Bewertung: 7
Gavin O'Connor

Gesetz der Ehre, Das

Whoever he was, he was no amateur.

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Inhalt

Ray Tierney (Edward Norton) ist der jüngste Spross einer New Yorker Polizistenfamilie. Sein Vater Francis Sr. (Jon Voight) war Polizeichef. Als Leiter eines Drogen-Departments schickt sich sein Bruder Francis Jr. (Noah Emmerich) an, in die großen Fußstapfen des Vaters zu treten. Seine Schwester ist verheiratet mit Jimmy Egan (Colin Farrell), einem Polizisten aus Francis' Einheit und Ray selbst ist beim FBI. Als vier Cops ermordet aufgefunden werden, gerät der Polizeiclan in Wallung. Auf Drängen seines Vaters beteiligt sich auch Ray an der Untersuchung. Aber bei seiner Ermittlung stößt er auf Spuren, die nicht nur auf eine undichte Stelle im eigenen Lager, sondern auch auf eine Beteiligung seines Schwagers und seines Bruders hindeuten.

Kritik

Am Anfang steht ein Footballspiel. Berufsfeuerwehr gegen das New York Police Department. Schwere Körper prallen aufeinander, stürzen hart auf den starrgefrorenen Rasen, der scheckig und heruntergekommen ist wie ein räudiger Hund. Der Huddle vor dem entscheidenden Spielzug, Versicherung des Zusammenhalts und die jubelnden Familien und Kollegen auf den Rängen. In schnellen, kraftvollen Zügen entwirft Regisseur Gavin O'Connor sein Szenario: Die verschworene Gemeinschaft, in der einer dem anderen den Rücken freihält. Eine Männerwelt mit eigenen Regeln und weiblicher Unterstützung.

Spätestens seit "Copland" ist die Themenstellung bekannt. James Mangolds (Wieder-)Entdeckung Sylvester Stallones als ernstzunehmenden Charakterdarsteller und Sidney Lumets "Serpico" stehen als Vorbilder sichtbar im Hintergrund. O'Connor fügt dem inhaltlich wenig hinzu. Überraschenderweise ist "Das Gesetz der Ehre" dennoch kein schaler Aufguss ausgelaugter Formeln. Stattdessen gelingt O'Connor, mit seiner bislang vierten Kinoproduktion, ein packender Thriller und ein berührendes Drama. Auch das kündigt sich in der Exposition an: O'Connor geht dicht heran an das Leben seiner Cop-Sippe, er geht in ihre Middle Class-Häuser, die Kneipen, in denen sie nach Dienstschluss zusammen sitzen, ihr Leben zwischen verdreckten Hinterhöfen und dem weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer. Mit Kameramann Declan Quinn holt er dabei den richtigen Mann an seine Seite. Schon in Danny Boyles Neo-Zombiefilm "28 Days Later" konnte Quinn zeigen, dass er einen sicheren Blick für das Alltägliche im Genrestereotyp hat.

O'Connor sieht genau hin und gestattet sich und uns Empathie mit seinen Figuren. Mit denen diesseits und jenseits der verschwimmenden Grenze von richtig und falsch. Darin unterscheidet er sich von seinen Vorbildern. Harvey Keitels patenhafte Souveränität mit der er kühl kalkulierend auch die eigenen Leute aus dem Weg räumt, entrückte ihn die Eigenwelt der Filmschurken, die unangefochten von Gewissensbissen den eigenen Regeln folgen. In "Das Gesetz der Ehre" darf selbst Bad-Cop Farrell eine Brüchigkeit zeigen, die ihn menschlich bleiben lässt.

Es ist ein stehendes Prinzip, dass der Außenseiter mit den ungeschriebenen Gesetzen der verschworenen Gemeinschaft bricht. Die psychologische Schlüssigkeit dieser Konstellation liegt auf der Hand. Nur aus dem (unfreiwilligen) Abstand lässt sich die moralische Tragfähigkeit der Regel hinterfragen. Das galt für Sylvester Stallones Sheriff Heflin und auch schon für Al Pacinos Serpico. Al Pacinos Easyrider Cop stand dem Lebensgefühl der Hippies näher, als der muffigen Kleinbürgerlichkeit seiner Kollegen. Der äußere Widerstand mit dem er kämpfen musste, war deshalb immens. Aber je mehr der Rebell selbst Teil des Gemeinschaftsgefüges ist, desto größer wird auch sein innerer Konflikt zwischen Loyalität und Gerechtigkeitsgefühl. O'Connors Verschärfung der Problemstellung zur innerfamiliären Zerreißprobe mag an "Helden der Nacht" aus dem Vorjahr erinnern. Abgesehen von diesem Motiv aber, hat "Das Gesetz der Ehre mit James Grays grobgeschnittener wie politisch fragwürdiger Geschichte der Rückkehr des verlorenen Sohnes in die Phalanx von Recht und Ordnung nichts zu tun. O'Connor nimmt seine Figuren durch und durch ernst und missbraucht sie nicht als Vehikel einer billigen Moral.

