Bewertung: 8

Review: #6.11 R für Romeo

Foto: Claire Danes, Homeland - Copyright: 2017 Twentieth Century Fox Home Entertainment
Claire Danes, Homeland
© 2017 Twentieth Century Fox Home Entertainment

Die Staffel nähert sich (leider) unaufhaltsam dem Ende und die Serie fühlte sich lange nicht mehr so spannend an wie jetzt. An allen Fronten ist man nah dran, doch die Gegenseite hat immer auch eine gute Antwort.

"You made me a fucking monkey."

Der Einstieg in die Episode war gleich richtig intensiv, aber nicht weil Quinn und Carrie gegen die Gruppe vom Haus ins Gefecht ziehen, sondern weil die beiden sich erst mal mit sich selbst auseinander setzen müssen. Carrie und Quinn reden endlich mal Klartext miteinander und Quinn konfrontiert Carrie mit seinem neuen Wissen über Berlin. Es war wirklich heftig, wie Quinn seine Vorwürfe formulierte. Die schauspielerische Leistung ist hier großartig gewesen. Das war direkt ein harter Einstieg. Dass diese Szene dann aber noch mal getoppt werden konnte, war dann noch überraschender.

Carrie dringt in das Haus ein und sieht die Beweise, von denen Quinn erzählt hat. Doch sie ist unachtsam und wird überwältigt. Quinn ist es dann, der Carrie das Leben rettet und dann in eine solche Rachsucht verfällt, dass er den potenziellen Lieferanten von sehr wichtigen Informationen brutal tötet. Das hatte in der Tat etwas animalisches, aber man muss auch zugeben, dass der Typ selbst ziemlich skrupellos seine Pläne umgesetzt hat. Irgendwie hat er es also auch nicht anders verdient und dass er Informationen preisgibt, kann man bei dem durchorganisierten Gegner auch nicht voraussetzen. Interessanter ist dann auch eher die Reaktion im Anschluss. Carrie will Quinn schützen und die Menschlichkeit hinter der Situation hervorheben, während Quinn sich quasi selbst degradiert. "You didn't do anything, I've always been this way. Er schiebt es also nicht auf seinen Zustand, sondern erklärt eher, dass er diese Brutalität in sich trage. Diese Aufgabe von Quinn war ein weiteres emotionales und schauspielerisches Highlight dieser Episode. Man kann Quinn sogar verstehen. Er ist zum Killer ausgebildet worden. Wahrscheinlich nimmt er sich da seinem Gegenüber nichts. Er hätte genauso gehandelt, wenn es sein Auftrag gewesen wäre. Vielleicht ist das sogar ein Fakt, der ihn so in Rage gebracht hat. Er hat seinen Hass auf sich selbst zum Ausdruck gebracht.

Ich bin von Quinns Entwicklung wirklich begeistert. Ich hatte ja am Ende der letzten Staffel nur Mitleid mit ihm und habe ihm den Tod gewünscht, damit er endlich Ruhe findet. Entsprechend genervt war ich zu Beginn der Staffel, dass er immer noch dabei ist. Jetzt bin ich wirklich sehr froh darüber, weil seine Geschichte wie vieles andere in dieser Staffel zu überzeugen weiß. Jetzt bin ich sehr gespannt, was die Autoren im Finale mit ihm vorhaben. Wird er entscheidend eingreifen? Wird er sich gar opfern? Oder schafft es Carrie endlich mal ihre Gefühle zu formulieren und Quinn für sich zu gewinnen?

"You have no idea, who I am."

Max hat sich richtig in die Bredouille geritten und erwartet sogar seinen Tod. Allerdings bleibt er ziemlich ruhig und versucht jeden Einfluss von Carrie und die Existenz des Videos abzustreiten, ja sogar so zu tun, als kenne er Dar Adal gar nicht, der sich dem Verhör von Max annimmt, weil dieser weiß, was für ihn auf dem Spiel steht. Max macht eigentlich eine gute, abgeklärte Figur, wobei ich aber glaube, dass er gegen einen Lügendetektortest bestimmt nicht bestehen würde. Ich dachte, dass er mehr in die Mangel genommen wird, wenn man bedenkt, wie resolut man mit Agent Ray Conlin umgegangen ist. Doch die Storyline schlägt dann doch noch eine andere Richtung ein.

"Be sure, you'll drink your milk."

Relativ seltsam kann Max sich aus seiner Haft befreien. Die Szene war wirklich sehr befremdlich und konnte gar nicht ernst genommen werden. Max dachte allerdings wirklich erst mal, dass es so einfach sein könnte. Ich bin sehr froh, dass er auf dem Parkplatz abgefangen wurde und sich herausstellt, dass Dar Adal seine Finger im Spiel hat. Alles andere wäre sehr plump und der Staffel absolut unwürdig gewesen. So ist es allerdings überaus interessant. Dar Adal will seinem Chefpöbler und Leiter der Abteilung Fake-News und Shitstorm nachspionieren, weil dieser Quinn auf dem Radar hat. Ist ihm Quinn wirklich so viel wert, dass er sein Großprojekt aufs Spiel setzt? Das hätte ich nicht erwartet, auch wenn er es vor ein paar Folgen noch selbst gesagt hatte. Das wirkte eher nach bewusster Manipulation, doch jetzt agiert er sogar so, ohne dass es einen weiteren Nutzen haben würde. Gleichzeitig versucht Dar Adal aber vielleicht auch seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, weil ihm klar ist, dass der Zusammenhang zwischen ihm und O'Keefe an die Öffentlichkeit gelangen könnte. Er ist da also vielleicht mal wieder einen Schritt weiter als alle anderen. Max kann ihm jedenfalls ein Stück weit helfen und vielleicht auch im Staffelfinale noch von Nutzen sein.

