Bewertung

Review: #2.08 Die Wahrheit bist du

Könnt ihr euch noch an das Herbstfinale der ersten Staffel erinnern? Sehnsüchtig wartete man darauf, endlich in Erfahrung zu bringen, wer der Drahtzieher des Anschlags auf die Grand Central Station ist. Doch worauf wartet man dieses Mal? Leider waren die letzten Folgen nicht gerade das gelbe vom Ei und da man mit Episode #2.08 ODENVY auch schon recht zeitig eine längere Pause einläutet, war ich nicht ganz sicher, was ich von diesem kleinen Finale zu erwarten habe. Sicher ist, dass man mit keiner großen Enthüllung rechnen kann, da es dafür innerhalb der Staffel viel zu früh ist und man auch mit den Figuren noch an keinem Punkt angelangt ist, an dem sich eine klare Zugehörigkeit einschätzen lässt. Daher konnte man nur eines erwarten: einen Cliffhanger. Und den haben wir tatsächlich bekommen.

Möge der beste Lügner gewinnen

Wir kennen es und sind es mittlerweile auch bereits ein wenig Leid: die Aufgabe der Woche. Da in der Serie gerade Thanksgiving vor der Tür steht und dies ein Feiertag ist, den man in Amerika groß feiert, dürfen auch die Rekruten eine Pause von ihrer Ausbildung nehmen, jedoch nur, wenn sie sich zuerst eine Geschichte über ihre Abwesenheit von Zuhause ausdenken, die auch jeder schlucken wird. Die Aufgabe ist wenig spektakulär, da die Hälfte der Rekruten sehr triviale und logische Geschichten aus dem Ärmel zieht, die sofort Sinn ergeben (wofür man "Quantico" durchaus einmal loben kann) aber eben auch nicht mehr im Zuschauer auslösen. Etwas interessant waren da lediglich die Geschichten von Harry, der von seinem toten Vater berichtet, von dem seine Schwester nichts ahnt, Sebastian, der erneut wegen seiner sexuellen Orientierung in Therapie gehen will und Dayana, die kein passendes Alibi aus dem Hut zaubern kann. Hier wirft man ein paar neue Fragen über die Charaktere auf, bei denen man sich wünscht, dass "Quantico" sie beantworten wird. Doch wie wir wissen, ist "Quantico" viel besser im Stellen der Fragen, als in deren Beantwortung.

Während nun alle in Richtung Ferien aufbrechen, verliert man einzig Sebastian aus den Augen, was durchaus fraglich erscheint und ihn verdächtig wirken lässt, da er die einzige Figur ist, die in der Zukunftshandlung nicht wenigstens ansatzweise in eine Schublade einzuordnen ist.

Bevor Harry nach Hause aufbricht (soweit ich weiß, feiern die Briten kein Thanksgiving), verdeutlicht man uns noch, dass er nun auf einer Seite mit Alex und Ryan steht, da Alex ihm sogar von der Ermittlung gegen die IAC berichtet. Es ist wirklich schade, dass man in "Quantico" entweder minimale oder gigantische Sprünge macht und somit weder dem Zuschauer noch der Figur die Zeit lässt, angemessen zu reagieren. Was hält Harry nun von der IAC? Kennt er die Organisation? Ist er ebenfalls hinter ihnen her? Alles Fragen, die uns nicht beantwortet werden.

In London sitzt Harry dann mit seiner Familie zusammen und wir erfahren, dass er seine Lügengeschichte nicht zum Einsatz gebracht hat, da dort jeder weiß, dass er beim MI6 ist und momentan auf der Farm zum CIA-Agenten wird. Dass man genau vor der Pause mit einer neuen großen Geschichte aufwartet, die bestimmt bald wieder in Vergessenheit geraten wird, ist mittlerweile typisch für "Quantico". Denn wir erfahren, dass es sich bei Harrys Schwester und deren Mann eigentlich um seinen Mittelsmann, in diesem Fall Charlotte und deren Ehemann Pip handelt. Auf mich wirkt das ganze sehr verworren und so, als würde man versuchen, sich wegen der hinkenden Storyline wenigstens an aktuellen Geschehnissen zu orientieren und somit den Brexit ins Spiel zu bringen. Denn es ist Harrys Aufgabe, wegen des Austritts Großbritanniens aus der EU Verbündete in Amerika zu finden. Damit kann ich mich gern abfinden, doch was hat das Ganze dann noch mit Harrys verstorbenem Freund Elliot zu tun und wie hängen Charlotte, Pip und dessen Vater in der Geschichte? An sich bietet man hier die Möglichkeit, eine interessante Nebenhandlung zu kreieren und diese sogar in die aktuelle Geschichte einzuweben. Ich hoffe sehr, dass es hier nach der Pause ein paar klärende Worte gibt, da momentan alles nur verworren aussieht.

