Die enttäuschendsten Charaktere 2014/15
Barbara Kean (Gotham, Staffel 1)

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Mit der neuen Comic-Serie "Gotham", die die Vorgeschichte der Abenteuer von Bruce Wayne erzählt, konnte FOX einen soliden kommerziellen Erfolg einfahren. Inhaltlich und qualitativ ließ "Gotham" doch aber Einiges zu wünschen übrig. Zwar hatte die Serie visuell viel zu bieten und der Cast ist durch die Bank weg mit guten Darstellern und Darstellerinnen gefüllt, aber man durchlief in der ersten Staffel doch nicht gerade wenige Kinderkrankheiten. Dabei gab es wohl für jeden Zuschauer unterschiedliche Mankos: Die einen bemängelten die fehlende Spannung, die nicht wirklich aufkommen wollte, da man eben Batman hier nur als zwölfjährigen Jungen zeigen kann und so das größte Zugpferd einer Batman-Geschichte von vorneherein wegfällt. Andere kritisierten die Unentschlossenheit von "Gotham", das zwischen dem Grundton einer camp-haften Comicverfilmung und dem eines ernsten Crime-Dramas ständig hin und herzuwechseln schien. Durch diese Wechsel, konnte weder der eine noch der andere Ton erreicht werden. Auch die Fälle der Woche waren wenig spannend oder gar einfallsreich. Das in meinen Augen größte Manko dieser ersten Staffel sind aber die schlichtweg viel zu stümperhaft ausgearbeiteten Figuren, die die Welt von "Gotham" bevölkern. Und keine Person aus dem Hauptcast von Staffel 1 wurde von den Drehbuchautoren mehr gegen die Wand geschrieben als Barbara Kean.

Foto: Erin Richards, Gotham - Copyright: 2014 Fox Broadcasting Co.; Michael Lavine/FOX
Erin Richards, Gotham
© 2014 Fox Broadcasting Co.; Michael Lavine/FOX

Die Vorlage für Barbara aus der DC-Comicwelt ist die der Ex-Frau James Gordons, die von Frank Miller und Dave Mazzucchelli 1987 in die Comics eingeführt wurde. Für die Serie, die ja bekanntlich Jahre vor James Gordons Laufbahn als Commissioner spielt, sollte Barbara seine Verlobte sein. In den anfänglichen Meldungen für die Presse war dabei auch noch die Rede davon, dass Barbara eine engagierte Notaufnahme-Ärztin wäre, was ja durchaus vielversprechend klang. Davon hat es aber nichts auf den Bildschirm geschafft, denn die Barbara, die uns vorgestellt wurde, war dann eine reiche Erbin, die mehr als Hobby eine Kunstgalerie leitete. Dieser Beruf, und damit ein Leben unabhängig von James, wurde aber eh nur kurz am Rande erwähnt, denn Barbara diente allein als bloßes Anhängsel ihres Verlobten. Die Autoren versäumten es, ihr Eigenschaften über das bloße Besorgtsein hinaus zu verleihen. Sie glaubten, indem sie sie bisexuell und zur Ex-Freundin von Renee Montoya machten, würde dies als Charakterisierung für Barbara dienen. Da man sie aber nur dazu einsetzte, um James unter Druck zu setzen, ihr dabei aber aus unerfindlichen Gründen wichtige Informationen vorenthielt, wurde sie schnell zur typischen Nervensäge an der Seite des Helden. Dieses Schema einer Frau/Freundin des Protagonisten, die selbst über keinerlei Eigenschaften verfügt, die vom Helden aber maßlos verehrt wird und immer beschützt werden muss, ist ein altgedientes Klischee, was leider immer noch nicht totzukriegen ist. Und es zeugt zum einen von Einfallslosigkeit, aber auch mangelndem Respekt und wohl auch Desinteresse solchen Figuren gegenüber, die leider in den meisten Fällen eben Frauen sind.

Barbara Kean ist ein Paradebeispiel der schlechtesten Sorte für mies geschriebene Frauencharaktere. Und ich weiß noch nicht wirklich, ob ich es den Autoren von "Gotham" als ersten Schritt in die richtige Richtung anrechnen soll, dass sie zumindest einen Teil ihrer Fehler wohl bereits im Laufe der Staffel erkannten. So trennte man James und Barbara doch überraschend schnell und gab sich mit Dr. Leslie Thompkins, Barbaras Nachfolgerin an James' Seite, zumindest ein wenig mehr Mühe, dieser deutliche und eigenständige Charakteristiken zu verleihen. Für Barbara suchte man dann lange nach einem neuen Platz im Gefüge, und nach einer langen Phase, in der ihre Daseinsberechtigung in der Serie stark in Frage gestellt werden konnte, erhielt sie am Ende der Staffel sogar unerwartet hohe Bedeutung. Dass man dabei aber auf ein ausgelutschtes Serienkiller-Szenario zurückgreifen musste, ließ Barbara als Figur buchstäblich vom Regen in die Traufe kommen. Das Finale hatte dann noch eine wirkliche Überraschung auf Lager, da es offenbarte, dass Barbara unter dem Einfluss des Killers wohl den Verstand verloren hat und selbst zur Mörderin wurde. Was man aus diesem purem Schockmoment aber auf lange Sicht machen wird, muss erst die nächste Staffel zeigen. Vielleicht wäre es dabei sogar das Beste, sie einfach aus der Serie zu schreiben. Ob man diesen Schritt wählt, hängt wohl davon ab, wie weit sich "Gotham" vom bekannten Hintergrund der Comicwelt loslösen will und kann.

Cindy Scholz - myFanbase

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