Bewertung: 7
Darren Aronofsky

Black Swan

"Stop being so fucking weak!"

Foto: Copyright: 20th Century Fox
© 20th Century Fox

Inhalt

Die Balletttänzerin Nina Sayers (Natalie Portman) erhält die Chance, die Primaballerina in Tschaikowskis "Schwanensee" zu spielen, mit dem das New Yorker Ballett seine Saison eröffnen wird. Nina ist perfekt für die Rolle der unsicheren weißen Schwanenkönigin, hat jedoch noch Probleme damit, den verführerischen schwarzen Schwan so zu spielen, dass er den Ansprüchen des exzentrischen Regisseurs Thomas Leroy (Vincent Cassel) genügt. Für diesen Part scheint wiederum die neue Tänzerin Lily (Mila Kunis) geradezu prädestiniert. Es beginnt ein nervenaufreibender Konkurrenzkampf, der sich für Nina schnell zu einem Alptraum entwickelt, da er sie zwingt, sich mit den dunklen Seiten ihrer Persönlichkeit auseinanderzusetzen.

Kritik

Ein wenig ungewöhnlich ist es schon, einen Film über Ballett zu machen und diesen dann auch noch in einen Psychothriller zu verwandeln. Aber Darren Aronofsky ("Requiem for a Dream", "The Wrestler"), einer der zurzeit zweifellos besten Regisseure, beweist mit "Black Swan" eindrucksvoll, dass sowas funktionieren kann. Dabei sind Ähnlichkeiten zu seinem Vorgängerwerk "The Wrestler" auf den ersten Blick durchaus reichlich vorhanden. In beiden Fällen wird das Leben eines Menschen portraitiert, der versucht, gleichzeitig seine privaten Probleme und die, die er in seinem Sport bzw. in seiner Kunst hat, unter einen Hut zu bringen. Der jeweilige Hauptcharakter ist in beiden Filmen in praktisch jeder Szene zu sehen und es gibt einen halb-dokumentarischen Blick hinter das Ballett-/Wrestling-Geschäft. Dennoch ist "Black Swan" mehr als lediglich "The Wrestler 2.0", denn die Erzählweise unterscheidet sich bei beiden nichtsdestotrotz deutlich.

Während Aronofsky bei "The Wrestler" den Schwerpunkt darauf legte, die Geschichte größtenteils linear zu erzählen, sind bei "Black Swan" insbesondere in der zweiten Hälfte des Films zahlreiche Traumszenen/Halluzinationen vorhanden, die die Story nur bedingt weiterbringen, sondern vor allem der Charakterzeichnung dienen. Damit dies gelingt, weicht Aronofsky jedoch leider auf eine recht offensichtliche Inszenierung aus, die in dieser Form das eine oder andere Mal recht unpassend wirkt, denn er bemüht allzu oft Horrorfilmklischees, um den Schrecken, der Nina widerfährt, auch auf den Zuschauer zu transportieren. Die Schockmomente sind nicht gerade selten auch schlicht und ergreifend schlecht getimt, sodass geradezu die Sekunden bis dahin gezählt werden können. Auch die benutzte Symbolik erinnert teilweise eher an Aronofskys "The Fountain", also an den Film, der bis zum heutigen Tage selbst von den Fans seiner anderen Filme durchaus kritisch gesehen wird. Braucht es beispielsweise für die charakterliche Transformation eines Menschen auch tatsächlich die (sichtbare) körperliche, damit selbst unaufmerksame Zuschauer dem Geschehen folgen können, und dies mehrmals? Dies jedoch ist nicht nur der einzige Kritikpunkt an der Inszenierung, sondern auch am Film selbst.

