Bewertung: 7

Seitenwechsel

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Seitenwechsel (Passing)
© 2021 Netflix, Inc.

Inhalt

Die High School-Freunde Irene (Tessa Thompson) und Clare (Ruth Negga) treffen nach Jahren wieder in New York aufeinander. Beide sind gemischtrassig, so dass sie schon diverse Male beide als weiße Frauen durchgegangen sind. Doch Clare hat einen weißen Mann namens John (Alexander Skarsgård) geheiratet, der nichts davon weiß, dass sie ein schwarzes Elternteil hat. Das vermeidet sie aber auch tunlichst, denn John ist Rassist durch und durch. Als Clare durch Irene, die mit einem afroamerikanischen Arzt namens Brian (André Holland) verheiratet ist, wieder in die Lebenswelt einer schwarzen Familie hineingezogen wird, ist sie fasziniert. Doch Irene fühlt sich schnell durch die Freundin bedroht.

Kritik

"Seitenwechsel", das im Original den Titel "Passing" trägt, beruht auf einem Roman der Afroamerikanerin Nella Larsen, der 1929 erschienen ist. Die Autorin gilt als Teil der Harlem Renaissance, eine Bewegung, die den Aufstieg schwarzer Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Darsteller*innen anvisiert hat. Die britische Drehbuchautorin und Regisseurin Rebecca Hall hat diese Vorlage nun 2021 inszeniert und Streamingdienst Netflix hat sich die internationalen Ausstrahlungsrechte gesichert. Dieses Filmprojekt hat Hall dabei besonders am Herzen gelegen, da sie anlehnend an den Inhalt des Films, in dem es darum geht, als schwarze Person als weiß durchzugehen, selbst herausgefunden hat, dass sie afroamerikanischer Herkunft ist, obwohl ihre Mutter ein Leben lang als weiß durchgegangen ist. Mich persönlich hat die Verfilmung sofort in meine Zeiten im Deutsch-Leistungskurs zurückversetzt, da der Inhalt und die hier nun von Hall gewählte Inszenierung der Vorlage voll von Andeutungen und tieferer Bedeutung ist, ohne je wirklich auf den Punkt zu kommen. Das lässt natürlich für die Zuschauer*innen viel Interpretationsspielraum, was sicherlich aufgrund des Inhalts auch verständlich ist, denn hier wird ein gesellschaftlich schwieriges Thema in den Fokus gerückt, das gerade angesichts der historischen Einordnung des Films noch einmal viel brisanter wird.

Die schwarz-weiß Inszenierung von "Seitenwechsel" ist natürlich ein wahrer Coup, denn so wird auch schon optisch das zentrale Thema des Films aufgegriffen. Zudem wird es in dieser Optik erschwert, die tatsächlichen Hautfarben der Darsteller*innen zu erkennen, auch wenn natürlich der Brian-Darsteller Holland mit einer sehr dunklen Hautfarbe auch in schwarz-weiß deutlich heraussticht. Selbstverständlich gibt es auch noch andere äußerliche Merkmale, die ein afroamerikanisches Erbe erahnen lassen, aber dies soll hier mal außen vorbleiben, da es auch nicht im Fokus des Films liegt. Aber gerade bei Thompson und Negga ist die schwarz-weiße-Farbgebung sehr raffiniert, da so keinerlei Rückschlüsse auf die Hautfarbe mehr möglich sind, was metaphorisch den Umstand unterstützt, dass es eben diese beiden Figuren sind, die zwischen den Welten wandeln. Aber auch abseits von der schwarz-weißen Verfilmung setzt Hall auf viele ästhetische Bilder, die besonders auch dadurch ihre Wirkung entfalten, weil die Regisseurin auf unnötige Hintergrundmusik verzichtet. Dadurch wird die Intensivität vieler Szenen noch einmal unterstrichen, da man es heute fast nicht mehr gewöhnt ist, nicht von musikalischer Untermalung durchs Geschehen geleitet zu werden.

Die Geschichte ist aus der Sicht von Irene erzählt und dennoch ist dieser Ausdruck mit Vorsicht zu genießen, denn es ist nicht unbedingt so, als würde ihr Gefühlsleben auf dem Silbertablett präsentiert. Das ist für mich persönlich eher immer ein negativer Knackpunkt. Zwar ermöglicht es viel Interpretationsraum sowie damit verbundenes Diskussionspotenzial, aber mir fällt so etwas mit einem fest vorgegebenen Endziel vor Augen immer leichter, weil ich dann eine Sichtweise habe, die ich mit anderen vergleichen kann. Dass Irenes Gefühlsleben bei mir überhaupt ankommt, liegt also vor allem an Thompsons Schauspiel, die ihre Figur mit dem Leben füllt, das das Drehbuch nicht anbietet. So erleben wir sie zunächst, wie sie selbst in einem gehobenen Umfeld als feine Dame abtaucht, obwohl es eben die Welt der Weißen ist. Spätestens als sie aber John begegnet, ist dieser Reiz erst einmal völlig ausgebremst, denn als sie seinen unverhohlenen Rassismus zu hören bekommt, zieht sie sich entsetzt zurück und stößt auch erstmal Clare von sich, die scheinbar ohne schlechtes Gewissen in der weißen Welt untergetaucht ist und sich solche Aussagen von ihrem Ehemann immer und immer wieder anhört, ohne etwas zu sagen. Denn bei Irene merkt man deutlich, auch wenn sie schon mal die Seiten wechselt, sie ist stolz auf ihre Hautfarbe und genießt ihr privilegiertes Leben als Frau eines Arztes. Doch dabei baut sie sich eine Art Traumwelt auf, denn manchmal zeichnet ihr Mann Brian die Realität in so ernüchternden Bildern, doch das will sie gar nicht hören. Da ist es ein interessantes Wechselspiel, dass Clare für das komplette Gegenteil steht und man fast schon die Aussage unterstreichen würde, dass sie trotz einer Lüge aber mit einer realistischeren Lebenseinstellung unterwegs ist.

