Bewertung: 6
Nora Fingscheidt

The Unforgivable

Foto: The Unforgivable - Copyright: 2021 Netflix, Inc.
The Unforgivable
© 2021 Netflix, Inc.

Inhalt

Nachdem Ruth Slater (Sandra Bullock) 20 Jahre wegen Mordes im Gefängnis gesessen hat, wird sie wieder in die Gesellschaft entlassen, die sie aber nicht mit offenen Armen empfängt, denn sie hat ausgerechnet einen Polizisten getötet. Während sie verzweifelt darum kämpft, irgendwie über die Runden zu kommen, treibt sie vor allem der Wille an, ihre jüngere Schwester Katie (Aisling Franciosi) zu finden, die sie vor all den Jahren zurücklassen musste und zu der ihr der Kontakt verwehrt wurde.

Kritik

Sandra Bullock und Streamingdienst Netflix, zwischen den beiden von einer Liebesgeschichte zu sprechen, wäre wohl leicht übertrieben, da viele andere Stars schon in viel mehr Produktionen beim Streamingriesen zu sehen waren. Und dennoch ist es eine besondere Geschichte, denn mit "Bird Box - Schließe deine Augen" ist 2018 der bis dato mit weitem Abstand erfolgreichste Film bei Netflix erschienen und hat unweigerlich den Startpunkt dargestellt, warum seitdem zahleiche Hollywoodstars sich die Ehre geben. Nun ist Bullock mit "The Unforgivable" zurückgekehrt. Dieser hat eine lange Geschichte hinter sich, da erstmals 2010 Bemühungen öffentlich wurden, dass Produzent Graham King sich einen Plot ausgedacht hat, den er mit Angelina Jolie verfilmt sehen wollte. Mit Bullock ist das Talent in der Hauptrolle aber genauso gegeben, was man dem gesamten Film auch anmerkt. Es ist ihr Film, es ist die Geschichte von Ruth, die einen in allen Momenten emotional packt. Dementsprechend ist es kein Wunder, wenn hinterher vor allem Bullock im Kopf bleiben wird, denn sie hat Ruth mit all der Leidenschaft verkörpert, die es für so eine gebrochene Seele braucht.

Was mir an dem Film besonders lange sehr gut gefallen hat, war der Fakt, dass nicht ständig (vermeintlich) unauffällige Hinweise gestreut wurden, dass Ruth fälschlicherweise des Mordes verurteilt wurde. Dadurch hatte ich mich als Zuschauerin damit abgefunden, dass Ruth berechtigt solange eingesessen hat. Zudem werden in immer wieder gezeigten Erinnerungsfetzen, die vor allem die jüngere Schwester Katie in der Nacht wachhalten, aber auch über Tag quälen, deutlich, dass Ruth vor 20 Jahren eine junge Frau am Rande des Wahnsinns war. Wie sie herumgeschrien hat, dass sie sich nicht aus ihrem Haus vertreiben lässt, das war nicht einfach nur eine Frau mit einem eigenen Standpunkt. Auch in der Gegenwart blitzt bei Ruth immer etwas durch, wo ich als Zuschauerin froh war, dass ich ihr nicht persönlich gegenüberstehen muss. Sie hat kein Aggressionspotenzial per se, aber sie weiß sich definitiv zu wehren, sie erhebt schnell die Stimme und sie kämpft wie eine Löwin. Dementsprechend ist Ruth über den Großteil des Films hinweg keine klassische Sympathieträgerin gewesen. Das hat mich aber auch sehr gereizt, denn trotz der emotionalen Distanz und dem Bewusstsein, dass sie offenbar einen Menschen umgebracht hat, verfolgt man sie dennoch gerne und gönnt es ihr letztlich auch, endlich mit ihrer Schwester in Kontakt zu kommen. Denn man kann über Ruth denken, was man will, aber dass sie Katie über alles liebt, das steht außer Frage.

In dem Film werden einige Themen angesprochen, doch hier würde ich schnell das Fazit ziehen, dass es mehr Halbes als Ganzes war. Das Drehbuch ist definitiv nicht das Highlight des Films, es sind mehr die schauspielerischen Leistungen, mit weitem Abstand allen voran Bullock. Aber dass das Drehbuch an einigen Stellen etwas holprig ist, ist an einigen logischen Fehlern zu erkennen. So wird mehrfach im Film selbst betont, dass Katie eine erwachsene Frau ist und dennoch wird in vor allem in den legalen Angelegenheiten dann doch der Eindruck erweckt, sie wäre noch ein Kind, das keine eigenen Entscheidungen treffen kann, weswegen ihre Adoptiveltern Michael (Richard Thomas) und Rachel (Linda Emond) zur Tat schreiten müssen. Das ist etwas befremdlich, weil so nicht ganz deutlich wird, ob man Katie wegen ihrer psychischen Traumata eine gewisse Unmündigkeit unterstellt, oder ob es einfach nur grob falsch im Film dargestellt wird. Solche großen Fragezeichen ruft bei mir auch die Darstellung der beiden Brüder Steve (Will Pullen) und Keith (Tom Guiry) hervor. Diese leiden auch nach zwanzig Jahren immer noch sehr darunter, dass ihr Vater, Sheriff Whelan (W. Earl Brown), vermeintlich durch Ruth sein Leben verloren hat. Das hat die Familie zerstört, denn sie konnten sich ihr Haus finanziell nicht mehr halten und die Mutter (Janet Walmsley) ist seitdem Alkoholikerin gewesen und inzwischen ein Pflegefall. Es ist ja noch verständlich, dass in den beiden so viel Wut schwelt, aber während zunächst Keith wie die tickende Zeitbombe wirkt, weil er auch die Mutter pflegt, ticket hinterher Steve völlig aus. Sein Trigger ist aber nicht überzeugend dargestellt worden, da er mit Frau (Jessica McLeod) und Kind deutlich stabiler in seinem eigenen Leben wirkte. Hier wirkte es dann leider so, als bräuchte es zumindest einen der Brüder für einen großen Showdown, doch im Endeffekt war die eigene Story nur sehr mangelhaft ausgeschmückt.

