Bewertung: 8
Werner Herzog

Bad Lieutenant Cop ohne Gewissen

"It's amazing how much you can get done, when you got a simple purpose guiding through life."

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Inhalt

Terence McDonagh (Nicolas Cage), ein Sergeant der Polizei von New Orleans, erhält eine Medaille und sogar eine Beförderung zum Lieutenant für sein Heldentum während des Hurrikans von Katrina. Doch während seiner heroischen Tat verletzt er seinen Rücken und wird abhängig von Schmerzmedikamenten. Er wird zunehmend süchtig nach Drogen, Sex und Glücksspiel, sodass sein Alltag bald aus Prostituierten-Freundin Frankie (Eva Mendes), Wettschulden bei seinen Buchhaltern, Drogenkonsum direkt an Tatorten oder auch mal einem Quickie mit einer Verdächtigen zur Besänftigung besteht. Als er schließlich auf die Fährte von Big Fate (Alvin "Xzibit" Joiner) angesetzt wird, der im Verdacht steht, fünf senegalesische Immigranten getötet zu haben, brechen alle Dämme.

Kritik

Werner Herzog ist ein Multitalent. Der gebürtige Münchner ist nicht nur ein Filmregisseur, sondern auch Inszenator zahlreicher Opern, Autor, Schauspieler und Produzent. Auf sieben Kontinenten hat er schon gedreht, 2008 wurde er für seine Dokumentation "Encounters At The End Of The World" für einen Oscar nominiert, unvergessen sind seine Filme mit Klaus Kinski in der Hauptrolle, bei den Filmfestspielen von Venedig 2009 war er der erste Regisseur überhaupt, der gleich mit zwei Filmen für den Goldenen Löwen nominiert war. Nie hat er dabei so etwas wie einen normalen Film abgeliefert, immer gab es etwas Besonderes, sei es nun die Auslotung von Grenzen, spezifische Filmelemente, die im Mainstreamkino nie ankämen, oder die sich ganz allgemein bewusst bestimmten Trends entgegensetzen.

"Bad Lieutenant Cop ohne Gewissen" ist trotz der des gleichen Präfixes kein Remake des Kultfilms von Abel Ferrara aus dem Jahre 1992 mit Harvey Keitel in der Hauptrolle. Doch der Produzent der 1992 und 2009 Filme, Edward Pressman, hat es als klugen Schachzug angesehen, gewisse Ähnlichkeiten bei der Hauptfigur dadurch zu erklären, dass Herzog sich bei Ferrara bedient hätte. Entsprechend wütend war Ferrara, der Herzogs Werk so gar nichts abgewinnen kann. Dass Herzog Ferraras Werk nie gesehen hat und nur grobe Eckpunkte überhaupt kennt, scheint unwichtig, wenn es darum geht, einen Film Herzogs einem breiteren Publikum schmackhaft zu machen. Bis zuletzt hat sich Herzog gegen den Titel gewehrt, unterlag am Ende jedoch. Letzten Endes ist die einzige Gemeinsamkeit der beiden Filme dann auch wirklich nur die Hauptperson, ein korrupter, drogen-, sex- und spielsüchtiger Cop. Doch selbst hierbei gibt es die ersten Unterschiede, da Harvey Keitels Figur unbarmherzig war, während Nicolas Cages Verkörperung bestechlich und dazu bereit ist, alles und jeden zu hintergehen, wenn er dafür einen entsprechenden Anreiz erhält.

