Bewertung: 7

Review: #1.01 Anfänge

Foto: Bob Odenkirk, Better Call Saul - Copyright: Ben Leuner/AMC
Bob Odenkirk, Better Call Saul
© Ben Leuner/AMC

Es ist ein schweres Erbe, was "Better Call Saul" antritt. Vince Gilligan und Peter Gould werden nicht darum herum kommen, dass ihre neue Serie mit "Breaking Bad" verglichen wird, immerhin ist es ein Spin-Off und wartet mit einem (oder genauer gesagt sogar zwei) Charakter(e), den die Zuschauer bereits in der Mutterserie kennen lernen durften, auf. Ist die Serie also von vorn herein zum Scheitern verurteilt? Nein, natürlich nicht. Man sollte "Better Call Saul" einfach mit etwas Abstand betrachten und sich zurücklehnen, um zu sehen, wie aus dem glücklosen Anwalt James McGill der windige Anwalt Saul Goodman wurde.

Das Cold Open dieser ersten Folge mit Goodman in der Bäckerei, just so wie er es im Finale von "Breaking Bad" angedeutet hat, ist ein nettes Geschenk für die Fans der Mutterserie und der perfekte Einstieg in die neuen Abenteuer des Anwalts. Es schlägt eine Brücke zu den vergangenen Abenteuern und macht auch deutlich, dass Goodman in der Zeit nach den Ereignissen von "Breaking Bad" nicht sonderlich zufrieden ist. Er führt ein eintöniges Leben, stets mit der Angst lebend, dass man ihn entdecken und für seine Mitwisserschaft an Walter Whites Machenschaften zur Rechenschaft ziehen wird. Für ihn bleibt am Ende nichts anderes übrig, als sich jeden Abend in seine kleine Wohnung zurück zu ziehen und sich an alte Zeiten zu erinnern, in denen er erfolgreich war.

"The only way that car is worth 500 bucks is if there's a 300-dollar hooker sitting in it."

Bis es zu diesem Zeitpunkt kommt, wird es definitiv noch etwas dauern. James McGill hat momentan noch nichts mit Saul Goodman zu tun. Er ist ein erfolgloser Anwalt, der von Pflichtverteidigungen lebt, die er zwar nach besten Gewissen übernimmt, die jedoch außer 700 Dollar pro Fall nicht sonderlich ertragreich sind. Sie bringen vor allem keine weiteren, gut zahlenden Klienten, die Jimmy so dringend bräuchte, um endlich aus seinem kargen Leben auszubrechen.

Er lebt und arbeitet im Hinterraum eines Nagelstudios, in dem er nicht einmal einen Schluck Wasser nehmen darf und wartet dort darauf, dass das Telefon klingelt. Viel Glück hat er dabei meistens nicht. Erst als Familie Kettleman sich bei ihm anwaltlichen Rat sucht, scheint sich das Blatt zu wenden. Leider schafft er es nicht, die Ehefrau des Schatzmeisters, der 1,6 Millionen Dollar veruntreut hat, zu überzeugen, ihn zu engagieren. Es ist bezeichnend für seine momentane Situation: Er bemüht sich redlich, er kommt jedoch auf keinen grünen Zweig.

Während er überlegt, wie er sie vielleicht doch noch als Klienten gewinnen könnte, stürzt ihm plötzlich ein junger Skateboarder vors Auto. Zunächst schockiert wird ihm bald klar, dass der und dessen Zwillingsbruder es sich zur Aufgabe gemacht haben, Autofahrer abzuzocken, die aus anscheinender Unachtsamkeit mit dem Leben der Skater spielen. Es ist eine folgenschwere Begegnung, denn die beiden bringen Jimmy auf eine Idee, die zwar auf dem Papier interessant klingt, die jedoch von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Jimmy kann die Jungs überreden, ihren Betrugsversuch noch einmal durchzuziehen, dieses Mal jedoch bei Mrs. Kettlemann, die er so zu überzeugen versucht, dass sie einen Anwalt brauchen, der sie aus ihrer misslichen Lage befreien wird. Dumm nur, dass die beiden Jungs nicht Mrs. Kettleman, sondern anscheinend der armen, ahnungslosen Großmutter von Tuco Salamanca vors Auto laufen.

