Dopesick - Review Miniserie, Episode 1+2

Foto:
Foto: Dopesick - Copyright: 2021 20th Television
Dopesick
© 2021 20th Television

Die Hulu-Miniserie "Dopesick" beruht auf einem 2018 erschienen Sachbuch mit dem Titel "Dopesick: Wie Ärzte und die Pharmaindustrie uns süchtig machen" und ist damit im Dunstkreis eines Erlasses des damaligen US-Präsidenten Donald Trump erschienen, der 2017 wegen der Opioid-Epidemie den nationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen hat. Auch wenn die Miniserie nun überwiegend in den 90ern spielt, weil dort die Abhängigkeit von Opioiden ihren Ausgang gefunden hat, so zeigt diese zeitliche Einordnung, wie aktuell das Thema gerade in den USA immer noch ist, weswegen es kein Wunder ist, dass von Streamingdienst Hulu diese Thematik aufgegriffen wurde, um sie anhand des Skandals rund um die Sackler-Familie und individueller Schicksale zu beleuchten. In Deutschland sind nun die ersten beiden Episoden bei Streamingdienst Disney+ veröffentlich worden. Grund genug, um mal reinzuschauen, wie dieses reale Drama fiktiv aufgegriffen wird.

Foto: Kaitlyn Dever, Dopesick - Copyright: 2021 FX Productions, LLC. All rights reserved.; 2021 Hulu; Antony Platt
Kaitlyn Dever, Dopesick
© 2021 FX Productions, LLC. All rights reserved.; 2021 Hulu; Antony Platt

Vorab ist gleich festzuhalten, dass "Dopesick" viel Konzentration beim Sehen erfordert. Das war angesichts der Thematik zwar schon vorherzusehen, doch die Serie stützt sich auch auf eine recht komplizierte Erzählweise, die zwar das Spannungsgefüge verbessert, die aber auch höchste Aufmerksamkeit einfordert. Die Serie wird auf drei Zeitebenen erzählt. Wir haben die Zeitschiene Anfang der 90er, als Richard Sackler (Michael Stuhlbarg) für den Pharmakonzern Purdue, der in Familienbesitz ist, beschließt, dass man den Markt mit einem neuen Schmerzmittel erobert, das den Namen OxyContin trägt, und wilde Versprechungen bezüglich einer Abhängigkeit macht und das auch noch von der FDA mit der entsprechenden Produkteinteilung unterstützt wird. Davon ausgehend erleben wir mit, wie eine entsprechende Marketingstrategie in Gang gesetzt wird, um die Ärzteschaft auf die eigene Seite zu ziehen, um so schnellstmöglich die Absätze in die Höhe zu treiben. Beispielhaft erleben wir dort den Hausarzt Dr. Samuel Finnix (Michael Keaton) aus Virginia, der Minenarbeitern, darunter die einzige Frau Betsy (Kaitlyn Dever), mit ihren schweren Verletzungen von der körperlich anstrengenden Arbeit das Medikament verschreibt. Und wir haben den Pharmavertreter Billy Cutler (Will Poulter), der Finnix und andere mit Versprechungen lockt. In den späten 90ern erleben wir schon deutlich die Nachwirkungen davon, dass OxyContin den Markt erobert hat, denn es gibt immer mehr Fälle von Überdosen zu vermelden, was in der Konsequenz Bridget Meyer (Rosario Dawson) von der DEA einen vollen Arbeitstag beschert. In dieser Zeit häufen sich die Klagen gegen Purdue, weil die versprochene Abhängigkeit von unter einem Prozent längst widerlegt worden ist. Doch die Klagen werden angesichts des riesigen Einflusses der Sacklers oft abgewiesen. Da kommen nun die beiden Staatsanwälte Rick Mountcastle (Peter Sarsgaard) und Randy Ramseyer (John Hoogenakker) ins Spiel, die unermüdlich Beweise sammeln, bis in den 2000ern der Prozess ansteht. Es ist beim Schauen nicht immer einfach, sich mit den Jahreszahlen zu orientieren, aber diese grobe Einteilung in die drei Zeitebenen hilft deutlich, sich ein klareres Bild zu verschaffen.

