Bewertung: 7
Christopher Nolan

Dunkirk

Als 400.000 Männer nicht zurück in die Heimat konnten, kam die Heimat zu ihnen.

Foto: Copyright: 2017 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.
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Inhalt

Im Mai 1940 tobt die Schlacht von Dünkirchen. Hunderttausende britische und französische Soldaten wurden vom Feind eingekesselt und können nicht zurück in die Heimat. Unter ihnen befindet sich der junge Soldat Tommy (Fionn Whitehead). Am Strand von Dünkirchen verbündet er sich mit dem einsilbigen Gibson (Aneurin Barnard), der gerade einen Kameraden im Sand vergraben musste. Gemeinsam versuchen sie auf einen bald auslaufenden Zerstörer zu gelangen, der sie nach Hause bringen soll. Doch die ständigen Bombardierungen aus der Luft erschweren die Flucht. Commander Bolton (Kenneth Branagh) hat hingegen mit organisatorischen Problemen an der Mole zu kämpfen.

Parallel wiedersetzt sich der entschlossene Mr. Dawson (Mark Rylance) der Navy, die sein Boot beschlagnahmt hat. Mit seinem Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dem spontan hinzugestiegenen George (Barry Keoghan) macht er sich selbst auf den Weg nach Dünkirchen, um die umzingelten Soldaten zu befreien. Als sie einen in Seenot geratenen Soldaten (Cillian Murphy) aufnehmen, eskaliert die Situation an Bord. Die beiden Spitfire-Piloten Farrier (Tom Hardy) und Collins (Jack Lowden) verteidigen Stunden später den Luftraum über Dünkirchen und lassen sich auch durch eine defekte Spritanzeige nicht von ihrer Mission abbringen.

Kritik

Nominiert für acht Oscars hat das historisch belegte Kriegsdrama von Christopher Nolan ("Inception") in diesem Jahr durchaus gute Karten, die eine oder andere Goldtrophäe abzustauben unter anderem in den Kategorien 'Bester Film' und 'Beste Regie'. Bei Kritikern und dem Publikum spalten sich die Meinungen. Die einen preisen "Dunkirk" als ein einzigartig inszeniertes Meisterwerk. Andere wiederum sprechen von einem ermüdenden Kriegsfilm, der historische Fakten ausspart.

Tatsächlich bietet "Dunkirk" eine eher lückenhafte Nacherzählung um die britische Operation Dynamo, die zu Beginn des zweiten Weltkrieges über 300.000 Soldaten das Leben rettete. In dieser Hinsicht ergänzt sich das von Joe Wright ebenfalls mehrfach für den Oscar nominierte Historiendrama "Die dunkelste Stunde" (mit einem grandiosen Gary Oldman in der Hauptrolle) epochal mit "Dunkirk". Indes sich Christopher Nolan auf den recht unblutig gehaltenen Überlebenskampf der britischen und französischen Soldaten in der von Nazi belagerten Küstenstadt Dünkirchen konzentriert, thematisiert Joe Wright das politische Ringen von Winston Churchill mit Adolf Hitler sowie dem eigenen Parlament, infolgedessen er eine riskante Befreiungsmission um Dünkirchen verfügte. Gesamtheitlich betrachtet verschaffen beide Filme einen gut fassbaren Einblick um die geschichtlichen Ereignisse.

Zu Beginn von "Dunkirk" definieren wenige Worte, gehalten in weißer Schrift auf schwarzem Untergrund, den Ist-Zustand. Eine überschaubare Gruppe britischer Soldaten streift durch die verlassene Küstenstadt. Flugblätter regnen vom Himmel. Auf ihnen ist die Küste um Dünkirchen mit den Worten "WE SURROUND YOU" abgedruckt. Sekunden später ertönen Schüsse. Soldaten fallen. Der junge Tommy, gespielt von dem noch recht unbekannten Fionn Whitehead, schafft es als einziger an den Strand, wo tausende Soldaten auf ihre Evakuierung warten und nun von einem Bombenhagel aus der Luft überrascht werden. Weitere Angriffe des unsichtbaren Feindes werden folgen.

