Heartstopper - Vergleich zwischen Graphic Novel und Serie, Staffel 1.1

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Im April 2022 hat beim Streamingdienst Netflix die Jugendserie "Heartstopper" die Herzen vieler Fans erobert und damit ist deren Schöpferin Alice Oseman mehr oder weniger über Nacht berühmt geworden. Zwar hat sie sich vorher schon über eine treue Fangemeinschaft freuen können, die ihre gleichnamige vierteilige Grahic-Novel-Reihe sowie weitere Jugendbücher gefeiert haben, aber dennoch ist es inzwischen noch einmal ein ganz anderer Bekanntheitsgrad. Angesichts des unerwarteten aber dennoch verdienten Erfolgs sind schließlich die Staffeln 2 und 3 gleich in einem genehmigt worden, denn offenbar will man definitiv alle vier Bände der Reihe inhaltlich abbilden. Grund genug, um nun einen Vergleich zwischen Volume 1 von "Heartstopper" und der ersten Staffelhälfte vorzunehmen, da mit der ersten Ausgabe bis einschließlich #1.03 erzählt wird. Die restlichen fünf Episoden entsprechen Volume 2. Erfahrt also nachfolgend, wie ähnlich sich Vorlage und Adaption sind und wo die Unterschiede liegen.

Erzählweise

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Die Graphic Novel ist ausschließlich aus der Perspektive von Charlie (Joe Locke) und Nick (Kit Connor) erzählt, was die Perspektive ihrer Freunde völlig ausschließt. Sie erlebt man also nur, wenn sie konkret mit den beiden interagieren. Dennoch wird schnell deutlich, dass es diese Erzählweise nicht ermöglicht, viele Details zu den Nebenfiguren zu erhalten, weswegen sich gerade im nächsten Abschnitt bei den Figuren deutliche Unterschiede auftun. Abseits davon sind aber die meisten stilistischen Elemente sehr ähnlich. Wenn Charlie und Nick nicht gerade direkt miteinander agieren, wird viel auf die modernen Kommunikationsmedien gesetzt, so dass der Gebrauch von Internet oder der Austausch über Nachrichten im Vordergrund steht. Während die Serie also viel breitere Erzählmöglichkeiten aufweist, hat die Graphic Novel auch noch kleine Gimmicks parat. Ganz am Ende findet sich ein kleines Segment, in dem die Schuluniformen und die Rugby-Trikots vorgestellt werden, Charlie hat für Nick eine Playlist zusammengestellt und neben jeweils einem Tagebucheintrag von beiden gibt es noch kleine Steckbriefe, die u. a. verraten, zu welchem Hogwarts-Haus die Schüler*innen gehören würden, wären sie Zauberer und Hexen. Von der Playlist hat es auch ein Lied ("What's It Gonna Be?" von Shura) in die erste Staffel geschafft und zwar als Charlie und Nick sich unter dem Regenschirm küssen in Episode #1.04.

Foto: Heartstopper - Band 1 - Seite 116 - Copyright: Text und Illustration: Alice Oseman. Für die deutschsprachige Ausgabe © 2022 Loewe Verlag GmbH
Heartstopper - Band 1 - Seite 116
© Text und Illustration: Alice Oseman. Für die deutschsprachige Ausgabe © 2022 Loewe Verlag GmbH

Figuren

Im Figurenbereich bestehen ganz grundsätzlich Unterschiede zwischen Vorlage und Adaption. So ist eine Figur beispielsweise aus der Graphic-Novel-Reihe weggelassen worden und das ist Charlies kleiner Bruder Oliver. In der Serie wird nur seine ältere Schwester Tori (Jenny Walser) gezeigt. Dann gehört zu Charlies Freundeskreis eigentlich eine Figur namens Aled Last an, der aber für die Serie gestrichen wurde. Aled ist auch die Hauptfigur von Osemans Roman "Radio Silence" (deutsche Ausgabe "Nothing Left for Us" bei Amazon vorbestellen), so dass spekulativ vermutet werden könnte, dass möglicherweise mit ihm ein eigenes Spin-Off geplant ist. Dafür wiederum ist der wortkarge Isaac (Tobie Donovan) für die Serienversion hinzugedacht worden. Zudem ist auch Imogen (Rhea Norwood) eine Erfindung der Serie. In der Graphic Novel wird Nick nur kurzfristig mit Tara (Corinna Brown) verkuppelt, während ansonsten aber keine weiteren Mädchen eine Rolle spielen.