Bei den Malcolms sieht das Bild wieder etwas anders aus, denn wir erleben Adoptiveltern, die unter allen Umständen ihr traumatisiertes Kind schützen wollen, sich dabei aber zum Teil nicht eingestehen, wie tief das Trauma tatsächlich liegt. Dieses Selbstbelügen ist aber wohl auch Selbstschutz, um sich nicht eingestehen zu müssen, wie sehr das Leben von Katie doch in Scherben liegt. Bei Katies Darstellung selbst fehlt wiederum etwas, weil wir immer und immer wieder dieselben Gedankenfetzen sehen, aber es wirkt nicht so, als würde es entscheidend für sie vorangehen. Schließlich haben wir noch die Ingrams, die inzwischen in dem Haus wohnen, wo einst Ruth und Katie lebten und wo der Mord passiert ist. Bei der ersten Begegnung verheimlicht Ruth ihre gesamte Geschichte, aber zufällig ist John (Vincent D'Onofrio) ein Anwalt der Bedürftigen und er nimmt sich ihr an, auch wenn er skeptischer wird, als er die ganze Wahrheit erfährt. Gerade seine Frau Liz (Viola Davis) geht völlig auf die Barrikaden, weil John es zugelassen hat, einer Mörderin so engen Zugang zu seiner Familie zu ermöglichen. Hierin spielt nun auch ein sehr starker thematischer Block ein, denn Vergebung und zweite Chancen sind nach Gefängnisstrafen immer immens wichtig. Liz wirkt lange unglaublich kaltherzig, obwohl man meinen könnte, dass sie als Frau eines Anwaltes wie ihr Mann ähnliche Sichtweisen wie er selbst pflegt. Aber man merkt zunehmend, dass Liz das auch tut, aber das für sie als Familienmutter eine Grenze überschritten war, als die persönliche Ebene ins Spiel gekommen ist. Eine der stärksten Szenen des Films ereignet sich schließlich auch zwischen den beiden Frauen und es ist kein Wunder, dass zwei Frauen, die eines Kalibers wie Bullock und Davis sind, so eine Szene so mitreißend gestalten können. Denn letztlich kommt doch heraus, dass Ruth fälschlicherweise eine Gefängnisstrafe abgesessen hat. Es wirkte fast so, als wäre diese Offenbarung im letzten Moment hineingequetscht worden, aber anschließend hat sich dadurch doch so vieles entdeckt. An dieser Stelle war der Film also wirklich unheimlich geschickt erzählt.

Damit wird dann auch der letzte Teil des Films eingeleitet, der für mich persönlich der stärkste war. Denn nun war ganz klar, dass Ruth eben doch die Sympathieträgerin ist, die einfach ein großes Opfer gebracht hat, um ihre Schwester zu schützen. Sie mag zwar kein Engel sein, aber nachdem auch mehr über ihre Familienverhältnisse offenbart wurde, ist mehr als deutlich, dass Ruth auch nie die Chance auf ein unbeschwertes Leben hatte. Das erklärt viel zu ihrem Charakter. Aber trotz aller Rückschläge, sie ist eine Frau, die jederzeit bereit ist, Opfer zu bringen. Und das nicht nur für Katie, denn letztlich findet sich Ruth in der Notlage wieder, über das Schicksal von Katies Adoptivschwester Emilly (Emma Nelson) entscheiden zu müssen. Sie hätte diese einfach links liegen lassen können, aber das liegt nicht in Ruths Blut und dafür wird sie letztlich belohnt. Das endgültige Ende wirkt fast etwas übereilt, aber ich hatte das Gefühl, dass die Endszene genau das richtige Maß an Offenheit hatte, um sich nun selbst die Gedanken machen zu können.

Fazit

"The Unforgivable" ist vor allem schauspielerisch beeindruckend, während das Drehbuch einige Schwächen aufweist, sowohl logischer als auch inhaltlicher Natur. Das letzte Viertel ist aber sehr stark. Hier kann man schon fast von einer Wendung sprechen, die den Film noch einmal mit allem auf den Kopf stellt. Aber über allem steht, dass die ureigene Dynamik von "The Unforgivable" über die schauspielerische Leistung entsteht und da ist vor allem Bullock zu nennen, die man mit solchen Rollen blind betrauen könnte, weil sie immer zu einer mitreißenden Performance findet, selbst wenn die Figur nicht auf Anhieb die Sympathieträgerin ist.

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Lena Donth - myFanbase
21.12.2021

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