In "Dopesick" sind viele echte Personen dargestellt und doch ist das Geschehen auch um genug rein fiktive Elemente erweitert worden, um einer Dramaserie entsprechend die Unterhaltung gewährleisten zu können. Das detaillierte Darstellen von persönlichen Schicksalen ist aber sicherlich nicht nur rein der Unterhaltung zugedacht, sondern das Mitfühlen für einzelne Beteiligte macht die wahren Umstände des Geschehens noch drastischer, weil man es eigentlich so nicht fassen kann, dass so ein Schabernack wirklich getrieben wurde und dass es eigentlich bis heute ohne entscheidendes Eingreifen fortgeführt werden darf. Mir persönlich hat in den ersten beiden Episoden die erste Zeitebene am meisten zugesagt, denn sie bringt die Geschichte erst so richtig in Gang und sie bietet auch die bislang faszinierendsten Figuren, bei denen ich noch viel Potenzial sehe. Selbst der vermeintlich größte 'Bösewicht' schlechthin, Richard Sackler, löst bei mir das Bedürfnis aus, dass ich unbedingt mehr über ihn und seine Motivation herausfinden will. Denn er gehört zu einer legendären Familie, die ihre Treffen in einem nach ihnen benannten Flügel des Metropolitan Museum of Art in New York abhalten. So ein sozialer Status lässt schnell den Verdacht von unstillbarer Gier aufkommen, aber Richard wirkt bislang viel zu ambivalent, als dass das wirklich seine einzige Motivation darstellen kann. Innerhalb der großen Familie sind auch vielfältige Spannungen wahrzunehmen, so dass sicherlich auch unbedingte Geltungssucht ein Motivationsfaktor sein wird. Aber es ist auf jeden Fall interessant, dass die treibende Kraft hinter OxyContin nicht alles an Zuarbeiter*innen delegiert, sondern dass er überall selbst Hand anlegt. Das wird besonders interessant werden, wenn die Tragödie mit der Tablettensucht so richtig ihren Lauf nimmt und sich Sackler mit seiner Nähe zum Geschehen dem wohl kaum entziehen kann. Denn bislang ist augenscheinlich, dass er in den anderen beiden Zeitebenen noch nicht präsent ist, so dass generell offenbleibt, wie die Sacklers mit den beginnenden Ermittlungen oder schließlich beim Prozess agieren.

Externer Inhalt

An dieser Stelle ist Inhalt von einer anderen Website (z. B. YouTube, Twitter...) eingebunden. Beim Anzeigen werden deine Daten zu der entsprechenden Website übertragen.

Externe Inhalte immer anzeigen | Weitere Informationen

Foto: Will Poulter & Michael Keaton, Dopesick - Copyright: 2021 FX Productions, LLC. All rights reserved.; Copyright-Hinweis: 2021 Hulu; Antony Platt
Will Poulter & Michael Keaton, Dopesick
© 2021 FX Productions, LLC. All rights reserved.; Copyright-Hinweis: 2021 Hulu; Antony Platt

Der erste richtige Sympathieträger ist aber Dr. Finnix, der wunderbar von Keaton dargestellt wird. Er ist der Hausarzt, den man sich wünscht. Er hat einen im Idealfall auf die Welt geholt, kennt also die gesamte Krankheitsgeschichte und er kennt vor allem keinen Feierabend. Er trägt folglich die Last seiner Patient*innen auch immer auf seinen eigenen Schultern. Und das bedeutet wirklich viel für ihn, denn er praktiziert in einer armen Gegend von Virginia, wo sich die meisten Einwohner mit dem bitterharten Job in den Minen herumschlagen müssen, um überleben zu können. Dazu gehört auch Betsy, eine einfache junge Frau, für die mit der Minenarbeit aber ein Traum in Erfüllung gegangen ist, denn sie hat so auch bewiesen, dass eine Frau diesen Job erledigen kann. Als sie durch eine Erschütterung in der Mine unglücklich fällt und hart mit dem Rücken an eine Gerätschaft stößt, sind die Nachwirkungen dieser Verletzung irgendwann nicht mehr zu kaschieren und sie braucht Finnix' Hilfe. Dieser war mit der Schmerzmedikation stets sehr zurückhaltend, doch da sich seine Patient*innen kaum an die verordnete Ruhepause halten können, um keinen Lohnausfall fürchten zu müssen, gehen sie oft unverheilt wieder unter Tage. Dementsprechend ist Finnix, der Witwer ist und mit seiner Frau und deren Krebserkrankung hautnah miterlebt hat, was Schmerzen bedeuten können, für die perfiden Methoden von Purdue offen und tappt unvorhergesehen in eine Falle. Jahre später sehen wir Finnix vor Gericht wieder. Von dem energetischen Mann, der für seinen Job lebt, ist nicht mehr viel zu sehen. Stattdessen sehen wir einen gebrochenen Mann, der mit seinen Entscheidungen vielen Menschen das Leben gekostet hat.

Bei Betsy wiederum merkt man, dass ihre Geschichte bis auf ihre beginnende Abhängigkeit etwas losgelöst vom Rest ist. Dennoch nimmt sich die Serie auch für sie Zeit, denn Betsy ist lesbisch und lebt mit Grace (Cleopatra Coleman) in einer heimlichen Beziehung. Das Beziehungsmodell wird für sie zunehmend zu einer schweren Belastung, denn auf der einen Seite sind ihre Eltern strengreligiös und auf der anderen Seite übt Grace zunehmend Druck aus, weil sie nicht ewig Betsys kleines, schmutziges Geheimnis sein will. Hier merkt man deutlich, dass möglichst viel von Betsys Leben preisgegeben werden soll, denn an ihr wird vermutlich im weiteren Verlauf abgebildet, wie der schreckliche Verfall von Abhängigkeit aussehen kann und wie viel damit auch nebenher noch in die Brüche geht. Schließlich haben wir noch den Pharmavertreter Billy in dieser Zeitebene, bei dem man merkt, dass er eigentlich ein gutes Herz hat. Doch er ist auch ein junger, ambitionierter Mann, der die große Karriere machen will und deswegen den Aufstieg von Purdue gerne mitgeht. Bei jeder weiteren Maßnahme, die für den Vertrieb von OxyContin getroffen werden muss, wird sein Unbehagen zwar größer, aber er ist in einem System, wo jeder Erfolg überschwänglich gefeiert wird und das schmeichelt auch seinem Ego. Dennoch merkt man ihm auch an, dass beispielhaft seine Beziehung, die er zu Finnix aufbaut, nicht nur rein beruflicher Natur ist. Er hat zwar die Aufgabe, alles über ihn zu wissen, um ihn mit allen Mitteln bezirzen zu können und doch herrscht eine Grundsympathie zwischen den beiden Männern. Für Billy wird es daher in der Zukunft spannend werden, ob er möglicherweise zu einem Whistleblower wird, der sein schlechtes Gewissen nicht mehr unterdrücken kann oder ob er mit sehenden Fahnen untergeht.