Sehr gelungen ist in dieser Hinsicht zum Beispiel der visuelle Aspekt. Die Kontrastfarben Schwarz und Weiß sind im Film zuhauf zu finden, um Gut und Böse, Unschuld und Dunkelheit, kindliche Unsicherheit und verruchte Sünde darzustellen. Dies geschieht zwar zeitweise auch auf recht offensichtliche Art und Weise, Aronofsky scheint dies jedoch durchaus bewusst, weswegen er immer wieder gekonnt diese Grenzen verwischt und beispielsweise die Charaktere je nach dem, was sie gerade tun, in die jeweils "andere" Farbe hüllt. Auch im Setting selbst sind die Farben Schwarz und Weiß omnipräsent und erlauben immer wieder kleine Ratespiele darüber, was die jeweils dominante Farbe nun über die Motivationen und Taten der sich in der Szene befindlichen Figuren aussagt. Dazu kommt immer wieder das Motiv der Reflektion zum Tragen, sowohl bei sich selbst (meist durch Spiegel realisiert) als auch darüber, wie andere einen sehen und gesehen werden. Nicht selten unterscheiden sich die zwei Perspektiven, wodurch eine Verzerrung herbeigeführt wird, die dem Zuschauer immer wieder die Sicherheit nimmt, gerade zu wissen, was nun real ist und was nicht. Dadurch wird er gezwungen, auf Kleinigkeiten zu achten und immer beide Seiten des Ganzen zu betrachten.

Der größte Pluspunkt von "Black Swan" ist jedoch der zweifelsohne herausragende Cast, angeführt von einer Natalie Portman, die wahrlich eine Offenbarung ist. Bereits in "Hautnah" bewies sie, welch eine großartige Schauspielerin sie ist, nun ist sie in Sphären vorgestoßen, bei denen alles andere als ein Oscar eine Überraschung wäre. Sie scheint wie geboren für die Rolle der fragilen und teils kindlich-naiven Nina, die sich ob all der Repressalien, denen sie privat und im Ballett ausgesetzt ist, in ihr dunkles Ich flüchtet und sich so versucht zu emanzipieren. Vincent Cassel spielt den schmierigen und undurchsichtigen Regisseur Thomas als hätte er nie eine andere Rolle inne gehabt und schafft es bis zum Ende, aus ihm ein Mysterium zu machen. Mila Kunis ist der wohl größte Sprung gelungen: Von einer bisweilen albernen Comedyserie zu einer Darstellerin in Filmen, die ihr Können kaum forderten, bis zu einer Golden-Globe-Nominierung als beste Nebendarstellerin, die mehr als verdient ist. Erst durch sie und ihre Rolle als Lily erzeugt der Film die nötige Brisanz und erst durch ihre Freundschaft mit Nina beginnt der allmähliche Abwärtsstrudel für Nina richtig. Mila Kunis gelingt es, durch ihre impulsiv-sinnliche Rolle eine ganz ungewöhnliche Faszination auszustrahlen und dadurch einen Kontrast zu Portmans Charakter herzustellen, der den Film bis zum Ende trägt. Als ob dies nicht genug wäre, beeindruckt Barbara Hershey als obsessive und überfürsorgliche Mutter Ninas, die ihr das Zuhause unbewusst zur Hölle macht. Wäre auch sie neben Mila Kunis für einen Golden Globe nominiert worden, man wäre nicht überrascht gewesen. In einem kleinen aber nicht minder imposanten Part empfiehlt sich darüber hinaus Winona Ryder für höhere Aufgaben, nachdem sie in den letzten Jahren trotz vielversprechenden Engagements eher von der Bildfläche verschwunden ist.

Fazit

"Black Swan" lebt von den überragenden Performances von Oscarfavoritin Natalie Portman und seines restlichen Casts. Auch optisch ist der Film eine Wucht, lediglich bei der Inszenierung wäre eine weniger offensichtliche Herangehensweise sowohl bezüglich der vorhandenen Schockelemente als auch der Symbolik wünschenswert gewesen. Nichtsdestotrotz ist Darren Aronofsky ein faszinierender Blick hinter die Kulissen des Balletts und hinter die Fassade, die dafür aufrecht zu erhalten versucht wird, gelungen, der mehr als sehenswert ist.

Andreas K. - myFanbase
01.01.2011

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