Bewertung: 8

Review: #6.06 Kapitel 6

Foto: André Holland, American Horror Story: Roanoke - Copyright: 2016 Fox and its related entities. All rights reserved.
André Holland, American Horror Story: Roanoke
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#6.06 Chapter Six wurde im Vorfeld als diejenige Folge angekündigt, die den großen "Twist" bringen würde, eine große Veränderung, die alles auf den Kopf stellt. Solche Aussagen schüren natürlich eine gewisse Erwartungshaltung, auch wenn die Messlatte nach den ersten fünf Folgen von "American Horror Story: Roanoke" eher niedrig war. Doch bekanntermaßen ist "American Horror Story" immer für eine Überraschung gut. Und tatsächlich schafft die Serie mit dieser sechsten Folge ein enorm unterhaltsames, spannendes, teilweise sehr witziges und stellenweise wunderbar selbstironisches Kapitel seiner Horrorstory, das zeigt, zu was die Serie potentiell fähig wäre, wäre sie insgesamt besser ausgearbeitet.

"The camera never stops. No matter what anybody says. Even if I tell you to stop, keep rolling. You got it?"

Der Wechsel auf die Metaebene hinter die Kulissen von "My Roanoke Nightmare" und damit raus aus der Meta-Metaebene der inszenierten Horrorserie ist verbunden mit einem neuen Protagonisten, der alle Fäden in der Hand hält: Sidney James. Sidney ist die ominöse Stimme aus den Interviews, der ausführende Produzent und das Mastermind hinter dem Quotenhit "My Roanoke Nightmare". Gespielt von einem überzeugenden Cheyenne Jackson verkörpert Sidney das quotengeile, skrupellose Hollywood, wo es einzig und allein um den Erfolg geht. Er heizt Konflikte an, schürt Skandale und geht im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen, um sein Ziel – ein erfolgreiches TV-Sequel – zu erreichen.

Sidney bzw. das skandalgierige Hollywood, das er repräsentiert, ist das wahre Übel der Geschichte, der eigentliche Bösewicht. Ihm ist es egal, ob Agnes Mary Winstead in ihrer psychischen Labilität oder die unter Verdacht des Mordes stehende Lee Miller potentiell jemanden umbringen würden, Hauptsache ist, er hat gutes Videomaterial und ist legal abgesichert. Dass Monet Tumusiime ein massives Alkoholproblem hat, kommt Sidney vielmehr recht, anstatt dass es ihn besorgt. Und als ein Crewmitglied unter mysteriösen Umständen stirbt, könnte Sidney pragmatischer nicht sein: "We're gonna keep going" ist sein Motto. The show must go on.

"Reality is what we make of it."

And the show does go on. Nach diversen Vorbereitungen und Gesprächen ist alles bereit für den Dreh von "Return to Roanoke: Three Days of Hell" – und die im Titel angesprochene "Hell" ist gleich eine doppelte. Zum einen ziehen die Teilnehmer alle zum Zeitpunkt des Blutmondes in das alte Landhaus ein, wo die Geister zum Leben erwecken und töten können, auch wenn die meisten das zunächst für übernatürlichen Unfug halten. Zum anderen bedeutet das Zusammensein im Landhaus für so manchen Teilnehmer die persönliche Hölle, doch genau das macht die Angelegenheit so herrlich unterhaltsam.

Die Charakterkonstellationen, die sich durch das Zusammenführen der verschiedenen Protagonisten ergeben, sind sehr, sehr reizvoll. Zunächst einmal ist es für den Zuschauer spannend, die bereits bekannten Charaktere in einer völlig neuen Situation zu sehen. Die echte Shelby (Lily Rabe), den echten Matt (André Holland) und die echte Lee (Adina Porter) kannten wir bisher nur vom Interviewstuhl, wo sie meistens relativ ruhig und gefasst von ihrer Geschichte erzählten. Nun sehen wir, wie sie wirklich miteinander interagieren und auf andere reagieren. Die anfangs als so perfekt beschriebene Ehe von Shelby und Matt entpuppt sich als vollkommen kaputt. Shelby und Lee können sich wirklich auf den Tod nicht ausstehen. Lee und Matt halten als Geschwister zusammen und haben eine merkbar enge Bande.

