Sisi - Review Staffel 1

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Dominique Devenport & Jannik Schümann, Sisi
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Weihnachtszeit = Sissi-Zeit?! In vielen Familien ist es möglicherweise Tradition, sich die "Sissi"-Trilogie, die von 1955 bis 1957 mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm in den Hauptrollen veröffentlicht wurde, gemeinsam anzuschauen. Jedenfalls bietet das öffentlich-rechtliche Fernsehen alljährlich die Möglichkeit an. Warum das ausgerechnet so mit Weihnachten verbunden ist, liegt wohl eher an den dargestellten Inhalten, die mit viel Liebe und Humor verpackt zum Träumen einladen, denn um Weihnachten an sich geht es in der Trilogie gar nicht. Dass Weihnachten und Sissi untrennbar miteinander verbunden sind, hat aber wohl auch die Marktforschung von Privatsender RTL entdeckt, denn die erste Staffel einer nun deutsch-österreichisch produzierten Serien mit dem Titel "Sisi" (tatsächlich auch die historisch korrekte Schreibweise) ist im Dezember 2021 zunächst auf Streamingdienst RTL+ zu sehen gewesen und feiert kurz nach Weihnachten auch die Free-TV-Premiere mit einer Eventprogrammierung. Haben "Sissi" und "Sisi" denn überhaupt was miteinander gemeinsam? Dieser Frage will diese Review auf den Grund gehen.

"Sisi" bei RTL+ streamen:

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Dominique Devenport & Jannik Schümann, Sisi
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Hauptverantwortlich für die Inszenierung von "Sisi" zeigen sich als Regisseur Sven Bohse und als Autor Robert Krause, die beide schon bei Serien wie "Ku'damm 56" oder "Unsere wunderbaren Jahren" mitgewirkt haben und damit Erfahrung mit der Umsetzung von historischen Stoffen haben. Das merkt man der Serie auch an, denn sie ist in sehr vielen Aspekten um historische Korrektheit bemüht und gerade das macht dann schon den zentralen Unterschied zu "Sissi" aus. Die Figuren sind größtenteils dieselben, einige Eckpunkte der Handlung, wie die Verlobung zum kaiserlichen Geburtstag, sind auch wiederzuentdecken, aber ansonsten bietet sich ein riesiger Berg an Unterschieden. Mir persönlich hat es gefallen, schnell zu merken, dass ich eine völlig eigenständige Produktion zu sehen bekomme, denn eine moderne Version vom träumerischen "Sissi" zu bekommen, das war ohnehin von Anfang an nicht meine Hoffnung. Jedoch sind gewisse inhaltliche Unterschiede schon sehr krass. Am deutlichsten ist das bei der Ehe zwischen Sisi (Dominique Davenport) und Franz (Jannik Schümann) zu merken. Es ist nicht zu leugnen, dass sie diese Ehe offenbar mehr der gegenseitige Anziehung wegen als wegen der Vernunft geschlossen haben, aber anschließend von einer Liebesheirat zu sprechen, wäre vermutlich auch übertrieben. Eine Liebesgeschichte zum Mitfiebern wird dementsprechend nicht geboten und das muss ich tatsächlich sagen, das war gewöhnungsbedürftig, aber aus einem Grund, auf den ich später eingehen möchte. Weiterhin widmet sich "Sisi" intensiv den historischen Umständen zur Hochzeit des neuen Kaiserpaares und der Folgejahre. Krieg mit Ungarn, Krieg mit Frankreich, viele Toten, viele schwierige Entscheidungen, die zu treffen sind. Geplante Attentate auf Franz. Das, was die Filmtrilogie maximal angedeutet hat, wird hier ausgiebig beleuchtet, weswegen auch Kriegsszenen mehrfach zu sehen sind. Diese sind meiner Meinung nach etwas zu billig teilweise inszeniert, aber dennoch finde ich gut, dass es überhaupt gezeigt wird, denn wenn es die historisch korrektere Darstellung ist, dann darf der zentrale historische Kontext nicht ausgespart werden.

