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Review: #4.07 Spiele der Reichen

Foto: Walton Goggins, Justified - Copyright: James Minchin/FX
Walton Goggins, Justified
© James Minchin/FX

Wenn #4.07 Money Trap eines klar macht, dann wohl das: Wir müssen uns langsam von der Idee verabschieden, dass Drew Thompson in naher Zukunft gefunden wird. Es scheint, dass die Drehbuchautoren die Suche nach Thompson auf die komplette Staffel ausweiten wollen und den Protagonisten daher immer wieder Steine in Weg legen und sie mit neuen Herausforderungen konfrontieren, um diese Suche auch so lange wie möglich hinauszuzögern. Leider wird man daher als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass man Folge für Folge hingehalten wird, bis es dann wohl in den finalen zwei bis drei Episoden zum Showdown kommen wird. Während aber nun die letzte Episode tempomäßig fast Stillstand erreichte, so findet diese ihren Fokus wieder und bietet uns einige interessante Entwicklungen, auch wenn im klassischen Sinne kein wirklicher Plot vorhanden ist.

Etwas unvorhergesehen kommt das Wiedersehen mit Jody Adair, dem aus dem Staffelauftakt bekannten Kriminellen, den Raylan für ein gutes Sümmchen Geld an Sharon (RIP) ausliefert. Dass Jody den zwei Cops so leicht durch die Lappen gehen kann, ist etwas verwunderlich und einer Verkettung von wirklich sehr blöden Zufällen zu verdanken, doch nun gut. Raylan sieht sich gezwungen, sich ein zweites Mal an Jodys Fersen zu heften und trifft dabei auf die attraktive Jackie Nevada (herrlich: "My stepdad wanted to call me Sierra."), die dem Marshal unmissverständliche Avancen macht. Gerade in Interaktion mit Jackie, eine eigentlich ihm völlig fremde Frau, aber wahrscheinlich deshalb so gut als Zuhörerin geeignet, offenbart Raylan so manche Tiefen seines aktuellen Gemütszustandes. Er hat weder eine Ahnung, was er will, noch was er nicht will, weder in romantischen Angelegenheiten noch bezüglich seines Vaters. Und auch Lindseys Verrat nagt noch an ihm, weshalb er Jackie ganz recht mit Skepsis entgegentritt, die Jodys Geld insgeheim gebunkert hat.

Und die Moral von der Geschichte? Raylans einziger Anker ist und bleibt seine Arbeit, das einzige, worin er wirklich gut ist. Er überlistet Jody und erschießt ihn, er erkennt Jackies Masche und... nun ja, das bleibt der Imagination des Zuschauers überlassen. Sicher ist, dass Raylan das Geld wohl an Jodys Frau zurückgegeben hat und damit zwar seine Pflichten als Marshal missachtet, aber moralisch gesehen das Richtige tut. Was Jackie angeht, so kann jeder für sich selbst entscheiden. Doch eines ist klar: Raylan hat emotional einiges aufzuarbeiten und steckt in einer handfesten Lebenskrise, einer Sackgasse. Am besten beschreibt dies wohl Sharon zu Beginn: "See, Raylan there's got the badge and the drawl and the squinty, sexy thing and there's a time I would have run right to him, done the whole merry-go-round. And now I see that for what it is, and him for who he is. That man's an emotional disaster." Aber gerade diese Ambivalenz aus Coolness im Angesicht des Todes und emotionaler Unfähigkeit angesichts familiärer und romantischer Komplikationen macht Raylan eben so facettenreich und interessant.

Während Raylan Jackies Falle mehr oder weniger entkommt, so tritt Boyd direkt hinein in die ihm gestellte Falle. Als Zuschauer muss man zunächst direkt schmunzeln, als der sonst so selbstbewusste Boyd Fracksausen bekommt wegen Napiers High-Society-Party, einem Ort, der sich so gar nicht in seiner Komfortzone befindet. Doch Ava kann ihm die Nervosität nehmen und bringt zudem den besten Oneliner der Folge, als sie ganz kokett sagt: "Lord, we're going to a rich folk's sex party. Who would've thought?" Und Napiers Swingerparty ist in der Tat ein ganz eigenes Spektakel für sich, in das sich vor allem Boyd zunächst nur schwer einfindet, eilt ihm doch sein krimineller Ruf meilenweit voraus. Die offene Feindseligkeit, die Boyd nur aufgrund seines Namens entgegengebracht wird, greift sehr gut das wieder auf, was Boyd in seinem Heiratsantrag an Ava in der letzten Folge sagte: Er will an einen Ort, wo sein Name und seine Familiengeschichte keinerlei Bedeutung haben, er will eine zweite Chance. Doch dieser Wunsch scheint in weite Ferne gerückt, als sich herausstellt, wieso Boyd solch leichten Zugang zu Napiers Party erhalten hat: Einige der einflussreichen Männer aus Clover Hill wollen, dass er jemanden für sie umbringt und gehen davon aus, dass er es tun wird – schließlich tat Bo das zu seinen Lebzeiten auch schon. Wie der Vater, so der Sohn. Doch wird sich Boyd wirklich auf diese Forderung einlassen?

Wie der Vater und gar nicht der Sohn, das beschreibt wohl die letzte und beste Szene der Episode, die sich zwischen Raylan und Arlo abspielt. Nach langem Hin und Her überwindet sich Raylan dazu, Arlo zu konfrontieren, und bietet ihm einen Deal an, damit er Drew Thompsons wahre Identität preisgibt. Es ist eine emotional aufgeladene und von Timothy Olyphant und Raymond J. Barry großartig gespielte Sequenz, die hier geboten wird: Das Grundmisstrauen und die gegenseitige Abneigung von Vater und Sohn sind in jedem Moment zu spüren, gleichzeitig jedoch auch die darunterliegende Enttäuschung, Wut und Trauer darüber auf Seiten Raylans, dass der eigene Vater ihn derart skrupellos behandelt. Raylans kurzzeitige Hoffnung, Arlo würde mit ihm kooperieren, löst sich in Luft auf und so ist seine Aussage, dass er sich über den Tod seines Vaters freuen werde, wohl der endgültige Todesstoß dieser so vertrakten Vater-Sohn-Beziehung. Ein starker Moment.

Obwohl Drews Auffinden weiterhin hinausgezögert wird, so überzeugt diese Episode doch damit, dass sie die Gelegenheit bietet, den Charakter Raylan Givens näher zu beleuchten sowie von Boyd eine neue Seite zu zeigen, indem sie ihn in eine völlig ungewohnte Situation wirft. Gleichzeitig kreiert die Folge mit ihrer Mischung aus Drama, Action und amüsanten Onelinern wieder die für "Justified" typische, bittersüß-melancholische und trotzdem von ständiger Gefahr untersetzte Grundstimmung, die sie so einzigartig macht. Mit ein bisschen mehr Tempo und mehr Plot wären definitiv noch mehr Punkte dringewesen – so aber pendelt sich #4.07 Money Trap in ein gutes Mittelfeld ein.

Maria Gruber - myFanbase

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