Christopher Nolan, der hier den Regiestuhl besetzte und das Drehbuch schrieb, katapultiert den Beobachter direkt in die Gefahrenzone. Die Schlüsselfiguren werden umstandsbedingt eingeführt, über die Vergangenheit erfährt man kaum etwas. Die Persönlichkeiten ergründen sich vielmehr aus der Situation heraus. Eingangs wird wenig kommuniziert. Die Bilder sprechen für sich. Was zählt ist das Hier und Jetzt die Angst, der sehnsuchtsvolle Blick auf die nahe Heimat und das nackte Überleben selbst. Unter anderen Umständen würde man die Protagonisten wohl als eindimensional bezeichnen. "Dunkirk" aber lenkt den Blick geradezu auf das Überlebensszenario inmitten eines sinnlosen Krieges, in dem lediglich von Bedeutung ist, woher man kommt, nicht wer man im Kern ist. In entscheidenden Augenblicken ist es regelrecht von Belang, ob ein Brite oder Franzose um Unterstützung bittet.

Tempo wird durch die drei Zeitebenen an Land, auf See und in der Luft erzeugt, die nicht immer chronologisch geordnet miteinander verflochten werden. Da ist zum einen Tommy, der über mehrere Tage mit einem wortkargen Verbündeten alles daransetzt, um auf ein Schiff in Richtung Heimat zu gelangen. Ein couragiertes Trio, dargestellt von Mark Rylance ("BFG - Big Friendly Giant"), Barry Keoghan ("The Killing Of A Sacred Deer") und Tom Glynn-Carney ("Tolkien"), eilt hingegen binnen eines Tages mit einem kleinen Privatboot nach Dünkirchen und sammelt unterwegs einen traumatisierten Soldaten (Cillian Murphy) auf, der sie beharrlich zur Umkehr zu überreden versucht. Unterdessen spielt sich die dynamische Luftverteidigung, mit Tom Hardy ("Dark Knight Rises, The") und Jack Lowden ("Krieg und Frieden") im Cockpit, innerhalb einer Stunde ab. Alle diese Beteiligten geraten alsbald in einen persönlichen Konflikt, der "Dunkirk" in all seiner Konsequenz umso menschlicher erscheinen lässt. Der Cast liefert hier ein authentisches Zusammenspiel ab.

Begleitet wird das bedrückende Szenario unaufhörlich von dem fiebrig arrangierten Soundrack des Hollywood-Komponisten Hans Zimmer. Mitunter hört man den zur Eile mahnenden Uhrzeiger förmlich im Hintergrund anklopfen. Immerhin rückt der Feind, der sich lediglich in Form von Einschusslöchern, Bombeneinschlägen oder im Visier der britischen Piloten zu erkennen gibt, Stunde um Stunde näher. Das erhöht den Druck. Die Kamera ist dabei stets dicht am Geschehen dran. Man fühlt förmlich die Enge der Soldaten im inneren eines Schiffsbauches, hält den Atem an, wenn Bomben direkt neben dem jungen Tommy einschlagen und atmet auf, wenn die ersten Boote in Dünkirchen eintreffen und Momente der Hoffnung die Gesichter erhellen. Am Ende erweist sich "Dunkirk" als ein Kriegsfilm mit dokumentarischem Charakter, der ohne Blut und offene Wunden auskommt, stattdessen auf eine bedrohliche Geräuschkulisse setzt, die den Herzschlag des Zuschauers pausenlos beschleunigt.

Fazit

Drehbuchautor und Regisseur Christopher Nolan liefert mit "Dunkirk" keine allzu informationshaltige Geschichtsstunde ab. Das historische Kriegsdrama um die französische Küstenstadt Dünkirchen fokussiert vielmehr den Überlebenskampf der britischen wie französischen Soldaten zu Beginn des zweiten Weltkrieges und bleibt dabei erstaunlich unblutig. Die drei Zeitebenen steigern zunehmend das erzählerische Tempo und beschleunigen den Puls. Darüber hinaus bleiben einem die Schlüsselfiguren aufgrund fehlender Biografien zwar teils fremd, im Handlungsverlauf gewinnen sie aber situationsbedingt an Persönlichkeit.

Doreen B. - myFanbase
04.03.2018

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