Peripherie - Review Staffel 1, Episode 1+2

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"Peripherie" (Originaltitel: "The Peripheral") ist der neue Streich von den beiden "Westworld"-Machern Jonathan Nolan und Lisa Joy, die Unterstützung von Scott Smith bekommen haben. Nur diesmal ist die Serie nicht bei HBO, sondern bei Prime Video zu sehen, da sich Amazon die Rechte an dem gleichnamigen Bestseller von William Gibson (deutsche Ausgabe bestellen) gesichert hat. Für mich war der Bezug zu "Westworld" eher ein Ausschlusskriterium, denn mir war die Serie auch nach 1,5 Staffel viel zu kompliziert, so dass ich seitdem keine Episode mehr gesehen habe. Zudem ist SciFi als Genre nicht unbedingt weit vorne, auch wenn mich viele Themen aus dem Bereich durchaus interessieren und genau aus diesem Grund wurde ich bei "Peripherie" auch hellhörig. Mich treibt vor allem immer die Frage um: wie sieht in so einer Zukunft die Welt aus? Was hat sich technisch weiterentwickelt? Und und und… Ein weiterer Punkt war aber auch Chloë Grace Moretz, die in den letzten Jahren vor allem als Filmschauspielerin ihre Sporen verdient hat und ich war definitiv angefixt, sie mal in einem Serienprojekt zu erleben.

Foto: Chloë Grace Moretz, Peripherie - Copyright: Sophie Mutevelian/Prime Video
Chloë Grace Moretz, Peripherie
© Sophie Mutevelian/Prime Video

Prime Video hat es definitiv clever gemacht, indem der Streamingdienst gleich zwei Episoden zu Beginn einer achtteiligen Staffel veröffentlicht hat. Der Auftakt ist definitiv schon spannend genug, aber genau auch an einem Punkt verharrend, wo ich an "Westworld" gescheitert bin, denn die Neugierde ist da, aber definitiv auch das Unbehagen, ob man bei allem wirklich so mitkommt, dass sich die volle Wirkung der Serie entfalten kann. Die zweite Episode bietet dabei zur inhaltlichen Einordnung überraschend viel an, wirft aber natürlich gleichzeitig zig neue Fragen auf. Das geschieht aber in einem solchen Rahmen, dass man sich beruhigt fühlt, weil die Serie offenbar nicht so komplex erzählt werden soll, dass man nicht hinterher kommt. Dennoch schadet es auch nicht, dass Prime Video rund um die wichtigsten Charaktere, Begriffe, Techniken und Orten Basisinformationen anbietet. Wer das also nicht entdeckt hat, dem empfehle ich es wärmstens, weil es ergänzend zu dem Gesehenen einiges noch einmal einordnet.

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Was die ersten beiden Episoden insgesamt auch so stark macht, ist sicherlich die Figur Flynne, die von Moretz dargestellt wird. Man merkt schnell, dass sie eine sehr intelligente junge Frau ist, die in einem Leben gefangen ist, das sie auf so vielen Ebenen überflügelt. Clanton ist eine hoffnungslose Stadt. Hier floriert der illegale Medikamentenverkauf, angetrieben durch Corbell Pickett (Louis Herthum), der die Leute entweder in der Abhängigkeit hält oder sie dazu zwingt, die Pillen zu verkaufen. Flynne arbeitet in einer nicht allzu fernen Zukunft in einem 3D-Druckergeschäft, wo sie ihr technisches Verständnis durchaus zur Anwendung bringen kann. Aber in einer so ländlichen Stadt, wo die Leute eher Geldsorgen umtreibt, ist das nicht unbedingt ein Job, der den Alltag erfüllt. Dazu hat sie zuhause auch zwei Sorgenkinder, denn Mutter Ella (Melinda Page Hamilton) hat einen Gehirntumor und kann bereits nichts mehr sehen, was ihre Pflege aufwendig macht. Ihr Bruder Burton (Jack Reynor) wiederum war mit seinen Kameraden im Krieg und ist dort mit Haptics ausgestattet worden, die unter der Haut sitzen und durchaus auch viel Unbehagen bereiten. Nun sind sie aussortiert worden und fristen in Clanton ein hoffnungsloses Leben. Für Flynne sind das viele Herausforderungen und man merkt ihr eine gewisse Resignation an. Auch wenn sie immer wieder auf Aspekte stößt, die ihr gegen den Strich gehen, es ist oft sofortige Akzeptanz, vielleicht noch ein paar kritische Worte, aber das war es auch schon. Dennoch ist Flynne nicht zu unterschätzen, denn sie ist sehr empathisch, sie übersieht niemanden in der Gemeinschaft. Gerade für die anderen wird sie auch wirklich sehr mutig und bestimmend und das ist schon eine vielversprechende Mischung für alles, was da kommen mag.

