Bewertung: 7
Matthias Schweighöfer

Army of Thieves

Foto: Copyright: 2021 Netflix, Inc.
© 2021 Netflix, Inc.

Inhalt

"Army of Thieves" ist ein Prequel zum Zombie-Film "Army of the Dead" und erzählt die Geschichte vom Safeknacker Ludwig Dieter (Matthias Schweighöfer), der von einer vierköpfigen Räuberbande rekrutiert wird, als gerade die Zombieapokalypse in den USA ausgebrochen ist. Zusammen wollen sie in einer Zeit, in der die Menschheit mit anderen Dingen beschäftigt ist, drei der vier Tresore knacken, die Hans Wagner basierend auf Richard Wagners Tetralogie gebaut hat. Doch Interpol-Agent Delacroix (Jonathan Cohen) lässt sich auch nicht von den Zombies abhalten, die Bande zu jagen.

Kritik

Als ich "Army of the Dead" Anfang des Jahres geschaut habe, hätte ich im Lebtag nicht gedacht, dass ausgerechnet Schweighöfers Safeknacker Ludwig Dieter (der eigentlich Sebastian Schlencht-Wöhnert heißt und dessen Namenswechsel hier erklärt wird) mir als Figur am meisten in Erinnerung bleiben würde. Als Deutsche konnte man angesichts seiner Dauerpräsenz im Kino wirklich langsam müde werden, doch in "Army of the Dead" hat er wirklich Eindruck hinterlassen und das überraschenderweise ausgerechnet mit einer Kopie seiner Figurentypen, die er sonst in seinen Komödien darstellt. Aber Schweighöfer hat in den ganzen Jahren den gleichen Typus immer wieder in recht ähnliche Sinnkontexte gepackt und das war ausgelutscht. Eine Figur wie Dieter aber in einem Heist-Movie oder mitten in einer Zombieapokalypse? Nein, das war bislang definitiv noch nicht geboten worden und deswegen hat diese neue Mischung einfach in vielen Komponenten gepasst. Auch wenn ich zweifle, ob "Army of the Dead" wirklich der Start zu einem unvergesslichen Franchise darstellt, so war es ohne Zweifel clever, mit "Army of Thieves" nun ein Prequel nachzulegen, das sich um die Vorgeschichte von Dieter dreht, denn er hat weltweit Eindruck geschindet. Nun war Schweighöfer nicht nur vor der Kamera zu sehen, sondern er hat auch selbst Regie geführt, eine Premiere für ihn bei einer internationalen Produktion. Ob die doppelte Dosis Schweighöfer nun auch hier funktioniert?

Eines war für mich relativ schnell klar, dass mir "Army of Thieves" deutlich besser gefällt als der Vorgänger. "Army of the Dead" ist zwar großartig gestartet, hat aber recht schnell danach mich als Zuschauerin verloren, während "Army of Thieves" erst ganz zum Schluss etwas nachgelassen hat, denn da hat man deutlich gemerkt, dass es vor allem darum ging, vom Drehbuch her den Anschluss oder eher die Vorarbeit für die Handlung von "Army of the Dead" zu schaffen und da die beiden Filme inhaltlich nicht viel gemeinsam haben, fällt der Unterschied schon deutlich auf. Daher ist es nach hinten heraus etwas flach geworden, aber das konnte ich gut verzeihen, denn vorher hat mir "Army of Thieves" richtig, richtig gut gefallen. Ein cleverer Schachzug war es auf jeden Fall, den Cast klein zu halten. Während "Army of the Dead" völlig überladen war mit Figuren, die eher den Tod gefunden als ein eigenes Charakterprofil bekommen zu haben, haben wir es hier mit einer Gruppe von fünf Personen zu tun, in der Rolph (Guz Khan) sicherlich der unauffälligste ist, aber die übrigen haben alle ihre Szenen bekommen und es war dadurch leicht, für die einzelnen Charaktere und ihre Dynamik untereinander ein Gefühl zu bekommen. Es war sicherlich keine Gruppenzusammenstellung, die von tiefer Freundschaft oder Zusammenhalt lebt, aber dennoch gab es ein Miteinander, aber eins, das eher von Misstrauen und Zweckgebundenheit geprägt war. Das wiederum hat für einige lustige Szenen gesorgt.