"You have to take him on."

Wirklich begeistert bin ich dann auch noch von der Storyline um Elizabeth Keane. Diese geht an die Öffentlichkeit, stellt sich hinter ihren Sohn, erklärt das Video als gefälscht und nennt die Beteiligten Lügner. Zudem fordert sie den Urheber des Videos auf, sich zu erkennen zu geben. Die Ansprache war richtig stark, auch wenn ich es etwas seltsam finde, dass man den Anteil von O'Keefe an der gesamten Sache nicht schon angenommen hatte. Irgendwie hätte ich schon hier mit einem Angriff auf die Show gewartet. O'Keefe sieht jedenfalls seine Chance gekommen und zeigt sich verantwortlich. Er will die Präsidentin aus der Reserve locken. Dank Saul gibt Keane dann ihrem Beraterstab auch nicht nach. Diese denken viel zu politisch und wollen das abgeklärt angehen, doch es ist eben eine sehr emotionale Geschichte. Sauls zusätzliche Informationen sind da natürlich hilfreich.

Keane ist also in der Show. War die Pressekonferenz schon beeindruckend, so setzt das Interview noch einen oben drauf. Mit welcher Bestimmtheit, Ruhe und Argumentationsstärke sie dort auftritt und die Angriffe von O'Keefe abwehrt, die deutlich unter der Gürtellinie sind, war schon grandios. Zumal sie die neuen Fakten gut einbrachte, die leider nur der echte Zuschauer als wahr anerkennen kann, während der fiktive Zuschauer von "Real Truth" wohl eher alles als Lüge oder Ablenkung abtun wird. Keane hat sich jedenfalls bestens geschlagen. Leider muss sie auf dem Rückweg dann aber einsehen, dass es doch nicht nur Fake-Accounts sind, die ihren Hass zum Ausdruck bringen. Es gibt auch echte Gegner, die laut und entschlossen sind. Dass sich einer offenbar bewusst anfahren lässt, um die Stimmung weiter anzuheizen, ist sicherlich nicht besonders hilfreich für Keane. Diese versucht nach außen Stärke zu zeigen, aber das nagt sicherlich an ihr. Ich bin noch nicht sicher, ob sie am Ende der Staffel wirklich noch als Präsidentin zur Verfügung steht. Es gab ein paar Momente am Ende, wo ich den Eindruck hatte, dass sie über einen Rückzug nachdenkt, weil die gesamte Situation einfach zu intensiv ist und zu sehr an die Nieren geht. Allerdings ist sie bisher auch eher als ein "Jetzt erst recht"-Charakter aufgetreten. Dass sie sich mit Saul nun gut versteht, könnte auch hilfreich sein, weil er ein sehr trockener Analytiker ist. Hier wird auch spannend sein, was gleich zu Beginn der nächsten Episode passieren wird, weil Carrie ihre Warnung nicht mehr aussprechen konnte. Keane ist jetzt gewiss in großer Gefahr.

"Not my President"

Ich möchte hier noch mal ein paar Worte zur Einbettung von "Homeland" in die Gegenwart verlieren. Ich finde es wieder hervorragend, wie man hier die Serie so nah an der Realität inszeniert. Das Thema Fake-News und Fake-Accounts ist aktueller denn je. Die Rolle der Medien (in der Pressekonferenz angesprochen), die Unwahrheiten verbreiten oder schlecht recherchieren, die nur Schlagzeilen machen wollen und nicht über das Wesentliche berichten, aufgeheizte Stimmung mit heftigen Demonstrationen, all das gibt es (leider) wirklich. Die Plakate mit Hitler-Zeichnungen, "Not my President"-Schilder etc. sind aus den Nachrichten überaus bekannt. Die Ursache mag hier eine andere sein, weil sich Keane ja nicht, anders als Trump, auf Unwahrheiten beruft, sondern sich eher gegen diese zur Wehr zu setzen versucht, aber letztlich ist die Szenerie gleich. Der Hass, die Unzufriedenheit, die Unglaubwürdigkeit, sie spielen auch in der Serie eine bedeutende Rolle. "Homeland" ist also wie immer sehr nah dran am Puls der Zeit. Diese politische Dimension ist ebenfalls eine Stärke der Serie. Auch hier bin ich gespannt, wie das Ende nächste Episode aussehen wird.

Fazit

Die Staffel weiß auch zum Ende hin weiter zu überzeugen und ich erwarte mit großer Spannung und Neugier das Finale, welches leider schon nächste Woche kommen wird. Nach der Explosion steckt noch so viel Potenzial in den Storylines, dass es durchaus für mehr Folgen reichen würde. Ich erwarte insofern ein furioses, vollgepacktes Finale, welches der Staffel hoffentlich würdig ist und die vielen, guten Handlungsstränge nicht nur gelungen zusammenführt, sondern auch mehr als zufriedenstellend abschließt oder aber so aufbereitet, dass sie gut für die nächste Staffel vorbereitet sind.

Emil Groth - myFanbase

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