Tote Mädchen lügen nicht - Review

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Foto: Tote Mädchen lügen nicht - Copyright: Netflix, Inc.
Tote Mädchen lügen nicht
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"Tote Mädchen lügen nicht" ist eine Serienadaption von Jay Ashers gleichnamigen Roman, der im Original den Titel "13 Reasons Why" trägt. Ich kannte das Buch nicht, bevor ich mich dieser Serie widmete und bin dementsprechend unvoreingenommen an die Handlung herangegangen. Ich wusste lediglich, dass es um den Selbstmord eines Mädchens geht, das nach ihrem Tod eine Box mit Kassetten an ihre Mitschüler schickt und erklärt, warum es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Und genau was der Originaltitel ankündigt und diese kurze Handlungsbeschreibung verspricht, bekommt man auch. 13 Gründe, die zum Selbstmord von Hannah Baker geführt haben, für jeden Grund eine Kassette und eine Episode, und gleichzeitig ein tiefer Blick in das Seelenleben eines Teenagers.

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Natürlich hat mich die Serie gleich nach der ersten Folge am Haken, denn man möchte wissen, welche Gründe bzw. Personen auf den weiteren Kassetten genannt werden. Wie hängt alles zusammen und wer steht mit wem in welcher Beziehung? Dazu gibt es immer wieder Anspielungen auf andere Ereignisse oder Kassetten, von denen man erst später in der Serie genauer erfährt. Für einen Seriensüchtigen also der ideale Grund für ein Binge-Watching-Wochenende.

Achtung: Diese Review enthält Spoiler zur Handlung der ersten Staffel. Wenn du noch nicht alle Episoden gesehen hast, lies besser nicht weiter.

"And everyone knows you can't disprove a rumor."

Foto: Katherine Langford & Brandon Flynn, Tote Mädchen lügen nicht - Copyright: Beth Dubber/Netflix
Katherine Langford & Brandon Flynn, Tote Mädchen lügen nicht
© Beth Dubber/Netflix

Alles fängt mit einem Blick auf Hannahs Schließfach an, das bedeckt von Fotos und Briefen ihrer Mitschüler wie ein Gedenkschrein wirkt. Wir hören zum ersten Mal Hannahs Stimme und sehen Clay, die uns durch die Kassetten und die Handlung dieser Serie begleiten werden. Und auch wenn man ein wenig ins kalte Wasser geschmissen wird und die Beziehungen der einzelnen Schüler untereinander nicht kennt und dementsprechend nicht jede Reaktion einzuordnen weiß, wird bereits in den ersten Minuten ein gewisser Spannungsbogen aufgebaut. Dabei war ich sehr dankbar für die Rolle des Clay, der genau wie der Zuschauer erst nach und nach das Geflecht aus Beziehungen und Geheimnissen sortiert.

Die ersten Kassetten, die nicht lange auf sich warten lassen, zeigen uns den Stein, der alles ins Rollen gebracht hat. Oder, um im Bild der Serie zu bleiben, den Schmetterling, der mit seinem Flügelschlag einen Tornado auslöste. Dieser Butterfly Effect, ausgelöst durch ein (absichtlich) fehlinterpretiertes Foto und eine Nennung auf einer Liste, sorgte dafür, dass Freundschaften endeten, bevor sie so richtig begonnen hatten. Hannah, die neu in der Stadt ist und damit auch noch niemanden kennt und nicht einschätzen kann, wie gewisse Leute ticken, wird völlig überrumpelt. Und wer kann ihr verdenken, dass sie diese Ereignisse letztendlich als Ausgangspunkt für ihre Liste der 13 Gründe gewählt hat? Natürlich kann man es als die Prahlerei von pubertierenden Jungs, als fehlgeleiteten Scherz interpretieren oder es auf das typische Verhalten von Teenagern abschieben. Schnell neigt man dazu, Hannah Recht zu geben und die jeweiligen Mitschüler als die Übeltäter zu sehen und ihnen zu misstrauen. Gleichzeitig regt es aber auch zum Nachdenken an: Wie wird das, was man sagt oder tut, von anderen interpretiert und welche Folgen hat es für deren Leben? Wie oft kommt es vor, dass man unbedacht etwas sagt, dass einen anderen dazu bringt, an sich zu zweifeln? Geleitet von Hormonen und einem noch nicht voll entwickelten Gehirn, kann das bei Teenagern dann gleich zu schlimmen Folgen führen.