Wo man zu Beginn der Staffel noch Potential sah, hat sich für mich längst Langeweile und Eintönigkeit eingestellt, wenn es um das Thema Owen und Lydia geht. Beide sind durchaus gute Schauspieler, doch ihre Charaktere finde ich mittlerweile vollkommen unansprechend, ganz zu schweigen von ihrem unemotionalen Vater-Tochter-Verhältnis. In der letzten Episode machte Lydia ihrem Vater klar, dass der Job für sie vorgeht und dass sie bei keiner Folter ihm zu Liebe einknicken würde, während Owen aus einem ganz anderen Holz gemacht ist. Das Lydia nur auf den Job fokussiert ist, lebt sie auch jetzt weiter aus und lässt sie in meinen Augen sehr unsympathisch erscheinen. Ich kann mich in keinem Punkt mit dieser kalten Frau identifizieren, die einen Dreck auf ihren Vater gibt. Um Owen erneut klar zu machen, dass sie in Sachen Karriere die Nase vorn hat, stellt Lydia ihm nun auch noch eine Falle, in die Owen, der nach und nach immer trotteliger wirkt, sofort hinein tappt. Zwischen den beiden herrscht überhaupt kein Gefühl von Zusammengehörigkeit, was ich nicht nachvollziehen kann was und beide sehr schwach erscheinen lässt. Owen, weil er als der Big-Boss gilt und seit Jahren erfolglos hinter einem Ziel herjagt und Lydia, weil sie scheinbar nichts lieber tut, als ihren Vater als unfähig hinzustellen.

Auch in Sachen Shelby fand ich die Episode eher enttäuschend. Sie versucht mit allen Mitteln, mögen sie noch so offensichtlich sein, Léon zu einem Geständnis irgendeiner Art zu bringen. Dabei wirkt die gesamte Handlung unglaublich inszeniert und man kann sofort ahnen, was als nächstes passieren wird. Besonders als Shelby Léon ein Ultimatum gestellt hat, fand ich das Drehbuch wahnsinnig schlecht, da es vollkommen vorhersehbar war. In diesem Zusammenhang macht sie auch Alex klar, versagt zu haben, was durchaus mal ein guter Dämpfer für die Superheldin ist, aber Shelby in diesem Moment umso egoistischer und süchtig nach dem Rampenlicht erscheinen lässt.

Bisher gab es in der Staffel noch nicht eine Szene, in der sich Raina und Nimah gegenüber standen, was längst überfällig ist. Man hat uns bereits offenbart, dass Nimah zu den Terroristen gehört und nun, nachdem man das Thema erst einmal hat abkühlen lassen, kommt es endlich zu einer Konfrontation zwischen den Schwestern. Dabei wirkt Nimah, die sonst sehr kalkuliert ist und nichts auf Gefühle gibt, eigenartig brodelnd und hasserfüllt, was sich zu diesem Zeitpunkt nicht erklären lässt. Weshalb ist sie zu den Terroristen übergelaufen? Was hat sie über die IAC erfahren? Es ist zwar gut, dass man Nimah nicht vergessen hat, doch mehr als noch mehr Fragezeichen tun sich hier nicht auf.

