession Natalia (Michaela McManus), die mit ihrer widerspenstigen Art definitiv in Madre Linda heraussticht, ist keine natürliche Sympathieträgerin, weil sie heftig mit Joe flirtet, aber gleichzeitig Love als vermeintliche Freundin beisteht. Einzig Marienne (Tati Gabrielle), College-Student Theo (Dylan Arnold) und Dante (Ben Mehl) sind Figuren, die sich über die Staffel hinweg nichts zu Schulden kommen lassen und völlig unwissend sind, dass sie mitten auf einem Spielfeld stehen, ohne aber die Regeln zu können. Da wird dann doch Mitleid geweckt, dass sie einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren. Aber in diesem Szenario wirken Joe und Love tatsächlich stellenweise nicht wie die schlimmsten Bewohner*innen. Deswegen kann man ihnen manch entsetzte Kommentare über die Nachbar*innen sogar abnehmen, lustig ist es natürlich dennoch.

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Foto: Penn Badgley & Victoria Pedretti, You - Du wirst mich lieben - Copyright: 2020 Netflix, Inc.; John P. Fleenor/Netflix
Penn Badgley & Victoria Pedretti, You - Du wirst mich lieben
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Während die ersten beiden Staffeln sich im Verlauf der zehn Episoden jeweils etwas verzettelt haben, weil sie sich in Bedeutungslosigkeiten verloren, stimmt die Episodenanzahl für Staffel 3 vollkommen, denn von vorne bis hinten war Tempo drin und es ist immer etwas passiert, das die Geschichte in eine andere Richtung gelenkt hat. Mich hat nicht alles gleich unterhalten, so fand ich die Swinger-Thematik etwas befremdlich, weil es weder auf die ständigen Besitzansprüche von Joe noch von Love passt, aber letztlich war es auch eine Möglichkeit, um zum finalen Knall auszuholen. Aber die Staffel hat es mir mit ihrem inhaltlichen Tempo auch gar nicht erlaubt, mich an inhaltlichen Klippen länger aufzuhalten, weil schon wieder etwas Neues auf mich als Zuschauerin wartete. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die Serie auch in Staffel 3 noch nicht zimperlich wird. Bei Staffel 2 dachte ich schon stellenweise mit gespieltem Entsetzen: Darf man das überhaupt? Ja, man durfte es und damit wurde natürlich auch ein Standard gesetzt, der erst einmal wieder bestätigt werden muss. Aber falls sich da jemand Sorgen gemacht hat, lachhaft! "You" schafft es in dieser Atmosphäre von Madre Linda, dass gerade Loves Taten wirklich wieder eine ganz eigene Geschichte erzählen. Sie handelt so unberechenbar, dass wirklich alles möglich ist. Da wirkt Joe stellenweise fast wie ein Klosterknabe dagegen. Aber letztlich sind die beiden es als Ergänzung, die den besonderen Reiz ausmachen, denn was Love verursacht hat, muss Joe eben wieder ausbaden und spätestens da wird auch deutlich, der Kerl ist genauso abgehärtet.

Noch viel wichtiger als der Inhalt sind bei "You" die Drehbücher, die diesen Inhalt in einen sprachlichen Rahmen setzen, der es in sich hat. Gerade die inneren Monologe von Joe waren schon von Staffel 1 an ein Reiz der Serie. Dort waren sie oft etwas creepy, aber inzwischen sind sie einfach nur noch Kunst. Wo ich sonst keinen großen Drang empfinde, Drehbücher zu lesen, so habe ich keine Zweifel dran, dass es bei "You" definitiv ein Erlebnis für sich ist. Joe spricht immer mit einem 'you', was über den Verlauf der Serie hinweg munter gewechselt ist und gerade in dieser Staffel merkt man ein regelrechtes Spiel damit. Zuerst ist es an Natalie gerichtet, dann an Love, dann gibt es eine Mischung aus Love und Marienne, was Joes Zerrissenheit zu diesem Zeitpunkt unterstreicht, und dann ist es ausschließlich Marienne. Es ist definitiv das vorherrschende Stilmittel in "You" und es wurde zur echten Kunst weiterentwickelt. Aber auch ansonsten sitzt jedes Wort. Es gibt kein belangloses Blabla, alle Äußerungen sind perfekt pointiert und führen irgendwo hin. Aber die meisten Details und liebevoll ausformulierten Spitzen sind bei Joes Gedanken zu finden. Badgley überträgt diese dann auch wirklich genial für uns Zuschauer*innen. Joes Liebe für die Literatur ist auch ein stetig auftauchendes Element und das ist einmal mehr der Beweis dafür, dass die hier beteiligten Drehbuchautor*innen großen Respekt vor der Sprache und ihrer Wirkung haben. "You" mag inhaltlich nicht wie der ideale Kontext für so eine Hommage sein, aber vielleicht machen gerade die Gegensätze dies zu einem besonderen Erlebnis.

Foto: Penn Badgley & Victoria Pedretti, You - Du wirst mich lieben - Copyright: 2020 Netflix, Inc.; John P. Fleenor/Netflix
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Während ich nach Staffel 2 eher enttäuscht Abstand von Staffel 3 genommen habe, ist es hiernach jetzt pure Überraschung, wie zufrieden ich bin. Kein Wunder also, dass mir sofort der Gedanke in den Kopf kam, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Nun wurde aber bereits vor der Premiere Staffel 4 bestätigt, weswegen ich mich wohl besser zurückhalte, denn vielleicht kann es unerwartet noch einmal übertroffen werden, aber eine Bestätigung der Qualität würde mir schon reichen. Möglicherweise spielt die kommende Staffel 4 in Paris, was definitiv sehr aufregend wäre. Und dann ist es bis "Emily in Paris" nicht mehr weit und damit zu einer Golden Globe- oder Emmy-Nominierung. ;-)

Fazit

"You" hat mich mit seiner dritten Staffel wirklich positiv überrascht, weil ich der Serie eine solche Steigerung definitiv nicht zugetraut habe. Es mag auch daran liegen, dass ich jetzt endlich kapiert habe, was diese Serie sein will und das dadurch auch mehr zu schätzen weiß, aber auch so hat sich Madre Linda als großartige Kulisse für neue Mordspielchen erwiesen. Eingepackt in erneut großartigen Dialogen und inneren Monologen bin ich durchweg unterhalten worden und kann dieser Staffel wahrlich nicht viel vorwerfen. Daher genieße ich einfach weiter diesen Moment.

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Lena Donth myFanbase

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