The Hunting - Review des Piloten

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Im August 2019 wurde die Miniserie "The Hunting" in Australien veröffentlicht und ist seit dem 1. Juli 2020 in Deutschland via TVNOW zu empfangen. Die vierteilige Miniserie greift ein Thema auf, das unter Jugendlichen zu einem immer größeren Problem wird. Durch das Schicken und Veröffentlichen von intimen Fotos ändert sich das Leben von vier Teenagern quasi über Nacht und obwohl die Sache aus strafrechtlicher Perspektive eindeutig erscheint, beschäftigt sich die Serie auch mit den psychologischen Folgen für die Betroffen und ihr Umfeld sei es familiär oder in der Schule.

"The Hunting" bei TVNOW anschauen:

Foto: The Hunting - Copyright: TVNOW / DCDrights
The Hunting
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Es beginnt häufig einvernehmlich innerhalb einer Beziehung und via Internet und Smartphone geht es heutzutage auch ganz einfach: Man schickt sich eine erotische Nachricht womöglich ein Foto oder ein Video. Doch was auf Vertrauensbasis beginnt, kann häufig auch zum Vertrauensbruch werden, wenn besagte Fotos und Videos weitergezeigt oder gar veröffentlicht werden. "Sexting" ist unter Jugendlichen keine Seltenheit mehr und dass dies nicht immer nur zwischen zwei Personen bleibt, zeigt die 2015 veröffentlichte JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs), die besagt, dass 26 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in Deutschland davon wissen, dass in ihrem Bekanntenkreis schon mal erotische Fotos oder Filme per Handy oder Internet verschickt wurden. Problematisch dabei ist, dass die Verbreitung pornografischer Schriften - dazu zählen auch besagte Handy-Fotos - strafbar ist und pornografische Inhalte Jugendlichen unter 18 Jahren nicht zugänglich gemacht werden dürfen. Was unter Jugendlichen also immer mehr zur Normalität wird, ist ein wachsendes Problem, nicht nur in Deutschland. "The Hunting" setzt hier an und greift dabei nicht nur die rechtlichen Konsequenzen von Sexting bzw. der Veröffentlichung von erotischen Fotos im Internet auf, sondern zeigt auch die emotionalen Auswirkungen auf die Betroffenen und die Beweggründe für das Veröffentlichen, die von Leichtsinn bis hin zum Wunsch nach Anerkennung schwanken.

Foto: Alex Cusack, The Hunting - Copyright: TVNOW
Alex Cusack, The Hunting
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Eher ruhig erzählt beginnt "The Hunting" mit einem erotischen Videochat zwischen Andy (Alex Cusack) und Zoe (Luca Asta Sardelis), die sich voreinander selbst befriedigen, obwohl sie sich in der Schule aus dem Weg gehen und in völlig unterschiedlichen Freundeskreisen verkehren. Zoe ahnt nicht, dass Andy sie bei ihren regelmäßigen Videochats heimlich aufzeichnet. Als wir kurz darauf das erste Mal in die Schule kommen und dabei auch die Lehrer Ray (Sam Reid) und Eliza (Jessica De Gouw) kennen lernen, fällt auf, dass das Verschicken von erotischen Inhalten unter den Schülern wohl zum Alltag gehört. In der Klasse kommt es zum Eklat, als ein Penis-Foto die Runde macht und Ray die Sache der Schulleiterin meldet, die daraufhin die Polizei einschaltet und die betroffenen Schüler suspendiert. Hier wird einem deutlich vor Augen geführt, dass ein kleiner Streich unter Jugendlichen oder das leichtsinnige Verhalten nach dem Ende einer Beziehung auch harte Konsequenzen haben kann. Und die Schulleiterin argumentiert hier recht sachlich, dass diese Regeln zum Schutz aller sind, was man durchaus nachvollziehen kann. Man ist als Zuschauer aber auch geneigt, dem Zögern von Ray zu folgen, der lieber die Diskussion mit den Schülern suchen möchte, um zu verstehen, was zu so einem Verhalten geführt hat. Ihm sind die Konsequenzen zu hart, wenn man bedenkt, dass dies der erste Vorfall ist, der öffentlich wird. Doch im Laufe dieser ersten Episode wird nicht nur uns Zuschauern immer klarer, dass dies kein Einzelfall ist, sondern auch Ray. Noch bestürzender wird es, als klar wird, dass hier nicht nur unter den Jugendlichen Nachrichten weitergeleitet werden, sondern auch eine Online-Plattform mit pornografischen Inhalten lokaler Jugendlicher existiert, die zu einem größeren Netzwerk gehört. Und bei vielen Fotos, die dort veröffentlicht wurden, scheinen die Betroffenen selbst gar nichts davon zu wissen.