Ray Tierney wird zerrieben zwischen der Rücksicht auf seinen Bruder, der als Abteilungschef für die Vergehen seiner Polizisten geradestehen müsste und dem patriachalen Mantra seines Vaters, der verbissen die Einhaltung der Regel einfordert, dass Polizeiangelegenheiten intern zu regeln seien. Edward Norton beweist hier ein weiteres Mal, dass er zu den Ausnahmeschauspielern der Gegenwart zu rechnen ist. Bleich und mit tief in den Höhlen liegenden Augen verleiht er Ray eine verhaltene Kraft und großer Intensität. Wenn er einen kleinen hispanischen Zeugen befragt, geschieht das mit einer zutiefst berührenden Behutsamkeit, die den Unterschied zu seinen hemdsärmeligen Kollegen greifbar macht, ohne ihn grob zu markieren.

Dabei ist der Film nichts weniger als eine One-Man-Show. Das ist ebenfalls ein kleines Alleinstellungsmerkmal. "Serpico" war gänzlich auf Al Pacino zugeschnitten. Auch "Copland" ist, trotz seiner hochkarätigen Besetzung und figurenreichen Handlung, vor allem die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach seinem Gewissen und sich selbst.

In "Das Gesetz der Ehre" beeindruckt neben verlässlichen Größen wie Jon Voight vor allem Noah Emmerich. Die Polizistenrolle zählt für ihn seit Jahren zum darstellerischen Haupteinsatzgebiet. Auch in "Copland" und zuletzt in "Little Children" war er als Ordnungshüter vertreten. In dem vielbeachteten Drama spielte er den gefallen Gesetzeshüter, der einem gerade aus dem Gefängnis entlassenen Kinderschänder das Leben zur Hölle macht. Hier sieht man ihn in einer deutlich leiseren Rolle und zugleich der vielleicht größten seiner Karriere. Von einem tiefen Verantwortungsgefühl für seine Männer erfüllt, muss er erkennen, daß er viel weniger von ihnen weiß, als er dachte. Steht dort seine berufliche Zukunft auf dem Spiel, stürzt Zuhause seine Welt ein, denn seine Frau ist unheilbar an Krebs erkrankt. Was vielleicht Klischee sein könnte, wird von Emmerich jederzeit mit Glaubwürdigkeit erfüllt. Die Liebe zwischen ihm und seiner Frau (ebenfalls großartig: Jennifer Ehle), ihre Intimität und ihr Schmerz wird in wenigen Szenen mit großem Feingefühl spürbar gemacht.

O'Connor interessiert sich für das Leben und die Gefühle all seiner Charaktere. Und er will sie alle erzählen. Gerade das lässt seinen Film aber manchmal unkonzentriert werden und den roten Faden ein wenig verblassen. Auch ein später Wechsel vom Thriller zum Enthüllungsdrama führt zu Ermüdungserscheinungen im Spannungsbogen. Gerade zum Ende hin werden die Schwächen des Drehbuchs deutlicher und man wünscht sich ein wenig, dass die Sicherheit, die der Regisseur O'Connor bei der Wahl und Inszenierung seiner Schauspieler beweist, auch für den (Co-)Autor O'Connor gelten würde. Denn der stiehlt sich am Schluss ein bisschen aus der Affäre, bleibt aber offen genug, um sich nicht zu verschenken.

Manchmal kann sich O'Connor auch die große Botschaft nicht verkneifen. Das damit verbundene Pathos vereinbart sich nicht mit dem schmutzig-realistischen Grundton seines Films. Aber der ist nahezu immer stark genug, um diese Dissonanzen zu übertönen. Die Fähigkeit eines Regisseurs zeigt sich auch daran, dass er eine peinlichkeitsbedrohte Szene herumreißen und für sich gewinnen kann: Die Auseinandersetzung zwischen Good-Cop und Bad-Cop wird nach den Regularien einer Männerwelt ausgetragen: Mit den Fäusten. Wenn die Kontrahenten in Boxerhaltung Aufstellung beziehen, ist das unfreiwillig komisch, aber mit dem anschließenden Gerolze und Gezerre auf dem Holzboden eines irischen Pubs pulverisiert O'Connor jeden Anflug von fadenscheinigem Heroismus.

Fazit

Gavin O'Connors packender Cop-Thriller besticht durch eine hervorragende Besetzung bis in die Nebenrollen. Wer eine hakenschlagende Handlung, oder gar die Neuerfindung des Genres erwartet, mag enttäuscht werden. Denn trotz aller Spannung und seinem zeitweise hohen Tempo ist "Das Gesetz der Ehre" eher Drama als Thriller. Ein Drama allerdings, das die Zerrissenheit seiner Figuren zwischen Familienloyalität und dem eigenen Gewissen so bedrückend wie glaubwürdig greifbar macht.

Tobias Lenartz - myFanbase
23.01.2009

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