Bewertung: 8
Brett Haley

All Together Now

Foto: Aulii Cravalho & Rhenzy Feliz, All Together Now - Copyright: Allyson Riggs/Netflix
Aulii Cravalho & Rhenzy Feliz, All Together Now
© Allyson Riggs/Netflix

Inhalt

Amber Appleton (Auli’i Cravalho) ist stets eine Optimistin, obwohl ihr Leben weiter von Stabilität entfernt ist, als sie nach außen gerne alle glauben lässt. Als die bittere Realität in ihr Leben kracht, muss sie erstmals erkennen, dass auch sie selbst Hilfe annehmen können muss.

Kritik

Auli’i Cravalho hat 2016 ihren Durchbruch als Stimme von Moana aus "Vaiana - Das Paradies hat einen Haken" gefeiert und auch wenn ich den Film damals auf Deutsch gesehen habe, ist sie mir auf den ganzen Werbeveranstaltungen für den Disney-Film im Kopf geblieben, denn sie hatte eine unheimlich natürliche Ausstrahlung, weswegen ich mir dann natürlich auch den originalen Soundtrack sofort zu Gemüte geführt habe. Tatsächlich als Schauspielerin habe ich sie erstmals in der Serie "Rise" erlebt, wo sie dankbarerweise ebenfalls singen durfte, denn für mich ist sehr schnell klar geworden, dass sie eine Stimme hat, die, wie oft einige sagen, ein Geschenk Gottes sein muss. Bei ihr liegt das nicht unbedingt an einer herausragenden Technik, sondern an einem bestimmten Gefühl, das sie mit jeder Note transportieren kann. Von daher ist es nett, dass nun auch ihr erster Netflix-Film "All Together Now" etwas Gesang erhält, weil es einfach der zentrale Aspekt an ihr ist, der mich begeistert, aber hauptsächlich ist ein sehr starkes Drama entstanden, bei dem Cravalho mehr Entfaltung für ihre rein schauspielerische Leistung gewährt bekommt, und auch damit kann sie mich verzaubern.

Amber ist ein richtiges Good Girl, das auf den ersten Blick keinerlei Ecken und Kanten zu haben scheint. Obwohl das vom Papier her schon irgendwie klischeehaft daherkommt, habe ich die Darstellung ihrer Figur zu keinem Zeitpunkt so empfunden, denn man konnte einfach wirklich merken, dass sie schlicht ein herzensguter Mensch ist, was besonders angesichts der Tatsache bewundernswert ist, dass sie früh ihren Vater verloren hat und nun mit ihrer Mutter (Justina Machado, "One Day at a Time") am Rande der Existenznot lebt. Erst im Laufe des Films zeigt sich dann, dass sie vor allem sehr stolz ist, was es ihr enorm erschwert, auch einmal selbst Hilfe anzunehmen. Hier zeigt sich dann doch noch ein Manko, was sie wenig rational agieren lässt. Aber so perfekt sie abseits davon wirkt, sie war einfach eine Figur, die man von der ersten Sekunde an mögen muss, weil bei ihr alles auf dem Silbertablett serviert wird. Man weiß, woran man ist und diese Voraussetzung macht es möglich, dass man den dramatischen Verlauf der Handlung auch doppelt und dreifach nachempfinden kann.

Vorab konnte ich nicht wirklich abschätzen, in welche Richtung sich "All Together Now" wohl entwickeln würde, denn vom Papier her wirkte es wie eine typische High-School-Geschichte, die nur nicht so extrem mit den stereotypen Figuren um sich wirft. Aber weit gefehlt: "All Together Now" scheut sich nicht, eine Geschichte mitten aus dem Leben zu erzählen und damit an eine Schmerzgrenze zu gehen. Cravalho bekommt hier Unterstützung von gleich zwei starken Frauenfiguren: Machado als ihre Mutter Becky und Judy Reyes ("Devious Maids") als ihre Ersatzmutter Donna. Becky ist die Mutter, die auf einmal alleinerziehend ihrer Tochter ein gutes Leben bieten muss. Doch sie kann diesem sozialen und emotionalen Druck nicht standhalten, weswegen sie immer mehr dem Alkohol verfällt und abhängig wird von einem Mann, der sie missbraucht. So sehr sie ihre Tochter Amber auch liebt, so kommt ihr doch immer mehr das Gefühl dafür abhanden, was für ihr Kind und vor allem auch für sich selbst richtig ist. Machado, die ohnehin eine Naturgewalt von Schauspielerin ist, hat diese Selbstdekonstruktion in ihren wenigen Szenen unheimlich berührend dargestellt. Man hat ihr ihre innere Zerrissenheit und später den Absturz in die endgültige Abwärtsspirale in jeder Sekunde abgenommen. Reyes als Donna spielt ein wenig das Gegenkonzept dazu. Ihr Sohn Ricky (Anthony Jacques) ist offenbar autistisch, auch wenn das nie konkret angesprochen wird, aber obwohl ihr das Leben auch eine gewisse Herausforderung gestellt hat, trägt sie das mit Dankbarkeit und bedingungsloser Mutterliebe. Auch wenn Amber auf einen treuen Freundeskreis blicken kann, so ist es doch Donna, die ihre wichtigste Stütze wird, weil sie eben selbst Mutter ist.

Es ist ein ruhig erzählter Jugendfilm, der zu keinem Zeitpunkt zu viel will und genau deswegen aus dem Netflix-Programm heraussticht. Natürlich beschwere ich mich über die typischen Filme auch nicht, weil sie genauso dazugehören und eben mit anderen Aspekten zu überzeugen wissen. Dennoch ist es zur Abwechslung immer wieder nett, einmal andere Filme zu sehen. Sei es hier eben wegen der Freundesclique, die gespickt ist von sehr individuellen Persönlichkeiten und wo auch der Love Interest Ty (gespielt von Rhenzy Feliz aus "Marvel's Runaways") keine eindringliche Rolle einnimmt. Es ist klar, dass die beiden füreinander bestimmt sind. Ihn sucht Amber auf, wenn sie am dringendsten ein offenes Ohr braucht und er ist der Erste, der sie auf den Punkt genau zu analysieren weiß. Doch der Film handelt eben nicht davon, wie ihrer epischen Liebe zig Steine in den Weg gelegt werden, sondern es ist klar, dass sie in ihrem eigenen Tempo ihren Weg zueinander finden werden, auch wenn es vielleicht etwas länger dauert.

Erst ganz zum Schluss wird es dann richtig kitschig, aber auch das passte überraschend gut zu "All Together Now". Die jährliche Variety-Show war eine Gelegenheit für lustige und emotionale Momente, die dem Film ein wenig seine Schwere nehmen und stattdessen Optimismus schenken. Hier wurde es auf einmal vorhersehbar, aber dennoch hatte man das Gefühl, dass es genau so sein muss, weil eine Figur wie Amber es so verdient hat.

Fazit

"All Together Now" ist bisher ein kleines Highlight aus dem Netflix-Jahr 2020. Der Film kam eher als Underdog daher, aber emotional, dank vor allem schauspielerisch unaufgeregten und dadurch intensiven Darbietungen, hat er mich völlig mit sich gerissen. Hier konnte ich mir am Ende sagen: "Schade, dass es vorbei ist."

Lena Donth - myFanbase
03.09.2020

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