Es ist eine herrliche Wendung, als am Schluss Tuco in der Tür steht und man erwischt sich unweigerlich dabei, wie man schmunzelt, denn am Ende der Episode ist Tuco schon der dritte Charakter, den man aus "Breaking Bad" zu sehen bekommt. "Better Call Saul" versucht wirklich mit allen Mitteln, die Fans der ersten Stunde bei Laune zu halten.

"I'm validated. See the stickers?" - "Well, I see five stickers. You're one shy. It's $3."

Was wird also nun passieren. Jimmy hat die beiden Jungs an einen Mann geliefert, der sich in der ersten Staffel von "Breaking Bad" zu einem starken Antagonisten von Walter White entwickeln wird und mit dem nicht zu Spaßen ist. Auch wenn man das Hintergrundwissen nicht hat, so kann man doch anhand der letzten Szene ahnen, dass der Plan, den Jimmy sich so schön zurecht gelegt hat, nicht aufgehen wird und es nun an ihm liegen wird, zu retten, was noch zu retten ist. Für die zweite Episode ist das eine hervorragende Ausgangssituation und zeigt bereits jetzt deutlich, dass Jimmy McGill wahrscheinlich nicht freiwillig der Mann geworden ist, den wir aus "Breaking Bad" kennen.

Sehr interessant ist auch der kleine Handlungsstrang um Jimmys Bruder Chuck, seines Zeichen selbst Anwalt, der jedoch momentan eine "kreative Pause" einlegt und der erfolgreichen Kanzlei, die er mit aufgebaut hat, den Rücken gekehrt hat. Ich bin gespannt, was hinter dessen "elektromagnetischen Sensibilität" steckt und was mit Chuck passiert ist, dass er sich derart in seinem Haus verschanzt und sämtlicher Elektrizität abgeschworen hat. Im Moment ist noch nicht ersichtlich, ob Chuck ein Mentor für Jimmy ist oder ein lästiger Klotz am Bein, den er eigentlich nur noch besucht, weil er sein Bruder ist. Es scheint ihm sehr wohl etwas an seinem Bruder zu liegen, doch wie lange es ihm noch möglich ist, mit dessen Verrücktheiten klar zu kommen, bleibt unklar. Hier schlummert noch einiges an dramatischem Potential, gerade im Hinblick auf Chucks ehemalige Kollegen und Partner Howard Hamlin.

Überhaupt überwiegt das Drama in der Serie momentan schon sehr. Wenn man sich daran erinnert, dass Saul Goodman ein wenig Witz in "Breaking Bad" gebracht hat, dann vermisst man in der ersten Episode ein wenig die Leichtfüßigkeit des Charakters. Zwar versucht man immer wieder mit kleinen Verrücktheiten die Episode aufzulockern, doch so recht mag das nicht funktionieren, wobei Bob Odenkirk wirklich eine tolle Show vor Gericht abzieht und auch vor den Partnern in der Kanzlei richtig zur Hochform aufläuft. Ich hoffe, es gibt in Zukunft noch mehr von seinen unterhaltsamen Tiraden. Richtig gut gefällt mir momentan auch Mike Ehrmantraut, der in seiner Rolle als Parkplatzaufseher eine herrlich entspannte Figur macht und Jimmy gehörig auf die Nerven geht, in dem er nicht bereit ist, auch nur einmal über die Vorschriften hinweg zu sehen und ihn auch ohne gültige Validierung den Parkplatz verlassen zu. Die Streitgespräche zwischen den beiden sind wirklich unterhaltsam und witzig.

Fazit

Der Pilot von "Better Call Saul" ist keine perfekte, aber durch über weite Strecken unterhaltsame Episode, die interessante Weichen für die kommenden Folgen stellt und mit genau der richtigen Dosis Reminiszenz an "Breaking Bad" aufwartet, ohne dass es Zuschauer abschreckt, die die Mutterserie nicht kennen. Ich bin gespannt, wie aus dem glücklosen Winkeladvokaten Jimmy McGill der windige, erfolgreiche Saul Goodman wird.

Melanie Wolff - myFanbase

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