Bewertung: 8
Kathryn Bigelow

Tödliches Kommando – The Hurt Locker

"The rush of battle is a potent and often lethal addiction, for war is a drug."

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Inhalt

Der Irak-Krieg scheint immer noch kein Ende zu nehmen und jeden Tag besteht weiterhin die Gefahr für US-Soldaten, den Tag nicht zu überleben. Unter ihnen ist 2004 auch die Kompanie Bravo des Kampfmittelräumdienstes der United States Army. Als trotz großer Vorsicht Bombenentschärfer Sergeant Thompson (Guy Pearce) ums Leben kommt, ist mit Sergeant James (Jeremy Renner) schnell Ersatz gefunden. Seine neuen Teammitglieder Specialist Eldridge (Brian Geraghty) und Sergeant Sanborn (Anthony Mackie) müssen jedoch bald feststellen, dass James zwar ein Ass in dem ist, was er tut, er jedoch gleichzeitig als Adrenalinjunkie gilt, der sich auch des Öfteren mal für Alleingänge verantwortlich zeichnet und so das Team negativ beeinflusst – in einer Situation, in der sie sich keine Fehler erlauben dürfen.

Kritik

Mark Boal, seines Zeichens freier Journalist und Drehbuchautor von "Tödliches Kommando – The Hurt Locker", war als sogenannter "embedded reporter" gemeinsam mit einer US-amerikanischen Truppe im Irak, ähnlich wie es auch 2003 der Fall war bei "Rolling Stone"-Journalist Evan Wright, dessen Erlebnisse in seinem Buch "Generation Kill" sowie der von David Simon und Ed Burns adaptierten Mini-Serie aus dem Jahre 2008, beschrieben wurden. Boal wie Wright hofften so, dem Leser bzw. Zuschauer einen sowohl realitätsgetreuen wie auch persönlicheren Einblick in das Kriegsgeschehen im Irak zu geben, indem man sich hauptsächlich auf eine Einheit konzentrierte.

Kathryn Bigelow, übrigens Ex-Frau von James Cameron, mit dem sie bei den Golden Globes 2010 gemeinsam in zwei Kategorien (Beste/r Regisseur/in, Bester Film – Drama) nominiert ist, hat nun versucht, anhand dieses Drehbuchs das Genre des Kriegsfilms um ein weiteres Machwerk zu erweitern, diesmal mit Fokus auf den Irak-Krieg, der bis auf besagte Mini-Serie bisher kaum in den Medien entsprechend aufbereitet wurde. Die Tatsache, dass Bigelow als großer Favorit auf den ersten Oscar für eine Regisseurin überhaupt gilt, zeigt deutlich, dass ihr das gelungen zu sein scheint.

Der erste große Pluspunkt ist zweifelsohne die großartige Inszenierung. Nicht nur, dass Bigelow es geschafft hat, eine unheimlich dichte und bedrohliche Atmosphäre zu schaffen, wo jede Sekunde etwas Schreckliches geschehen könnte, sie beweist zudem, dass sie die einzig ernstzunehmende weibliche Actionregisseurin ist. Wenn nämlich die ganze Anspannung, die sich über den Zeitraum zuvor angestaut hat, entlädt, dann geschieht das auch optisch sehr ansprechend. Dazu kommt die wahrlich hervorragende Kameraführung, für die sie mittlerweile berühmt ist, wo sowohl die Bedrängnis und Angst der Soldaten in wackeligen Nahaufnahmen als auch die Weite und Trostlosigkeit der irakischen Siedlungen und manchmal auch einfach nur atemberaubende Aufnahmen der Umgebung (der Film wurde in Jordanien gedreht) wunderbar eingefangen werden. Selbstverständlich steht ihr hierfür ein Kameramann zur Seite (in dem Fall Barry Ackroyd, der unter anderem bereits beim zweifach oscarnominierten Film "Flug 93" tätig war), der ihre Ideen umsetzt, doch Bigelow nimmt bewusst einen starken Einfluss auf die Kameraarbeit, deutlich mehr als zahlreiche andere Regisseure.

Handlungsmäßig bekommt man bei "Tödliches Kommando – The Hurt Locker" im Grunde genau das, was man auch erwartet hat. Dies fängt bei den üblichen Gefechtsszenen an, geht über machohaftes Verhalten während und abseits der Konfrontation mit dem Feind und endet bei Szenen über das Privatleben der Elitesoldaten. Das ist alles nicht unbedingt innovativ, und wirklich große Überraschungen darf man selbstverständlich nicht erwarten, schließlich orientiert sich der Film an detailgetreuen Vorgaben von jemandem, der bei diesem Ereignis auch tatsächlich zugegen war. Dennoch ist das, was gezeigt wird, einfach nur handwerklich sehr gut gemacht, selbst wenn es keinen Preis für großartige Twists gewinnen wird.

Auch wenn es sich nun tatsächlich so zugetragen hat, so ist er aus dramaturgischer Sicht manchmal dennoch ein nicht vernachlässigbares Manko: der Hauptcharakter. Denn obwohl Jeremy Renner, der in letzter Zeit unter anderem in einer Hauptrolle in der kurzlebigen Dramedy "The Unusuals" zu sehen war, durch die Bank überzeugt, so bietet seine Rolle jedoch wenig Identifikationspotential und erscheint kaum sympathisch, teilweise sogar regelrecht nervig. Die Rambo-Alleingänge von Sergeant James sind vielleicht ein integraler Bestandteil des Films und bringen die Handlung entsprechend voran, wirklich nachzuvollziehen ist jedoch nicht, wie jemand, der derart wenig auf Anweisungen seiner Vorgesetzten und seiner Teammitglieder gibt, Karriere im Militär machen konnte, wo (blinder) Gehorsam und Teamarbeit die zwei Hauptaufgaben sind. James' rebellisches Verhalten wirkt oft derart aufgesetzt und unnötig, dass wirkliches Interesse an ihm in seinen draufgängerischen Szenen einfach nicht entsteht. Mit etwas ausgefeilterer Charakterzeichnung in diesem Bereich wäre "Tödliches Kommando – The Hurt Locker" der ganz große Wurf gelungen. Aber glücklicherweise gibt es auch zahlreiche andere Momente mit ihm, die traurig, witzig, ernsthaft oder erschreckend sind, und dadurch ihre volle Wirkung entfalten können.

Auffallend ist, dass die namhaftesten Schauspieler im Cast, Guy Pearce, Ralph Fiennes und David Morse, nur für wenige Minuten zu sehen sind. Dazu gesellen sich die für Serienzuschauer natürlich mehr als nur geläufigen Evangeline Lilly ("Lost") und Christian Camargo ("Dexter"). Ihnen allen ist eines gemein, sie fügen sich nahtlos in den Film ein, was manchmal, wenn es eher um den Plot und um das Kollektiv geht als um die einzelnen Charaktere, auch ein Lob sein kann.

Fazit

"Tödliches Kommando – The Hurt Locker" ist ein atmosphärischer Kriegsfilm mit sowohl herausragender Optik und der nötigen Portion Action als auch ruhiger und nachdenklicher Momente zur Charakterzeichnung. Was bleibt, ist aufgrund weniger Szenen vielleicht nicht unbedingt ein Klassiker wie "Apocalypse Now“, "Full Metal Jacket" oder "Platoon", dafür aber wohl die beste Thematisierung von Krieg seit "Der Soldat James Ryan" und "Black Hawk Down".

Andreas K. - myFanbase
30.12.2009

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