Foto: Jack Reynor, Peripherie - Copyright: Amazon Studios; Courtesy of Prime Video
Jack Reynor, Peripherie
© Amazon Studios; Courtesy of Prime Video

Flynns wichtigste Eigenschaft für die Handlung ist aber zunächst mal ihre Begabung für Videospiele, da sie Burton locker in der Tasche hat. Aus diesem Grund soll sie auch die neue Technik ausprobieren, die ihr Bruder zur Verfügung gestellt bekommen hat, denn sie wird sicherer das große Geld einsacken, das sie so dringend braucht. Ab diesem Punkt beginnen sich verschiedene Welten zu mischen. Die vermeintliche Spielewelt wirkt sehr futuristisch und das ist auch optisch ein krasser Gegensatz zum ländlichen Clanton. Zwar ist auch bei Letzterem die Technik schon deutlich weiter als in unserer Lebensrealität im Jahr 2022, aber dennoch wirkt es durch die heruntergekommene Gegend gleichzeitig wie in einem Western. Die andere Welt glänzt, schimmert und hat einen gewissen Style, der gerade den Großstädtern unter uns doch viel vertrauter wirkt. Für Flynne, die ihr Leben lang so etwas wahrscheinlich noch nie gesehen hat, ist es natürlich Faszination pur und dann kommt hinzu, dass ihr das 'Spiel' so echt vorkommt, dass sie an eine Neuerung denkt, bei der sie insgeheim vielleicht sogar stolz ist, sie als eine der Ersten ausprobieren zu dürfen. Es wirkt auch alles abenteuerlich und vor dem Hintergrund, dass es nicht echt ist, auch genau richtig herausfordernd, um etwas von sich auszuleben, was sonst im Verborgenen bleibt. Es ist zwar etwas irritierend, dass Flynne in den Körper ihres Bruders schlüpft, der als Avatar angelegt wurde, aber das wird den Reiz für sie vielleicht sogar noch verstärken. Dazu kommt die geheimnisvolle Stimme im Ohr, der Auftrag, mit einer Frau namens Mariel (Poppy Corby-Tuech) rumzumachen, um sie dann zu überwältigen. Doch dann kommt es an den Punkt, wo Burton ein Auge entnommen wird, um ein Auge von Mariel im Austausch zu bekommen. Da wäre wohl auch meine Spaßgrenze erreicht gewesen, weswegen sich Flynne zurecht zurückzieht. Doch man will sie das nicht tun lassen.

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Ab hier wird es deutlich komplexer, aber eben auch hilfreicher, weil hier die Welten nun mehr miteinander verschmelzen. Der Fokus liegt zwar eindeutig auf Flynne und der Stadt Clanton mit all seinen Bewohner*innen, aber wir lernen auch Charaktere wie Wilf Netherton (Gary Carr), Lev Zubov (JJ Feild) und Aelita West (Sophia Ally & Charlotte Riley) kennen, die abseits davon eingeführt werden und die alle miteinander verwoben sind, ohne dass man sie aber wirklich einordnen kann. Indem Flynne vermehrt in diese Welt, die sich als Welt der Zukunft im Jahr 2100 herausstellt, eintaucht, hilft es, dass diese Figuren besser integriert werden. In der Zukunft der Serie wird sich noch zeigen müssen, ob, wie oft und wie sehr sich die Welten noch vermischen werden, denn Flynne als einziger Verbindungspunkt wird wahrscheinlich zu wenig sein. Aber dass es tendenziell sehr effektiv möglich ist, aus der Welt in Flynnes Realität überzutreten, das hat der Angriff der Mafia auf die Fishers gezeigt. Das war auch eine meiner persönlichen Highlightmomente, denn es war schon faszinierend zu sehen, wie sich Burton und seine anderen Kameraden miteinander verbinden, um dann wie eine Einheit, ohne dass ein Wort fallen muss, sich verständigen zu können und so die Gegner ausschalten zu können. Hier sieht man auch einen Rahmen der ausgeschöpften Möglichkeiten, den ich als sehr angenehm empfinde. Denn es ist noch Zukunftsmusik, aber es wird auch nicht so abgehoben wie stellenweise die Erklärungen, die wir 2100 geliefert bekommen. Denn diese Momente eignen sich auch besser, um die Zuschauer*innen zu binden.