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Foto: Yasmin Finney & William Gao, Heartstopper - Copyright: 2022 Netflix, Inc.
Yasmin Finney & William Gao, Heartstopper
© 2022 Netflix, Inc.

Weiterhin ist auffällig, dass sich die Serienversion gleich von Anfang an auch um die vermeintlichen Nebencharaktere kümmert, die in der Adaption aber definitiv eher als Hauptfiguren einzustufen sind. Tara und ihre Freundin Darcy (Kizzy Edgell) sowie Tao (William Gao) und Elle (Yasmin Finney) bekommen dort genauso ihre Geschichte, wie es Nick und Charlie im Zentrum haben. Das kann man von der Graphic Novel aber erstmal nicht behaupten. Meinen Recherchen zufolge ändert sich das im Verlauf der Reihe, aber in der ersten Volume tauchen Elle und Vertrauenslehrer Mr. Ajayi (Fisayo Akinade) beispielsweise überhaupt nicht auf und auch Tao hat nur ein konkretes Gespräch mit Charlie. Deswegen ist gerade der Eindruck zu den Figuren wirklich sehr unterschiedlich. Auch wenn es mich beim Lesen der Graphic Novel nicht gestört hat, nur Charlie und Nick im Zentrum zu haben, so ist es für die Serienversion aber auf jeden Fall die goldrichtige Entscheidung gewesen, dass dort die Figuren individueller viel mehr im Zentrum stehen. Abschließend sei noch gesagt, dass sich beim Casting offenbar deutlich an der Vorlage orientiert wurde. Auch wenn in schwarz-weiß gestaltet, so lässt die Graphic Novel doch deutlich Haarfarben und Ethnien erkennen. Daran kann man gut ableiten, dass Osemans Intentionen aufgenommen und verarbeitet worden sind. Gerade auch Nick und Charlie sind wirklich großartig besetzt worden.

Foto: Heartstopper - Band 1 - Seite 231 - Copyright: Text und Illustration: Alice Oseman. Für die deutschsprachige Ausgabe © 2022 Loewe Verlag GmbH
Heartstopper - Band 1 - Seite 231
© Text und Illustration: Alice Oseman. Für die deutschsprachige Ausgabe © 2022 Loewe Verlag GmbH

Handlung

Viele Aspekte, die sich auf die Unterschiede bei der Handlung beziehen, leiten sich unmittelbar aus den Figuren ab, weswegen diese im folgenden Abschnitt ausgeklammert werden. Demnach fokussiert sich der Vergleich nur auf die Annäherung von Charlie und Nick, die in der Graphic Novel der zentrale und im Grunde auch einzige Bestandteil ist. Das Kennenlernen von Nick und Charlie wird in der Serie ein wenig im Zeitraffer erzählt, während es in der Graphic Novel einige Szenen dazu gibt, so ist beispielsweise der ausgelaufene Füller von Nick sehr viel ausführlicher abgebildet. Aber auch Charlies innere Gedanken werden ausführlich in Szene gesetzt, weil er zunächst hinter seiner neuen Bekanntschaft einen Fall vermutet, dass er nur wieder gemobbt wird. Tatsächlich erklären sie sich aber nach der Füller-Sequenz offiziell zu Freunden, was beispielsweise in der Serie so deutlich nicht formuliert wird.

