Bewertung: 6
Kirk DeMicco & Brandon Jeffords

Vivo - Voller Leben

Foto: Vivo - Voller Leben - Copyright: 2021 SPAI. All Rights Reserved.
Vivo - Voller Leben
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Inhalt

Vivo ist ein Wickelbär, der in Kuba an der Seite von dem schon betagten Musiker Andrés sein Traumleben führt, denn sie sind durch die Liebe zur Musik zusammengekommen und unterhalten nun zusammen tagtäglich die Massen auf dem Plaza. Doch eines Tages bekommt Andrés Post von der berühmten Sängerin Marta Sandoval, in die er einst verliebt war und die ihn nun nach Miami zu ihrem Abschiedskonzert einlädt. Andrés ist begeistert, doch die Pläne werden durchkreuzt, weswegen Vivo sich überwinden muss, um den letzten Wunsch seines besten Freundes zu erfüllen. Dabei bekommt er Hilfe von der Teenagerin Gabi, der Großnichte von Andrés, die er eigentlich gar nicht leiden kann, die sich aber mit allem, was sie hat, der Aufgabe verschreibt.

Kritik

Filme mit Musik und Lin-Manuel Miranda? Schaut man alleine auf die letzten Jahre scheinen sich dort zwei gefunden zu haben, denn von ihm stammen nicht nur die beiden beliebten Musicals "Hamilton" und "In the Heights" (wovon die Verfilmung dieses Jahr noch in die Kinos kommt), sondern er war auch schon an Disney-Produktionen wie "Vaiana - Das Paradies hat einen Haken" und "Mary Poppins' Rückkehr" beteiligt. Dabei war er aber nie nur schauspielerisch beteiligt, sondern vor allem als Komponist von eingängigen Melodien, die zu berühren wissen. Kein Wunder also, dass Miranda bei dem Versuch von Sony Pictures Animation, in einem Animationsfilm Musik zu integrieren, an Bord ist. Dennoch ist Miranda in seiner musikalischen Genialität doch eine Persönlichkeit, an der sich die Geister schon einmal scheiden. Fakt ist aber, dass er ein bestimmtes Genre auf Jahrzehnte wahrscheinlich bestimmen wird und da ist die Frage, gehört "Vivo" dabei zu den Hits?

Ein Musical ist kein Genre, das bei jedem Anklang findet, denn wenn urplötzlich die Figuren in Singen ausbrechen, ähm ja, da muss man als Zuschauer*in wohl einfach die entsprechende Einstellung zum Gesehenen mitbringen. Bei "Vivo" ist es aber eigentlich sehr gut gelungen, das Singen als festen und notwendigen Teil des Geschehens zu verankern. Denn nicht nur Vivo und Andrés lieben die Musik, wenn sie ihr Publikum unterhalten, sondern auch die große Sängerin Marta lebt für die Musik und hat dafür ihre Heimat Kuba hinter sich gelassen. Und dann haben wir noch Gabi, die eine urige Leidenschaft für die Musik hat, obwohl sie und die Musik nicht auf Anhieb perfekt zusammenpassen, aber das ist dieser völlig egal, denn es ist ihr Lebensinhalt. Mit diesen Voraussetzungen ist es völlig klar, dass sich die Musik wirklich authentisch einbinden lässt. Es ist deutlich mehr als die Hälfte der Nummern, wo tatsächlich im Hier und Jetzt gesungen wird und nur ein kleiner Teil ist metaphysisch gemeint. Mit dieser Grundlage ist es aber auch möglich, Musik als zentrales Thema zu behandeln, denn es ist eine Hommage an diese. Eine Kernbotschaft ist dabei vor allem, dass Musik die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringen kann. Das sieht man besonders deutlich an Vivo selbst, wie er völlig verängstigt in Kuba ankommt und von Andrés' Musik angezogen wird. Schließlich haben wir auch Vivo und Gabi, die sich eigentlich in allem gegenseitig abstoßen, aber sie haben die Musik gemeinsam und das führt auch diese beiden zusammen.