Genau diese ganzen Widersprüche machen auch einen inhaltlichen Reiz aus, weil man intuitiv davon ausgehen würde, dass Irene das glücklichere Leben führen muss, aber gerade weil sie sich gewissen Illusionen hingibt, wird das nach hinten raus zum großen Problem. Clare mag mit einem Mann verheiratet sein, der ihre eigene Herkunft verachtet, aber sie genießt jeden einzelnen Moment. Erst durch die Begegnung mit Irene wird ihr aber klar, dass sie sich in der schwarzen Welt wohler fühlt, das ist ihr Zuhause, und als sie nach und nach dort wieder eingeführt wird, blüht sie erst recht auf. Je mehr aber Clare aufblüht, umso mehr fällt Irene in sich zusammen, denn ihre Welt, wo sie regelmäßig gesellschaftliche Abende veranstaltet, entgleitet ihr, denn auf einmal ist dort jemand, der sich dort noch natürlicher bewegen kann. Gerade in dem Moment, wo sich das Leben der beiden Frauen in völlig unterschiedliche Richtungen bewegt, schlägt Thompsons Schauspielleistung besonders zu Buche, denn Clare wird uns Zuschauer*innen nicht sonderlich reflektiert präsentiert, sie scheint keine Antennen dafür zu haben, wie Irene sich fühlt. Das wird besonders deutlich, als diese zunehmend eine Affäre zwischen Clare und ihrem Mann vermutet. Aber bei Irene kann man alles am Gesicht ablesen. Wenn sie sich zunehmend über Tags Auszeiten nehmen muss und wenn sie Clare am liebsten nicht mehr als Gast im Haus begrüßen würde, weil diese sich auch hervorragend mit ihren Söhnen verträgt. Irene sagt aber nicht einmal etwas. Nicht einmal wird artikuliert, was sie wirklich fühlt, aber man kann es sich eben aufgrund der großartigen schauspielerischen Leistung vorstellen.

Insgesamt ist es aber ein sehr langsam erzähltes Drama, das sich ab und an bei zu vielen Kleinigkeiten aufhängt. Das sind die Momente, wo ich als Zuschauerin beinahe verloren wurde. Da hilft dann auch gutes Schauspiel sowie eine intensive Inszenierung nichts, wenn man den Eindruck gewinnt, die konkreten Szenen führen nirgendwo hin. Ich ahne zwar, dass in jedem Detail eine Botschaft gesteckt haben wird, weil die komplette Inszenierung des Films das erahnen lässt, aber für mich wurde davon nicht alles verständlich transportiert. So eindeutige Bilder wie der Umgang mit dem Hausmädchen Zulena (Ashley Ware Jenkins) sind da eher selten, diese sitzen dafür aber gleich auf Anhieb. Denn während Clare es sofort bei der ersten (Wieder-)Begegnung ablehnt, ein schwarzes Hausmädchen zu haben, hat Irene in ihrem Haushalt eine beschäftigt. Diese wird zwar sicherlich nicht schlecht behandelt, aber dennoch ermöglicht Irene es, dass man an dieser Stelle hellhörig wird, denn sie führt so selbst eine Zwei-Klassen-Gesellschaft ein. Das wird besonders deutlich, als sie Clare freundlich plaudernd mit Zulena erwischt, denn da wirkt es fast schon, als würden zwei Freundinnen plaudern, während Irene immer den geschäftsmäßigen Abstand bewahrt. Besonders denkwürdig ist schließlich das Ende, das recht offen gestaltet ist. Es gibt zwar eigentlich nur eine Interpretation für das Gesehene, aber doch zweifelt man irgendwie, ob nicht doch noch etwas anderes möglich ist, wobei wird dann wieder beim breiten Interpretationsspielraum wären.

Fazit

"Seitenwechsel" ist ein langsam, aber ästhetisch vorzüglich inszeniertes Drama, das viele gesellschaftskritische Themen in den Fokus nimmt und dabei viel Interpretationsspielraum lässt. Mein Fall ist das nicht 100%, aber aufgrund der angestoßenen Themen sowie der hervorragenden schauspielerischen Leistung lohnt sich definitiv mal ein Blick in die Romanverfilmung.

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Lena Donth - myFanbase
27.11.2021

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