Ja ich will

In den letzten Episoden wurde die Beziehung von Alex und Ryan sehr in den Hintergrund geschoben, was aufgrund des vielen Hin und Her in Staffel 1 nicht unbedingt schlecht ist. Pünktlich zur Pause streut man hier wieder reichlich Drama, was durchaus zu erwarten wenngleich nicht wünschenswert war. Aber obwohl man es zu Beginn zu aussehen lässt, als würde nun ein erneutes Beziehungsaus bevorstehen, schlägt man hier einen Richtungswechseln ein, der mir durchaus gefallen hat. Wir wissen zwar, dass Alex und Ryan in der Zukunftshandlung nicht mehr verlobt sind, doch an diesem Punkt sind wir noch lange nicht angekommen, weshalb sich natürlich die Frage stellt, wie die Verlobung zustande kam (nachdem man diese bereits im Staffelauftakt angekündigt hatte). Die Episode hatte nicht sonderlich viel Herz, weshalb es umso schöner war, wenigstens für einen kurzen Moment das Glück von einem liebenden Paar genießen zu können. Alex und Ryan sind nun (offiziell) verlobt und könnten selbst nicht glückliches über diese Entwicklung sein. Nachdem Owen zuvor gefordert hatte, dass die Rekruten eine Person aus ihrem Leben streichen, die ihnen zum Verhängnis werden könnte, hatte ich schon befürchtet, dass entweder Alex oder Ryan die kriselnden Beziehung beendet und damit wieder eine Kaskade von Aufs und Abs in Gang bringt. Für Ryan ist Alex jedoch der Fels in der Brandung und er möchte sie auf keinen Fall verlieren, wie wir es bereits aus der ersten Staffel kennen. Ich hoffe sehr, dass die beiden am Ende von Staffel 2 wieder zusammen finden, da ich finde, dass man nach der geplatzten Verlobung genug Drama hatte und die beiden offenkundig zusammen gehören.

IAC

Ein Thema, das uns seit Beginn der Staffel interessiert und nach langem Warten gibt es nun auch gute Momente in der Gegenwartshandlung, die damit zu tun haben. Wer gehört zur Organisation innerhalb der Organisation? Wer ist der Spitzel unter den Spitzeln? Wer wird von der geheimen IAC innerhalb der CIA rekrutiert? Seit der letzten Woche ahnen wir, dass Owen nichts mir der Sache zu tun hat und Ryan sehr nahe dran ist. Ich möchte "Quantico" gern dafür loben, diesen Handlungsstrang nun konsequent weiter zu verfolgen und uns zu zeigen, wer neben Ryan noch alles rekrutiert wurde. Zu den neuen Anwärtern gehören niemand geringeres als Dayana und Léon, was durchaus Fragen aufwirft. Warum schätzt man sie genau so skrupellos wie Ryan ein? Hat es mit der Folter der letzten Episode zu tun? Steckt Lydia mit der IAC unter einer Decke? Warum wurde Dayana ausgewählt, obwohl sie keine gute Lügengeschichte parat hatte? Auf diese Antworten müssen wir uns noch etwas gedulden, Fakt ist jedoch, dass alle drei für die IAC bereit waren, ans Limit zu gehen und den Tod eines Menschen zu verschulden. Die Szene, in der die drei zusammentreffen, hat mir sehr gefallen. Man hat gezeigt, dass es nicht nur Privileg ist, ausgewählt worden zu sein, sondern auch eine Last. Denn aufgrund der blutigen Beweise gibt es nun keinen Weg zurück.

Doch wie wirkt sich das auf die Zukunft aus? Eine wichtige Enthüllung ist die, dass Ryan zu den Terroristen gehört und die ganze Zeit während der Geiselnahme scheinbar nur undercover war. Dies würde erklären, weshalb er zum Schluss nicht mehr aufgetaucht ist. Gilt das Gleiche für Dayana und Léon? Haben sie Alex, Harry und Sebastian während der Flucht in dieser Episode ebenfalls hereingelegt? Die Enthüllung ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung und lässt hoffen, dass "Quantico" in den kommenden Folgen mehr Antworten liefern kann.

Fazit

Mit den ersten drei Vierteln der Folge konnte ich nicht viel anfangen, da ich mich gelangweilt gefühlt habe und mich zwingen musste, am Ball zu bleiben. Doch im Verlauf der Episode konnte ich der Folge vier Dinge positiv anrechnen, wodurch auch die vier Punkte zustande kommen: Der Heiratsantrag, Harrys Nebenstoryline, die Begegnung von Raina und Nimah, sowie die Offenlegung über die Rekrutierung der IAC. Dies ist wahrlich kein brillantes Herbstfinale, doch es zeigt zum Ende hin gute Ansätze und ich hoffe, dass man diese im neuen Jahr und auf dem neuen Sendeplatz weiter verfolgen wird.

Marie Florschütz - myFanbase

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