Cage ist der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Films, um ihn geht es, ihm muss der Zuschauer folgen. Und während Nicolas Cage in der Vergangenheit entweder sichtlich gelangweilt agierte oder Overacting betrieb, läuft er für "Bad Lieutenant Cop ohne Gewissen" nochmal zu einer Form auf, die man ihm wohl nicht zugetraut hätte. Der ganze Wahnsinn in der Figur, die körperlichen Schmerzen, die durch den gebeugten Rücken und die permanent angespannte Schulter McDonaghs offenbart werden, die gequälte Mimik, all das können nur wenige Schauspieler bewerkstelligen, ohne dass es ihnen als Overacting angelastet werden würde. Doch Cage gelingt dieser Drahtseilakt in seiner wohl besten schauspielerischen Leistung seit "Leaving Las Vegas" vor knapp fünfzehn Jahren. Dass er aber 2003 noch für seine Rolle in "Adaptation." zum zweiten Mal für einen Oscar nominiert wurde, sollte alles aussagen. Die One-Man-Show ist derart präsent, dass zwangsläufig nahezu jeder, der mit ihm eine Szene teilt, untergeht. Dennoch überzeugen auch zahlreiche andere Darsteller, allen voran Eva Mendes als Prostituierte Frankie, Jennifer Coolidge als Freundin von Terences Vater, Fairuza Balk als Streifenpolizistin und on-and-off-Freundin sowie Brad Dourif als Buchmacher. Val Kilmer als McDonaghs Partner ist zwar da, aber kaum wirklich präsent und Michael Shannon, 2009 für seine Rolle in "Zeiten des Aufruhrs" noch für einen Oscar nominiert, fällt kaum auf. Vielleicht verdeutlicht das am Besten, was Nicolas Cage hier abzieht.

Besonders auffallend ist dies in einer sehr markanten Szene, in der McDonagh einen Collegestudenten mit seiner Freundin einen Club verlassen sieht und die beiden in der Hoffnung, dass sie Drogen (für ihn!) dabei haben, stellt. Während der Student versucht, McDonagh aus Angst vor seinem Vater mit Geld zu bestechen, und dessen Freundin sogar eine vermeintlich 60.000 $ teure Brosche anbietet, will McDonagh doch nur Drogen und die Freundin. Und so kommt es, dass McDonagh auf einem dreckigen Parkplatz Marihuana raucht und einen Quickie mit einer Frau abzieht, deren Freund ihr dabei auch noch zusieht, eben weil er die Staatsgewalt ist und das jeden merken lässt. Mit seinem Drogenfang geht er dann zu seiner Prostituierten-Freundin Frankie und teilt sich die Beute dort.

Natürlich kann Werner Herzog nicht einfach einen "normalen" Film drehen, das wäre nicht seine Art. Und auch so finden sich in einem Film, der wohl am ehesten die breite Masse anspricht im Vergleich zu seinen anderen Werken, auch diesmal wieder Inszenierungselemente, die man sonst in dem Genre nicht findet. In "Bad Lieutenant Cop ohne Gewissen" sind dies Szenen mit Nahaufnahmen von Krokodilen und Leguanen, die sich scheinbar abseits des Geschehens befinden. Doch McDonagh bemerkt sie (teilweise auch als Einziger), achtet ganz genau auf sie in seiner paranoiden Haltung, dass diese ja hinter ihm her sein könnten. Ganz allgemein ist der Film teilweise regelrecht albern und abgedreht, was sich aber in Verbindung mit Cages Performance wunderbar ins Gesamtbild einfügt.

Die gesamte Atmosphäre des Films ist geprägt von Korruption und der Befriedigung von Bedürfnissen, und trotzdem sind die Brutalität, die Konfusion, die manchmal gestiftet wird sowie derart seltsame Szenen nie dazu da, Lacher hervorzurufen, auch wenn diese teilweise natürlich trotzdem kommen. Es geht vielmehr um eine manchmal regelrecht herzerwärmende Ehrlichkeit in Bezug auf McDonaghs Handeln und eine inhärente Energie, die den Film fortlaufend nach vorne peitscht. Der Film wirkt zudem erfrischend unvorhersehbar, was in Anbetracht der vielen schlechten Crimethriller in der Vergangenheit wirklich lobenswert ist.

Fazit

Letzten Endes muss der Zuschauer entscheiden, ob er sich für einen Film entscheidet, der manchmal durchaus abgedreht wirkt. Wenn er dies aber tut, bekommt er etwas serviert, das die Themen Kriminalität, Korruption, Sarkasmus, Sex und menschliche Abgründe auf erfrischende und optisch äußerst ansprechende Art und Weise vermengt. Außerdem sollte man sich einen Nicolas Cage, der dermaßen abgeht, nicht entgehen lassen. Wer weiß, vielleicht findet Cage ja nach fünf bis zehn bestenfalls mittelmäßigen Filmen wieder jemanden wie Werner Herzog, der ihm alles abverlangt. Abschreiben sollte man Cage definitiv nicht, das hat er hiermit allen gezeigt.

Andreas K. - myFanbase
06.12.2009

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