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Foto: Kavitha Anandasivam, The Hunting - Copyright: TVNOW
Kavitha Anandasivam, The Hunting
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Wenn man an Kinderpornografie denkt, kommen einem sogleich viele schreckliche Bilder in den Kopf. In "The Hunting" wird aber ein Bereich der Kinderpornografie betrachtet, an den man im ersten Moment oft gar nicht denkt. Hier entstehen Fotos und Videos zum großen Teil auf freiwilliger Basis, im gegenseitigen Vertrauen, weil man dem Partner oder der Partnerin eine Freude bereiten möchte. Nur wenige denken daran, dass diese Fotos auch dann noch beim Gegenüber gespeichert sind, wenn die Beziehung irgendwann zu Ende geht. Sind verletzte Gefühle im Spiel, möchte man den anderen vielleicht bloßstellen, indem man die Bilder rumzeigt, weiterleitet oder gar veröffentlicht. Was das für Folgen für die bloßgestellte Person hat, kann sich wohl jeder ausmalen und viele ahnen nicht, dass das auch langfristige psychologische Konsequenzen haben kann. Denn man zeigt sich von seiner verwundbarsten Seite und es kommt zu einem riesigen Vertrauensbruch von einer Person, für die man etwas empfunden hat. Wenn man den Geschehnissen in "The Hunting" glauben darf, kommt es aber nicht zwingend erst in einer fortgeschrittenen, vertrauensvollen Beziehung zum Verschicken solcher Bilder. Betrachtet man die gezeigte aufkeimende Verliebtheit zwischen Amandip (Kavitha Anandasivam) und Nassim (Yazeed Daher), so wird ein solches Bild durchaus auch schon mal nach dem ersten Date verschickt, doch es bleibt kein Geheimnis zwischen den beiden. Dabei bin ich mir sicher, dass Nassim Amandips Vertrauen nicht missbrauchen wollte, schließlich sind die beiden sehr schüchtern und kommen sich gerade erst näher. Nassim wird als Figur vorgestellt, die sehr umsichtig ist und der Moment, als er das Foto an Andy weiterleitet, ist eine Drucksituation, in der sich Nassim beweisen will und die zu einer Kurzschlussreaktion führt. Ihm sind die Folgen dessen zu keinem Zeitpunkt bewusst, was aber natürlich keine Entschuldigung sein darf. Auch sein Vertrauen wird missbraucht, als sein bester Freund das Bild dann wahrscheinlich im Eifer um Anerkennung weitergibt und so entsteht eine Kettenreaktion, die niemand, am allerwenigsten Amandip, vorhergesehen hat. Spannend wird es nun, wenn man das Ganze aus juristischer Sicht betrachtet und dokumentieren möchte, wer hier die Verantwortung trägt. Wenn es nach dem Recht des australischen Bundesstaats South Australia geht, in dem die Serie spielt, macht sich bereits Amandip schuldig, weil sie das Foto gemacht und gesendet hat. Auch die Weiterleitung und Veröffentlichung hätte für Nassim und Andy Folgen. Wenn die Sache also rauskommt, ist es spannend zu verfolgen, wie das Ganze im weiteren Verlauf der Serie herausgearbeitet wird. Denn noch wissen weder die Schulleitung noch die strafrechtlichen Behörden, was hier vor sich geht, aber das ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Foto: Sam Reid, The Hunting - Copyright: TVNOW
Sam Reid, The Hunting
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Was den Eifer um Anerkennung angeht, so ist dies das Hauptthema dieser Folge. Das Motto ist gleichermaßen auch der Titel: "Ohne Pics glaube ich gar nichts" bzw. "Pics or it didn't happen". Ich kenne die Redewendung im Scherz unter Freunden, aber woher kommt es, dass man es hier tatsächlich schafft, einen solchen Druck aufzubauen, dass der andere beweisen muss, wie weit die sexuellen Erfahrungen schon vorangeschritten sind? Ist das wirklich ein Phänomen der heutigen Social-Media-Generation, dass man sein gesamtes Leben dokumentieren muss also auch seinen Intimbereich? Wieso denkt ein 15- oder 16-Jähriger, dass es gut ankommt, der Freundin ein "Dick-Pic" zu schicken und wieso ziehen sich junge Mädchen vor der Kamera aus oder zeigen sich in Spitzen-Dessous, um einem Jungen zu gefallen? Wann wurde das zur Normalität und ist das wirklich allein auf Gruppenzwang zurückzuführen? Es ist traurig mitanzusehen, wie weit junge Leute heutzutage gehen, um nicht als Außenseiter dazustehen. Gerade bei der hier gezeigten Thematik kann ich mir vorstellen, dass viele gegen ihre Instinkte handeln, sich dann aber erleichtert fühlen, wenn sie die erhoffte Anerkennung in Form eines Likes oder Kommentars erhalten. So sinkt auf Dauer die Hemmschwelle... Aber ist das ein Selbstläufer oder tragen wir nicht auch kulturell eine Verantwortung dafür, dass sich "unsere Jugend" so verhält? Umso wichtiger, dass die Jugendlichen aufgeklärt werden, damit sie dann nicht erst am eigenen Leib erfahren, wie furchtbar eine solche Erfahrung ist. Deshalb kann ich verstehen, dass die Handhabung von Polizei und Justiz auf der einen Seite sehr konsequent sind und auch die Schulleitung hier eine harte Linie fährt. Ob man die Schüler aber damit wirklich erreicht oder diese nach einem kurzen Schock nicht einfach zur gewohnten Tagesordnung zurückkehren, bis sie es wirklich am eigenen Leib erfahren, ist die andere Frage. Deshalb kann ich wie eingangs erwähnt, nachvollziehen, dass ein Lehrer wie Ray einen anderen Weg gegen will. Er versucht das Vertrauen der Schüler zu gewinnen, um ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und damit nicht nur die Beweggründe zu verstehen, sondern auch auf sie einwirken zu können. Denn in diesem Alter wird man wohl kaum mit erhobenem Zeigefinger und einer Moralpredigt weiterkommen. Aber auch Ray scheint am Ende dieser ersten Episode festzustellen, dass ihm das Ganze auch über den Kopf wachsen kann. Als er die Website mit den Fotos entdeckt, auf der u.a. auch seine Schüler(innen) zu sehen sind, erkennt er, dass das Ganze hier vielleicht zu groß für ihn ist und es da mehr benötigt als nur ein einfaches Gespräch. Wie er weiter damit umgeht und ab wann es dann vielleicht doch sinnvoll ist, die Behörden einzuschalten, wird eine der spannenden Fragen sein, mit denen sich die nächsten drei Folgen hoffentlich befassen.