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In der Serie wird die Beziehung zwischen Nick und Charlie auch dadurch immer enger, weil Letzterer wegen seiner Laufstärke für das Rugbyteam angeworben wird. Durch das gemeinsame Training bekommt Nick so schließlich auch mit, dass sich Charlie und Ben (Sebastian Croft) heimlich treffen und hilft ihm aus der brenzligen Situation, als Letzterer aufdringlich wird. In der Graphic Novel gibt es gleich zwei solcher aufdringlichen Momente mit Ben. Nachdem dieser mit einem Mädchen heftig geflirtet hat, bricht Charlie die Beziehung ab und Ben verlangt schließlich am nächsten Tag eine Erklärung. Nick kommt hier hinzu, da er Charlie wegen des Rugbyteams fragen will und ist überrascht, dass die beiden Freunde zu sein scheinen. Nachdem Ben gegangen ist, behauptet Charlie ausweichend, dass er ihm Nachhilfe in Mathe geben würde. Nick wird an dieser Stelle erstmal nicht argwöhnisch. Nachdem Charlie einige Tage Teil des Trainings war, kommt es dann zu der Szene, die auch in der Serie dargestellt ist, denn hier folgt Nick Charlie ganz bewusst, weil er merkt, dass ihn was belastet und rettet ihn so vor dem aufdringlichen Ben. In der Serie schreibt Charlie Nick am späten Abend eine dankbare Nachricht, während er in der Graphic Novel deutlich verunsichert ist und glaubt, seinen Freund verschreckt zu haben, bis Nick dann via Nachricht nachfragt, wie es ihm geht.

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In der Graphic Novel wird immer wieder durch Monatsangaben angegeben, wie die Zeit voranschreitet, so dass man auch mehr auf die Entwicklung der Beziehung hingewiesen wird. Bei der Serie wirkt alles fließender und es ist dadurch schwieriger, die vergangene Zeit richtig einzuschätzen. Jedoch scheint in der Graphic Novel deutlich mehr Zeit zu vergehen. Als Tao sich nämlich besorgt an Charlie wendet, weil er Nick unumstößlich für heterosexuell hält, verweist er auf zahlreiche gemeinsame Aktivitäten der beiden, die sich in einem ganzen Monat ereignet haben. Das wird in der Serie definitiv in einem kürzen Zeitrahmen dargestellt. Anschließend werden die beiden Szenen, wo sie sich gegenseitig zuhause besuchen, sehr originalgetreu dargestellt und selbst kleine Details, wie dass Nicks Mutter (Olivia Colman) ihrem Sohn sagt, dass er mit Charlie mehr wie er selbst ist, oder dass Tori nach dem Kennenlernen von Nick sich sehr sicher ist, dass Charlie eine Chance bei ihm hat, wurden übernommen.

Foto: Heartstopper - Band 1 - Seite 157 - Copyright: Text und Illustration: Alice Oseman. Für die deutschsprachige Ausgabe © 2022 Loewe Verlag GmbH
Heartstopper - Band 1 - Seite 157
© Text und Illustration: Alice Oseman. Für die deutschsprachige Ausgabe © 2022 Loewe Verlag GmbH

