Bewertung: 9
Lars von Trier

Melancholia

"I smile, and I smile, and I smile."

Foto: Copyright: 2011 Concorde Filmverleih GmbH
© 2011 Concorde Filmverleih GmbH

Inhalt

Die bildhübsche Justine (Kirsten Dunst) umgibt eine tiefe Traurigkeit, die ihr Leben bestimmt und sie am Glücklichsein hindert. Die Hochzeit mit dem charmanten und liebevollen Michael (Alexander Skarsgård) soll endlich ein wenig Licht und Normalität in das Leben von Justine bringen. Doch die Hochzeitsfeier auf dem pompösen Anwesen ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) wird zum Desaster: Justine kann die ritualisierte und gespielte Glückseligkeit der anwesenden Gäste nicht lange ertragen und geht auf Distanz: So sehr sie sich auch bemüht, die tief in ihr wohnende Traurigkeit kann sie nie wirklich abschütteln. Ihre einzige wirkliche Faszination gilt nur dem Planeten Melancholia, der Kurs auf die Erde nimmt und alles Leben auf einen Schlag zerstören könnte.

Kritik

Lars von Trier hat einen neuen Film gedreht. Diese Tatsache geriet in letzten Zeit zunehmend in den Hintergrund, da weniger über das neue filmische Werk des dänischen Skandalregisseurs gesprochen wurde, sondern vielmehr über dessen zweifellos unangebrachtes Verhalten während einer Pressekonferenz in Cannes. Man kann zu der Person von Trier stehen wie man will, fest steht, dass er momentan zu den aufregendsten und interessantesten Filmemachern der Welt gehört. Filme des streitbaren Dänen sind immer ganz besondere, tief ins Gedächtnis einbrennende Erlebnisse. Es sind Filme, die den Zuschauer fordern, die oftmals wehtun, einen persönlich aber auch ungemein bereichern. Nach einem von-Trier-Film schlendert man nicht gemütlich aus dem Kino, man taumelt wie ein Boxer kurz vor dem K.O. Welcher Filmemacher schafft es heutzutage noch, mit den Mitteln des Films eine solch enorme Wirkung zu entfachen? Lars von Trier hat es mit seinem neuesten Streich, dem destruktiven Weltuntergangsdrama "Melancholia", wieder einmal geschafft.

Gleich die ersten Minuten von "Melancholia" strotzen nur so vor kreativer Energie und zerstörerischer Schönheit. Es sind Bilder, die so auch in einer Kunstgalerie hängen könnten und die einen direkt ohne Umschweife in dieses filmische Werk hineinziehen und eine fast hypnotische Wirkung entfachen, welcher man sich schwer entziehen kann. Unterlegt ist diese grausam-schöne Bilderfolge mit einem sich stetig steigernden klassischen Filmscore, welcher schlussendlich in einer musikalischen Explosion mündet. Erst danach beginnt der eigentliche Film, welcher in zwei Teile unterteilt ist, welche mit den Namen der beiden Hauptprotagonistinnen betitelt sind. Der erste Teil, "Justine", dreht sich um eine Hochzeit. Das Fest der Liebe und des Glücks. Doch bei von Trier ist es ein Fest unterdrückter Gefühle, ein Fest des verzweifelten Bemühens, Glück vorzutäuschen und schlussendlich ein Fest des Niedergangs. Wie schon in seinem letzten Werk, der dystopischen Beziehungsstudie "Antichrist", geht es auch hier um die zerstörerische Kraft, die das psychische Leiden der Depression verursachen kann.

Von Trier, welcher bekanntermaßen selbst unter Depressionen leidet, erforscht die fragile Seele der von Kirsten Dunst meisterlich gespielten Justine auf beeindruckend intensiv-ehrliche Weise. Selten wurde im Kino das Thema Depression authentischer behandelt. Dass das filmische Konstrukt so gut funktioniert, liegt aber auch zum großen Teil an Hauptdarstellerin Dunst, die hier definitiv die beste Leistung ihrer ganzen Karriere abliefert. Jeder Blick von ihr trifft mitten ins Herz, das Bemühen, glücklich zu sein und das permanente Scheitern daran, gelingt Dunst in ihrem ruhigen, überlegten und gleichzeitig mitreißenden Spiel perfekt. Man leidet und weint bis zuletzt mit dieser ambivalenten Figur, deren Todessehnsucht und kühle Apathie schockieren. Aber auch der übrige Cast ist bis in die kleinste Nebenrolle herausragend besetzt: Sei es "True-Blood"-Star Alexander Skarsgård als bemühter, aber hilfloser Ehemann, die von Trier erfahrene Charlotte Gainsbourg als lebensbejahende, aber ebenso hilflose Schwester Claire, Kiefer Sutherland, der hier konsequent mit seinem All-American-Hero-Image bricht, John Hurt als Justines Vater oder Schauspiellegende Charlotte Rampling als Justines verbitterte Mutter. Ein imposanter Cast, welcher Imposantes leistet.

Im zweiten Teil des Films wird der Fokus ein wenig verschoben und auf Justines Schwester Claire gerichtet. Eine Frau, die im Gegensatz zu ihrer Schwester am Leben hängt und eine sie innerlich zerfressende Angst vor dem Tod, dem Ende allen Lebens hat. Der zweite Teil kann als fesselndes Kammerspiel zwischen vier Personen im Angesicht des Todes beschrieben werden. Das Ende der Welt steht kurz bevor und wir begleiten die beiden Schwestern Justine und Claire dabei, wie sie mit diesem Umstand umgehen. Die eine immer noch voller Hoffnung, dass die Erde doch noch verschont bleibt, die andere hat mit dem Leben bereits abgeschlossen und wartet fast sehnsüchtig auf das für sie erlösende Ende aller Tage. Von Trier entfacht dabei eine ungeheure intensive, niederschmetternde Stimmung, die lange nachwirkt. Er kreiert ein bitteres Endzeitszenario in überästhetisierten Bildern. Selten sah der Weltuntergang so schön aus wie in "Melancholia".

Fazit

Insgesamt ist "Melancholia" ein filmisches Erlebnis, welches sehr schwer in Worte zu fassen ist und man selbst erlebt haben muss. Ein Film wie ein verstörendes Gemälde, vollgepackt mit Traurigkeit und tiefem, nervenzerfetzendem Weltschmerz. Ein weiterer Blick in die dunkle Seele Lars von Triers. Ein Monstrum von Film, welches lange nachwirkt.

Moritz Stock - myFanbase
23.10.2011

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