Und in Hannahs Fall kam es leider zu einer Verkettung vieler unnötiger Scherze auf ihre Kosten, zu Mobbing und Cyber-Bullying und schließlich auch zu unbeschreiblichen Taten, vor der die Serie nicht zurückschreckt, sie zu zeigen. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich niemanden anvertrauen konnte, denn als "die Neue", die dann schnell noch einen gewissen Ruf zugeschrieben bekommt, hat sie keine Freunde und ihre Eltern kämpfen mit Geldproblemen und der Existenz ihres Ladens. Es gibt niemanden, der ihr sagt, dass es wieder besser wird und sie kämpft vergebens dagegen an, die Gerüchte über sie zu korrigieren. Dass sie dabei zu Beginn die Hoffnung nicht aufgibt, doch noch Freunde zu finden, dann aber immer wieder aufs Neue enttäuscht wird, macht das Ganze so schlimm. Wie sehr wünscht man sich als Zuschauer, sie in den Arm nehmen zu können und sie zu ermutigen...

"A lot of you cared, just not enough."

Foto: Dylan Minnette & Katherine Langford, Tote Mädchen lügen nicht - Copyright: Beth Dubber/Netflix
Dylan Minnette & Katherine Langford, Tote Mädchen lügen nicht
© Beth Dubber/Netflix

Und genau da kommt Clay ins Spiel. Clay erfährt genau wie der Zuschauer erst nach und nach, was passiert ist. Er erfährt mehr über seine Mitschüler und was diese Hannah bewusst oder unbewusst angetan haben. Und für mich war es erschreckend mitanzusehen, wie egoistisch sich Hannahs Mitschüler auch nach ihrem Tod noch verhalten haben. Es scheint ihnen mehr darum zu gehen, dass die Geschichten auf den Kassetten nicht ans Licht kommen und sie damit ihren eigenen Kragen retten, als dass sie ein bisschen Mitgefühl dafür haben, was mit Hannah passiert ist. Natürlich erfahren wir nach und nach auch die Hintergründe der einzelnen Geschichten, wir erfahren gewisse Beweggründe, Ängste und mehr über die Lebenssituation der jeweiligen Schüler, aber reicht das wirklich aus, um sie vom Haken zu lassen? Ich kann verstehen, dass Clay gewissermaßen Selbstjustiz übt und seinen Weg geht, seine Mitschüler dafür zu bestrafen, was sie Hannah angetan hat. Dabei greift er mehr oder weniger zu ihren eigenen Waffen. Ich habe mir nur etwas Sorgen gemacht, als Tony versucht hat, einzuschreiten, weil wir eben noch nicht alle Kassetten und alle Geschichten kannten. Und je mehr wir über Alex, Jessica, Justin, Tyler und Co. erfahren, desto mehr habe ich auch mit ihnen mitgelitten. Denn jeder von ihnen muss mit ähnlichen Problemen umgehen, mit denen Hannah konfrontiert wurde, nur vielleicht nicht ganz so geballt. Dafür haben sie nun eine andere Situation zu meistern: Dass sie von Hannah für ihr Verhalten angeprangert werden. Ich schwanke also zwischen Mitgefühl und Verurteilung, wobei der richtige Weg wahrscheinlich irgendwo in den Graustufen dazwischen liegt. Ich fand es nur unglaublich traurig, dass einige von ihnen bis zuletzt daran festhalten, dass Hannah auf den Kassetten lügt und sie also nicht mal nach Hannahs Tod ihre Fehler eingestehen können.

Davon abgesehen hat mich am meisten schockiert, wie die einzelnen Personen mit ihrem Wissen über Bryce umgegangen sind. Er hat nicht eine, sondern zwei Mädchen aus dem Freundeskreis vergewaltigt. Und niemand wagt es, dagegen vorzugehen, weil er so beliebt ist? Weil er ein Sportstar an der Schule ist? Weil seine Eltern reich und einflussreich sind? Oder einfach nur, weil sie Angst davor haben, dass dann auch ihr kleines schmutziges Geheimnis ans Licht kommt? Nicht nur schockiert, sondern auch sprachlos über soviel Grausamkeit – nicht nur seitens Bryce, sondern auch der sich hinter ihm versteckenden Freunde – verfolgte ich wie Clay endlich dieses Schweigen brach. Nicht nur um Hannahs Willen, für die seine Hilfe leider zu spät kam, sondern auch um Jessicas und all derer Mädchen, die vielleicht schon unter Bryces sexuellen Übergriffen leiden mussten oder noch gelitten hätten. Ich kann nicht in Worte fassen, wie wütend mich das alles gemacht hat und wie erleichtert ich war, als Clay endlich einen Weg gefunden hat, nicht nur gegen Bryce vorzugehen, sondern auch seine Mitschüler aufzurütteln.

