Bewertung: 6
Kornél Mundruczó

Pieces of a Woman

Foto: Vanessa Kirby, Pieces of a Woman - Copyright: 2020 Netflix, Inc.; Benjamin Loeb/Netflix
Vanessa Kirby, Pieces of a Woman
© 2020 Netflix, Inc.; Benjamin Loeb/Netflix

Inhalt

Martha (Vanessa Kirby) und Sean (Shia LaBeouf) aus Boston stehen kurz davor, Eltern zu werden, doch ihr Leben ändert sich dramatisch, als eine Hausgeburt in einer unvorstellbaren Tragödie endet. Es beginnt eine andauernde Abwärtsspirale für Martha, denn sie muss sich ihrem Kummer stellen, während die Beziehungen zu ihrem Ehemann und zu ihrer Mutter Elizabeth (Ellen Burstyn) schwer belastet werden. Zudem steht ein Prozess gegen ihre Hebamme Eva (Molly Parker) an.

Kritik

Im Vorfeld des Films, als die Werbemaschinerie für "Pieces of a Woman" aber bereits im Gange war, kamen die öffentlichen Anschuldigungen gegen Hauptdarsteller LaBeouf denkbar ungünstig, so dass er schnellstmöglich aus den Promobildern und Postern entfernt wurde. Aus dem bereits fertig gestellten Film war sein Auftritt natürlich nicht mehr zu streichen, aber mit dem aktuellen Hintergrundwissen war es durchaus ein komisches Gefühl, sich diesen Film anzusehen, zumal LaBeoufs Figur Sean sicherlich einige der Charakterzüge aufweist, die ihm nun auch im realen Leben zur Last gelegt werden. Dennoch wäre es eine Schande gewesen, die Veröffentlichung dieses Dramas zu verschieben oder gar zu verhindern, denn auch wenn LaBeouf als Hauptdarsteller gelistet ist, "Pieces of a Woman" wird eindeutig von der aus "The Crown" bekannten Vanessa Kirby als Martha überstrahlt. Es ist von der ersten bis zur letzten Minute ihr Film und sie hat ihm beeindruckend ihren Stempel aufgedrückt.

Alleine die etwa 20 Minuten andauernde Eröffnungssequenz ist ein grandioses Beispiel für Kirbys Talent, denn sie muss eine Geburt von der ersten bis zur letzten Sekunde darstellen. Die Kamera geht von der ersten Wehe an nicht mehr von ihrer Figur Martha, Sean und der Hebamme weg, so dass der Zuschauer alles hautnah begleitet. Sei es die Schmerzen, sei es die Übelkeit, sei es das Gefühl, keine innere Ruhe mehr finden zu können, sei es die Aufregung, das ersehnte Mädchen endlich in den Armen halten zu können oder sei es das Bedürfnis, dass auf der Stelle alles vorbei sein soll, all das hat Kirby wirklich wunderbar eingefangen und abgebildet. Insgesamt muss man den Film dafür loben, dass ihm gerade zu Beginn eine so realistische Darstellung gelingt, dass es fast wirkt, als würde man sich eine Dokumentation ansehen. Das fängt schon an, als Martha vor ihrem Mutterschutz von den Kollegen noch eine kleine Babyparty geschmissen bekommt und jeder ungefragt an ihren Bauch fasst. Wer kennt sie nicht die Berichte von werdenden Müttern, die sich beklagen, dass selbst Wildfremde einfach an den Bauch fassen? Auch bei der beabsichtigten Hausgeburt werden viele Themen aufgegriffen, die man so oder so ähnlich schon mal gehört hat. Hier wird also definitiv nichts beschönigt, aber zum Glück auch nicht überdramatisiert. Realistisch eben.