Insgesamt ist der ganze Film von typischem Schweighöfer-Humor durchzogen, aber daran habe ich mich nicht gestört, denn wie gesagt, es ist für einen Film von ihm ein ganz neues Szenario und da passt seine Art von Humor (zumindest für diesen einen Film) genau drauf. Dieter ist auch weiterhin wie eine Figur aus dem Lehrbuch für ihn perfekt zugeschnitten, denn so typische Momente, wie extreme Schreckhaftigkeit, mädchenhaftes Gekreische oder völliger Kontrollverlust angesichts von Ausnahmesituationen, das gibt es in diesem Film zuhauf. Dass es in diesem inhaltlichen Kontext so gut funktioniert, liegt meiner Meinung nach vor allem auch daran, dass Dieters Art als so verrückt und ungewöhnlich von den anderen aufgenommen wird, wie es tatsächlich auch ist. Da konnte ich als Zuschauerin mit ihnen lachen, mich schämen etc. In deutschen Produktionen wurde es aber schon so völlig normal dargestellt, dass es eben eintönig wurde. Was mir in der Konsequenz aber weniger gefällt, ist, dass dieser Film mit extrem vielen Klischees über Deutsche arbeitet. Das war auch schon in "Army of the Dead" der Fall, aber hier stört es mich sogar noch etwas mehr, weil Schweighöfer als Regisseur die Zügel deutlich mehr in der Hand hatte und da bleibt für mich hängen, ob er es wirklich angemessen findet, dem hauptsächlich US-amerikanischen Publikum den vermeintlich typischen Deutschen immer und immer wieder zu präsentieren?

Was Schweighöfer aber auch gut kann, ist Frauenrollen einen ansprechenden Raum zu geben und neben seiner Lebensgefährtin im echten Leben, Ruby O. Fee, ist es vor allem Nathalie Emmanuel ("Game of Thrones"), die diesem Film mit Gwendoline ihren Stempel aufdrückt. Sie hat es sich seit ihrem Durchbruch wirklich verdient, dass sie in mehr und mehr Produktionen zu sehen ist, da sie den schmalen Grat zwischen Verletzlichkeit und Härte sehr gut verkörpern kann. Auch Gwen ist so eine Figur, die eigentlich eine verletzliche Seele hat und sich daher auch zum empfindsamen Dieter hingezogen fühlt. Aber wenn es darauf ankommt, dann sucht man den Konflikt mit ihrer Figur besser nicht. Mir gefällt es auch vom Drehbuch her sehr gut, dass der Film ohne viel Gewalt auskommt. Es sind eher Bankraube, die von einer gewissen Raffinesse und vom Genie leben und so mag ich persönlich Heist-Movies ohnehin lieber, weil dann viel mehr Wendungen möglich sind, die einen auch eiskalt erwischen. Dennoch ist gerade durch eine Figur wie Brad Cage (Stuart Martin) natürlich klar, dass es ganz ohne Gewalt und Kampfszenen nicht gehen würde, aber es war ein sehr gutes Niedrigmaß gefunden worden, das dem Film sehr gut stand.

Weiterhin fand ich es genial, dass die Liebe von Dieter für die Tresore, ihre Geschichte und ihre Verbindung zu Wagners Werken, die in "Army of the Dead" besonders für die Figur herausstachen, auch hier übernommen, ins Zentrum gerückt und damit noch viel kultiger dargestellt wurde. Es hat schon fast etwas von einer Routine bekommen, dass Dieter erst seine Finger vorbereiten musste, dann die entsprechende Musik von Wagner angestellt hat, um dann während des Knackens die zentralen Handlungsaspekte der Geschichte nachzuerzählen. Hier hat man wirklich eine Symbiose entstehen lassen, die ganz wunderbar passt. Und es ist natürlich nicht zu leugnen, dass damit dann doch noch ein positives Bild auf deutsche Kultur geworfen wird. Aber auch abseits von Wagners Musik ist nicht zu überhören, dass der Erfolgskomponist Hans Zimmer seine Finger im Spiel hatte und eine wunderbare Ergänzung geschafft hat, die zu Wagners Stilistik passte. Was abschließend aber dann doch etwas störend war, das war die Darstellung von Delacroix und seinem kleinen Agententeam. Natürlich brauchte es einen Gegner, weil sonst solche Raubüberfälle ja nur halb so spannend sind, aber Delacroix war völlig überzeichnet, hat immer nur rumgebrüllt und sich viel zu wichtig genommen. Der Film war zwar auch ohne einen würdigen Gegner gut gefüllt, aber das wäre noch so das I-Tüpfelchen gewesen.

Fazit

"Army of Thieves" ist wie ein wenig erhofft ein echt guter Heist-Movie unter der Federführung von Matthias Schweighöfer geworden, der damit seinen internationalen Durchbruch wohl geschafft haben dürfte. Zumindest sprechen die weltweiten Top-10-Charts bislang eine deutliche Sprache. Und das ist wirklich verdient. Zwar ist es mit den deutschen Klischees etwas übertrieben und am Ende geht auch langsam aber sicher die Luft aus, aber alles in allem ist ein spannender, lustiger und wendungsreicher Film entstanden, in dem Schweighöfer in doppelter Funktion sein Können unter Beweis gestellt hat. Mal sehen, ob für Dieter im geplanten Ausbau des Franchises weiterhin ein Platz gefunden wird.

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Lena Donth - myFanbase
02.11.2021

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