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Ich bin froh, dass uns Clay als Begleiter durch die Geschichte zur Seite gestellt wird. Er hat Hannah geliebt und da man als Zuschauer über die Folgen immer mehr Mitgefühl für das Mädchen entwickelt, ist es schön, dass es noch jemanden innerhalb der Serie gibt, dem es nicht egal ist, was passiert ist. Und dabei schwebte die ganze Zeit eine Art Damoklesschwert über Clay, denn wir wussten, dass es auch über ihn eine Kassette gibt und dass auch er irgendwie für Hannahs Tod mitverantwortlich ist. Man beginnt zu spekulieren und ich war wahnsinnig angespannt, als seine Kassette endlich an der Reihe war, denn ich wollte nicht auch in Clay einen Täter sehen, wie in den anderen. Und deshalb war ich auch unglaublich erleichtert, als wir dann endlich Clays Geschichte erfahren und man erkennt, wieviel er auch Hannah bedeutet hat. Ich kann verstehen, dass Clay im Nachhinein vieles von seinem Verhalten gegenüber Hannah bereut. Aber wohl auch nur, weil er meint, dass er so mit für ihren Selbstmord gesorgt hat. Objektiv betrachtet war er ein unglaublich süßer, liebenswerter und auch lustiger Junge, der Hannah ein gutes Gefühl gegeben hat und sie zum Lachen gebracht hat. Eigentlich genau der Anker, den sie gebraucht hat. Aber natürlich war auch er unsicher oder hat mal Dinge im Affekt gesagt, die er aber eigentlich nicht so meinte. Schade, dass Hannah es nicht geschafft hat, sich ihm gegenüber mehr zu öffnen. Ihm das Ganze erst im Nachhinein mit den Kassetten zu sagen, kommt mir gemein vor, aber ich kann auch verstehen, dass sie vorher zu schüchtern war, insbesondere wenn ihr Selbstbewusstsein durch all die anderen Ereignisse zerstört wurde. Aber genau wie Clay am Boden zerstört war, als er ihre Variante ihrer Geschichte hört, und sich Vorwürfe macht, habe ich mitgelitten und auch ein paar Tränen vergossen. Das Ganze hatte ein bisschen was von Romeo und Julia… zwei Seelenverwandte, die aber am Ende nicht zusammen sein können. Und genau, weil man so denkt und sich als Zuschauer fragt, warum es nicht hätte anders laufen können, hat mir diese Episode über Clays Kassette so gut gefallen, denn es wird nach seinem Liebesgeständnis und seiner Betonung, dass er immer für Hannah da sein wolle, direkt angesprochen: "Why didn't you say this to me, when I was alive?"

"In the end, everything matters.“

Foto: Miles Heizer, Dylan Minnette & Devin Druid, Tote Mädchen lügen nicht - Copyright: Beth Dubber/Netflix
Miles Heizer, Dylan Minnette & Devin Druid, Tote Mädchen lügen nicht
© Beth Dubber/Netflix

Das Thema dieser Serie ist so nah an der Realität, dass es einem Angst macht. Und das ist auch gut so. Man sollte darüber nachdenken und auch darüber sprechen. Im Jahr 2015 sind laut Statistischem Bundesamt 531 Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren durch Suizid ums Leben gekommen. Ich glaube, dass viele davon sich ähnlich wie Hannah "unsichtbar" gefühlt haben. Genau deshalb finde ich es wichtig, dass dieses Thema mit Büchern, Serien, Artikeln, Filmen oder Dokumentationen in die Medien getragen wird und damit auch zum Gespräch wird. Wenn nur ein paar Leute, die diese Serie schauen, dadurch feststellen, dass sich an ihrer Schule oder in ihrem Umfeld jemand ausgeschlossen fühlt und dann beginnen auf diese Personen zuzugehen - ähnlich wie es Clay am Ende bei Skye tut - dann wäre sicher schon einiges erreicht.

Obwohl man wusste, worauf die Serie hinaus läuft, also dass man erfährt, warum Hannah sich das Leben genommen hat, gibt es jede Menge Überraschungen. Und es bleiben auch einige Geschichten offen, denn was wird aus Alex, Jessica, Justin, Bryce und Tyler? Sie alle befinden sich an Scheidepunkten und es bleibt auch offen, ob Hannahs Geschichten auf den Kassetten Konsequenzen haben werden. Werden die Eltern nun, da sie die Gründe kennen, wieder ihr Leben aufnehmen können oder machen die gelüfteten Geheimnisse alles noch schlimmer?

Fazit

So viele wichtige Themen in 13 Episoden verpackt. Selbstmord, Sexuelle Gewalt und Vergewaltigung, Cyber-Bullying und Mobbing in der Schule, Depressionen und ein eventueller Amoklauf... Es blieben genügend Anknüpfungspunkte für eine zweite Staffel, aber auch für sich allein kann diese eine Staffel von "Tote Mädchen lügen nicht" voll überzeugen und eine breite Palette von Gefühlen im Zuschauer auslösen.

Catherine Bühnsack - myFanbase

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