Bewertung: 7
Theodore Melfi

Der Vogel

Foto: Melissa McCarthy & Chris O'Dowd, Der Vogel - Copyright: 2021 Netflix, Inc.; Karen Ballard/Netflix
Melissa McCarthy & Chris O'Dowd, Der Vogel
© 2021 Netflix, Inc.; Karen Ballard/Netflix

Inhalt

Das verheiratete Paar Lilly (Melissa McCarthy) und Jack (Chris O'Dowd) erfährt einen Schicksalsschlag. Während er in eine psychiatrische Einrichtung kommt, bleibt Lilly alleine in der 'realen' Welt zurück und muss dort mit ihren Schuldgefühlen kämpfen. Während sie sich müht, irgendwie mit ihrem Leben weiterzumachen, macht sie im Garten Bekanntschaft mit einem aggressiven Star, der sein Revier verteidigt, weswegen sie Möglichkeiten auslotet, diesen loszuwerden. Dabei macht sie Bekanntschaft mit dem Tierarzt Larry (Kevin Kline), der einst selbst als Psychiater gearbeitet hat. Auf ungewöhnliche Art und Weise helfen sie sich gegenseitig und letztlich kann Lilly auch wieder einen Schritt auf Jack zugehen.

Kritik

Wenn man sich einige Produktionen der letzten Jahre ansieht, in denen Melissa McCarthy mitgewirkt hat, zu nennen wären hier "Ghostbusters", "How to Party with Mom" oder "Thunder Force", dann wird ersichtlich, dass sie schauspielerisch nahezu nur noch für derben Humor steht. Selbst in der doch eher enttäuschenden Miniserie "Nine Perfect Strangers" wirkte es, als würde sie als Frances eine Karikatur spielen. Diese Entwicklung bei McCarthy hat mich in den letzten Jahren doch etwas enttäuscht gemacht, denn eigentlich steht für mich außer Frage, dass sie es eigentlich drauf hat, dass sie wirklich, wirklich gut schauspielern kann. Natürlich kann man die genannten Produktionen in der entsprechenden Stimmung gut gucken, aber wenn man ahnt, dass doch regelmäßig viel vom schauspielerischen Talent vergeudet wird, dann kann man das definitiv bedauern. Dementsprechend bin ich bei "Der Vogel" doch hellhörig geworden, denn die Synopsis klang nun wirklich nicht lustig. Letztlich ist es zwar eher eine Tragikomödie, denn McCarthy scheint es offenbar ohne Humor gar nicht mehr zu geben, aber doch ist es in erster Linie ein Drama geworden und McCarthy kann endlich wieder das zeigen, was ich länger mal wieder von ihr sehen wollte.

"Der Vogel" hat jetzt wahrlich nicht viele Schenkelklopfer zu bieten, aber man merkt in der Erzählart doch schon deutlich, dass der Film einen Grundton haben sollte, der den teilweise sehr traurigen Handlungsaspekten etwas die Schärfe nehmen sollte. Dieses Bestreben hat mal besser, mal schlechter geklappt. Wenn Lilly mehrfach nach dem 'Kampf' mit dem Star zu Boden geht und dann ein akustisches 'Plomp' ertönt, dann wirkt das doch sehr wie billige Komödie. Wenn Lilly aber in Larrys Tierarztpraxis eilt und dort seine Handlungen kommentiert, dann ist das wirklich der perfekte Ausgleich. Zum Glück ist der billige Humor nur selten zu entdecken. Wäre er zu überdeutlich bedient worden, hätte ich mir wohl auch wirklich Sorgen gemacht, dass die traurige Atmosphäre des Films nicht so zur Geltung kommt. Aber diese darf sich frei entfalten und tut das auch wirklich effektiv. Der Film hat im Verhältnis nicht viele Dialoge, da die Kamera oft mit Lilly in ihrem Landhaus alleine ist. Hier sind es dann wirklich die Handlungen der traurigen und schuldbewussten Frau, die den gesamten Raum einnehmen und das sind auch die Momente, in denen McCarthy besonders brilliert. Hier kommt es nämlich auf Gestik und Mimik an und die sitzen sehr oft nahezu perfekt. Lilly ist eine wirklich starke Frau, die man nur bewundern kann, aber das bedeutet auch, dass sie nicht ständig in Tränen ausbricht und doch heißt das nicht, dass tief in ihr drin nicht völlige Schwärze ist. Deswegen müssen diese Emotionen über etwas anderes als Tränen transportiert werden und das gelingt auch und spricht für das starke Schauspiel.

