Bewertung: 8
Antoine Fuqua

The Guilty

Foto: The Guilty - Copyright: 2021 Netflix, Inc.
The Guilty
© 2021 Netflix, Inc.

Inhalt

Der degradierte Streifenpolizist Joe Baylor (Jake Gyllenhaal) ist für die Wartezeit auf seinen Prozess in der Notrufzentrale versetzt worden. Genau in der Nacht vor seinem Prozess, als er ohnehin schon nervlich angespannt ist, erhält er den Anruf von einer Frau namens Emily (Riley Keough), aus dem er resultieren kann, dass sie von ihrem Exmann Henry (Peter Sarsgaard) entführt wurde. Da ihre beiden kleinen Kinder noch alleine zuhause sind, setzt Joe alles daran, sowohl sie als auch die Kinder zu retten. Dabei zeigt sich aber, dass nichts ist, wie es scheint und so wird Joe gezwungen, sich seiner eigenen Schuld zu stellen.

Kritik

Als riesiger Fan von "9-1-1 Notruf L.A." habe ich schon oft die Erfahrung bei der Fox-Serie gemacht, dass auch das Schalten und Walten aus der Notrufzentrale atemlose Spannung bereiten kann und dass man nicht immer mit den Feuerwehrkräften mitten im Geschehen sein muss, um am Rande des Sofas zu sitzen. Deswegen hat "The Guilty" auch gleich mein Interesse geweckt, denn der gesamte Film spielt in einer Nacht in der Notrufzentrale und als Zuschauer*in sind wir ausschließlich bei Hauptfigur Joe. Sehen, hören, riechen und erleben also auch nur das, was er sieht, hört, riecht und erlebt. Das erzeugt definitiv einen ganz besonderen Effekt, denn so findet man sich oft in einer beklemmenden Situation wieder, wo man verzweifelt auf die erlösende Nachricht wartet. Doch oft ist es gar keine Erlösung, sondern ein elendes Hinauszögern, bei dem man sich am liebsten die Haare raufen würde. Man ist dadurch definitiv an das Geschehen gebunden und kann sich dem nicht mehr entziehen. Damit gehen 90 Minuten wie nichts ins Land.

"The Guilty" beruht auf einem gleichnamigen Drama aus Dänemark, der vor drei Jahren unter der Regie von Gustav Möller veröffentlicht wurde. Es sind also gerade mal drei Jahre ins Land gegangen, bis nun die US-amerikanische Adaption erschienen ist. Das ist zwar keine unübliche Praxis, um auf dem Zug erfolgreicher Produktionen aufzuspringen, aber speziell in diesem Fall könnte ich mir auch denken, dass der Zustand der US-Bevölkerung noch einmal ein besonderes Interesse an dieser Vorlage geschürt hat. Denn hier wie dort haben wir es mit einem Polizisten zu tun, der offenbar eine Straftat begangen hat und dafür bald vor Gericht stehen wird. Es bleibt lange im Dunkeln, was genau vorgefallen ist und auch am Ende des Films ist nicht alles glasklar. Aber anhand der Indizien kann man resultieren, dass möglicherweise konkret auf das Problem der Polizeigewalt vor allem gegenüber Schwarzen hingewiesen werden soll. Am Ende ist nur von einem toten Jugendlichen die Rede, die Hautfarbe und die Rasse spielt keine Rolle, aber da die USA gerade im letzten Jahr durch Fälle wie George Floyd oder Breonna Taylor schwer erschüttert wurde, ist meine Theorie an dieser Stelle sicherlich nicht abwegig.

Aber ganz unabhängig von meiner Theorie haben wir es definitiv mit Polizeigewalt zu tun und da finde ich bei "The Guilty" besonders interessant, dass es eine unaufdringliche Darstellung der Polizistenseite ist. 'Unaufdringlich' deswegen, weil es definitiv keine einseitige Sichtweise ist. Es ist definitiv nicht so, dass der Film um Sympathien für Joe wirbt. Ganz im Gegenteil: schon nach wenigen Minuten des Films hat man herausgefunden, dass Joe eine ganz schön kurze Zündschnur hat, zu Wutausbrüchen neigt und ständig derbe flucht. Vor diesem Hintergrund kann man sich wirklich bildhaft vorstellen, dass er für den Job eines Polizisten wahrscheinlich gar nicht geeignet ist. Aber wie gesagt, eine Rechtfertigung will "The Guilty" gar nicht bieten. Stattdessen ist es aber eine Werbung dafür, dass hinter jedem Täter immer ein Mensch steht und jeder Mensch hat eine Geschichte, auch die, die lebenslang hinter Gittern geschickt werden oder in manchen Staaten noch zur Todesstrafe verurteilt werden. Wir bekommen zwar nur kleine Sequenzen in Joes Leben geboten, aber anhand der Zusammensetzung aller Details kann man sich die Situation, die ihn auf die Ersatzbank geschickt hat, bildlich vorstellen. Doch der Haken ist eben, dass Joe seine Schuld an dem Vorfall niemals einstehen konnte, sich dessen sogar regelrecht verweigert hat. Doch das geht niemals für immer gut, weswegen Joe nun durch den Notfall von seiner Schuld gejagt und dann eingeholt wird.

Der Fall von Emily, Henry und den Kindern war wirklich extrem spannend und mitreißend inszeniert. Hier muss ich vor allem dem Voice-Cast ein riesiges Kompliment machen, denn Stars wie Keough, Sarsgaard oder Eli Goree stehen gar nicht physisch vor der Kamera. Sie haben nur ihre Stimme, um eine Geschichte zu erzählen und das hat wunderbar geklappt, weil ich das Gefühl hatte, doch mit ihnen in einem Raum zu sein. Weiterhin weist die Geschichte eine extrem überraschende Wendung auf, denn es ist wie die Synopsis verspricht nicht immer alles so, wie es scheint. Dieser Kniff in dem Familiendrama, der hat mich wirklich extrem berührt, weil er den Fall noch einmal auf eine ganz andere Ebene gehoben hat. Hier ging es nicht mehr nur um einen spannenden Fall, sondern um echtes menschliches Drama und genau das sorgt auch dafür, dass Joe seiner Schuld nicht mehr entgehen kann. Ich bin zwar nicht der größte Fan von Gyllenhaal, aber dieses Kammerstück mit ihm, das hat er von der ersten Minute an beherrscht. Seine Rolle Joe ist wie gesagt nicht der netteste Kerl auf Erden, aber dennoch gelingt es, dass man es ihm gönnt, dass sein Fall ein gutes Ende findet. Sein persönliches Schicksal bleibt davon völlig außen vor, was auch der Film wohl selbst so gesehen hat, denn der Ausgang des Prozesses bleibt offen.

Fazit

"The Guilty" ist ein wirklich extrem mitreißendes Drama geworden, das stellenweise auch einem wirklich nervenaufreibenden Thriller gleicht. Gyllenhaal als Charakterkopf Joe ist perfekt besetzt und auch die Darsteller*innen, die nur zu hören sind, machen einen exzellenten Job, denn es sind ausschließlich Stimme, Mimik und Gestik, die in diesem Film zur Geltung kommen können, weswegen genau diese auch über alle Maße sitzen muss. Zudem ergibt sich auf gleich zwei Ebenen tiefgreifende Dramatik, die hängen bleibt, weil sie so geschickt nachdenklich machend inszeniert wurde. Wirklich ein extrem spannendes Erlebnis dieser Film!

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Lena Donth - myFanbase
04.10.2021

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