Bewertung: 4

Review: #6.17 Alle Optionen offen

Foto: Julianna Margulies, Good Wife - Copyright: Paramount Pictures
Julianna Margulies, Good Wife
© Paramount Pictures

Die Wahl ist also gewonnen und Alicia ist die neue Bezirksstaatsanwältin. Nun sollten wohl Glückwünsche angebracht werden. Aber wenn ich es mir recht überlege, dann will (oder auch kann) ich eigentlich weder Alicia noch den Autoren von Herzen gratulieren. Ich bin immer noch der Meinung, dass man sich mit der Wahl-Story ein wenig verrannt hat und mit dem starken Fokus, spätestens seit dem Freispruch von Cary, fühlt sich die Serie derzeit auch nicht mehr nach der an, die ich inzwischen seit sechs Staffeln verfolge. Natürlich schaut man hier immer noch den gleichen Charakteren zu, die man über die Zeit lieb gewonnen hat, aber die inhaltliche Wegentwicklung (so es dieses Wort überhaupt gibt), vom Anwaltsdrama hin zum Politdrama, missfällt mir einfach. Davon ausschließen will ich jetzt einmal Alicias Charakterentwicklung, denn die ist ja unverkennbar vorhanden. Es ist also eher die Verlagerung des Milieus, an der ich mich momentan zunehmend störe.

Ganz ausklammern will ich dabei auch nicht, die von mir auch zuvor schon einmal angesprochene Rückverlagerung der neuen (oder doch besser "alten") Kanzlei in die früheren Räume von Lockhart/Gardner inklusive der Übernahme von alten Weggefährten wie David Lee oder auch Howard Lyman. Spätestens mit der in dieser Folge stattgefundenen Rückkehr von Julius Cain scheint der alte Status Quo, nur eben ohne Will, wieder hergestellt zu sein. Dafür gingen leider aber auch Figuren wie Robyn oder Clarke Hayden völlig wortlos unter, die ich stattdessen viel lieber gesehen hätte. Nein, zu dieser Entwicklung kann ich den Autoren einfach nicht gratulieren.

Alicia ist also die Wahlsiegerin und wie das so ist mit neuen Ämtern, sind diese auch immer mit Pflichten und vor allem Bittstellern verbunden, die hier bereits zahlreich Schlange stehen und sich die Klinke in die Hand geben. Dass darunter auch James Castro zu finden ist, kam für mich dann doch etwas überraschend. Der Wahlkampf mit ihm als Gegner hätte sicher eine ganze andere Richtung nehmen können. Aber damit will ich jetzt gar nicht erst wieder anfangen. Guy Redmayne durfte im Anschluss den alten Macho und Lüstling geben. Der Besuch von Lemond Bishop war da noch am interessantesten, weil sein geplanter Ausstieg aus den kriminellen Geschäften mein Interesse weckt und noch Spannung verspricht, vor allem wenn ich da an die weitere Rolle von Kalinda in diesem Zusammenhang denke. Eines hatten die Besuche jedoch alle gemeinsam, nämlich mein Unverständnis darüber, wie Alicia mit den jeweiligen Anliegen und damit auch den Besuchern selbst umgegangen ist. Ihr Anspruch an eine saubere Amtsführung ist ja durchaus löblich und mag grundsätzlich auch Alicia entsprechen, aber nach reiflicher Überlegung kann ich einfach nicht nachvollziehen, dass sie tatsächlich Elis Schulung ("All options are open to me and I will decide what to do in the next 48 hours. ") bedarf, um einzusehen, dass man sich mit solch einem Verhalten, wie sie es an den Tag legte, keine Freunde im Amt macht. Die taktische Wortführung sollte doch gerade ihr als Anwältin hinlänglich bekannt sein. Und man kann ja nun auch wirklich nicht behaupten, dass es in den vielen von ihr geführten Rechtsfällen, nicht häufig genug auch um Wortklaubereien ging, um sich einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen oder beispielsweise den Richter von seiner Argumentation zu überzeugen. Nein, da sah Alicia wirklich wie ein kleines Schulmädchen aus, dass noch ganz am Anfang steht. Das mag hinsichtlich ihres neuen Amtes ja durchaus stimmen, schließlich ist zu erwarten, dass sie hier noch auf die ein oder andere Schwierigkeit und Hindernisse stoßen wird, aber der diplomatische Umgang mit Leuten gehört doch sicher nicht dazu.