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Foto: Luca Asta Sardelis, The Hunting - Copyright: TVNOW
Luca Asta Sardelis, The Hunting
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Genauso neugierig bin ich auf die Auflösung rund um Andys heimliche Videos und Screenshots von Zoe. Dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie davon erfährt, ist abzusehen. Andy hat man anfangs relativ eindimensional als den reichen Schönling und Star des Schulsports gezeichnet, dessen Eltern (gespielt von Asher Keddie und Richard Roxburgh) so auf sich selbst bezogen sind, dass sie gar nicht mitbekommen, was in ihrem Sohn vor sich geht. Er hat ein riesiges Aufmerksamkeitsdefizit und gibt sich in seinem Freundeskreis und auch gegenüber Nassim als Alpha-Tier. Parallel frage ich mich, warum Zoe sich auf diese Videochats mit Andy eingelassen hat? Sie sagt ihm schließlich sehr direkt, dass sie kein Interesse an ihm hat, womit sie seinen Stolz ziemlich verletzt. Oder sind da doch schon Gefühle im Spiel, die sich beide Seiten noch nicht eingestehen wollen? Hat er sich erstmals ein bisschen geöffnet, um die Liebe zu bekommen, die seine Eltern ihm nicht geben, und dann wird er abgewiesen? Und ist Zoe vielleicht doch zu sehr in ihrem Rollendenken, dass sie sich nicht vorstellen kann, mit dem Highschool-Star zusammen zu kommen, obwohl sie sich gleichzeitig für Gleichberechtigung und gegen stereotype Rollenbilder an der Schule einsetzt? Inwiefern wird nun also dieser riesige Vertrauensbruch von Andy eine Rolle für Zoes Selbstbild spielen? Wird sich diese eigentlich so selbstbewusste und kluge junge Frau zurückziehen und womöglich als "Schlampe" der Schule abgestempelt? Und was macht es mit Andy, dass er nun zwar online für die Veröffentlichung der Bilder als Held gefeiert wird, sich in der Realität aber wahrscheinlich nicht nur Zoe, sondern auch sein ältester Freund Nassim von ihm abwenden werden? Die Auflösung dieser in sich verzahnten Geschichten ist der Grund, warum ich unbedingt weiter schauen möchte.

Fazit

"The Hunting" ist eine relativ ruhig erzählte Serie, die sich Zeit lässt, die einzelnen Figuren einzuführen. Dennoch hat sie es thematisch in sich und rüttelt den Zuschauer wach, welche Parallelwelt sich auf den Smartphones und Computern der jungen Generation abspielt. Selbst wenn man nicht zu der betrachteten Zielgruppe gehört, zwingt einen die Serie, über sein eigenes Verhalten (im Internet) nachzudenken, und macht einem bewusst, dass es nie schadet, noch mal zwei Schritte weiterzudenken, welche Konsequenzen das eigene Handeln haben könnte. Schon in der ersten Folge werden alleine durch die dargestellte Thematik viele Fragen aufgeworfen und ich bin gespannt, ob die weiteren drei Episoden diese beantworten können. Fest steht, dass wir es hier mit einem grundlegenden Problem unserer Gesellschaft zu tun haben, für das es wohl keine einfache Lösung gibt. Umso wichtiger, dass mit "The Hunting" dafür hoffentlich ein (Gesprächs-)Ansatz ohne erhobenen Zeigefinger gefunden wird.

Catherine Bühnsack - myFanbase

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