Foto: Rosario Dawson, Dopesick - Copyright: 2021 FX Productions, LLC. All rights reserved.; 2021 Hulu; Gene Page
Rosario Dawson, Dopesick
© 2021 FX Productions, LLC. All rights reserved.; 2021 Hulu; Gene Page

Die anderen Zeitebenen können derweil noch nicht so eine Sogwirkung entfalten. Gerade die Szenen aus dem Prozess sind bislang nur reines Mittel zum Zweck, denn durch die dort gestellten Fragen wird deutlich, was später der Schwerpunkt sein wird und dadurch den Zuschauer*innen eine zusätzliche Führung ermöglicht. In der zweiten Ebene sind natürlich die beiden Anwälte Mountcastle und Ramseyer die dominierenden Persönlichkeiten, weil sie sich mit ihrem Eifer der Übermacht eines riesigen Unternehmens stellen. Auch hier wird speziell bei Ramseyer noch eine tiefere Ebene gefunden, denn der Mann hat Prostatakrebs und ist damit unmittelbar an Wirkungen von Schmerzmedikamenten etc. emotional geknüpft. Aber bei ihnen ist dennoch mehr das spannend, was sie herausfinden als das, was sie selbst darstellen. Sie decken nämlich auf, wie Purdue über all die Jahre hinweg agiert hat und gerade die Anfangsmaßnahmen erleben wir dann durch Billy und Finnix hautnah mit. Wie die Ärzteschaft mit allem bestochen wurde, was ging zur Not auch mit sexuellen Gefälligkeiten - , wie die Wirksamkeit der Pille viel früher nachließ als versprochen, so dass das Krankheitsbild des Durchbruchschmerzes erfunden wurde, um eine höhere Dosierung zu rechtfertigen und wie schließlich gleich eine Pille mit einer höheren Dosierung erfunden wurde, um dann auch die wieder gleich doppelt zu verschreiben. Es ist schon entsetzlich, was man dort so zu sehen bekommt und wie kaum einmal Zweifel bei den Beteiligten aufkommt, zumal eben alles von den höchsten Behörden abgeknickt ist und somit vertrauenserweckend erscheint. Dementsprechend konsterniert ist sicherlich auch unsere dritte Figur aus der zweiten Zeitebene, die DEA-Mitarbeiterin Bridget, die viel Schlimmes gesehen hat und die dennoch nicht laut vor Begeisterung schreit, als die beiden Staatsanwälte sich hilfesuchend an sie wenden. Rund um Purdue gibt es einen regelrechten Sumpf an Dreckigkeiten, der mit der Miniserie noch weiter ergründet werden wird. Schon jetzt ist klar, dass es eine erschreckende, mitnehmende Reise noch werden wird, aber eine, die erzählt werden muss und eine, die sich dabei auf großartige Darsteller*innen verlassen kann, die den Ernst der Lage verstanden haben.

Fazit

"Dopesick" zeichnet mit den ersten beiden veröffentlichten Episoden schon ein sehr klares Bild. In einer etwas kompliziert angelegten Erzählweise ist viel Aufmerksamkeit von Nöten, aber dann ergibt sich ein sinniges Zusammenspiel von drei Zeitebenen, die noch unterschiedlich effektiv ihre Wirkung entfalten, die aber dennoch ein beeindruckendes Gesamtkonstrukt darstellen. Durch großartige Darsteller*innen und einnehmende Drehbücher, die den Spannungsbogen geschickt aufbauen, ist schon jetzt abzusehen, dass "Dopesick" eine sehr beeindruckende Miniserie sein wird, die sich mit einem leider immer noch aktuellen Thema in den USA beschäftigt. Neben dem Genuss des Dargestellten soll der Inhalt wohl vor allem aufrütteln und vor Augen führen, wie damals und heute aufgrund von Macht- und Geldgier Millionen von Menschenleben gefährdet werden und wurden. Dementsprechend sollte wohl jede*r mit einem entsprechenden Abo bei Disney+ mal einschalten.

"Dopesick" ansehen:

Lena Donth - myFanbase

Zur "Dopesick"-Übersicht

Kommentare