Gleichzeitig erleben wir diejenigen, die Shelby, Matt, Lee und Co. bisher darstellten, als völlig neue Charaktere. Sarah Paulson ist als Britin Audrey Tindall absolut herrlich und harmoniert großartig mit Evan Peters als ausgeflippter Jungstar Rory Monahan, und Angela Bassett spielt ihren Part der zickig-toughen Powerfrau routiniert. Die verzwickten Beziehungskonstellationen, die direkt aus dem Reality-TV stammen könnten, sorgen zusätzlich für Unterhaltungswert: die frisch vermählten Turteltäubchen Audrey und Rory sind zum Schießen ("Who could have guessed that a woman of a certain age could have landed such a handsome young stud?"), genauso wie die Feindseligkeiten zwischen Audrey und Shelby, als letztere versehentlich einen zweideutigen Kommentar ("It's never too late for love.") fallen lässt, den Audrey in den falschen Hals bekommt. Als Shelby und Matt sich im Wohnzimmer zu streiten beginnen, sind die vielsagenden Blicke und Kommentare der Schauspieler ebenfalls überaus amüsant ("Fiery and pathetic. That's exactly how I played her. Nailed it."). Etwas dramatischer ausgelegt ist die Abneigung zwischen Lee und Monet: Lee macht Monets Darstellung dafür verantwortlich, dass sie nun ganz Amerika als Masons Mörderin verdächtigt, während Monet Lee für ihren Alkoholismus verantwortlich macht. Und der erste richtig handfeste Konflikt eskaliert, als Dominic Banks ins Haus kommt und von Matt mit einem Faustschlag empfangen wird.

Die Situation, die Sidney hier kreiert hat, könnte also tatsächlich kaum konfliktreicher und unterhaltsamer sein: Wir haben Shelby, Matt und Lee sowie ihre Darsteller in einem verfluchten Haus bei Blutmond, zusätzlich präparierte Horrorelemente, die den Bewohnern des Hauses Angst einjagen sollen, sodass weder Zuschauer noch Charaktere wissen, welcher Horror real ist und welcher von Sidney inszeniert, sowie eine verrückte Agnes Mary, die sich immer mal wieder in eine messerschwingende Furie verwandelt. Und die Geisterschwestern haben ihr "MURDE" bereits mit einem "R" vollendet (RIP Rory) …

"It will happen again. I don't know if we'll survive this time."

Das gelungene Drehbuch wird komplementiert durch eine hervorragende Regiearbeit von Angela Bassett, die hier ihre erste TV-Episode inszeniert. Der Ortswechsel von Los Angeles nach North Carolina, die schrittweise Auflösung, dass wir hier weder den Dreh von "Return to Roanoke: Three Days of Hell" sehen noch die ausgestrahlte Serie, sondern zusammengestelltes Material der Überwachungskameras und Handys, das nie gezeigt wurde, all das wird durch Kamera und Schnitt wunderbar unterstützt. Die verschiedenen Medien – Kamerateam, Überwachungskamera, Handykamera – werden gelungen kombiniert. Und teilweise reißen die Schockmomente einen richtig aus dem Sessel (wie der Schweinemann Diana zerfetzt… puh!!).

Ja, #6.06 Chapter Six überrascht – und zwar positiv. Die Folge unterhält das Publikum hervorragend und zeigt, was in der Serie steckt. Sie vollzieht einen gelungenen erzählerischen Wechsel, der zu diesem Zeitpunkt der Staffel dringend nötig war und hoffentlich eine Art Impulswirkung haben wird, um auch die restlichen Episoden mitzutragen. So kann und soll es weitergehen.

Maria Gruber - myFanbase

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