Spätestens nach diesem Abschnitt sollte klar sein, dass "Sisi" völlig anders ist. Das ist noch an einem weiteren Punkt exzellent festzumachen, denn während die Filmtrilogie auch für die Zeit passend herrlich prüde war, geht es in "Sisi" doch deutlich versexter zu. Da stelle ich jetzt einfach mal die Vermutung in den Raum, dass sich hier dem Hype um den Netflix-Hit "Bridgerton" angeschlossen wurde, auch wenn es in der Darstellung doch noch etwas harmloser ist. Aber "Sisi" mit Sex verpackt, das ist dann wohl der Teil, über den man historisch nur spekulieren kann, der also vor allem zur fiktiven Ausschmückung genutzt wurde. Aber es wirkt doch etwas seltsam an, wenn sich Sisi die Prostituierte Fanny (Paula Kober), die im Übrigen zuvor das Vergnügen mit Franz hatte, zur Zofe macht, um von ihr sexuell zu lernen. Da gibt es im weiteren Verlauf der Serie einige Spielereien in diese Richtung, die ich nicht unbedingt hätte haben müssen, oder die vielleicht auch einfach mit mehr Überzeugung hätten eingebaut werden müssen, denn so ist oftmals nicht zu leugnen, dass es zu gewollt wirkt. Und an dieser Stelle kommt dann auch die Beziehung von Sisi und Franz ins Spiel. Schon in der ersten Episode wird ihre sexuelle Anziehung deutlich betont, doch nach der Hochzeit verhält er sich ungewöhnlich Gentleman-like, so dass sich Sisi ihr sexuelles Glück selbstbewusst verschaffen muss. Mir ist schon bewusst, dass das hier ein Statement ist, das vor allem zu Gunsten von ihrer Persönlichkeit wirkt, aber wenn man sich im weiteren Verlauf der ersten Staffel Franz so anschaut, dann passt es nicht. Denn er ist ein launischer Mann mit einer kurzen Zündschnur, der auch das ein oder andere Mal fester zupackt (abseits des Betts), sympathisch ist da eigentlich nicht viel. Das macht dementsprechend die sexuelle Darstellung ihrer Beziehung nicht einfach, denn eine gesunde Beziehung führen sie wahrlich nicht. In dem historischen Kontext eingebettet und vorausahnend, was die Geschichte noch so alles erzählen wird, ist auch zu erahnen, dass für die Zukunft erst recht keine großartige Liebesgeschichte mehr zu erwarten ist. Ist die so stark betonte sexuelle Komponente also wirklich clever? Ich würde sagen 'nein' und halte es auch für möglich, das in der Zukunft anders gestalten zu können.

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Dominique Devenport & Jannik Schümann, Sisi
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Abseits davon finde ich es aber wirklich spannend, wie die historische Figuren dargestellt werden. Dass Franz nicht der Sympathieträger der Serie ist, das wurde bereits geklärt, aber das macht ihn andererseits auch faszinierend und liegt sicherlich größtenteils am Schauspiel von Schümann. Er verkörpert gut den Kaiser, der zunächst gewissenlos seine Pläne umsetzt und wenig Mitleid zeigt. Auch Sisi wird nicht gleich von Anfang an mit Bewunderung überschüttet, stattdessen muss sie furchtbare Häme erfahren. Mit ihrer Persönlichkeit zeigt die junge Prinzessin aber etwas auf, was ihm gefällt, was ihn reizt. Deswegen trifft er bei der Verlobung auch eine Entscheidung des Herzens, nicht des Verstandes. Dennoch gibt es eine Barriere um sein Herz, es herrscht viel Misstrauen und jeden Moment der Bewunderung, die er für seine Frau zwischendurch empfindet, kann in einem Bruchteil von Sekunden wieder zerstört werden. Deswegen ist auch völlig klar, dass Franz nicht als liebevoller Familienvater inszeniert wird. Als Vater zweier Töchter erst recht nicht. Dennoch blitzen immer wieder Sequenzen auf, wo er seine Schwächen eingestehen kann. Sisi fängt ihn jedes Mal auf. Das sind so die kleinen Momente, die für die beiden doch Hoffnung geben, aber das währt immer nur kurz, denn der nächste Tobsuchtsanfall des Kaisers ist nur eine Frage der Zeit. Schümann ist noch keine 30, damit sicherlich nicht zu den alten Hasen zu zählen, aber dennoch ist er gerade für das jüngere Publikum sicherlich ein Magnet, der schon in extrem unterschiedlichen Produktionen mitgewirkt hat. Ob als Frauenschwarm in "Dem Horizont so nah" oder doch eher als Antagonist in "Homevideo", die Spannweite seines schauspielerischen Könnens ist breit, weswegen er für Franz wirklich hervorragend besetzt wurde und sein Profil wohl weiter geschärft haben dürfte.

