Bewertung: 7
Steve McQueen

12 Years a Slave

"I will not fall into despair till freedom is opportune!"

Foto: Copyright: TOBIS Film GmbH & Co. KG
© TOBIS Film GmbH & Co. KG

Inhalt

Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) hat eine Frau, zwei Kinder, ist Schreiner und lebt als freier Afro-Amerikaner in New York. Als der passionierte Geigenspieler unter einem Vorwand durch zwei Männer im Jahre 1841 nach Washington, D.C., gebracht und dort anschließend mit Drogen betäubt wird, wacht er in Ketten als Sklave ohne Rechte mit dem Namen Platt auf. Künftig muss er seine Arbeitskraft unter widrigen Bedingungen unter anderem auf den Baumwollplantagen von Louisiana unter dem brutalen Sklaventreiber Edwin Epps (Michael Fassbender) einsetzen. Regelmäßiger Gewalt, aber auch zeitweise ungewohntem Verständnis ausgesetzt, versucht Solomon, den Traum der eigenen Freiheit nicht aufzugeben und gleichzeitig seine Würde zu bewahren.

Kritik

Der britische Regisseur Steve McQueen ("Shame") hatte sich früh in den Kopf gesetzt, einen Film über die Ära der Sklaverei zu machen. Wie durch einen glücklichen Zufall (seine Frau hat die Memoiren von Northup aus dem Jahre 1853 gefunden) hat sich die Möglichkeit ergeben, die geradezu unglaubliche Geschichte von Solomon Northup auf die große Leinwand zu bringen und ihr damit zu der Aufmerksamkeit zu verhelfen, die sie verdient. Dass Northups Erlebnisse in der Sklaverei eine gute Story für Hollywood machen würden, war McQueen dann recht schnell klar, greift sie doch die klassischen Elemente der Traumfabrik auf: angefangen bei dem großen Unglück bzw. der geradezu griechischen Tragödie, der der Hauptcharakter ausgesetzt ist, über verschiedenste Szenarien, in denen der unaufhörliche Wunsch nach einem besseren Leben artikuliert und anschließend versucht wird, diesem auch nachzukommen - bis zum (unvermeidlichen) Happy-End. Sonderlich innovativ ist das Geschehen in "12 Years a Slave" daher auch nicht, aber darum kann und soll es auch gar nicht gehen.

Vielmehr geht es um eine der Thematik angemessenen Aufbereitung (und vielleicht auch Aufarbeitung) über das Medium Film, wo Sklaverei meist höchstens nur ein geradezu beiläufiger Nebenaspekt ist und sehr selten auch mal das Setting maßgeblich bestimmt. Hier mal ein Sklave, da ein sadistischer Sklaventreiber, dann noch ein wenig Baumwollplantage mehr wird zu diesem schwarzen Fleck (no pun intended) der US-amerikanischen Geschichte meist nicht beigetragen. Oft ist das Ganze sogar so dramatisch überhöht oder geradezu lächerlich gemacht, dass es schwer ist, das alles mit dem angemessenen Ernst zu betrachten. In diesem Kontext war ein Film wie "12 Years a Slave" bitter notwendig, auch wenn er eine etwas andere Perspektive wählt. Denn Solomon Northup ist ein in seinem Umfeld in New York angesehener und in jeglicher Hinsicht freier Mann, der bis zu diesem schicksalhaften Tag im Jahre 1841 ungestört seinem Leben nachgehen kann. Neben der Sklaverei kommt damit mit der Verschleppung eines aus rechtlicher Sicht freien Mannes noch ein weiterer Unrechtsaspekt dazu.