Spätestens als der Herzschlag des Babys besorgniserregend langsam wird, ist man als Zuschauer an den Bildschirm gefesselt. Was passiert jetzt? Muss Martha ins Krankenhaus? Kommt rechtzeitig externe Hilfe? All diese Schritte fiebert man mit, um dann kurzfristig in Sicherheit gewogen zu werden, denn das Baby schreit. Es lebt. In diesem Moment ist man Hebamme Eva, auf die die Kamera umschwenkt, die voller Erleichterung ist, dass diese Geburt noch einmal gut gegangen ist. Doch es war nur ein kurzes Glück, denn das Kind bekommt nicht genug Sauerstoff und stirbt. Hiernach macht der Film einen Cut. Das zweite Kapitel wird eingeleitet, das auch stilistisch ganz anders ist als das erste. Hier wird man episodenartig Zeuge von einem exemplarischen Tag im Monat, um so eine Entwicklung aufzuzeigen. Während es zunächst auch weiterhin unheimlich fesselnd war, mitzuerleben, wie Marthas Trauerprozess verläuft und wie auch alle um sie herum auf unterschiedliche Art und Weise mitleiden, so ist der Film doch auch von dem weggegangen, was ihn im ersten Kapitel so großartig gemacht hat. Da war man voll mit den Charakteren in der Situation drin. Auch wenn sie einem deswegen nicht unbedingt sympathisch waren, so war man doch mit ihnen verbunden. Die Erzählweise des zweiten Teils erlaubt das nicht mehr. Die Verbindung zu Martha ist noch da, weil sie nun mal das Zentrum ist, aber alles andere ist nicht wirklich greifbar. Gerade die Beziehung von Martha und Sean geht so rasant den Bach runter, aber man begreift gar nicht so genau, warum eigentlich. Es ist bekannt, dass ein so tragischer Verlust Paare auseinanderbringen kann. Es ist klar, dass von Sean Seiten aufgezeigt werden, die fragwürdig sind, aber es sind sicherlich keine Seiten, die er nicht vor der Geburt schon hatte und da hat Martha ihn immerhin geheiratet und zum Vater ihrer Kinder auserkoren. Der innere Prozess dieser Beziehung ist nicht nachvollziehbar und macht diesen zweiten Teil leider sehr austauschbar.

Erst zum Schluss kommt mit dem Prozess wieder ein sehr starker Teil. Hier wird das ganze Dilemma der Geburt noch einmal auf die Spitze getrieben und hier wird vor allem die innere Entwicklung von Martha perfekt auf den Punkt gebracht. Sie hat nicht einmal nach der Geburt ein böses Wort gegen Eva verloren, sie hatte nicht das Gefühl, dass sie Schmerzensgeld erhalten muss, sie ist familiär in die Rolle der Anklägerin getrieben worden. Als sie schließlich ihre Zeugenaussage macht, das andere Geschehen beobachtet, da findet sie wieder zu sich zurück und erkennt, dass sie ihren Frieden schon längst gemacht hat und diesen will sie nun auch Eva gewähren. Hier wird wieder gute Charakterarbeit geleistet und als Zuschauer ist man am Ende richtig stolz auf Martha. Die finale Sequenz schließlich wirkt fast märchenhaft und auch wieder sehr untypisch für den Film, aber gleichzeitig ist die Metapher der Aussaat stets in dem Film verankert gewesen und dieses positive Zeichen zum Leben hin hätte man in Teilen des Geschehens nicht mehr erwartet, aber am Ende entlässt es jeden beruhigt.

Zuletzt möchte ich noch etwas zur Kameraführung sagen, an die ich mich erst gewöhnen musste. In der Regel kennt man es als Zuschauer, dass die Kamera immer zu der Figur schwenkt, die gerade handelt oder spricht. Das ist hier eher selten der Fall. Gespräche finden oft im Off statt und die Kamera bleibt starr auf eine andere Figur oder Handlung fixiert. Wie beispielsweise bei der angesprochenen Szene mit der Hebamme, die sich erleichtert zeigt, obwohl die meisten anderen Filme wahrscheinlich die Kleinfamilie bei ihren Glücksgefühlen begleitet hätte. Man bekommt so oft nicht das, was man vom Regisseur erwarten würde. Andererseits bietet diese Art der Kameraführung eben auch eine Steilvorlage für die Schauspieler, ihr Talent bis zum Maximum auszureizen, weil es so extrem auf Mimik und Gestik ankommt. Vor allem bei Kirby hat sich das wie gesagt doppelt und dreifach gelohnt, denn sie ist definitiv der größte Gewinn von "Pieces of a Woman".

Fazit

"Pieces of a Woman" ist ein Film mit vielen Gesichtern. Nach einem unheimlich starken ersten Teil, der realistischer in seiner Darstellung kaum hätte sein können und vor allem Vanessa Kirby als Martha eine schauspielerische Plattform bietet, ist der zweite Teil stilistisch so anders und dabei leider auch belanglos. Erst zum Ende hin findet der Film wieder zu seinen Wurzeln zurück und gewährt einen überraschenden lebensbejahenden Abschluss. Aber es ist klar, "Pieces of a Woman" wird für den ersten Teil in Erinnerung bleiben.

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Lena Donth - myFanbase
08.01.2021

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