Besser gelang Alicia das dann schon bei ihrer gemeinsam mit Finn geführten Ausstiegsverhandlung aus der Kanzlei. Dass sich die künftigen Ex-Kollegen so widerspenstig zeigten, ist in Teilen durchaus nachvollziehbar. Schließlich trat sie in den vergangen Wochen und Monaten kaum für die Kanzlei in Erscheinung, was auch der von ihr nicht über den Anwalts-Account geführte Mailverkehr beweist. Auch Cary darf meines Erachtens durchaus eingeschnappt sein, dass er so kurz nach der gemeinsamen Kanzleigründung von seiner Geschäftspartnerin ohne große Absprache, die ja wirklich nie ein Thema in der Serie war, quasi allein gelassen wird. Mir gefiel aber gerade das letzte Verhandlungsgespräch in der Folge sehr gut, in dem Alicia endlich einmal nicht ihre platte, auswendig gelernte Phrase von Eli gebetsmühlenartig wiederholte, sondern durch eine vermeintlich nüchterne Aussage bei allen den Eindruck hinterließ, sie seien gerade mit einer unterschwelligen Drohung konfrontiert worden. Chapeau. Das war wirklich gelungen, realistisch und auch gut gespielt von Alicia und von Julianna Margulies sowieso.

Auch der zweite Teil der Folge wollte für mich nicht so richtig funktionieren oder besser gesagt, er war einfach furchtbar umgesetzt. Zunächst einmal bot der Rechtsstreit um illegale Downloads eine spannende Ausgangssituation. Das Thema ist zwar schon seit einigen Jahren präsent, hat aber noch immer Aktualität. Das ist ja auch eine Stärke von "Good Wife", dass die Autoren in ihren Rechtsfällen und Geschichten immer wieder aktuelle Themen des realen Zeitgeschehens aufgreifen und integrieren. Das funktioniert in den meisten Fällen auch immer recht gut und vor allem auch, ohne dabei immer den moralischen Zeigefinger überdeutlich zu heben. Der Fokus des behandelten Falls wendete sich aber doch schnell von den illegalen Downloads hin zum Hack von E-Mails und deren Veröffentlichung im Internet. Auch hier bedienten sich die Autoren eines aktuellen, realen Hintergrundes, indem man sich am Datenhack bei Sony Pictures orientierte, der vor allem in Bezug auf den Film "The Interview" weltweit für Schlagzeilen sorgte. Dabei wurden nämlich auch zahlreiche E-Mails der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die eben auch Verunglimpfungen von Kollegen durch die Verfasser der Nachrichten enthielten. Insgesamt war es daher zwar löblich, auch diesen Aspekt in die Folge zu integrieren, das angenommene Ausmaß desgleichen war aber einfach nur lächerlich und dermaßen unrealistisch dargestellt und wollte damit so gar nicht zum üblichen Stil der Serie passen. Skurrile Situationen gab es natürlich schon zuhauf, aber die lautstarken Diskussionen zwischen allen Angestellten oder gar das Bespucken der Scheibe von Dianes Büro (welcher vernünftige Angestellte würde sich das wohl bei seinem Chef trauen?) waren einfach nur alberner Klamauk und des Guten zu viel.

Nach der vielen negativen Kritik bleiben am Ende auf der Habenseite aber auch noch ein paar positive Aspekte. Ich mag die Dynamik von Marissa und Alicia. Die Dosis sollte man aber nicht unbedingt weiter erhöhen. Während des Wahlkampfs bot diese aber den nötigen humoristischen Ausgleich. Die angesprochene Szene mit Alicia und ihrer Exit-Verhandlung mit den Kanzleipartnern war stark, ebenso die kleine Szene mit Alicia und Cary, als sie vereinbaren, die sie gegenseitig verunglimpfenden Mails nicht zu lesen. Das war endlich mal wieder ein Bezug auf ihre gemeinsame Vergangenheit und ihren ursprünglichen Ansatz, eine eigene Kanzlei zu gründen.

Dass Alicia nun amtierende Bezirksstaatsanwältin ist, muss man nun also erst einmal hinnehmen. Wir wissen aber auch, dass bei "Good Wife" nicht alles in Stein gemeißelt ist. Mal abwarten, die Karriereleiter zeigt nicht immer nur nach oben. Von daher schaue ich jetzt doch gespannt darauf, wie sich Alicia in ihrem neuen Amt schlagen und auf welche Hindernisse sie dabei noch stoßen wird. Außerdem ist nach dieser Folge ja auch immer noch die Frage unbeantwortet, wer ihre Nummer zwei werden wird. Das Angebot an Finn steht also nach wie vor im Raum und wer weiß, was das noch für Probleme geben kann, wenn er tatsächlich den Job bekommt und sich nach Johnnys Abschied doch noch mehr zwischen Alicia und ihm entwickeln sollte. Interessant dürfte auch zu sehen sein, wie man ihre nun ehemaligen Kanzleikollegen weiter einbinden wird. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass diese nun wöchentlich auf Alicia als Gegnerin vor Gericht stoßen werden.

Jan H. – myfanbase

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