Northup als gebildeter Mann und filigraner Geigenspieler, dem ohne eigenes Zutun zweierlei Unrecht getan wird, bildet dementsprechend auch vergleichsweise viel Identifikationspotential und hat die Sympathien schnell auf seiner Seite. Das hat sicherlich auch viel mit Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor zu tun, der mit seinem eher zurückhaltenden, aber nicht weniger überzeugenden Schauspiel in vielen Situationen viel zu ruhig und gutherzig für das Umfeld, in dem er sich befindet, wirkt. Erst im Verlauf des Films wird aus stiller Verzweiflung ein emanzipierter Gegner seiner Begleitumstände, der zwar immer das große Ziel der Befreiung im Hinterkopf hat und dafür auch Opfer zu bringen bereit ist, aber auch keinen Konflikt scheut, wenn er oder diejenigen, die mit ihm zu tun haben, unter Unrechtmäßigkeiten zu leiden haben.

Dennoch bietet vor allem die erste Hälfte von "12 Years a Slave" den einen oder anderen Kritikpunkt. Der Versuch, Northups Alltag vor und während der Sklaverei zu zeigen, indem gerade zu Beginn diese Szenen unmittelbar hintereinander geschnitten werden, und dadurch einen eindrucksvollen Kontrast zu erzeugen, erscheint beispielsweise arg bemüht und verhindert durch das Umherspringen in der Zeitschiene eine schnellere Identifikation mit dem Geschehen. Ebenso besteht die eine oder andere unnötige Länge, die diesen Prozess ebenfalls deutlich erschwert. Am Ende muss sich McQueen vielleicht sogar Vorwürfe bezüglich der Auswahl seines Casts anhören. Da sind Schauspielschwergewichter wie Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Paul Giamatti, Benedict Cumberbatch, Paul Dano, Sarah Paulson oder Brad Pitt der Beweis dafür, dass selbst bis in die Nebenrollen hinein auf außerordentliches Talent geachtet wird, um dann mit Adepero Oduye als Eliza eine Mimim für einen signifikanten Part der ersten Hälfte des Films zu engagieren, der man ihre Gefühlsausbrüche und einen beträchtlichen Teil ihres Gesagten nur schwer ernst nehmen kann, da es teils nicht glaubwürdig ist, sowohl bezüglich ihrer Gestik und Mimik als auch ihrer Art und Weise, wie sie versucht, die eher hölzernen Dialoge aus dem 19. Jahrhundert zum Leben zu erwecken.

In der zweiten Hälfte schließlich, als den Geschehnissen auf der Farm von Edward Epps viel Raum zur Entfaltung gegeben wird, wird auch die Intensität und damit die Qualität höher. Einen nicht unbedeutenden Anteil daran hat sicherlich ein famos aufgelegter Michael Fassbender (in seiner dritten Zusammenarbeit mit Regisseur McQueen) als grausamer Sklaventreiber, der in seinem Dauerkonflikt mit seiner Frau sogar eine in wenigen Momenten menschliche Seite erhält und damit mehr sein darf als das pure Böse ein Glück, dass Paul Dano als Tibeats leider nicht zuteil wurde. Während auch Lupita Nyong'o augenscheinlich mitunter Probleme zu haben scheint, den einen oder anderen Dialog weniger schwülstig zu transportieren als er im Drehbuch geschrieben ist, überzeugt sie als Patsey dennoch und kann die emotionale Breite des Films spürbar vergrößern. So zieht McQueen am Ende alle Register, sodass kaum ein Auge trocken bleiben wird und etwaige Kritikpunkte schnell vergessen sind.

Fazit

Während gerade die zweite Hälfte von Steve McQueens neuestem Werk große Filmkunst ist, krankt die erste noch an so manchen Längen und einer Inszenierung, die nicht so recht weiß, worauf sie eigentlich hinaus will. Nichtsdestotrotz ist "12 Years a Slave", getragen von einer überragenden Leistung von Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor, ein wichtiges, thematisch überfälliges und schlichtweg auch durchaus sehenswertes Drama über eine allzu leicht vergessene Zeit.

Andreas K. - myFanbase
23.02.2014

Diskussion zu diesem Film