Dadurch, dass in der Graphic Novel Elle erstmal nicht auftaucht, fehlen Charlie die Kontakte, als Tao herausfindet, dass Nick mal Interesse an Tara hatte. Denn in der Serie erfährt diese, dass ihre Klassenkameradin lesbisch ist, so dass Charlie beruhigt wird. In der Graphic Novel fehlt dieses Element aber und Charlie ist fortan sehr verunsichert. Schließlich steht der nahende Geburtstag von Harry (Cormac Hyde-Corrin) an. In der Serie muss Charlie miterleben, wie die Mitspieler Nick damit aufziehen, wie viele Optionen an Mädchen er auf der Party haben wird, was ihm deutlich unangenehm ist. Dann wird er aber von Nick zu der Party eingeladen. In der Graphic Novel wiederum hat Charlie selbst eine Einladung von Harry erhalten, will aber eigentlich nicht hingehen und lässt sich dazu überreden, als Nick ihn fragt. Die Party verläuft zunächst sehr ähnlich. Nick wartet sehnsüchtig auf Charlies Ankunft und ihr Gespräch wird dadurch unterbrochen, dass Harry seinen Freund mit Tara verkuppeln will und er spielt mit, um zu erfahren, dass sie lesbisch ist. Anschließend ist es in der Graphic Novel etwas anders, denn Nick sucht Charlie doch mit Nachfragen und kassiert von seinen Freunden ungläubige Bemerkungen, die ihn so provozieren, dass er vor allem Harry wüst beschimpft. Das passiert in der Serienversion aber erst später. Der erste Kuss wiederum ist in Serie und Graphic Novel nahezu identisch. Der erste Band endet schließlich an der Stelle, als Nick Charlie zurücklässt, als seine Freunde nach ihm suchen, während Letzterer traurig alleine zurückbleibt.

Grafische Elemente

Foto: Heartstopper - Copyright: 2022 Netflix, Inc.
Heartstopper
© 2022 Netflix, Inc.

"Heartstopper" hat vor allem auch die Herzen erobert, weil die grafisch animierten Bilder, die immer in die Serie eingebunden wurden, etwas Frisches hatten. Wenn man die beiden Hauptdarsteller beispielsweise auch kurz nach Erscheinen der Serie bei Google gesucht hat, sind Blätter über den Bildschirm gezogen und das ist DAS grafische Element, was am meisten mit "Heartstopper" in Verbindung steht. Die Vorlage kommt natürlich aus der Graphic Novel und ist absolut originalgetreu übernommen worden. Es gibt auch Elemente wie Schneeflocken und Blümchen, wobei sich Letzteres in der Serie nicht so dominant finden lassen. Die Verdichtung von blühenden Blumen werden in der Graphic Novel für die besonders emotionalen Momente wie den ersten Kuss genutzt, während die Serie dort meist eher auf Funken setzt. Aber gerade die Einbindung von den Blättern ist bei beiden herausstechend zu beobachten. Auch in der Farbgebung ist eine Parallele zu erkennen. Während die Graphic Novel zwar schwarz-weiß gestaltet ist, so ist das Cover aber bunt und dort sind sowohl beim Titel als auch bei den abgebildeten Blättern Pastelltöne zu erkennen, die auch in der Serie viel verwendet werden.

Foto: Heartstopper - Band 1 - Seite 9 - Copyright: Text und Illustration: Alice Oseman. Für die deutschsprachige Ausgabe © 2022 Loewe Verlag GmbH
Heartstopper - Band 1 - Seite 9
© Text und Illustration: Alice Oseman. Für die deutschsprachige Ausgabe © 2022 Loewe Verlag GmbH

Fazit

Als Fan, der "Heartstopper" als Serienversion zuerst kennengelernt hat, war es bereits zu erahnen, aber es handelt sich um eine extrem liebevolle Adaption. Die Graphic Novel konzentriert sich zwar ausschließlich auf Nick und Charlie, so dass die Nebenfiguren dort kaum bis gar keine Rolle spielen, aber dafür ist eben dieses Kernelement in den allergrößten Teilen übernommen worden und es ist sofort zu verstehen, warum dieses vorsichtige Kennenlernen der beiden Jungs so einen Zauber entfaltet. Zudem zeigen Übernahme von vielen stilistisch und grafischen Elementen, dass die Graphic Novel an dieser Stelle als Vorlage auch bewusst gewürdigt werden soll. Dennoch ist es für die Serienadaption definitiv eine kluge Wahl, dass sie auch andere Geschichten erzählt, zumal sich dennoch ein Bild generieren lässt, das die eigentliche gemeinsame Verbindung von Charlie und Nick in keiner Weise verändert.

Lena Donth - myFanbase

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