Was dem Film nun ein wenig schadet, das ist die Tatsache, dass "Vivo" inhaltlich in den einzelnen Teilen zu unterschiedlich ist. Während ich den Anfang und das Ende wirklich sehr liebe, weil gerade hier die ganze Bandbreite abgebildet wurde, die man mit Musik verbinden kann, ist der große Mittelteil atmosphärisch so wild, dass meine Konzentration nicht mehr völlig am Anschlag war. Aber eins nach dem anderen: "Vivo" startet wirklich perfekt, denn die Verbindung zwischen Vivo und Andrés wird wirklich schön, mit sehr simplen Elementen präsentiert. Gleich am Anfang wird eine eingängige Melodie dargeboten, die zum einen das Lebensflair Lateinamerikas einfängt, zum anderen aber auch vor allem Mirandas Stilistik aufgreift, der auch schon in "Dr. House" sich durch Rapmusik hervorgetan hat. Hier gelingt also eine interessante Symbiose zweier Musikrichtungen, die eigentlich gar nicht zusammenpassen dürften, die es aber tun; auch weil es symbolisch wirklich nachdrücklich auf die Unterschiede zwischen Vivo und Andrés passt, die dennoch ein Miteinander gefunden haben. Nach diesem musikalischen Leckerbissen geht es in der eigentliche Handlung los, die durch den Brief von Marta an Andrés ausgelöst wird. Es ist ein interessantes Spiel, wie der alternde Musiker der Erfüllung seiner Träume entgegensieht, während es für Vivo nur ein riesiger Alptraum ist, denn er hat sich in diesem Leben eingerichtet und scheut jedes Risiko. Zudem spielt wohl auch Eifersucht rein, denn wer ist diese Marta, dass sie Andrés alles über den Haufen werfen lässt? Und danach kommt der emotionale Schlag in die Magengrube, den ich hier nur mit dem Stichwort 'Disney' anteasere, denn dort ist diese Wendung gleich zu Beginn eines Films wirklich oft genutzt. Alleine in diesem Anfangsabschnitt habe ich damit schon so viel Unterschiedliches gefühlt, aber es war alles einfach nur schön.

Wenn Vivo sich aber durchringt, dass er Andrés letzten Wunsch erfüllen will, wird dann der fragwürdige Mittelteil eingeläutet, der vor allem von humorvollen Sequenzen (die für mich auch passen!) und von Gabi dominiert wird. Diese widerspricht mit ihrer Art und ihrem Style aber allem, was der Film bis dato vermittelt hat. Das war definitiv schwierig für mich, auch wenn ich auf Gabi als Figur eigentlich nichts kommen lassen will. Denn diese junge Rebellin ist für ihr Alter schon unglaublich in sich ruhend und nimmt sie sich nicht allzu ernst. Sie bleibt immer flexibel und verliert nie den Glauben an das Gute. Da ist schon einiges Bewundernswertes an ihr dabei, weswegen ich sie auch wirklich ins Herz geschlossen habe. Dennoch steht sie einfach für eine ganz andere Atmosphäre. Mit ihr werden auch die Sand Dollars eingeführt, eine Pfadfindergruppe, die die Mannschaftsstärke an jugendlichen Figuren noch einmal erhöht hat. Damit wird deutlich, dass spätestens ab hier wirklich Inhalt für die Zielgruppe geliefert werden soll. Dennoch fand ich die Darstellung der Sand Dollars auch sehr seltsam. Sie sind nicht einfach nur eine klassische Pfadfindergruppe, die Kekse verkaufen will, sondern sie erinnern ein wenig an eine Bewegung wie Fridays for Future, denn sie regen sich über Plastiktüten und unnötige Autofahrten auf. Doch dabei werden sie so lächerlich in ihrer Art dargestellt, dass ich es als kritischen Unterton verstanden habe. Das ist dann sicherlich eine Botschaft, die man mit einem riesigen Fragezeichen versehen sollte, denn sollte man sich wirklich über eine Generation lustig machen, die noch lange etwas von ihrem Planeten haben will?

Das Geschehen verlagert sich vor dem großen Finale dann in die Everglades und hier muss ich sagen, dass mir dieser Teil gar nicht gefallen hat. Zum einen hat es mich extrem an eine wilde Mischung aus Disney-Klassikern wie "Tarzan", "Das Dschungelbuch" und "Der König der Löwen" erinnert, wenn wir miterleben dürfen, wie zwei Löffler sich unsterblich ineinander verlieben oder wenn eine gruselige Python alles zerstören möchte. Weiterhin entfernt sich der Film hier stark von der musikalischen Richtung und gleicht nur noch einem wenig durchdachten Abenteuerfilm. Zum Glück fasst sich die Handlung in Miami wieder, denn hier sind wieder all die Botschaften vom Anfang zu erkennen und es schließt sich der inhaltliche Kreis, weil Andrés Wunsch erfüllt wird. So wird ganz am Ende noch einmal ein starkes Lied gesetzt. Insgesamt mag "Vivo" jetzt keinen Hit-Soundtrack hervorbringen, aber dennoch ist musikalisch viel gewagt worden, wo man schon den Hut vor ziehen kann.

Fazit

"Vivo" könnte qualitativ nicht unterschiedlicher sein und bleibt doch zum Glück überwiegend positiv in Erinnerung. Das wird besonders bestätigt durch einen starken Anfangs- und Endteil, denn hier wird mit viel Gefühl die Liebe zur Musik und entsprechende Analogien transportiert. Der Mitteilteil hat mit Gabi zwar eine extrem spannende Figur im Fokus und dennoch ist ein gewaltiger Bruch in der Stimmung nicht zu leugnen. Diese Brüche sind nicht immer schnell zu verarbeiten, weswegen die Stolpersteine ganz klar selbst gelegt sind. Dennoch ist es natürlich ein Geschenk, dass es schön rein und wieder raus aus dem Film geht; das bringt ein positives Gefühl.

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Lena Donth - myFanbase
09.08.2021

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