Foto: Eli Goree, Peripherie - Copyright: Amazon Studios; Courtesy of Prime Video
Eli Goree, Peripherie
© Amazon Studios; Courtesy of Prime Video

Bei den Figuren aus der Zukunft dominiert bislang noch große Skepsis. Alleine bei Wilf merke ich gewisse Sympathien, wenn er auch durch seine Art manchmal etwas unheimlich wirkt. Er hat einen Auftrag zu erfüllen, aber ich habe den Eindruck, dass er Flynne dabei wirklich sicher wissen will. In Clanton wiederum herrscht nicht nur bei Flynne viel Trostlosigkeit, sondern auch bei den anderen Figuren, aber dennoch bin ich hier schon deutlich mehr fasziniert. Besonders hat es mir Connor (Eli Goree) angetan, der nur noch einen Arm zur Verfügung hat. Seinen Frust kann man wahrlich nachvollziehen, aber gleichzeitig ist er auch der dunkle Rächer der Nacht, der Clanton vermutlich heimlich sauberer hält. Denn man merkt doch deutlich, dass er auch mit der einen Hand noch viel mehr drauf hat als andere mit zwei Armen und zwei Beinen. Zumal er eben auch ein großes Selbstbewusstsein hat. Das mag nur antrainierte Rüstung sein, aber ich denke schon, dass er genau weiß, wozu er fähig ist. Burton wiederum ist noch eine Figur, die kaum zu packen ist. Er wird ähnlich traumatisiert wie alle anderen sein, aber er hat eine fast schon arrogante, oberschlaue Art, das alles abzuwiegeln. Er fühlt sich Flynne gegenüber definitiv verantwortlich, auch wenn sie wie er erwachsen ist, aber gleichzeitig lässt er sich von ihr auch gewisse Dinge sagen, denn er weiß eben, dass sie ihm große Empathie voraus hat. Hier bin ich noch gespannt, wie sich die Geschwisterbeziehung entwickeln wird, da es nur noch brenzliger werden kann. Schließlich haben wir noch die ganzen Kameraden, wo sich noch zeigen wird, ob diese mehr Profil bekommen werden. Aber es gibt auch noch zwei Figuren, die für Clanton-Verhältnisse deutlich optimistischer wirken. Das wäre Billy Ann (Adelind Horan), die beste Freundin von Flynne, die in die Stimmung hinein fast schon abartig gute Laune hat, die aber sicherlich auch einen wichtigen Ausgleich darstellt. Und wir haben Sheriff Tommy Constantine (Alex Hernandez), in den Flynne seit jeher verliebt ist. Dieser wird aber bald heiraten. Ich bin mir nicht sicher, ob hier wirklich noch etwas entstehen soll, aber klar ist, dass Tommy ein aufmerksamer Polizist ist, der den seltsamen Vorkommnissen auf den Spur ist und der vielleicht deswegen mehr Feind als Freund werden könnte. Feind ist definitiv der bereits angesprochene Pickett, doch bei ihm muss sich noch zeigen, wie sehr er wirklich ein Antagonist ist.

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Fazit

"Peripherie" ist geschickt mit einer Doppelepisode gestartet, denn so kann das Geschehen zunächst erstmal möglichst offen eingeführt werden, um dann vor allem zum Ende des Auftakts hin viele Fragen in den Ring zu werfen. Die zweite Episode liefert dann erste wichtige Antworten, um sich besser einzufinden, initiiert für die Zukunft aber gleich neue Fragezeichen. Das könnte ein gutes Konzept für den Verlauf der Staffel sein. Aber auch sonst ist der optische und inhaltliche Kontrast zwischen Clanton und der Zukunft interessant und vielversprechend und auch die Figuren geben noch viel zum Ergründen her. Hier schalte ich definitiv wieder ein.

Lena Donth – myFanbase

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