Was mir auch sehr gut gefallen hat, ist, dass hier der Mann als der 'Schwächere' inszeniert wird. Oft ist es doch das Rollenklischee, dass die Frau hysterisch wird und in die Psychiatrie eingewiesen werden muss. Hier hat aber Jack völlig die Kontrolle über sein Leben verloren und musste nach einem Selbstmordversuch eingewiesen werden. Im Verlauf des Films stellt sich heraus, dass Jack schon lange depressiv war, aber es ist mit ihm wirklich eine Reise; aber auch eine eindrucksvolle. Während man ihn zunächst am liebsten schütteln würde, weil er sich so in selbst zurückzieht und Lilly immer wieder mit Taten und Worten hängen lässt, wird vieles verständlich, als er sich endlich öffnen kann. Auch wenn Lilly und Jack über große Teile des Films hinweg separiert agieren, bieten McCarthy und O'Dowd doch ein ergänzendes Schauspiel auf hohem Niveau. Davon will ich letztlich auch Kline als Larry nicht ausnehmen, denn er ist auch wenn er es selbst im Vorfeld wohl kaum geglaubt hätte genau die Person, die die beiden zur Genesung in ihrem Leben brauchten.

Mit Larry ist meiner Meinung nach auch eine interessante Sichtweise auf psychologische Betreuung geboten worden. Man erlebt Jack in seiner Unterkunft oft im Gespräch mit Regina (Kimberly Quinn) oder mit Dr. Manmohan (Ravi Kapoor), doch nichts davon scheint wirklich bei ihm zu wirken, denn er liefert konstant genau die Antworten ab, die ihn in der Einrichtung halten, weil er sich in die reale Welt nicht zurücktraut und sammelt dabei seine Pillen. Lilly wiederum hat sich nach dem plötzlichen Kindstod ihrer Tochter Katie keine Hilfe gesucht und wird von Regina an Larry verwiesen, der in dem Beruf aber gar nicht mehr praktiziert, weil er eben genau auch dieses Gefühl hatte, dass das ganze Zuhören nichts bringt. Dann hat er sich als Tierarzt selbständig gemacht und ist irgendwie im Leben angekommen und gleichzeitig auch nicht, denn Larry hat eine intuitive Menschenkenntnis. Dazu hat er das psychologische Handwerk gelernt, was bedeutet, dass er diesen Teil von sich selbst nicht einfach unterdrücken kann. Deswegen ergibt sich im Zusammenspiel von Larry und Lilly auch die interessante Wirkung, dass sie sich gegenseitig helfen. Denn der entscheidende Unterschied ist hier, dass es ein Miteinander ist und keine Abhängigkeit. Kein Wunder also, dass Jack am Ende seinem Psychiater mitgibt, dass er gar nicht so entscheidend daran mitgewirkt hat, dass er wieder ins Leben zurückkehren will.

Abschließend haben wir noch die Metapher des Vogels, die ich mir persönlich ganz anders vorgestellt habe. Leider war mit dem Vogel auch viel die Art von Humor verbunden, die mir in dem Film nicht so gut gefallen hat, aber ich hatte es mir im Vorfeld doch so vorgestellt, dass der Star und Lilly im selben Boot sitzen. Stattdessen ist es wirklich eine hartnäckige Fehde, mit vielen Pleiten, Pech und Pannen. Hier hat mir einfach eine Ebene im Film gefehlt, die wie in anderen Handlungsteilen wirklich bereit ist, ganz tief zu gehen. Der Vogel ist sicherlich entscheidend daran beteiligt, dass Lilly wieder glücklicher wird und doch hatte ich mir insgesamt mehr von der Metapher erwartet. Es war nett, aber eben auch nicht mehr.

Fazit

"Der Vogel" ist eine wirklich intensive Tragikomödie, die McCarthy endlich mal wieder schauspielerisch das zeigt, wo ich sie lange nicht mehr gesehen habe. Aber sie kann es noch und wie! Es wurde wirklich eine interessante Atmosphäre kreiert, in der manchmal der Humor etwas plump platziert war, aber mitfühlen war dennoch aus vollem Herzen möglich. Zudem sind einige interessante Botschaften im Film integriert worden. Schade nur, dass die Metapher des Vogels in meinen Augen eher im Sande verläuft.

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Lena Donth - myFanbase
29.09.2021

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