In der weiblichen Hauptrolle ist Devenport zu sehen, die vor allem viel am Theater spielt und daher für die TV-Zuschauer*innen noch eine Unbekannte ist. Auf den ersten Blick ist sie rein optisch eine großartige Besetzung, denn über die Schönheit von Kaiserin Elisabeth gab es keine zwei Meinungen und dem wurde schon mit Romy Schneider Gerechtigkeit getan. In der Pilot-Episode gelingt es der Schauspielerin auch hervorragend, die rebellische, mutige und freiheitsliebende Persönlichkeit von Sisi darzustellen, denn diese Charakterseiten hatte uns schon Schneider in jedem der drei Teile vor Augen führen können. Auch später sieht man das immer wieder durchblitzen, gerade wenn es um diplomatische Verhandlungen des kaiserlichen Hofes geht. Sisi war bei ihrer Hochzeit noch sehr unerfahren, aber gerade diese naive Unbedarftheit war oft auch der Schlüssel, dass sie eine Brücke für ihren Mann schlagen konnte. Vor allem später das Gespräch mit Napoleon III. (Boris Aljinovic) ist mit einer der Highlightszenen. Man mag sich eigentlich kaum vorstellen, dass das Gespräch wirklich so stattgefunden haben könnte, aber es ist die perfekte Szene, um die Persönlichkeit von Sisi einzufangen, die ihrem Mann immer den Rücken freigehalten hat und mit Raffinesse die Dinge zu Gunsten Österreichs umgekehrt hat. Über die Jahre hinweg sieht man Sisi auch beim charakterlichen Wachsen zu, denn Rückschläge bleiben nicht aus. Dennoch ist es zwischendurch etwas schade, dass die Beliebtheit ihrer Persönlichkeit für das Volk wie eine Art Zufallsprodukt inszeniert wird. Als sie mit der vom Hof verbannten Fanny wieder in Kontakt kommen möchte, verteilt sie großzügig Pfefferminzbonbons an die Wartenden, um ihr dann eine Nachricht zuzustecken. Doch eigentlich ist deutlich, dass Sisi wirklich eine Frau des Volkes war und solche Kleinigkeiten haben das Bild zwischendurch etwas seltsam verändert. Dennoch hat mit die Darstellung von Devenport wirklich gut gefallen und sie wird in diese Rolle noch mehr reinwachsen können.

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Jannik Schümann & Dominique Devenport, Sisi
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Die Erzählweise der Serie ist recht flüchtig, denn es sollen schließlich in den bislang produzierten sechs Episoden viele Jahre überbrückt werden. Das hilft natürlich nicht unbedingt, um intensiv Beziehungen zwischen den einzelnen Charakteren entstehen zu lassen. Aber das ist auch nicht der Fokus der Serie. Hier geht es um die großen Momente – sowohl negativer als auch positiver Natur – die opulent inszeniert werden. Die Szenen auf dem Schlachtfeld mögen etwas billig wirken, aber alles andere ist wirklich spektakulär inszeniert. Gerade die Kostüme sind wirklich ein Traum. Aber auch die Kulisse (gedreht wurde aus Kostengründen viel in Litauen und Lettland) ist wunderschön inszeniert worden. Hier wurde sich sehr, sehr viel Mühe gegeben, die die Produktion auch sofort aufwendig erscheinen lässt. Das alles zeugt auch von der Liebe für die Produktion, die natürlich dadurch sofort auf die Zuschauer*innen überspringt.

Bereits vor Start von Staffel 1 war bekannt geworden, dass eine zweite Staffel sicher ist. Das ist wohl auch eine sinnige Entscheidung, denn mit den ersten sechs Folgen ist schließlich nur ein kleiner Bruchteil des Lebens von Kaiserin Sisi abgebildet worden. Da die Orientierung an historischen Fakten hier deutlich ausgeprägter ist, erscheint es nur logisch viel mehr als die Liebesgeschichte zwischen Kaiser und Kaiserin (die hier ja ohnehin nicht verklärt dargestellt wird) darzustellen und das Leben das Paares hat noch viel mehr inhaltlichen Stoff zu bieten, der für die Zukunft fiktiv verpackt werden könnte. Vielleicht gelingt es dabei auch, gewisse Schwächen der ersten Staffel auszumerzen, denn "Sisi" wird Konkurrenz bekommen. Offenbar widerfährt der historischen Figur aktuell wieder ein Hype, denn von Streamingdienst Netflix ist mit "The Empress" ebenfalls eine Serie über das österreich-ungarische Kaiserpaar angekündigt. Während sich also zwischen der und der Filmtrilogie im Grunde gar keine Vergleiche erlauben, weil Welten dazwischen liegen, so wird "Sisi" mit der Netflix-Konkurrenz sich tatsächlich einem Vergleich stellen müssen und ich bin sehr gespannt, wie dieser wohl ausgehen wird.

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Fazit

Alle Fans von der Filmtrilogie zu "Sissi" sollten schon vorab gewarnt sein, die serielle Adaption "Sisi" von RTL ist völlig anders angelegt worden. Auch wenn es vielleicht einige nicht hören wollen, so ist diese Version historisch viel mehr an Fakten orientiert, weswegen von einer romantischen Liebesgeschichte nicht mehr viel zu sehen ist. Dennoch hat auch "Sisi" einen Weg gefunden, sich eine spezielle Nische zu erarbeiten und hat sich vor allem an Netflix-Hit "Bridgerton" orientiert und so eine gewisse Gewichtung auf sexuelle Aspekte erarbeitet. Ob das jetzt unbedingt die Serie lohnenswert macht, muss jede*r für sich entscheiden. Insgesamt ist aber eine Serie mit Potenzial entstanden. Einige Schwächen sind nicht zu leugnen, aber nichts davon hat das Schicksal von der bereits bestellten zweiten Staffel bereits besiegelt. Deswegen schaue ich gespannt auf die kommende Fortsetzung.

Lena Donth - myFanbase

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