Bewertung: 8
Susanne Bier

Bird Box - Schließe deine Augen

Under no circumstances are you allowed to take off your blindfold.

Foto: Julian Edwards, Sandra Bullock & Vivien Lyra Blair, Bird Box - Schließe deine Augen - Copyright: Courtesy of Netflix
Julian Edwards, Sandra Bullock & Vivien Lyra Blair, Bird Box - Schließe deine Augen
© Courtesy of Netflix

Inhalt

Wie aus dem Nichts gerät die Welt aus den Fugen, denn unheimliche fast unsichtbare Wesen bevölkern die Erde und jeder, der sie zu Gesicht bekommt, verliert den Verstand und begeht innerhalb weniger Momente Selbstmord. Mallory (Sandra Bullock) schafft es hochschwanger gerade noch so in ein Haus, in dem sich mehrere Leute verschanzen, die Gardinen zugezogen haben und so vermeiden, dass es sie ebenfalls erwischt. Doch die Gefahr lauert ständig und als mit der Zeit die Vorräte ausgehen, muss sich die Gruppe unweigerlich dazu zwingen, nach draußen zu gehen. Der Ausflug verschafft ihnen viele neue Lebensmittel, aber auch wieder einen Verlust. Und es ist absehbar, dass es immer so weiter gehen wird, denn der Gegner wartet nur auf den nächsten Fehler. Es bleibt schließlich nur die Frage, ob man irgendwann verzweifelt genug ist, um die gefährliche Reise den Fluss entlang anzutreten, um an einen Ort zu gelangen, der Sicherheit verspricht.

Kritik

Ich bin ja schon seit einiger Zeit gar kein richtiger Filmfan mehr, weil die Länge einer Serienepisode viel besser in meinen Zeitplan am Abend passt, als meist zwei Stunden lange Filme, für die man entsprechend Zeit haben muss. Der Trailer zu "Bird Box" hat es mir dann aber doch sofort angetan und sich auf meiner Serienliste einfach mal dazwischen geschoben. Nun bin ich zum einen ein Fan von Sandra Bullock, weil sie während meiner Jugend in Filmen wie "Das Netz" oder "Während du schliefst" absolut überzeugen konnte. Zum anderen mag ich auch diese Weltuntergangsszenarien, in denen der Mensch eigentlich keine Chance hat. In "Bird Box" kommen also genau diese beiden Faktoren zusammen und damit hatte der Film eigentlich schon gewonnen. Trotzdem muss man auch deutlich machen, dass man mit plumpen Klischees oder einer schlechten Storyline auch viel hätte verderben können. Doch das war hier nicht der Fall.

Der quasi unsichtbare Gegner sorgte für einen tollen Gruselfaktor, zumal die Selbstmorde in ihren Inszenierungen auch noch ihr Übriges taten. Diese absolute Handlungsunfähigkeit lässt es einen kalt den Rücken runterlaufen. Sonst mag es ja gerne doch immer noch mal einen Ausweg geben, doch hier war einfach klar, wenn man erwischt wird, gibt es keine Rettung mehr. Das ist für die Psyche beim Schauen schon extrem belastend, weil man sich zumindest mit Teilen der Gruppe schnell identifizieren kann. Und das ist so, obwohl man durch die zwei Zeitebenen im Film eigentlich schon weiß, wer es wohl alles nicht schaffen wird, denn man erzählt zum einen die Geschichte von Mallorys letzter Flucht zum möglichst rettenden Ort mit zwei Kindern, zum anderen eben im Wechsel dazu wieso sie die drei überhaupt auf diese gefährliche Reise aufmachten, wieso also die Gruppe trotz eigentlich ganz guter Einstellung auf die heftige Situation doch keine Chance hatte. Das die Szenen außerhalb einer Behausung, also insbesondere die Flucht Mallorys, immer mit verbundenen Augen stattfinden mussten und dies auch gerne aus mit Ich-Perspektive umgesetzt wurde, war man als Zuschauer mittendrin und fühlte sich an die Unübersichtlichkeit im Stile "Blair Witch Project" erinnert. Der Gruselfaktor wurde also auch durch die Kameraführung gut unterstützt.

Die Gruppendynamik, die vor allem im ersten Teil des Filmes eine Rolle spielt, war zwar ein Stück weit stereotyp besetzt (ein mürrischer alter Mann, der immer nein sagt, emotionale, gutgläubige Frauen, die versuchen, die Gruppe zusammen zu halten, der Afroamerikaner mit den Sprüchen, den es als ersten erwischt, der Love Interest usw.), aber jede Figur ist für die Kürze der Zeit schlüssig gezeichnet und wirkt nicht übertrieben oder plump umgesetzt. Es sticht eben auch niemand so richtig heraus, weil Sandra Bullock schon viele Szenen durch das Drehbuch bedingt einnimmt.

Dass die Situation eigentlich nahezu aussichtslos ist, hat dem Film natürlich auch ein besonderes Flair verliehen. Und Mallory ging es ebenso, wie man gut daran festmachen konnte, dass sie den beiden Kindern keine Namen gegeben hatte und sie immer nur Junge und Mädchen rief, um keine emotionale Bindung eingehen zu müssen und an einem Verlust zu zerbrechen. Auch das fühlt sich heftig an, wenn man sich in diese Situation hineinversetzt. In der Aussichtslosigkeit setzten allerdings auch zwei kleine Kritikpunkte an. Eigentlich fand ich es sehr gelungen, dass man Vögel mit ihrem Gespür nutzt, um auf die unsichtbare Gefahr aufmerksam zu machen. Da in einer Lesart auch der Titel auf die Bedeutung der Vögel hinabzielt, ist mir dies aber viel zu selten im der Geschichte eingesetzt worden. Hier wurde doch Potenzial verschenkt bzw. der Titel nicht ideal gewählt, auch wenn man als zweite Deutung darauf aufmerksam macht, dass auch der Mensch durch die Umstände plötzlich wie in einem Vogelkäfig gefangen ist.

Auch der letztendliche Ausweg aus dem Dilemma, ist nicht ganz zu Ende gedacht. (Achtung: wer nicht wissen will, wie der Film endet, sollte hier aufhören und zum Fazit springen) Da die Gefahr im Sehen besteht, ist die Überraschung nicht so groß, dass die Blinden sich noch immer pudelwohl fühlen. Wieso die Blindenschule dann aber der Unterschlupf und Rettungsort für alle sein soll, erschließt sich mir nicht. Hier erfährt man am Ende auch einfach zu wenig über die gegnerische Macht und wie man sich vielleicht auch selbst angreifen kann. Eventuell soll das auch bewusst offen bleiben, doch ich fand das kleine Happy End dann doch etwas plump.

Fazit

Mit "Bird Box" ist Netflix eine gruselige Dystopie gelungen, die durch die unsichtbare Gefahr den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen weiß. Einzig beim Happy End und der Rolle der Vögel sehe ich noch Verbesserungspotenzial, weswegen der Film insgesamt nicht überragend ist. Trotzdem gibt es von mir eine klare Guckempfehlung.

Zum großen Netflix-Special auf myFanbase

Emil Groth - myFanbase
22.03.2020

Diskussion zu diesem Film